Samstag, 10. März 2012

Theater Oberhausen: „Frühlings Erwachen“

„Frühlings Erwachen“ – nach dem Drama von Frank Wedekind; Bearbeitung und Regie: Karsten Dahlem; Bühne und Kostüme: Inga Timm; Musik: Gregor Praml; Dramaturgie: Simone Kranz. Darsteller: Sergej Lubic (Melchior Garbor), Elisabeth Wolle (Wendla Bergmann), Eike Weinreich (Moritz Stiefel), Nora Buzalka (Martha Bessel), Manja Kuhl (Ilse), Anna Polke (Frau Bergmann, Wendlas Mutter), Marek Jera (Rentier Stiefel, Moritz´ Vater). Uraufführung: 20. November 1906, Kammerspiele Berlin. Premiere: 9. März 2012, Theater Oberhausen im „Haus der Jugend“, Oberhausen.



„Frühlings Erwachen“


„Bier, Zigaretten, ein gutes Gespräch, mehr braucht man nicht im Leben.“
Melchior Gabor im „Haus der Jugend“

Als Frank Wedekind (* 24. Juli 1864 in Hannover, † 9. März 1918 in München) sein gesellschaftskritisch-satirisches Drama „Frühlings Erwachen – Eine Kindertragödie“ im Oktober 1891 auf eigene Kosten beim Verlag Jean Groß in Zürich veröffentlichte, kümmerte sich der Autor nicht um Aufführbarkeit oder Publikumserfolg, erst 15 Jahre später wurde es am 20. November 1906 an den Berliner Kammerspielen von Max Reinhardt (* 9. September 1873 in Baden bei Wien, † 31. Oktober 1943 in New York) uraufgeführt und sorgte mit seinem brisanten Inhalt in der Öffentlichkeit für Furore. Wedekinds Kritik an der Sexualmoral führte dazu, dass „Frühlings Erwachen“ wegen seiner angeblichen Obszönität verboten oder zensiert wurde.

Nora Buzalka (Martha), Sergej Lubic (Melchior Garbor), Manja Kuhl (Ilse) und Elisabeth Wolle (Wendla Bergmann), Foto: Axel J. Scherer

Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen – Eine Kindertragödie“ erzählt vom Erwachsenwerden in einer deutschen Provinzstadt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen drei Schulkinder auf der Suche nach ihrer Sexualität: der aufgeklärte Gymnasiast Melchior Gabor, die vierzehnjährige Wendla Bergmann, die von ihrer konservativen Mutter nie aufgeklärt wurde, und der fünfzehnjährige Moritz Stiefel, der seinem besten Freund Melchior neben seinen schlechten Schulleistungen auch seine erwachende Sexualität anvertraut. Alle drei werden letzten Endes Opfer der elterlichen Moral. Wendla, deren Schwester Ina ein Kind bekommen hat, drängt ihre Mutter um Aufklärung, erfährt aber nur, dass zur Fortpflanzung große Liebe erforderlich sei. Moritz hat Probleme mit seinen erotischen Träumen, weshalb er Melchior bittet, eine schriftliche Ausarbeitung mit Illustrationen über die Fortpflanzung anzufertigen, damit er diese in Ruhe studieren kann. Wendla vollzieht mit Melchior den Beischlaf, ohne sich der möglichen Konsequenzen bewusst zu sein, und wird schwanger. Wendlas Mutter will die Schande, die aufgrund der Schwangerschaft auf die Familie fallen würde, vermeiden und schleppt ihre Tochter zu einem „Engelmacher“, stellt dies aber als eine Therapie gegen Bleichsucht (Eisenmangelanämie) dar. Bei der Abtreibung kommt Wendla zu Tode. Moritz muss in der Schule eine Klasse wiederholen, da nur 60 Schüler in die nächste Klasse versetzt werden können, bringt aber nicht den Mut auf, seine Eltern damit zu konfrontieren, sondern wählt als Ausweg anstelle des Ärgers und der Entrüstung der Eltern den Freitod. Nachdem Melchiors illustrierte Erläuterungen zum Beischlaf bei Moritz gefunden wurden, machen ihn seine Lehrer für den Freitod seines Freundes verantwortlich. Auch seine liberale Mutter kann ihn in dieser Situation nicht mehr schützen und gibt dem Bestreben seines Vaters nach, Melchior in eine Besserungsanstalt zu bringen. Als er schließlich auf dem Friedhof von Wendlas Tod erfährt, will er seinem Leben ebenfalls ein Ende setzen, doch ein vermummter Herr spricht ihm Mut zu, so dass er von seinem Vorhaben ablässt.

