Samstag, 29. Juli 2017

„Der bewegte Mann – Das Musical“

„Der bewegte Mann – Das Musical“ – nach den Comics „Der bewegte Mann“ und „Pretty Baby“ von Ralf König und der gleichnamigen Filmkomödie von Sönke Wortmann (1994) mit Til Schweiger in der Hauptrolle; Musik, Liedtexte und Buch: Christian Gundlach; Buch: Craig Simmons; Inszenierung: Harald Weiler; Choreografie: Sven Niemeyer; Ausstattung: Lars Peter; Musikalische Leitung: Christian Gundlach. Darsteller: Elias Krischke (Axel), Jennifer Siemann (Doro), Jan Kersjes (Norbert), Mark Weigel (Waltraud), Sascha Rotermund (Metzger u. a.), Michael Ehspanner (Fränzchen u. a.), Tanja Bahmani (Claudia u. a.), Luisa Meloni (Lisa u. a.), Tobias Brönner (Günter, Pastor u. a.), Madeleine Lauw (Elke u. a.). Uraufführung: 26. Juli 2017, Thalia Theater, Hamburg.



„Der bewegte Mann – Das Musical“


Ralf Königs Comicfiguren als Musical auf der Theaterbühne


1990 erschien „Der bewegte Mann“ von Comic-Zeichner und -Autor Ralf König beim Rowohlt Verlag, sein erster Lang-Comic bescherte ihm eine breite Leserschaft auch weit jenseits der Schwulenszene. Im folgenden Jahr erschien die Fortsetzung „Pretty Baby“. 1994 verfilmte Sönke Wortmann „Der bewegte Mann“ mit Til Schweiger, Katja Riemann und Joachim Król in den Hauptrollen, die Verfilmung wurde mit 6,5 Millionen Zuschauern zum bis dahin zweiterfolgreichsten deutschen Film der Kinogeschichte und 1995 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Die Uraufführung des vom Altonaer Theater produzierten Musicals „Der bewegte Mann“ von Christian Gundlach (Musik, Liedtexte und Buch) und Craig Simmons (Buch) eröffnete am 26. Juli 2017 im Thalia Theater den ersten Thalia Sommer.

Thalia Theater

Zum Inhalt:
Axel (Elias Krischke) und Doro (Jennifer Siemann) könnten so glücklich sein – sie sind jung, sexy und verliebt. Doch während Doro für eine Beziehung bereit ist, kann Axel sich nicht vorstellen, seine unwiderstehliche Männlichkeit nur einer Frau zu widmen. Und so kommt es wie es kommen muss: Doro erwischt ihren Axel in flagranti mit einer anderen und wirft ihn kurzerhand aus ihrer Wohnung und aus ihrem Leben. Aber so einfach ist das nicht – denn Doro ist schwanger.

Axel ahnt nichts von seinem Vaterglück. Stattdessen trifft er Norbert (Jan Kersjes), der ihn sehr bereitwillig bei sich aufnimmt, denn Axel ist nicht nur für die Frauenwelt eine interessante Herausforderung… Und während Norbert ihn in eine Szene einführt, die für Axel in jeglicher Hinsicht vollkommen neu ist, begibt sich Doro auf die verzweifelte Suche nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes… und findet ihn im Bett mit Norbert. Eine Reihe von Missverständnissen und emotionales Chaos sind definitiv vorprogrammiert.

Zwischen Potenzmitteln und bauchfreien Sporttops, Diskussionen zu Tofu-Wurst und Monogamie ist „Der bewegte Mann“ eine musikalische Komödie, die voller Witz und Ironie mit nahezu allen Klischees hetero- und homosexueller Beziehungen spielt. Dabei treibt jede der Figuren das Gleiche an: die Sehnsucht nach der großen Liebe.

