Mittwoch, 7. September 2016

Maschinenhalle der Zeche Zollern II/IV

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat das Juwel der Industriekultur nach umfangreicher Sanierung eröffnet

In ihrer Geschichte hat die Maschinenhalle der Zeche Zollern in Dortmund Maßstäbe gesetzt: als herausragendes Beispiel moderner Industriearchitektur, als Haus für innovative Technik, später als Pionierbau der Industriedenkmalpflege in Deutschland. Jetzt kommt die Maschinenhalle mit dem bekannten Jugendstil-Portal wieder groß heraus: Nach mehrjähriger Sanierung hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) das wichtigste Gebäude seines Industriemuseums am 6. September 2016 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. „Diese Halle ist ein Ort der Industriekultur, wie es ihn kein zweites Mal in Europa gibt. Wir sind sehr glücklich, dass wir dieses Jugendstil-Juwel der Öffentlichkeit jetzt in neuem Glanz präsentieren können“, erklärte LWL-Direktor Matthias Löb beim Pressetermin am 31. August in Dortmund.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle

1902/03 hatte die Gelsenkirchener Bergwerks AG die Halle als technisches Herzstück ihrer neuen Schachtanlage errichteten lassen. Die Architektur erinnert mit dem Querhaus, der altarähnlichen Schaltwand aus Marmor und der farbigen Verglasung nicht von ungefähr an einen Sakralbau. Denn genau so war die Halle für das erste Bergwerk konzipiert, dessen gesamter Maschinenpark elektrisch angetrieben wurde. „Zollern war eine Kathedrale der Elektrizität, und das wollte man mit dieser Schönheit aus Stahl und Glas auch zur Schau stellen“, so Matthias Löb.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Portal

Gut 100 Jahre nach der Inbetriebnahme zeigte sich das Schmuckstück schwer lädiert: Vor allem die einfachen Stahlglaskonstruktionen der Fenster sowie die Querriegel und Knotenpunkte des Stahlfachwerks wiesen starke Schäden auf. Auch Ziegelsteine und Fugen waren an vielen Stellen marode. Daher beschloss der LWL eine umfangreiche Sanierung. 90 Prozent der 7,6 Millionen teuren Maßnahme zahlte das Land. Für Staatssekretär Michael von der Mühlen aus dem NRW-Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr ist „dieses Geld gut investiert. Die Vielfalt und die Reichhaltigkeit der Industriekultur ist heute ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal für Nordrhein-Westfalen, das viele Menschen begeistert und weit über die Landesgrenzen hinaus strahlt. Die Rettung der Maschinenhalle gab damals den entscheidenden Impuls für diese Entwicklung.“

Historisches Modell der Maschinenhalle, das für die Lütticher Weltausstellung von 1905 angefertigt wurde. Das Vordach des Jugendstil-Portals wurde in den 1930er-Jahren aufgrund von Schäden abgebrochen.

Sanierung

2007 starteten in Dortmund die Vorarbeiten mit einer aufwendigen Bauuntersuchung und Schadensanalyse. „Wir mussten zunächst einmal herausfinden, wo genau welche Schäden vorlagen, um möglichst viel der Substanz zu retten und dabei den Sanierungsaufwand möglichst klein zu halten. Und dabei haben wir auch viel über das Gebäude und seine ständigen Veränderungen gelernt“, erklärte Museumsdirektor Dirk Zache. Farben wurden untersucht, historische Fotos analysiert, Glasfunde ausgewertet. Die aufwendige Restaurierung der Schalttafel und vieler anderer Details führten die Restauratoren des Museums durch.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle

Von vornherein ging es den Fachleuten nicht um die Rekonstruktion des ursprünglichen Zustands, sondern um den Erhalt des Gebäudes mit seinen vielfältigen Nutzungsspuren. Im wissenschaftlichen Beirat, der den Prozess der Sanierung über Jahre begleitet hat, wurde ein Weg entwickelt, den Dirk Zache als „abstrahierende Neufassung“ bezeichnet: Was im Original nicht mehr vorhanden war, erkennt der Besucher heute als „Annäherung“.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Westportal

Die Fenster

Am augenfälligsten wird dies bei den ursprünglich farbig geränderten Fenstern, die in den 1950er-Jahren mit Klarglas erneuert worden waren. „Zwar haben wir farbige Scherben der ursprünglichen Verglasung gefunden, da aber die erhaltenen Fensterrahmen der 1950er-Jahre eine andere Sprossenaufteilung aufweisen, mussten wir uns auch hier etwas erkennbar Neues einfallen lassen“, so Dirk Zache.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Glasscherben

So weisen heute lediglich einige Bahnen aus satiniertem Glas auf die ehemals aufwendigere Gestaltung hin. Anders beim Westfenster: Da hier die Befunde eindeutiger waren und die Sprosseneinteilung unverändert geblieben war, wurde neben dem blau eingefärbten Klarglas auch der ursprünglich gelbe Glasstreifen wieder eingesetzt.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Befund der Farbgebung hinter Glas

