Dienstag, 3. Januar 2012

Spring Awakening

„Spring Awakening“ – nach dem Drama von Frank Wedekind; Musik: Duncan Sheik; Buch/Songtexte: Steven Sater; Deutsche Bearbeitung: Nina Schneider; Regie: Sascha Wienhausen; Regieassistenz: Britt Löwenstrom; Choreografie: Brady Harrison; Choreografische Assistenz: Laura Trompetter; Musikalische Leitung: Martin Wessels-Behrens; Bühnenbild: Theater Osnabrück/Sascha Wienhausen; Kostüme: Susann Lock. Darsteller: Jürgen Brehm (Melchior Garbor), Elena Otten (Wendla Bergmann), Marcel Kaiser/Mathias Meffert (Moritz Stiefel), Agneta Hanappi/Alina Arenz (Ilse), Matthias Knaab (Hänschen), Rosalie Becker/Frauke Strohbecke (Martha), Judith Behrens/Judith Kroll (Erwachsene Frauen), Michael Dreier/Sascha Wienhausen (Erwachsene Männer), Christian Bindert (Ernst), Cihan Demir/Yannik Gräf (Georg), Hannah Noack/Ann-Marie Gindner (Thea), Lisandra Bruhns/Désirée Burger (Anna), Mathias Meffert/Michael Przewodnik (Otto), Laura Trompetter (Double Ilse, Girl), Yannik Gräf (Double Moritz, Boy), Frauke Strohbecke (Girl), Michael Przewodnik (Boy). Off-Broadway Premiere: 19. Mai 2006, Atlantic Theatre Company, New York City. Broadway-Premiere: 10. Dezember 2006, Eugene O´Neill Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 21. März 2009, Ronacher, Wien. Premiere: 30. Dezember 2011, emma-theater, Osnabrück.



„Spring Awakening“


Es gibt keine zweite Chance für eine erste Erfahrung!


Als Frank Wedekind (* 24. Juli 1864 in Hannover, † 9. März 1918 in München) sein gesellschaftskritisch-satirisches Drama „Frühlings Erwachen – Eine Kindertragödie“ im Oktober 1891 auf eigene Kosten beim Verlag Jean Groß in Zürich veröffentlichte, kümmerte sich der Autor nicht um Aufführbarkeit oder Publikumserfolg, erst 15 Jahre später wurde es am 20. November 1906 an den Berliner Kammerspielen von Max Reinhardt (* 9. September 1873 in Baden bei Wien, † 31. Oktober 1943 in New York) uraufgeführt und sorgte mit seinem brisanten Inhalt in der Öffentlichkeit für Furore. Wedekinds Kritik an der Sexualmoral führte dazu, dass „Frühlings Erwachen“ wegen seiner angeblichen Obszönität verboten oder zensiert wurde. 1999 wandte sich der amerikanische Dramatiker Steven Sater an den Regisseur Michael Mayer (* 27. Juni 1960 in Washington, D.C.), um mit ihm und Songwriter Duncan Sheik (* 18. November 1969 in Montclair, New Jersey) an dem Stoff zu arbeiten. Nach diversen Workshops und Überarbeitungen erlebte das Rock-Musical „Spring Awakening“ am 19. Mai 2006 bei der Atlantic Theatre Company seine Off-Broadway Premiere, keine 7 Monate später folgte am 10. Dezember 2006 im Eugene O´Neill Theatre die Broadway Premiere. Nach nahezu einhellig positiven Kritiken wurde es 2007 für 11 Tony Awards nominiert, wovon es acht tatsächlich gewonnen hat, darunter Bestes Musical, Beste Musicalregie, Beste Choreographie, Bestes Musicallibretto, Beste Originalmusik and Bester Nebendarsteller. Katrin Zechner war von der darstellerischen und musikalischen Intensität dieses Musicals überzeugt und holte es nach Wien, wo es am 21. März 2009 im Ronacher seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebte, aber nur bis zum 30. Mai 2009 zu sehen war. Die deutsche Erstaufführung der neuen Bearbeitung der Österreicherin Nina Schneider (* 1973 in Salzburg) fand als Zusammenarbeit mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding am 29. Juni 2011 am Deutschen Theater München statt, Regie führte Matthias Davids. Nun hat sich Sascha Wienhausen, Studienleiter Musical/Gesang am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück und Künstlerischer Leiter/Rektor der German Musical Academy, mit seinen Studenten mit dem Rock-Musical beschäftigt, am 30. Dezember 2011 feierte die Inszenierung am emma-theater in Osnabrück Premiere, einem kleinen Studiotheater mit etwa 100 Plätzen.