„Der bewegte Mann – Das Musical“, Ensemble. © G2 Baraniak

Seit dem Erscheinen von „Der bewegte Mann“ und „Pretty Baby“ von Ralf König und der Filmkomödie von Sönke Wortmann hat sich eine Menge getan, die Niederlande waren weltweit das erste Land, in dem 2001 auch Homosexuelle vor dem Standesamt heiraten durften. Selbst im katholisch geprägten Irland, wo Homosexualität bis 1993 unter Strafe stand, stimmten 62,1 Prozent der Iren in einem Referendum am 22. Mai 2015 für eine Verfassungsänderung, die fortan auch die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ermöglichte. Am 20. Juli 2017 hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts unterzeichnet, das nach Verkündung im Bundesgesetzblatt am 1. Oktober 2017 in Kraft treten wird. Bislang dürfen Homosexuelle in Deutschland nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen. Ob damit auch das Ende der Diskriminierung in der Gesellschaft besiegelt ist, wird sich zeigen.

Während Ralf König in seinen Comics sowohl Hetero- als auch Homosexuelle durch eine überspitzte Darstellung karikiert, betraf dies im Film nur die schwulen Protagonisten. Christian Gundlach (Gründer und bis zum Ende der Spielzeit 2011/2012 Direktor der TfN-MusicalCompany; Buch, Musik und Liedtexte zu „Peter Pan“ Uraufführung 15. Mai 2016, Deister-Freilicht-Bühne Barsinghausen; Buch und Liedtexte zu „Schneewitchen“, Uraufführung 26. November 2016, St. Pauli Theater Hamburg) hat „Der bewegte Mann – Das Musical“ für die Musical-Bühne adaptiert, zusammen mit Craig Simmons (ab der Spielzeit 2017/2018 Direktor der TfN-MusicalCompany) zeichnet er auch für das Buch verantwortlich. Im Musical steht weniger das klischeehafte Gehabe der Homosexuellen im Vordergrund, über das man womöglich in den 1990er-Jahren noch lachen konnte, sondern hier geht es eher um die einzelnen Figuren, und dass es sich lohnt, für seine Liebe zu kämpfen, unabhängig davon, ob ein Mann einen Mann liebt, eine Frau eine Frau oder ein Mann eine Frau und umgekehrt: „Sei einfach Du!“

Regisseur Harald Weiler (Regie „Das Orangenmädchen“, Altonaer Theater Hamburg, Premiere 8. Mai 2011; Regie „Fast normal – Next to normal“, Hamburger Kammerspiele, Premiere 4. September 2016) hat das Musical als schrille, überdrehte Revue inszeniert, aber auch Kinofreunde, die sich noch gern an Wortmanns „Der bewegte Mann“ erinnern, kommen bei „Der bewegte Mann – Das Musical“ nicht zu kurz: Die Szene mit Max Raabe und dem Palast Orchester im Tanzlokal „Gloria“, in der Axel von seiner Freundin Doro in flagranti mit einer anderen Frau auf der Toilette ertappt wird, gibt es im Musical zwar nicht, den Streit von Norbert mit Horst als Metzger (Sascha Rotermund; Armin Rohde im Film) über Tofu-Wurst dagegen schon. „Der bewegte Mann“ ist im Thalia Theater in der Gegenwart angekommen, hier diskutiert man in der Männer­selbst­hilfe­gruppe der „Anonymen Sexsüchtigen“, zu der Axel nach seinem Rauswurf aus der gemeinsamen Wohnung stößt, über die Vor- und Nachteile, von der Internetplattform „YouPorn“ heruntergeladene Pornos auf einer 4-TB-Festplatte zu speichern, und natürlich wird mit Smartphones miteinander kommuniziert, wenngleich Doros Kontrollanruf, bei dem sie mit Axels Smarthone die letzte angezeigte Rufnummer angerufen hat, auch mehr als 30 Jahre nach der Verfilmung immer noch bei Norbert landet. Besonders komisch wird es, wenn Norbert und seine Freunde Walter alias Waltraud (Mark Weigel) und Fränzchen (Michael Ehspanner) auf der linken Bühnenhälfte gleichzeitig mit Doro und ihren Freundinnen Claudia (Tanja Bahmani) und Lisa (Luisa Meloni) auf der rechten Bühnenhälfte agieren.