Vollständig erhalten blieb indes die Jugendstil-Verglasung im Windfang des Portals. Sie wurde behutsam restauriert. „Das ist ein absoluter Glücksfall, denn ein solches Portal gibt es kein zweites Mal in einem Industriebau in Europa“, betonte LWL-Direktor Matthias Löb.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, elektrische Hauptschachtfördermaschine, Hersteller Siemens & Halske, Baujahr 1902/03

Vom Abriss bedroht

Dabei hat nicht viel gefehlt, und die Halle wäre den Abrissbaggern zum Opfer gefallen: Drei Jahre nach der endgültigen Stilllegung der Zeche Zollern (1966) hatte die Gelsenberg AG das Gebäude samt Inventar schon zum Abbruch ausgeschrieben. Erwarteter Schrottwert: 215.000 DM. Ihre Rettung gelang 1969 dank des hartnäckigen Engagements einer kleinen Zahl von Personen, die von der exemplarischen Qualität der Anlage begeistert waren. Diese Aktion wirkte als Initialzündung für die Industriedenkmalpflege und führte 1979 bzw. 1984 zur Gründung der Industriemuseen in Westfalen und im Rheinland – und in der Folge auch zu dem, was heute ganz selbstverständlich als „Industriekultur“ gilt.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Arbeitsplatz des Fördermaschinisten

Nach Abschluss der Sanierung will das LWL-Industriemuseum die Maschinenhalle insbesondere für Veranstaltungen und Ausstellungen nutzen. Die entsprechende Infrastruktur, darunter Sanitäranlagen und ein Aufzug, wurden denkmalverträglich integriert. Das über hundert Jahre alte Kellergeschoss lädt schon heute zu eigenen Entdeckungen ein. Auch die elektrische Fördermaschine von 1902 geht wieder in Betrieb. „Da können wir auf das Engagement unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter bauen“, freut sich Dirk Zache.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, elektrische Hauptschachtfördermaschine, Hersteller Siemens & Halske, Baujahr 1902/03, und Quecksilberdampf-Gleichrichter, Hersteller Siemens

Die Hauptschachtfördermachine wurde bereits während der Sanierung am Sonntag, 30. März 2014 in Betrieb demonstriert. Seinerzeit ließ man verlauten, die Fördermaschine solle einmal im Monat im Rahmen der Hallenführungen für Besucher in Betrieb gesetzt werden. Doch dann wurden die Hallenführungen ausgesetzt… Das Prachtstück der Firma Siemens & Halske von 1902/03 ist die älteste elektrische Hauptschachtfördermaschine des deutschen Bergbaus. Die technischen Daten lassen das Ingenieurherz höher schlagen: 525 Volt Gleichstrom, zweimotorige Maschine mit 1410 PS Dauerleistung, 2800 PS Anfahrleistung, Fördergeschwindigkeit max. 13 Meter/Sekunde, Nutzlast 4,2 Tonnen, Förderung pro Tag max. 2700 Tonnen, vierbödiger Korb für 52 Mann bei Seilfahrt oder acht Wagen für Nutzlast. Übrigens, im „Demonstrationsbetrieb“ läuft das Seil als „Endlosschleife“ heute über eine Umlenkrolle im Inneren des Fördergerüstes. Da die Umlenkrolle einen zu kleinen Durchmesser besitzt, wurde 2006 ein 150 Meter langes Kunststoff-Seil auf die Treibscheibe der Fördermaschine, die Seilscheiben auf dem Fördergerüst und die Umlenkrolle aufgelegt.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle

Die Geschichte der Maschinenhalle und ihrer Rettung

Maschinenhallen – zentrale Hallen für mehrere Maschinen von unterschiedlicher Funktion - entstanden im Ruhrbergbau zwischen 1895 und 1914. Mehr als 80 Maschinenhallen wurden in dieser Zeit errichtet. Für die Zeche Zollern sah der Planentwurf des Architekten Paul Knobbe zunächst ein Bauwerk aus massivem Ziegelmauerwerk vor, das nicht realisiert wurde. Stattdessen entschied sich die GBAG für eine moderne Halle aus unverkleidetem Stahlfachwerk. Als Vorbild diente der Ausstellungspavillon der Gutehoffnungshütte (GHH) auf der Düsseldorfer Industrieausstellung von 1902 – ein Gebäude, das großes Aufsehen erregte.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Quecksilberdampf-Gleichrichter, Hersteller Siemens