Sergej Lubic (Melchior Garbor) und Elisabeth Wolle (Wendla Bergmann), Foto: Axel J. Scherer

Karsten Dahlem (* 1975 in Limburg a. d. Lahn) hat „Frühlings Erwachen“ für das Theater Oberhausen zur Eröffnung der Jugendkunstschule im Jugendkulturzentrum „Haus der Jugend“ am John Lenon Platz inszeniert. 2010 wurde seine Inszenierung von „Moby Dick“, eine Koproduktion von u\hof: Theater für junges Publikum, Linz und DSCHUNGEL WIEN – Theaterhaus für junges Publikum, Wien mit dem STELLA-Darstellender.Kunst.Preis der ASSITEJ Austria – Junges Theater Österreich in der Kategorie „Herausragende Produktion für Kinder“ ausgezeichnet, und auch 2012 ist seine Inszenierung von „KIWI“ am DSCHUNGEL WIEN – Theaterhaus für junges Publikum, Wien für den STELLA-Darstellender.Kunst.Preis in der Kategorie „Herausragende Produktion für Jugendliche“ nominiert. Seine Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ im „Haus der Jugend“ ist auch für Jugendliche gedacht, die womöglich erste Theatererfahrung sammeln, daher erschienen ihm die Räume des Jugendkulturzentrums ideal. Für ihn „riecht es in den Räumen förmlich nach Pubertät“. (Anmerkung der Redaktion: Tatsächlich „riecht“ das „Haus der Jugend“ nach einem schwierigen Sanierungsfall, dessen Zukunft augenblicklich ungeklärt ist.) Dabei beschränkt er sich nicht nur auf den Vorführungsraum, sondern bespielt das gesamte Haus einschließlich der Außenflächen. Inga Timm (Bühne und Kostüme) liefert das passende Ambiente für die Location. Karsten Dahlem reduziert die Anzahl der handelnden Personen auf die Clique der Jugendlichen um Melchior, Wendla, Moritz, Martha und Ilse und lediglich zwei Erwachsene in den Rollen von Wendlas Mutter und Moritz´ Vater, und fokussiert dadurch noch stärker auf die Probleme der Jugendlichen.

Frank Wedekind kritisiert in seinem Drama die im Wilhelminischen Kaiserreich vorherrschende bürgerliche Sexualmoral, wobei er häufig grotesk überzogene Charaktere gebraucht, die dem Werk humoristische Züge verleihen. Seit der Entstehung des Dramas hat sich das äußere Umfeld aber grundlegend gewandelt, und Karsten Dahlem verquickt Wedekinds Text mit aktuellen Texten, die Jugendliche selbst geschrieben haben. Was dabei grotesk überzeichnet und was tatsächlicher Sprachgebrauch von pubertierenden Jugendlichen ist, bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Jedenfalls kommt auch dabei der Humor nicht zu kurz. Dahlems Inszenierung beginnt mit einer Überraschungs-Kostümparty an Wendlas 14. Geburtstag mit Musik, Zigaretten und Alkohol … das erinnert mich beinahe an „Sex & Drugs & Rock ´n´ Roll“ in den wilden 1960er Jahren, und das passt irgendwie bestens in das Klischee, das man heute von pubertierenden Jugendlichen hat. Wie kommen diese eigentlich an den Alkohol und die Zigaretten, wo der Verkauf an Kinder und Jugendliche unter 18 bzw. 16 Jahren doch verboten ist? Da kann es einen doch nicht wundern, dass Wendlas Mutter ihrer Tochter Vorschriften machen will, als sie plötzlich bei der Party auftaucht. Achtung, Realsatire! Wendla flieht auf die Toilette, und in einer Videoeinspielung kann der Zuschauer den Konflikt mit ihrer Mutter daselbst verfolgen. Im Anschluss geht die Party aber munter weiter, und Martha erzählt von den Übergriffen ihrer Eltern, wenn ihnen etwas an ihrer Tochter nicht paßt. Ilse ist das genaue Gegenteil, sie ist als Bohémienne in der Künstlerwelt zu einem mutigen Mädchen herangewachsen und macht, was ihr gefällt. Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu, als Wendla Melchior mit Nachdruck bittet, sie mit dem Gürtel zu schlagen und es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden kommt. An dieser Stelle ist Schluss mit lustig, das Publikum wird zur „Aufklärung des Sachverhalts“ nach Geschlechtern getrennt in den Jungen- und Mädchenraum gebeten.