„Spring Awakening“ erzählt vom Erwachsenwerden in einer deutschen Provinzstadt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen drei Schulkinder auf der Suche nach ihrer Sexualität: der aufgeklärte Gymnasiast Melchior Gabor, die vierzehnjährige Wendla Bergmann, die von ihrer konservativen Mutter nie aufgeklärt wurde, und der fünfzehnjährige Moritz Stiefel, der seinem besten Freund Melchior neben seinen schlechten Schulleistungen auch seine erwachende Sexualität anvertraut. Alle drei werden letzten Endes Opfer der elterlichen Moral. Die Handlung der Vorlage von Frank Wedekind wurde beibehalten. Wendla, deren Schwester ein Kind bekommen hat, drängt ihre Mutter um Aufklärung, erfährt aber nur, dass zur Fortpflanzung große Liebe erforderlich sei. Moritz hat Probleme mit seinen erotischen Träumen, weshalb er Melchior bittet, eine schriftliche Ausarbeitung mit Illustrationen über die Fortpflanzung anzufertigen, damit er diese in Ruhe studieren kann. Wendla vollzieht mit Melchior den Beischlaf, ohne sich der möglichen Konsequenzen bewusst zu sein, und wird schwanger. Wendlas Mutter will die Schande, die aufgrund der Schwangerschaft auf die Familie fallen würde, vermeiden und schleppt ihre Tochter zu einem „Engelmacher“, stellt dies aber als eine Therapie gegen Bleichsucht (Eisenmangelanämie) dar. Bei der Abtreibung kommt Wendla zu Tode. Moritz muss in der Schule eine Klasse wiederholen, da nur 60 Schüler in die nächste Klasse versetzt werden können, bringt aber nicht den Mut auf, seine Eltern damit zu konfrontieren, sondern wählt als Ausweg anstelle des Ärgers und der Entrüstung der Eltern den Freitod. Nachdem Melchiors illustrierte Erläuterungen zum Beischlaf bei Moritz gefunden wurden, machen ihn seine Lehrer für den Freitod seines Freundes verantwortlich. Auch seine liberale Mutter kann ihn in dieser Situation nicht mehr schützen und gibt dem Bestreben seines Vaters nach, Melchior in eine Besserungsanstalt zu bringen. Als er schließlich auf dem Friedhof von Wendlas Tod erfährt, will er seinem Leben ebenfalls ein Ende setzen, doch die Seelen von Wendla und Moritz sprechen ihm Mut zu, so dass er von seinem Vorhaben ablässt. Steven Sater kam zu der Überzeugung, dass die Musik und der Song „Those you´ve known“ die Funktion übernommen hatten, Melchior neuen Mut zum Leben zu geben, weshalb er die Gestalt des „Vermummten Herrn“, dem Melchior in Wedekinds Vorlage am Ende auf dem Friedhof begegnet, schließlich gestrichen hat.

