Mittwoch, 7. September 2016

LWL-Industriemuseum eröffnet Gebläsehaus in Hattingen

Die Sanierung der ehemaligen Kraftzentrale der Henrichshütte ist abgeschlossen

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat die Sanierung des historischen Gebläsehauses seines Industrie­museums Henrichshütte Hattingen abgeschlossen. Am 13. September 2016 eröffnet der LWL die einstige Kraftzentrale als Ort für Geschichte, Kunst und Kultur. „Das ehemalige Herz der Henrichshütte schlägt wieder. Das ist ein schönes Lebenszeichen für dieses Haus und auch für die Region“, erklärte LWL-Direktor Matthias Löb am heutigen Dienstag in Hattingen. Zuletzt waren vom 13. April bis 6. Oktober 2013 vor der Sanierung Skulpturen von Karl Manfred Rennertz im Rahmen des Ausstellungszyklus „Atelier.Industrie“ im Gebläsehaus zu sehen.

Gebläsehaus der Henrichshütte Hattingen

Die 1854 gegründete Henrichshütte zählt zu den ältesten Hüttenwerken des Reviers. Benannt wurde sie nach dem Grafen Henrich zu Stolberg-Wernigerode, der seinen Hüttenbaumeister Carl Roth mit dem Aufbau eines Hoch­ofen­werks in Westfalen beauftragt hatte. Bis zu 10.000 Menschen arbeiteten in den verschiedenen Betrieben zur Eisen- und Stahlherstellung sowie Walz- und Schmiede­betrieben. In 133 Jahren erlebte die Henrichshütte den Aufstieg, die Blüte und den Niedergang der Eisen- und Stahlindustrie im Revier. Gegen den erbitterten Widerstand der Region wurde am 18. Dezember 1987 der letzte Hochofen ausgeblasen. 1989 übernahm der LWL das Hüttenwerk an der Ruhr als letzten von insgesamt acht Standorten in sein Landesmuseum für Industriekultur. Den östlichen Teil der Gebläsehalle baute der LWL mit Mitteln des Landes zum Veranstaltungsort aus. Seit 2004 finden hier Konzerte, Märkte und Firmenveranstaltungen mit bis zu 2.000 Gästen statt.

Blick in die Gaszentrale der Henrichshütte mit den Gebläsemaschinen, 1952. Foto: LWL

Im der Gaszentrale schlug einst das Herz der Hütte. Hier arbeiteten die Großgasmaschinen. Elf dieser Giganten waren zu Hochzeiten im Einsatz, um auf der Basis von Hochofengas Strom und Wind zu erzeugen. Bis in die 1960er-Jahre hinein deckten sie einen Großteil der Energieversorgung ab. Weil diese Dinosaurier der Kraftwirtschaft mit den gestiegenen Leistungsanforderungen im Bereich der Hüttentechnologie nicht mehr Schritt halten konnten, wurde die Strom­ver­sorgung ab 1962 neu organisiert. Lediglich die Winderzeugung für die Hochöfen erfolgte noch bis Ende der 1970er-Jahre mit Hilfe der Gasgebläsemaschinen. Dann reichten auch hierfür die Kapazitäten nicht mehr aus, und die Henrichshütte stellte vollständig auf Turbinen um. Zwischen 1979 und Mitte der 1980er-Jahre ließ der Betrieb die Maschinen nach und nach verschrotten. Die Halle diente bis zur Stilllegung als Lager und Lok-Reparaturwerkstatt.

Hüttenarbeiter im Gebläsehaus, um 1930. Foto: LWL

2,9 Millionen Euro flossen in die Sanierung des historischen Gebläsehauses, davon 80 Prozent Landesmittel. Mit dem Geld wurde das 110 Jahre alte Baudenkmal in den vergangenen Jahren für die museale Nutzung „fit“ gemacht: Eine neue Elektroinstallation und ein Aufzug wurden eingebaut, das Dach und andere Bereiche statisch verstärkt, Oberlichtband und Glasflächen behutsam saniert, Fehlstellen in Böden und Mauerwerk ergänzt. „Das Baudenkmal selbst ist unser wichtigstes Exponat, deshalb stand bei der Sanierung im Vordergrund, so viel historische Substanz wie möglich zu erhalten“, erläuterte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums.

Gebläsehaus der Henrichshütte Hattingen

Das Gebäude aus dem Jahr 1906 diente zu Betriebszeiten der Stromerzeugung und der Versorgung der Hochöfen mit „Wind“. Bereits 2004 hatte der LWL den östlichen Teil als Veranstaltungs­halle mit Gastronomie und Foyer eröffnet. „Seither ist die Gebläsehalle aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben Hattingens nicht mehr wegzudenken“, betonte Matthias Löb.

Mittelgerüst aus dem Walzwerk Niederrheinische Hütte in Duisburg

Der andere Teil, den das LWL-Museum nach seiner historischen Bezeichnung künftig „Gebläsehaus“ nennt, verfügt nach der Sanierung auf zwei Geschossen über 4.000 Quadratmeter Nutzfläche. Hier will sich das LWL-Industrie­museum künftig schwerpunktmäßig mit dem Thema Stahlerzeugung sowie der Sozialgeschichte der Hüttenarbeiter auseinandersetzen. „Wir haben jetzt den Raum, die Henrichshütte zu einem Forum für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Stahl und Eisen in Deutschland weiter zu entwickeln“, so Dirk Zache.

Thomas-Konverter aus der Thüringer Maxhütte

Bereits in den 1990er-Jahren hatte das LWL-Industriemuseum in der leer stehenden Halle Großmaschinen und Aggregate installiert, die von der historischen Funktion der ehemaligen Energiezentrale zeugen. Zu den gewichtigen Exponaten zählt eine 500 Tonnen schwere Großgasmaschine - eine der letzten ihrer Art in Deutschland. Sie wurde 1993 aus Georgsmarien­hütte bei Osnabrück geholt. Um die Weiterverarbeitung von Eisen und Stahl demonstrieren zu können, installierte das LWL-Industriemuseum außerdem ein Dampfhammer-Ensemble, das Mittelgerüst eines Walzwerkes und einen Thomas-Konverter.

Großgasmaschine aus der Georgsmarienhütte, Hersteller DEMAG, Baujahr 1914, im Gebläsehaus

Großgasmaschine aus der Georgsmarienhütte, Hersteller DEMAG, Baujahr 1914, im Gebläsehaus

Der 1971 im Gebläsehaus aufgestellte Turboverdichter wurde bei der Gutehoffnungshütte in Oberhausen-Sterkrade gebaut und lieferte seitdem den Wind für den Hochofen 3. Die vorgeschaltete Siemens-Dampfturbine erreichte eine Leistung von 5.500 kW und erwärmte den Hochofenwind auf 125 °C.

Turbogebläse im Gebläsehaus

Aber auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem historischen Ort soll künftig Platz finden im Gebläsehaus. Den Auftakt macht die Ausstellung „Technophilia“ (13. September 2016 bis 26. Februar 2017) des Ingenieurs, Künstlers und Designprofessors Gerhard Hahn, der seit vielen Jahren mit Werkstoffen der Groß- und Schwerindustrie experimentiert. In der Henrichshütte Hattingen sind Arbeiten unter anderem aus Keramik und Eisen zu sehen.

Matthias Löb lässt sich das Modell des ehemaligen Walzwerks erläutern

Präsentiert werden in der Halle außerdem zwei Modelle inzwischen abgerissener Teile der Henrichshütte: Ehemalige Hüttenwerker haben das ehemalige Stahl- und das Walzwerk im Maßstab 1:100 in den vergangenen zehn Jahren für den Förderverein und damit für das Museum akribisch erarbeitet. „Das ist ein großartiges Geschenk zur Eröffnung“, freut sich Matthias Löb.

Modell des ehemaligen Walzwerks, Tiefofen der 4,2-m-Straße

Das LWL-Industrie­museum Henrichshütte Hattingen hat Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Freitag von 10 bis 20 Uhr. Es ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet einmalig freien Eintritt ins Museum. Gilt nicht bei Veranstaltungen mit Sondereintritt.

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