Dienstag, 28. Juni 2016

„Hello Again“ – Das Folkwang Musical 2016

„Hello Again“ – nach dem Drama „Reigen“ von Arthur Schnitzler; Musik, Buch und Songtexte: Michael John LaChiusa; Deutsche Bearbeitung: Roman Hinze; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Karen D. Savage; Ausstattung: Eva-Maria von Acker; Regieassistenz/Abendspielleitung: Sandra Wissmann; Produktionsleitung/Projektkoordination: Michael Masberg; Musikalische Leitung: Patricia M. Martin. Darsteller: Alina Grzeschik (Die Hure), Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Michael Heller (Student), Florentine Kühne (Die junge Frau), Marvin Schütt (Der Ehegatte), Jan Rogler (Das junge Ding/Fred), Philipp Nowicki (Autor/Popsänger), Eva Löser (Die Schauspielerin/Ginger), Tom Zahner (Der Senator/Reporter/Steward), Anneke Brunekreeft (Musikvideo Krankenschwester/Swing-Trio), Lina Gerlitz (Primadonna 1950er-Jahre/Swing-Trio), Sarah Wilken (Primadonna 1912/Swing-Trio). Band: Patricia M. Martin (Keyboard), Johannes Still/Michael David Mills (Keyboard), Eunkyung Park (Violine), Hye Su Cha (Cello), Molly Wreakers (Horn), Malte Weber (Percussion), Sebastian Gerhartz/Nico Zöllner (Reeds). Off-Broadway Premiere: 30. Dezember 1993, Mitzi E. Newhouse Theater, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 1. März 2007, Akademietheater im Prinz­regenten­theater München. Premiere: 27. Juni 2016, Theater im Rathaus, Essen.



„Hello Again“


Das Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste


Bei „Hello Again“ denkt womöglich der ein oder andere an den Schlager von Howard Carpendale, „Hello Again“ ist aber auch der Titel des Musicals von Michael John LaChiusa (* 24. July 1962 in Chautauqua, New York), das am 30. Dezember 1993 am Mitzi E. Newhouse Theater unter der Regie und Choreographie von Graciela Daniele am Licoln Center seine Off-Broadway Premiere feierte und das Regisseur Gil Mehmert („Das Wunder von Bern“, Uraufführung 23. November 2014, Theater an der Elbe, Hamburg) in diesem Jahr als Abschluss­projekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste in Kooperation mit dem Theater im Rathaus Essen inszeniert hat. Es basiert auf dem berühmten Schauspiel „Reigen“ des österreichischen Dramatikers Arthur Schnitzler (* 15. Mai 1862 in Wien, † 21. Oktober 1931 in Wien), das am 23. Dezember 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin uraufgeführt wurde und einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts auslöste. Alle seinerzeit im so genannten „Reigen Prozess“ der „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ Angeklagten wurden freigesprochen, schließlich wurde der Beischlaf auf der Bühne nicht gezeigt.

„Hello Again“: Alina Grzeschik (Die Hure) und Elias Krischke (Der Soldat)

Wie das Original folgt Michael John LaChiusas rasante Adaption einer Reihe von Liebesaffären zwischen zehn Personen aus allen Gesellschaftsschichten. Zwei Menschen umringen einander aus Lust oder Verzweiflung, doch bereits in der darauffolgenden Szene sucht der eine Partner mit einer anderen Person nach seinem Glück. Während sich Arthur Schnitzler im „Reigen“ auf die Moral in der Gesellschaft um die Jahrhundertwende in Wien konzentriert, spielt jede Szene in „Hello Again“ in einem anderen Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Amerika. Diese nicht-chronologische Zeitreise spiegelt sich auch in der Musik wider, deren Brandbreite von Opernzitaten über den Swing der 1940er und den Rock’n’Roll der 1950er bis zur Discomusik der 1970er Jahre und darüber hinaus reicht. Am 1. März 2007 wurde es in der Übersetzung von Roman Hinze vom vierten Jahrgang des Studiengangs Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding am Prinzregententheater in München erstmalig in deutscher Sprache aufgeführt, Silvia Armbruster führte Regie, Nina Janke war in der Rolle der Hure zu sehen, Marc Lamberty als Soldat, Manuel Steinsdörfer als Student und Milica Jovanović als junge Ehefrau.

„Hello Again“: Alina Grzeschik (Die Hure) und Elias Krischke (Der Soldat)

Zum Inhalt:
Die Musicaladaption „Hello Again“ beginnt im Jahr 1900 mit einer Hure, die einem Soldaten ihre Dienste anbietet. Die nächste Szene spielt in den 1940er-Jahren, und der Soldat rangelt aus Angst, im Krieg sterben zu müssen, mit einer sympathischen Krankenschwester. Als nächstes wird die Krankenschwester in den 1960er-Jahren für einen Studenten zur Domina. In den 1930er-Jahren erscheint der Student als impotenter Liebhaber einer jungen Frau, mit der er nur an ungewöhnlichen Orten Sex miteinander haben kann. Während man in der nächsten Szene dem Ehemann begegnet, erfährt man, was die junge Frau zum Ehebruch treibt: Sogar während des Beischlafs mit ihrem Mann denkt sie an einen anderen. Die Szene erscheint in einem völlig anderen Licht, wenn in der nächsten Szene der Ehemann als Homosexueller vor dem drohenden Untergang der Titanic im Jahr 1912 mit einem Stricher Tango tanzt, den Michael John LaChiusa das junge Ding genannt hat. In den 1970er-Jahren lockt ein bisexueller Autor das junge Ding aus einer Disco zu sich nach Hause. Letztendlich schließt sich der Kreis der Liebenden, als der Senator die Schauspielerin verlässt und dann die Hure aus der ersten Szene besucht, die er gern lieben würde.

