„Rent“ – basierend auf Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“. Musik, Libretto: Jonathan Larson; zusätzliche Liedtexte: Billy Aronson; Deutsche Bearbeitung: Wolfgang Adenberg; Inszenierung: Gil Mehmert; Choreografie: Melissa King; Bühne: Jens Kilian; Mitarbeit Bühne: Mara Lena Schönborn; Kostüme: Falk Bauer; Lichtdesign: Michael Grundner; Sounddesign: Joerg Günsfelder; Dramaturgie: Daniel C. Schindler; Musikalische Leitung: Jürgen Grimm/Karsten Scholz. Darsteller: Christof Messner/Dominik Hees (Mark Cohen), David Jakobs (Roger Davis), Alex Snova (Tom Collins), Pedro Reichert (Benjamin „Benny“ Coffin III), Amani Robinson (Joanne Jefferson), Lukas Mayer (Angel Dumott Schunard), Patricia Meeden (Mimi Marquez), Bettina Mönch (Maureen Johnson), Jadelene Panésa (Mimis Mutter), Richard S. Wolff (Mr. Jefferson, Gordon, Pastor), Friederike Zeidler* (Alexi Darling, Polizistin), Antonia Kalinowsk* (Mrs. Cohen, Händlerin), Tamara Köhn* (Rogers Mutter), Julius Störmer* (Wischer), Max Aschenbrenner* (Schläger, Paul, Kellner) und Til Ormeloh* (Schläger, Steve, der Mann, Mr. Grey) (* Studierende im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste). Uraufführung: 25. Januar 1996, New York Theatre Workshop, New York City. Broadway Premiere: 29. April 1996, Nederlander Theatre, New York, NY. West End Premiere: 12. Mai 1998, Shaftesbury Theatre, London. Deutsche Erstaufführung (in der Übersetzung von Heinz Rudolf Kunze): 25. Februar 1999, Capitol Theater, Düsseldorf. Premiere: 30. September 2023, Opernhaus Dortmund.
„Rent“
Das legendäre Rock-Musical am Opernhaus Dortmund
Der amerikanische Komponist und Dramatiker Jonathan Larson (* 4. Februar 1960 in White Plains, New York, † 25. Januar 1996 in New York City, New York) konnte den Welterfolg seines Meisterwerkes leider nicht mehr erleben, er starb unerwartet am Tag vor der ersten Preview von „Rent“ beim New York Theatre Workshop an den Folgen des Marfan-Syndroms durch eine Aortendissektion. Doch dies konnte den Erfolg von „Rent“ nicht aufhalten, nachdem die Show Off-Broadway fortwährend verlängert worden war, entschloss man sich zu einem Transfer zum Broadway an das Nederlander Theatre, wo „Rent“ am 29. April 1996 Premiere feierte, bis 7. September 2008 in 5.123 Vorstellungen gezeigt wurde und 240 Mio. US-Dollar einspielte. „Rent“ belegt damit augenblicklich Rang 12 der am längsten am Broadway gespielten Musicals. Platz 1 belegt unangefochten Andrew Lloyd Webbers „The Phantom of the Opera“, das bis 16. April 2023 mit 13.981 Vorstellungen am Majestic Theatre gezeigt wurde. Jonathan Larson wurde 1996 posthum für „Rent“ mit drei Tony Awards (Best Musical, Best Book of a Musical, Best Original Score) und dem Pulitzer Prize for Drama geehrt. Am 5. November 1996 begann in Boston die nationale „Angel“-Tournee von „Rent“, die am 5. September 1999 in San Francisco endete. Am 25. Februar 1999 wurde „Rent“ in der deutschen Bearbeitung von Heinz Rudolf Kunze zum ersten Mal in Deutschland am Capitol Theater in Düsseldorf gezeigt, aber dort nur bis 9. Mai 1999 gespielt. Im Anschluss wurde die Produktion noch vom 4. September 1999 bis 4. Januar 2000 an der Freien Volksbühne Berlin gezeigt, wo es sogar Vorstellungen im englischen Original gegeben hat, die dem Stück daselbst letztendlich aber auch nicht zum Erfolg verhelfen konnten. Dass Drogensucht, Obdachlosigkeit und Aids in Deutschland nicht unbedingt als vordringlichste Probleme empfunden werden, hat womöglich mit dazu beigetragen, dass „Rent“ in Deutschland nie der große Erfolg beschieden war wie in den USA. 2005 wurde Rent von Chris Columbus verfilmt, produziert u. a. von Robert De Niro. Der Film war im deutschsprachigen Raum ab dem 13. April 2006 mit deutschen Untertiteln in den Kinos zu sehen. Ein Großteil der Originalbesetzung der Broadway Produktion konnte hierfür unter Vertrag genommen werden, u. a. Idina Menzel (Maureen Johnson) und Adam Pascal (Roger Davis). Nach einigen Jahren hat Wolfgang Adenberg „Rent“ nochmals neu übersetzt, und diese Bearbeitung wurde auch bei der Tourneeproduktion der 2017 gegründeten Hilbert Productions GmbH „zum 21. Jubiläum“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt, wobei die Inszenierung vom 9. November bis 1. Dezember 2017 lediglich in 20 Vorstellungen u. a. in Wien und Berlin gezeigt wurde. Am Opernhaus Dortmund wird „Rent“ in der Übersetzung von Wolfgang Adenberg vom 30. September 2023 bis 1. April 2024 gezeigt.
„Rent“ am Opernhaus Dortmund, Patricia Meeden (Mimi Marquez), Ensemble. Foto: Thomas M. Jauk
„Rent“ ist von Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ inspiriert, die vom Lieben, Leiden und Leben gewöhnlicher Menschen handelt und auf dem Roman „Scènes de la vie de bohème“ von Henri Murger basiert. Viele Charaktere und Handlungselemente in „Rent“ stammen aus der berühmten Oper, die ihre Premiere 100 Jahre vor „Rent“ am 1. Februar 1896 am Teatro Regio in Turin feierte. Während in Puccinis Werk die Tuberkulose um 1830 eine schwere Last der Protagonisten in Paris ist, Mimì verstirbt im vierten Bild an Tuberkulose, ist es im Musical von Jonathan Larson in den späten 1980er-Jahren HIV/
„Rent“ am Opernhaus Dortmund, Christof Messner (Mark Cohen), Pedro Reichert (Benjamin „Benny“ Coffin III) und Lukas Mayer (Angel Dumott Schunard). Foto: Thomas M. Jauk
„Rent“ scheint ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein, schließlich spielt die Handlung in den späten 1980er-Jahren, dennoch wurde das packendste zeitgenössische Musical der 1990er-Jahre glücklicherweise nicht in die heutige Zeit übertragen. Da würden die Lizenzgeber auch ganz sicher scharf protestieren wie im Fall von „Rent“ am Theater Trier, wo es anfänglich eine zusätzliche Person in der Handlung gab, die Inszenierung von Malte C. Lachmann begann mit der von Carin Filipčić verkörperten um 20 Jahre gealterten Joanne heute, die obendrein auch noch mit den anderen Figuren im Stück interagierte. Die Figur musste nach wenigen Vorstellungen von der Premiere am 31. Dezember 2015 bis 7. Januar 2016 wieder gestrichen werden. Was in Erinnerung geblieben ist, wie „Rent“ am Theater Trier zu trauriger Berühmtheit gelangte.
Das Rock-Musical „Rent“ basiert – wie bereits erwähnt – auf Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“. Was läge also näher, als beide Werke in den Spielplan aufzunehmen, um es den Zuschauern zu ermöglich, sich selbst davon zu überzeugen. Das dachte man sich offensichtlich auch am Opernhaus Dortmund, wo beide Werke in der laufenden Spielzeit auf dem Spielplan stehen. Mehr noch, mit der Inszenierung beider Werke hat Intendant Heribert Germeshausen den ausgewiesenen Musical- und Opernspezialisten Gil Mehmert betraut, und obendrein kann man am 15. Oktober und 10. Dezember 2023 „Rent“ und „La Bohème“ als Doppelvorstellung erleben. In der Vorstellung von „La Bohème“ am 10. Dezember 2023 ist mit Jonathan Tetelman in der Rolle des Rodolfo zudem einer der bedeutendsten Tenöre der Welt in Dortmund zu Gast. Zwischen den beiden Vorstellung bleibt genügend Zeit, sich für „Rent“ zu stärken und vielleicht einen doppelten Espresso zu trinken, falls die Nacht von Samstag auf Sonntag zu kurz zum Schlafen war.
„Rent“ am Opernhaus Dortmund, Lukas Mayer (Angel Dumott Schunard), Ensemble. Foto: Thomas M. Jauk
Wie bereits in früheren Produktionen setzt auch Gil Mehmert nicht auf theatralische Effekte, sondern vertraut auf die Ausstrahlung seines ausgezeichnet besetzten Ensembles. Für Bühne und Kostüme zeichnen wie schon bei der „Chicago“-Inszenierung von Gil Mehmert am Opernhaus Bonn Jens Kilian (Bühne) und Falk Bauer (Kostüme) verantwortlich. Das wandelbare Bühnenbild setzt die Bühnenmaschinerie am Opernhaus Dortmund konsequent ein, um verschiedene Schauplätze wie Mark Cohens Loft, die Bühne, auf der Maureen Johnson ihre Kuh fliegen lässt oder den Cat Scratch Club, wo Mimi Marquez auftritt, zu realisieren. Die fünfköpfige Band ist auf der Bühne untergebracht und bringt unter der Musikalischen Leitung von Jürgen Grimm Jonathan Larsons Partitur mit Rock- und Pop-Songs sowie einfühlsamen Balladen stimmig zu Gehör.
