Freitag, 25. Juli 2014

Die geliebten Schwestern

„Die geliebten Schwestern“ – Deutschland, Österreich, 2013; 139 Minuten; Deutsch, Französisch. Weltpremiere: 8. Februar 2014, 64. Internationale Filmfestspiele Berlin („Berlinale“). Produktion: Uschi Reich; Drehbuch, Regie: Dominik Graf; Kamera: Michael Wiesweg; Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem; Szenenbild: Claus Jürgen Pfeiffer; Kostümbild: Barbara Grupp. Darsteller: Hannah Herzsprung (Caroline von Beulwitz), Florian Stetter (Friedrich Schiller), Henriette Confurius (Charlotte von Lengefeld), Claudia Messner (Madame Louise von Lengefeld), Ronald Zehrfeld (Wilhelm von Wolzogen), Maja Maranow (Frau von Stein), Anne Schäfer (Frau von Kalb), Andreas Pietschmann (Friedrich von Beulwitz), Michael Wittenborn (Knebel), Peter Schneider (Körner), Elisabeth Wasserscheid (Schwenke) u. v. a.; FSK ab 6 Jahre


„Die geliebten Schwestern“

NRW-Premiere in der Lichtburg Essen

Sommerzeit – Ferienzeit – Freiluftkinozeit. Da wundert es einen kaum, dass der größte Kinosaal in Deutschland mit 1.250 Plätzen an einem Sommerabend nur schwer zu füllen ist, mag die Lichtburg in Essen auch das schönste Kino Deutschlands sein, wie selbst Filmschaffende bei Premieren immer wieder betonen. Großer Andrang – auch am roten Teppich – sieht anders aus, vielleicht lag es ja auch nur daran, dass Hannah Herzsprung auf dem Weg von Weimar, wo der Film tags zuvor vorgestellt wurde, nach Essen „verloren gegangen“ war. Mit „Die geliebten Schwestern“ kehrt Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“, „Der Rote Kakadu“, „Der Felsen“) auf die große Leinwand zurück. Auch das Drehbuch über die außergewöhnliche Liebe zwischen Friedrich Schiller und den beiden Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld stammt aus seiner Feder. Der vielfach ausgezeichnete Regisseur (u. a. 10 Grimme-Preise, Deutscher und Bayerischer Fernsehpreis), der regelmäßig mit seinen herausragenden TV-Arbeiten für große Aufmerksamkeit sorgt, inszenierte mit „Die geliebten Schwestern“ diese leidenschaftliche Liebesgeschichte dreier Figuren, die 13 Jahre überdauert. In die Ménage-à-trois sind Hannah Herzsprung („Der Geschmack von Apfelkernen“, „Hell“, „Der Vorleser“, „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“, „Vier Minuten“), Florian Stetter („Der Geschmack von Apfelkernen“, „Nanga Parbat“, „Sophie Scholl“, „Die Freunde der Freunde“) und Henriette Confurius („Mein erstes Wunder“, „Der ganz große Traum“) verstrickt. Komplettiert wird das hochkarätige Darstellerensemble durch Claudia Messner („Der Rausschmeißer“), Anne Schäfer („Jasmin“), Maja Maranow („Der Schattenmann“, „Tatort“, „Ein starkes Team“), Ronald Zehrfeld („Der Rote Kakadu“, „Barbara“, „Zwischen Welten“) und viele andere. Dominik Graf stellt in seinem ersten abendfüllenden Kinofilm seit acht Jahren nicht den wilden Starautor Friedrich Schiller in den Mittelpunkt, sondern die ewig aktuelle Frage: Kann man eine ungewöhnliche Liebe leben? Das kulturelle Zentrum Weimar, die Entwicklung des Buchdrucks und die Französische Revolution liefern den Hintergrund zu der leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Ein Film mit heller, leichter Kamera, nah an seinen Figuren, modern im Denken, Handeln und Fühlen.

Dominik Graf

Henriette Confurius und Florian Stetter

Dominik Graf, Henriette Confurius, Claudia Messner und Florian Stetter

NRW-Premiere „Die geliebten Schwestern“

Zum Inhalt:
Im Herbst 1787 reist die junge Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius) von Rudolstadt an der Saale nach Weimar. In den Diensten ihrer Patentante, der Frau von Stein (Maja Maranow), soll sie zur Hofdame heranwachsen. Ihre Mutter Louise von Lengefeld (Claudia Messner) hofft darüber hinaus insgeheim auf eine gute Partie für die Tochter. Nach einem Winter voller Manieren lernen und gesellschaftlicher Events hat Charlotte allerdings nur noch Spott übrig für die höfische Gesellschaft. Sie zieht sich mehr und mehr zurück, teilt ihre Ansichten in Briefen ihrer etwas älteren, verheirateten Schwester Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) mit. In dieser geistigen Verfassung lernt sie zufällig den jungen Autor Friedrich Schiller (Florian Stetter) kennen. Als Charlotte vom letzten ihrer Verehrer sitzen gelassen wird, ist sie am Boden zerstört. Nicht wegen des Mannes, den sie nicht geliebt hat, sondern weil sie Mutter und Schwester keinen wohlhabenden Gatten präsentieren kann. Doch ihre Schwester, die zu Besuch kommt, tröstet sie: Sie solle nicht ihrer Familie zuliebe heiraten, sondern jemanden finden, der sie glücklich mache! Ehe Caroline wieder nach Rudolstadt zu ihrem „ungeliebten“ Mann zurückkehrt, beantwortet sie jedoch einen Brief von Schiller, den sie auf Charlottes Schreibtisch findet. Sie kennt ihn als den jungen, skandalumwitterten Dichter der „Räuber“ und bittet ihn, auf ihre kleine Schwester zu achten. Gleichzeitig lädt sie ihn für den Sommer nach Rudolstadt ein.
Schiller, von Charlotte angetan, nimmt die Einladung an. Die Schwestern und er verstehen sich auf Anhieb, doch Madame von Lengefeld bleibt misstrauisch: Ein junger, aufrührerischer Habenichts, den sie allerdings sympathisch findet, scheint ihr nicht die richtige Gesellschaft für ihre Töchter.
Die drei kommen sich näher und schicken sich codierte Briefe. Dabei erwecken sie den Unmut des Herrn von Beulwitz (Andreas Pietschmann), der im fernen Berlin weilt und das lustige Treiben in seinem Hause während seiner Abwesenheit misstrauisch beäugt. In einem Brief an seine Schwiegermutter besteht er auf Wahrung seiner Reputation.
Schiller, Charlotte und Caroline fühlen sich als Seelenverwandte. Sie schlagen alle Warnungen aus. Als der ohnehin gesundheitlich angegriffene Schiller eines Tages, nachdem er ein kleines Mädchen vor dem Ertrinken gerettet hat, krank in seinem Bett liegend von beiden Schwestern besucht wird, macht er ihnen eine Liebeserklärung. Die drei sprechen untereinander offen über ihre Gefühle. Charlotte verkörpert für ihn die „Weisheit“, Caroline die „Glut“. Konspirative Treffen folgen, sie werden zu Verschwörern zum Schutz ihrer Liebe und Caroline ersinnt einen Plan: Charlotte soll Schiller heiraten, um ihre Liebe zu dritt zu ermöglichen.
Als Charlotte plötzlich in Begleitung ihrer Mutter zu Frau von Stein nach Weimar gerufen wird, weil Goethe sich aus Italien angesagt hat, bleiben Caroline und Schiller allein zurück. Sie zeigt ihm eine kleine Novelle, an der sie schreibt und bittet ihn um sein Urteil. Schiller ist davon ebenso angetan wie von der Verfasserin. Es entwickelt sich eine leidenschaftliche Spannung zwischen den beiden und sie verleben eine kurze, aber intensive Liebesnacht. Am nächsten Morgen kehrt überraschend Carolines Ehemann zurück nach Hause und Schiller geht vorerst zurück nach Weimar.
Wie verabredet bittet Schiller in Weimar Charlotte, seine Frau zu werden. Glücklich willigt sie ein. In dieses „Geheimnis“ wird nur Caroline eingeweiht. Ein intensiver Briefkontakt entsteht, zwischen den Schwestern, aber auch zwischen Caroline und ihrem zukünftigen Schwager...
Da in Weimar aber nichts geheim bleibt, erfährt auch Schillers Gönnerin und bisherige Geliebte Frau von Kalb (Anne Schäfer) von der Verlobung. Ebenso erfährt Charlotte von der heimlichen Nebenbuhlerin, die sie geschickt durch einen gefälschten Brief endgültig von Schiller trennt.
Dieser reist nach Jena, wo ihm eine Professur in Aussicht gestellt wird, Charlotte fährt zurück nach Hause, wo im Frühjahr 1789 die Hochzeit stattfindet. Danach zieht das Paar nach Jena. Zur Antrittsvorlesung an der Universität reist auch Caroline an, die sich nach Schiller – und ihrer Schwester – verzehrt. Als Männer verkleidet besuchen die Schwestern die Veranstaltung – noch herrscht Frauenverbot an der Universität. Die Vorlesung zum Thema "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" wird ein großer Erfolg – zeitgleich findet in Paris der Sturm auf die Bastille statt.
Charlotte gesteht ihrer Schwester, dass sie zwar mit Schiller in einer Wohnung lebt, aber nicht wie Mann und Frau. Für die geliebte Schwester war sie bereit auf ihn zu verzichten. Entsetzt reist Caroline noch in derselben Nacht ab. Das hatte sie nie gewollt!
Vier Jahre später, 1794 wird in Tübingen Schillers Zeitschrift „Horen“ für den Verlag Cotta gedruckt. In der Druckerei trifft Schiller zufällig Caroline, die bei ihrem Freund Dalberg Zuflucht aus der unerträglich gewordenen Ehe mit Beulwitz sucht. Diese Begegnung lässt die alte Leidenschaft wieder aufblühen.
Die Schillers leben jetzt in Ludwigsburg. Charlotte, die mittlerweile vor der Niederkunft steht, wünscht sich den Beistand ihrer Schwester. Friedrich willigt nur ungern ein – er fürchtet um seinen Seelenfrieden. Am 14. September kommt im Beisein beider geliebter Schwestern sein erster Sohn zur Welt.
Caroline schreibt an ihrem ersten Roman und bittet den Schwager um Hilfe. Er unterstützt sie nicht nur mit Ratschlägen, sondern veröffentlicht „Agnes von Lilien“, unter einem Pseudonym, als Fortsetzungsroman in den „Horen“. Die Leser sind begeistert. Als Caroline entdeckt, dass sie schwanger ist, muss eine Lösung her. Ist Dalberg, von dem sie sich inzwischen getrennt hat, der Vater? Oder Schiller? Ihr Noch-Ehemann, der inzwischen bereit ist, in die Scheidung einzuwilligen, darf nichts von der Schwangerschaft erfahren. Charlotte reagiert verletzt, sieht den unverbrüchlichen Pakt der Schwestern gebrochen. Schillers alter Freund Wilhelm von Wolzogen (Ronald Zehrfeld) begleitet Caroline in die Schweiz nach Schaffhausen, wo das Kind zur Welt kommen soll. Caroline wird, ohne Abfindung, von Beulwitz geschieden und heiratet Wolzogen. Das Kind, ein Junge, wird später als seines ausgegeben und seine Geburt um ein Jahr zurück datiert.
1802, Familie Schiller lebt mit inzwischen vier Kindern in Weimar. Auch Caroline ist mit Wolzogen und ihrem Sohn dorthin gezogen. Doch die beiden Schwestern gehen sich aus dem Weg. Auf Wunsch der kranken Mutter versammeln sich alle bei Friedrich und Charlotte zu Hause, denn Louise will vor ihrem Tod Frieden stiften zwischen beiden Töchtern. Doch statt der erhofften Versöhnung kommt es zur großen Auseinandersetzung zwischen Caroline und Charlotte. Erst ein ernsthafter Anfall Schillers, dessen Gesundheitszustand immer fragiler wird, vereint die Lengefeld-Schwestern wieder. Wie damals im Sommer in Rudolstadt wird Schiller Teil der neu auflebenden Gemeinschaft…