Manja Kuhl (Ilse) und Eike Weinreich (Moritz Stiefel),
Foto: Axel J. Scherer


Moritz vertraut seinem Freund „unter Männern“ an, dass seine Versetzung gefährdet sei, er sich aber einfach nicht auf das Lernen konzentrieren kann, da er ständig an Sex denken muss. Hier hat Melchior zwar noch mit seiner „Top Ten der Anmachsprüche“, die er Moritz für Ilse empfiehlt, die Lacher auf seiner Seite, doch spätestens als die Mädels wieder auftauchen und Melchior mit Wendla verschwindet, um miteinander zu schlafen, nehmen die Ereignisse einen tragischen Verlauf. Moritz hat entschieden, seinem Leben ein Ende zu setzen und will im Innenhof des Jugendkulturzentrums eine Videobotschaft aufnehmen. Hier begegnet er Ilse, die ihn überreden möchte, mit ihr zu kommen, was ihr aber nicht gelingt, so dass er schließlich seinen Entschluss in die Tat umsetzt. Bei der Suche nach den Gründen für den Suizid greift Dahlem im Vorführungsraum erneut zur Videoeinspielung, in der Marek Jera als Moritz´ Vater Rentier Stiefel Passanten die Frage stellt: „Mein Sohn hat sich umgebracht, können Sie mir das erklären?“ und damit eindringlich die Ratlosigkeit der Eltern thematisiert. Bewegend geht die Aufführung mit der Ballade „Wir halten dich fest“ von Gregor Praml zu Ende, der auch die Bühnenmusik zu der Aufführung komponiert hat.

Sergej Lubic (Melchior Garbor) und Eike Weinreich (Moritz Stiefel),
Foto: Axel J. Scherer


Elisabeth Wolle (Wendla Bergmann), die ihr Studium im Studiengang Schauspiel an der Folkwang Universität der Künste in Essen in diesem Jahr abschließen wird, fügt sich mit Nora Buzalka (Martha Bessel), Manja Kuhl (Ilse), Sergej Lubic (Melchior Garbor) und Eike Weinreich (Moritz Stiefel) aus dem Ensemble des Theater Oberhausen gut in die Clique der pubertierenden Jugendlichen, die ihre Ängste und Sorgen glaubhaft thematisieren. Elisabeth Wolle lässt keine Zweifel offen, dass ihre Wendla längst weiß, dass der Klapperstorch nicht die Kinder bringt, was sie ihre Mutter auch überdeutlich spüren lässt. Anna Polke zeichnet das Bild der konservativen Mutter Wendlas, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, einfach herrlich. Eike Weinreich zeigt einen von Versagensängsten im schulischen und zwischenmenschlichen Bereich getriebenen Moritz, der seine Verzweiflung herausschreit, aber für sich doch keinen anderen Ausweg findet als den Freitod. Sergej Lubic hat als Melchior über weite Strecken alles unter Kontrolle, doch auch seine gelegentlichen Gefühlsausbrüche sind nachvollziehbar.

„Frühlings Erwachen“ im Jugendkulturzentrum „Haus der Jugend“ zeigt, dass die Probleme der Pubertät wie Sexualität, Schuldruck und Konflikte im Elternhaus bis heute ein Thema sind, Wedekind ist aktueller denn je. Doch Komasaufen und Suizid sind keine Lösung dafür, so viel ist klar. Wendla, die sich gegen eine Abtreibung entscheidet, und Melchior, der auch ohne das Zutun eines vermummten Herrn mit Unterstützung seiner Freunde der Versuchung des Suizids widerstehen kann, lassen hoffen, dass diese Message auch bei Jugendlichen ankommt.

Die nächsten Aufführungstermine sind am 13., 14. März und 23. April 2012 um 11 Uhr sowie am 16. März und 17. April 2012 um 20 Uhr.

Haben Sie selbst „Frühlings Erwachen“ in der Bearbeitung von Karsten Dahlem schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

Keine Kommentare: