„Osthaus was instrumental in supporting me“
Auf einer Studienreise nach Spanien begegnete Walter Gropius (* 18. Mai 1883 in Berlin, † 5. Juli 1969 in Boston, Massachusetts) im Mai 1908 in Madrid eher zufällig dem Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus (* 15. April 1874 in Hagen, † 25. März 1921 in Meran), den Kontakt zwischen den beiden hat Hans Wendland vermittelt. Aus dem Zusammentreffen entwickelte sich eine intensive und letztlich auch freundschaftliche Zusammenarbeit.Karl Ernst Osthaus hat nicht nur Ideen des Bauhauses vorgedacht, er hat auch maßgeblich zur Gründung des Bauhauses beigetragen, indem er die Karriere von Walter Grropius bis zum Direktor des „Staatlichen Bauhaus Weimar“ entscheidend beförderte. Karl Ernst Osthaus war für Walter Gropius ein wichtiger Mitstreiter in der Debatte um die Frage, in welcher Weise Kunst und Künstler in die Gesellschaft hineinwirken können und sollen. „Osthaus was instrumental in supporting me“, resümierte Walter Gropius in einem Brief an die damalige Direktorin des Karl Ernst Osthaus Museums Herta Hesse-Frielinghaus wenige Monate vor seinem Tod 1969. Von der engen freundschaftlichen Verbindung zwischen den beiden Protagonisten der Moderne, die sich nach dem Zusammentreffen in Madrid entwickelte, zeugen rund 400, erstmals im Zusammenhang veröffentlichte Dokumente aus dem Karl Ernst Osthaus-Archiv Hagen.
Walter Gropius und Adolf Meyer, Schuhleistenfabrik Fagus, Alfeld/Leine, Ansicht des Hauptgebäudes, 1911–1913/1914, Fotografie: Edmund Lill, Bauhaus-Archiv Berlin. © Klaus Lill für Edmund Lill
UNESCO-Welterbe Fagus-Werk (2014), 1911–1913/1914, Walter Gropius und Adolf Meyer, Alfeld/Leine
UNESCO-Welterbe Fagus-Werk (2014), 1911–1913/1914, Walter Gropius und Adolf Meyer, Alfeld/Leine
Von 1908 bis 1920 haben Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius intensiv miteinander korrespondiert. Die Entwicklung ihrer gemeinsamen Projekte ist in den Briefen ablesbar, beginnend mit Walter Gropius’ Sammlung von andalusischer Keramik für das Hagener Folkwang-Museum, über die Villenbauten in Hohenhagen und die Planungen für die Hagener Gartenvorstadt Emst, die Zusammenstellung der Wanderausstellung mit Fotografien moderner Industriebauten für Karl Ernst Osthaus’ „Deutsches Museum für Kunst im Handel und Gewerbe“, die Kooperation im Deutschen Werkbund, für den Karl Ernst Osthaus Walter Gropius 1910 die Mitgliedschaft vermittelt hat, die Beteiligung an der Weltausstellung in Gent 1913 und an der Deutschen Werkbundausstellung in Köln 1914, bis hin zur Diskussion über das Zusammenwirken von Kunst und Handwerk im berühmten Werkbundstreit von 1914 und schließlich die Diskussion erster Lehrkonzepte für Weimar. Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius reflektieren auch die persönliche Situation im Ersten Weltkrieg.
Auf 284 Seiten findet sich die Transkription sämtlicher Dokumente vom Telegramm über Listen mit Ausstellungsobjekten bis hin zu handgeschriebenen Briefen mit persönlichen Stellungnahmen von 1908 bis 1921, transkribiert von Annegret Rittmann, redigiert und wissenschaftlich bearbeitet von Birgit Schulte. Ausführliche Essays von Reinhold Happel („Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius. Eine Partnerschaft für die Moderne“ [62 Seiten] und „Walter Gropius als Ausstellungsmacher“ [42 Seiten]) und Birgit Schulte („Epilog: Hagen, Gropius und das Bauhaus in den zwanziger Jahren“ [8 Seiten]) begleiten die Dokumente und kommentieren sie wissenschaftlich.
Bahnsteighalle, Hauptbahnhof Hagen, 1910. Architekt: Heinrich Stephany, Ausführung: Hilgers AG. Fotografie: Franz Stoedtner. Bildarchiv Foto Marburg
Bahnsteighalle des Hagener Hauptbahnhofs (2019), 1910. Architekt: Heinrich Stephany, Ausführung: Hilgers AG
Der umfangreiche, 55-seitige Abbildungsteil dokumentiert mit 95 Abbildungen eine repräsentative Auswahl der Fotografien aus der Wanderausstellung „Vorbildliche Industriebauten“, die Walter Gropius ab 1911 bis 194 im Auftrag des von Karl Ernst Osthaus in Hagen gegründeten „Deutschen Museums für Kunst im Handel und Gewerbe“ zusammenstellte. Rund 40 Original-Abzüge der Industriebauten werden in der Graphischen Sammlung der Kunstmuseen Krefeld verwahrt, die 1923 die Bestände des Deutschen Museums aus Hagen übernommen haben. 20 Original-Fotografien befinden sich noch im Osthaus Museum Hagen. Diese historischen Fotografien sind auch in der begleitenden Ausstellung Walter Gropius – Die Wanderausstellung „Vorbildliche Industriebauten“ 1911–1914 anlässlich der Publikation vom 7. September 2019 bis 12. Januar 2020 im Osthaus Museum Hagen zu sehen. Neue Abzüge nach den Originalaufnahmen aus dem Bildarchiv Foto Marburg und dem Bauhaus-Archiv Berlin runden die Rekonstruktion der Industriebauten-Ausstellung ab.
Kühltürme, Standort unbekannt, vor 1910. Reproduktions-Fotografie: Franz Stoedtner. Kunstmuseen Krefeld, KWM Graphische Sammlung, Reproduktion: Volker Döhne
Neben der Buchvorstellung im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung Walter Gropius – Die Wanderausstellung „Vorbildliche Industriebauten“ 1911–1914 am heutigen Freitag um 18.30 Uhr im Osthaus Museum Hagen wird es am 1. Oktober 2019 um 18 Uhr eine weitere Buchvorstellung mit Reinhold Happel und Birgit Schulte im Sparkassen-Karree in Hagen geben.
Cover „Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius. Der Briefwechsel 1908–1920“
© Klartext Verlag, Essen. Umschlagfotos: Karl Ernst Osthaus-Archiv im Osthaus Museum Hagen und Bauhaus-Archiv Berlin
© Klartext Verlag, Essen. Umschlagfotos: Karl Ernst Osthaus-Archiv im Osthaus Museum Hagen und Bauhaus-Archiv Berlin
„Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius. Der Briefwechsel 1908–1920“
Reinhold Happel und Birgit Schulte (Hrsg.)
Klartext Verlag, Essen, 2019
514 Seiten, 22,5 × 28,0 cm, zahlreiche, teils farbige Abbildungen
ISBN 978-3-8375-2055-2
29,95 €




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