Bei der Besetzung haben sich das Theater Dortmund und Regisseur Gil Mehmert absolute Profis ins Boot geholt. Christof Messner durchbricht als Dokumentarfilmemacher Mark Cohen die vierte Wand und führt durch die Handlung, in deren Verlauf er von Heiligabend an für ein Jahr das Leben seiner Freunde ohne Drehbuch filmen möchte. Trotz der peinlichen ersten Begegnung mit Joanne Jefferson, für die ihn seine ehemalige Freundin Maureen Johnson verlassen hat, entwickelt sich eine lose Freundschaft zwischen beiden, während er auch die Freundschaft zu Maureen aufrechtzuerhalten scheint. David Jakobs hat die Rolle des Roger Davis bereits 2010 am Deutschen Theater München gespielt hat und sein Studium an der Folkwang Universität der Künste in Essen 2011 abgeschlossen. In der Rolle des HIV-positiven Musikers Roger Davis kämpft er mit seinen Gefühlen für Mimi Márquez, da er nicht noch einmal den mit dem Verlust eines geliebten Menschen verbundenen Schmerz erleben möchte, nachdem sich seine Freundin April angesichts ihrer HIV-Diagnose das Leben genommen hat. Auf der Suche nach dem einen perfekten Song greift er stets zu seiner Fender-Gitarre, um schließlich „Dein Blick“/„Your Eyes“ für Mimi zu singen, als sie vermeintlich im Sterben liegt. Patricia Meeden fühlt sich als drogenabhängige, HIV-positive Tänzerin Mimi Márquez im Cat Scratch Club vom ersten Kennenlernen zu Roger Davis hingezogen und verliebt sich in ihn, auch wenn sie anfänglich von ihm abgewiesen wird. Sie kämpft entschlossen für ihre Liebe, obwohl Roger zunächst nicht auf ihre Flirtversuche und eindeutigen Avancen eingeht. Alex Snova wirkt als homosexueller, aidskranker Philosophieprofessor und Anarchist Tom Collins ruhiger als seine ehemaligen Mitbewohner Mark und Roger und ist nach dem Tod seines Geliebten Angel Dumott Schunard tief betroffen. Während Wilson Jermaine Heredia für seine Darstellung der HIV-positiven Drag Queen am Broadway mit dem Tony Award als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde, macht Lukas Mayer als Angel Dumott Schunard auch ohne Tony Award eine gute Figur und gibt die Lebensfreude des Transvestiten trotz dessen Erkrankung überzeugend zu erkennen. Bettina Mönch tritt als bisexuelle, unberechenbare Performancekünstlerin Maureen Johnson, die Mark kürzlich für Joanne verlassen hat, in Idina Menzels Fußstapfen und bringt „die Kuh zum Fliegen“. Amani Robinson weiß in der Rolle der lesbischen, eigenwilligen Anwältin Joanne Jefferson durchweg zu überzeugen und bestreitet den Abend auch in ihren Ensemble-Tracks souverän. Pedro Reichert versucht als Hauseigentümer Benjamin „Benny“ Coffin III, die längst überfällige Miete einzutreiben. Er war früher Mitbewohner von Mark und Roger, ist allerdings mittlerweile mit Alison Grey verheiratet und hat seine persönlichen Moralvorstellungen gegen Macht und Reichtum eingetauscht, zeigt aber auf der anderen Seite auch Herz, als es um die Bezahlung von Angels Beerdigung geht. Jadelene Panésa (Mimis Mutter), Richard S. Wolff (Mr. Jefferson, Gordon, Pastor), Friederike Zeidler* (Alexi Darling, Polizistin), Antonia Kalinowski* (Mrs. Cohen, Händlerin), Tamara Köhn* (Rogers Mutter), Julius Störmer* (Wischer), Max Aschenbrenner* (Schläger, Paul, Kellner) und Til Ormeloh* (Schläger, Steve, der Mann, Mr. Grey) (* Studierende im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste) vervollständigen das ambitionierte Ensemble.
„Rent“ steht am Opernhaus Dortmund noch bis 1. April 2024 auf dem Spielplan. Wie bereits erwähnt kann man am 15. Oktober und 10. Dezember 2023 „Rent“ und „La Bohème“ als Doppelvorstellung erleben. „Rent“ wird ab 17. Februar 2024 auch in einer Inszenierung des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild am Theater St. Gallen gezeigt, der gemeinsam mit Michael Williams das Opernhaus in Kapstadt leitet.



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