Stahl galt damals als Markenzeichen für industriellen Fortschritt. So kann auch die Zollern-Halle als Symbol für die erfolgreiche Montanindustrie des Ruhrgebiets interpretiert werden. Die Zechengesellschaft wünschte bei der Gestaltung einen besonders großen Aufwand – auf die „künstlerische Durchbildung“ sollte „eine über das gebräuchliche Maß hinausgehende Sorgfalt“ aufgewendet werden. Dabei widmete sich der nachträglich zugezogene Architekt Bruno Möhring aus Berlin vor allem dem repräsentativen Querhaus, das er durch eine vielfarbig umrahmte Kunstverglasung und durch ein kunstvoll geschwungenes Vordach im Sinn des Jugendstils hervorhob.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle

Im Innenraum zielt die zentrale Blickachse von diesem Prachtportal aus direkt auf die marmorne Schalttafel mit ihren elektrischen Instrumenten. Von hier aus wurde der gesamte technische Zechenbetrieb gesteuert. Die einem Altar gleiche Erhöhung verklärt die elektrische Energie, denn Zollern II/IV war die erste voll elektrifizierte Zeche des Ruhrbergbaus. Die GBAG hatte bei der technischen Planung sämtliche zu beschaffenden Maschinen nach und nach von Dampfantrieb auf elektrischen Strom umgestellt – der Strom wurde wiederum mit Dampfgeneratoren erzeugt. Von dieser Modernisierung erhoffte man sich eine erhebliche Reduzierung der Betriebskosten.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Uhr über der Marmor-Schalttafel

Herzstück ist die Fördermaschine von 1902. Hierbei handelt es sich um die erste elektrisch betriebene Hauptschacht-Fördermaschine im europäischen Bergbau. Bei Hauptschächten, wo tonnenschwere Gewichte in kurzer Zeit beschleunigt werden mussten, galt eine elektrisch betriebene Förderung im Vergleich zur Dampfmaschine bis dato noch als zu risikoreich. Der enorme Energiebedarf beim Anfahren hätte regelmäßig zum Zusammenbruch der wenig leistungsfähigen Zechenstromnetze geführt. Mit Inbetriebnahme der Fördermaschine von Schacht Zollern II galt dieses Problem kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts als bewältigt. Die technische Lösung bestand in einer Kombination einer von dem Amerikaner Harry Ward Leonard (* 8. Februar 1861 in Cincinnati, Ohio, † 18. Februar 1915 in New York) im Jahre 1891 patentierten Schaltung mit dem von Karl Ilgner (* 27. Juli 1862 in Neiße, Oberschlesien, † 18. Januar 1921 in Berthelsdorf im Riesengebirge) entwickelten Schwungradumformer. Damit konnten die Spannungsschwankungen auf ein tolerables Maß gesenkt werden.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Uhr über der Marmor-Schalttafel

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Marmor-Schalttafel

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Marmor-Schalttafel

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Portal

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Portal

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Portal

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Jugendstil-Portal

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Dampfkompressor, Hersteller Maschinenfabrik Rudolf Meyer, Mülheim an der Ruhr, Baujahr 1902, Motor von der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormals Schuckert & Co., Nürnberg

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Dampfkompressor, Hersteller Maschinenfabrik Rudolf Meyer, Mülheim an der Ruhr, Baujahr 1902, Motor von der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormals Schuckert & Co., Nürnberg

Neben der elektrischen Hauptschachtfördermaschine ist auch der zweistufe, über 100 Jahre alte Dampfkompressor betriebsbereit und kann vorgeführt werden. Die Tropföler sehen nicht nur schön aus, sondern haben wirklich eine Funktion zu erfüllen.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Dampfkompressor, Hersteller Maschinenfabrik Rudolf Meyer, Mülheim an der Ruhr, Baujahr 1902, Motor von der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormals Schuckert & Co., Nürnberg

Wer sich für die Geschichte der Maschinenhalle und die Funktion der erhaltenen elektrischen Maschinen interessiert, kommt nicht darum herum, an einer Führung durch die Maschinenhalle teilzunehmen. Leider gibt es (zum jetzigen Zeitpunkt) keine Schautafeln, auf denen die Maschinen und die Betriebsabläufe anschaulich erklärt werden. Offene Führungen finden am Tag des offenen Denkmals am 11. September 2016 bei freiem Eintritt zwischen 10 und 17 Uhr stündlich statt und sollen zukünftig jeden Sonntag um 16 Uhr stattfinden. Nähere Informationen unter www.lwl.org/industriemuseum/standorte/zeche-zollern.

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Kellergeschoss

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Kellergeschoss

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Sanitäranlagen im Kellergeschoss

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Kellergeschoss, „Tempel der Heiligen Barbara“, Rauminstallation von Dirk Zache, 2016

Zeche Zollern II/IV, Maschinenhalle, Kellergeschoss, „Raum der Erinnerung“, Rauminstallation von Dirk Zache, 2016

Das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Es ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet einmalig freien Eintritt ins Museum. Gilt nicht bei Veranstaltungen mit Sondereintritt.

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