„Der bewegte Mann – Das Musical“, Michael Ehspanner (Fränzchen), Elias Krischke (Axel), Mark Weigel (Waltraud) und Jan Kersjes (Norbert, hinten). © G2 Baraniak

Ausstatter Lars Peter symbolisiert Norberts und Doros Wohnungen im wesentlichen jeweils durch ein Sofa auf der linken und rechten Bühnenhälfte, die Spielfläche wird von einem Glitzervorhang über die gesamte Bühnenbreite nach hinten begrenzt. Hinter diesem bringen die sechs auf einem Podest sitzenden Musiker Christian Gundlachs Partitur schwungvoll zu Gehör. Diese kommt angenehm leichtfüßig daher, teilweise mit rockigen Anklängen, aber auch mit ruhigeren Nummern, die „Frühstückshäschen“ wecken mit einem Männerballett zur Samba „Aufsteh’n“ aus dem Schlaf.

Sämtliche Rollen werden von dem zehnköpfigen Ensemble mit Spielfreude auf die Bühne gebracht. Der junge Elias Krischke (Gabe in „Fast normal – Next to normal“, Hamburger Kammerspiele, Premiere 4. September 2016, Regie Harald Weiler) war mir bereits bei den Vorauswahlen beim 44. Bundeswettbewerb Gesang Berlin 2015 aufgefallen, den Juroren in den Finalrunden offensichtlich ebenfalls, denn im Juniorwettbewerb konnte er sich einen der Förderpreise sichern. Als Axel kann er mit seinem „Sahne-Hintern“ und sportlichen Höchstleistungen beim Workout im Fitnessstudio punkten. Jennifer Siemann („Cindy Reller“, Schmidt Theater Hamburg, Premiere 15. September 2016, Regie Carolin Spieß) lässt sich als Doro zwar von ihren Freundinnen Claudia und Lisa aufbrezeln („Die Chance Deines Lebens“), aber im Grunde ihres Herzens ist sie doch noch in Axel verliebt und lässt daher einen anderen Mann im letzten Augenblick abblitzen. Der Dritte im Bunde ist Jan Kersjes (Speedy in „Ein seltsames Paar“, Hans-Otto-Theater Potsdam, Premiere 23. Juni 2017, Regie Niklas Ritter) als Norbert, der am liebsten bei Axel landen möchte und schon beinahe hysterisch reagiert, wenn dieser auch nur anruft oder an der Türe klingelt. Mark Weigel (Juan Perón in „Evita“, Theater Bonn, Premiere 4. September 2016, Regie Gil Mehmert; Lottes Vater/Professor/Verleger in „Goethe! Auf Liebe und Tod“, Folkwang Universität der Künste Essen, Tryout Premiere 4. April 2017, Regie Gil Mehmert) kann als Walter in der Rolle der dominanten Waltraud besonders für sich einnehmen, während Sascha Rotermund (Jan-Olav in „Das Orangenmädchen“, Altonaer Theater Hamburg, Premiere 8. Mai 2011, Regie Harald Weiler) als Metzger bei der Diskussion über Tofu-Wurst mit Norbert die Lacher auf seiner Seite hat. Auch die übrigen Akteure auf der Bühne Michael Ehspanner (Fränzchen u. a.), Tanja Bahmani (Claudia u. a.), Luisa Meloni (Lisa u. a.), Tobias Brönner (Günter, Pastor u. a.) und Madeleine Lauw (Elke u. a.) sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Nach der etwa zweieinhalbstündigen Premiere gab es langanhaltenden Applaus für Darsteller, Musiker und das Kreativteam. Folgevorstellungen stehen beim Thalia Sommer im Thalia Theater noch bis zum 13. August 2017 auf dem Spielplan. „Der bewegte Mann – Das Musical“ wird auch vom 27. Oktober 2017 bis 13. Januar 2018 im Altonaer Theater gezeigt, dort werden Tim Koller/Manuel Klein als Waltraud und Luisa Meloni/Jasmin Alshaibani als Lisa zu sehen sein.

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