Sascha Wienhausen greift in seiner Inszenierung bewährte Details der Broadway-Inszenierung auf, die Rock-, Rockpop- und Folkrock-Songs werden auch hier mit Handmikrofonen gesungen, wodurch die Jungen und Mädchen aus ihren Rollen des 19. Jahrhunderts ausbrechen und in die heutige Zeit treten. Choreograf Brady Harrison hat die bekannte „Spring Awakening“-Choreografie, die über weite Teile an modernes Tanztheater erinnert, um eine ansprechende klassische Tanzsequenz in der Szene „Mach´ nicht auf traurig“/„Winterwind“ erweitert, in der die von Moritz und Ilse interpretierten Songs von Laura Trompetter und Yannik Gräf als Doubles von Ilse und Moritz gleichzeitig tänzerisch interpretiert werden. Der Bühnengröße des Studiotheaters dürften einige Reduzierungen geschuldet sein, beispielsweise, dass die Darsteller nicht während der gesamten Show auf der Bühne präsent und sichtbar sind, so dass der Chor bei den entsprechenden Songs von hinten bzw. von der Seite auf- und wieder abtritt. Das Bühnenbild (Theater Osnabrück/Sascha Wienhausen) wird von der erhöhten schwarzen Spielfläche und sechs Stühlen dominiert, schwarze Vorhänge begrenzen die Bühne nach hinten und zu den Seiten. Die neunköpfige Band unter der Musikalischen Leitung von Martin Wessels-Behrens agiert hinter dem schwarzen Vorhang auf der Hinterbühne, die bei Georgs lebhaften Phantasien über seine Klavierlehrerin Fräulein Großbüstenhalter kurzzeitig sichtbar wird. Zusätzlich gibt es noch einige Überraschungen. Durch zwei Klappen in der erhöhten Spielfläche lässt sich die Szene in eine grüne Wiese an einem Bach verwandeln, und in der letzten Szene im ersten Akt („Ich vertrau“) erleben Wendla und Melchior ihre folgenschwere erste sexuelle Begegnung im Regen. Die Kostüme (Susann Lock) sind im Stil der Entstehungszeit des Dramas gehalten, die männlichen Darsteller tragen strenge, dunkle Schuluniformen, die weiblichen Darsteller zumeist züchtige Kleider in dezenten Farben. Der Haarschnitt von Moritz Stiefel erinnert aber mehr an einen Punker als an einen Pennäler im 19. Jahrhundert.

Das Ensemble der jungen Darsteller, die bei der Produktion im „behüteten“ Rahmen ihrer Ausbildung Erfahrungen im professionellen Theaterbetrieb sammeln können, wurde am Premierenabend von Jürgen Brehm als Melchior Gabor, Elena Otten als Wendla Bergmann und Marcel Kaiser als Moritz Stiefel angeführt. Wie die Schicksale der drei Figuren sehr eng miteinander verbunden sind, so trägt auch jeder Einzelne der drei Darsteller entscheidend zum Gesamtbild der Jugendlichen bei, die auf der Suche nach sich selbst und ihrer Sexualität sind. Auch die übrigen Studenten überzeugen in ihren Rollenportraits, doch die Rollen lassen den Darstellern nur wenig Spielraum, sich nachhaltig ins Gedächtnis der Zuschauer zu spielen. Dies gelingt beispielsweise Matthias Knaab als Hänschen, der in dem stark von Melancholie geprägten Stück in der Masturbationsszene für Komik sorgt und auch Christian Bindert als Ernst problemlos zum einem homosexuellen Abenteuer verführen kann – sehr zur Erheiterung der Zuschauer. Auch Agneta Hanappi soll nicht unerwähnt bleiben, die als Bohémienne Ilse in der Künstlerwelt zu einem mutigen Mädchen herangewachsen ist und Moritz überreden möchte, mitzukommen. Alle Erwachsenen sind in „Spring Awakening“ als reine Sprechrollen ausgelegt, die am Premierenabend von Judith Behrens und Michael Dreier überzeugend und klar voneinander abgegrenzt dargestellt wurden. Judith Behrens agiert als Schauspiel Dozentin im Studienprofil Musical erwartungsgemäß souverän, aber auch Michael Dreier als regelmäßiger Gast bei den Produktionen auf der Waldbühne Kloster Oesede macht beispielsweise als Direktor Knochenbruch eine gute Figur. Dem gesamten Ensemble ist die Spielfreude anzumerken, nicht nur bei dem emotional heftigsten Song „Völlig im Arsch“, der dem Broadway-Castalbum neben zwei weiteren Songs den Vermerk „Parental Advisory – Explicit Content“ eingebracht hat und bei dem Fräulein Knüppeldick schließlich sogar mit dem Rohrstock auf Direktor Knochenbruch einschlägt. Das rockt!

Weitere Vorstellungen stehen am 13. und 27. Januar sowie am 5. und 20. Februar 2012 jeweils um 19.30 Uhr auf dem Spielplan des emma-theaters in Osnabrück. Am 5. Februar 2012 gibt es zusätzlich eine Nachmittagsvorstellung um 15 Uhr. Am 16. März 2012 findet eine Gastvorstellung am Stadttheater Minden statt.

Haben Sie selbst „Spring Awakening“ in Osnabrück gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ich habe am 13. Januar die zweite Besetzung gesehen. Eine wirklich gute Inzenierung, die trotz spatanischer Kulisse voll ins Herz geht. Sehenswert Mathias Meffert als Moritz Stiefel und Elena Otten als Wendla Bergmann.