Schillers Wohnhaus in Weimar, das Friedrich Schiller mit seiner Familie am 29. April 1802 bezogen hat. Die Familie wohnte bis zum Tod von Charlotte von Schiller am 9. Juli 1826 in dem Haus.

Historischer Hintergrund:
Caroline von Lengefeld (* 3. Februar 1763 in Rudolstadt; † 11. Januar 1847 in Jena) wird als Tochter des Oberlandjägermeisters von Lengefeld am Hof von Rudolstadt geboren. Um die Familie nach dem frühen Tod des Vaters vor dem finanziellen Ruin zu retten, wird Caroline im Alter von 16 Jahren mit dem späteren Geheimen Legationsrat Friedrich Wilhelm Ludwig Frh. von Beulwitz verlobt, und am 2. September 1784 heratet sie ihn. Die Heirat beschert Mutter und Schwester eine finanziell sichere Lebensgrundlage. Die jüngere Schwester Charlotte von Lengefeld (* 22. November 1766 in Rudolstadt, † 9. Juli 1826 in Bonn) wird zur Ausbildung als Hofdame nach Weimar zu ihrer Patentante Charlotte von Stein geschickt. Hier lernt sie Johann Christoph Friedrich von Schiller (* 10. November 1759 in Marbach am Neckar, † 9. Mai 1805 in Weimar) kennen, woraufhin dieser nach Rudolstadt eingeladen wird und die Bekanntschaft mit der Schwester Caroline macht. Dort verbringen Caroline und ihre Schwester gemeinsam mit Friedrich Schiller den Sommer 1788. Als Friedrich Schiller eine Professur in Jena antritt, scheinen die schlimmsten finanziellen Nöte endlich ein Ende zu finden und er kann darüber nachdenken, eine Familie zu gründen. Der Andrang interessierter Studenten zu seiner Antrittsvorlesung „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ am 26. Mai 1789 sprengte die Kapazität des Hörsaals, sodass die Vorlesung kurzfristig in den größten Saal der Universität verlegt wurde. Am 22. Februar 1790 heiratete er Charlotte von Lengefeld, doch bereits gegen Jahresende erkrankte Schiller lebensgefährlich. Caroline von Lengefelds Ehe mit von Beulwitz wurde im August 1794 geschieden, bereits am 27. September 1794 heiratete sie Wilhelm von Wolzogen. 17 Jahre nach dem Tod Schillers verfasst Caroline die erste Schillerbiografie „Schillers Leben. Verfasst aus Erinnerungen der Familie, seinen eigenen Briefen und den Nachrichten seines Freundes Körner“, die 1830 erschien.

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