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Sarah Wilken, Philipp Nowicki und Jan Rogler (Vocal Ensemble)

Indem Michael John LaChiusa, zu dessen späteren Arbeiten „Marie Christine“ (Broadway Premiere 2. Dezember 1999), „The Wild Party“ (Broadway Premiere 13. April 2000) oder „See what I wanna see“ (Off-Broadway Premiere 30. Oktober 2005) zählen, die im deutschsprachigen Raum ebenfalls eher unbekannt sind, jede Begegnung in „Hello Again“ in einem anderen Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ansiedelt, beispielsweise ist die Schauspielerin, die in den 1920er-Jahren mit dem Dramatiker schläft, in der darauffolgenden Szene immer noch eine Schauspielerin, aber die Geliebte des Senators in den 1980er-Jahren, ermöglicht ihm die Zeitreise mitunter witzige Anleihen bei Jaques Offenbach, Glenn Miller, Irving Berlin oder dem Discosound der 1970er-Jahre, um die Stimmung und den Stil jeder Dekade auch musikalisch festzuhalten. Seine Partitur ist dabei alles andere als eingängig geraten, am eingängigsten dürfte beinahe die Hommage an Jaques Offenbach mit seiner „Barcarole“ aus der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ in der Szene auf der RMS Titanic sein, teilweise empfand ich die Musik als ein wenig „schräg“, was aber in keiner Weise despektierlich gemeint ist, als „schräg“ könnte man nämlich auch die Kompositionen von Stephen Sondheim oder Leonard Bernstein bezeichnen. Die siebenköpfige Band bringt LaChiusas Partitur unter der Musikalischen Leitung von Patricia M. Martin auf der linken Seitenbühne tadellos gekonnt zu Gehör, teilweise verdeckt vom Bühnenportal. Die temporeiche Inszenierung von Gil Mehmert macht ein wenig vergessen, dass „Hello Again“ einfach nicht auf leichte Unterhaltung angelegt ist, bis zum Schluss ist der Zuschauer gefordert, mitzudenken, wobei sich allerdings nicht alle Details vollständig erschließen: Wieso erzählt ein junger Mann in den 1970er-Jahren, dass er den Untergang der RMS Titanic 1912 überlebt hat?

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Sarah Wilken, Philipp Nowicki und Jan Rogler (Vocal Ensemble)

Eva-Maria von Acker hat für „Hello Again“ ein beinahe als minimalistisch zu bezeichnendes eindrucksvolles Bühnenbild entworfen, das lediglich mit zwei Bühnenelementen auskommt, die sich durch Umdrehen und -kippen von einer Mauer am Pier des Hudson River in das Apartment des Studenten, den Zuschauerraum eines Kinos, das Schlafzimmer des Ehepaares, die Kabine auf der RMS Titanic, eine Disco, die Garderobe der Schauspielerin usw. verwandeln lassen und dennoch keinerlei Zweifel am Schauplatz der jeweiligen Szene lassen. Ein von den Akteuren auf der Bühne geschlossener Vorhang sorgt zumeist zwischen den Szenen dafür, dass der Umbau für die Zuschauer nicht sichtbar ist, der offene Bühnenumbau zwischen sechster und siebter Szene (RMS Titanic zu Disco) lässt zum ersten Mal im Verlauf der Aufführung hinter die Kulissen blicken und erfährt dementsprechend „Szenenapplaus“. Auch ihre Kostümentwürfe spiegeln anschaulich die Mode der jeweiligen Jahrzehnte wieder, und es gelingt Eva-Maria von Acker, vor dem geistigen Auge des Zuschauers eine beeindruckende Bilderwelt entstehen zu lassen. So glaubt der geneigte Musicalbesucher beispielsweise bei einem Szenenwechsel, Norma Desmond habe sich vom Sunset Blvd. hierher verlaufen. Karen D. Savage, die im Studiengang Musical an der Folkwang Universität der Künste Jazz Dance unterrichtet, zeichnet für die schwungvollen Choreografien verantwortlich, und wer jetzt denkt, es gehe doch eigentlich um Sex und nicht um Tanz, dem sei versichert, dass es bei der Aufführung viel mehr Tanz als Sex zu sehen gibt, sehr viel mehr sogar, denn Sex gibt es nur vermeintlich zu sehen, Tanz dagegen real.

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat) und Karen Müller (Die Krankenschwester)

„Hello Again“ war bei der Uraufführung am Licoln Center mit 6 Herren und 4 Damen besetzt, im Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste liefern Alina Grzeschik (Die Hure), Karen Müller (Die Krankenschwester), Florentine Kühne (Die junge Frau) und Eva Löser (Die Schauspielerin/Ginger) aus dem vierten Jahrgang in den weiblichen „Hauptrollen“ starke Frauenporträts ab, Jan Rogler (Das junge Ding/Fred) und Philipp Nowicki (Autor/Popsänger) aus dem vierten Jahrgang bringen mit ihrer schlüssigen Darstellung des Stricherjungen bzw. des narzisstischen bisexuellen Autors Aspekte gleichgeschlechtlicher Liebe auf die Bühne, die in Arthur Schnitzler „Reigen“ nicht dramatisiert wurden. Elias Krischke und Marvin Schütt aus dem dritten Jahrgang sind mit den Rollen des Soldaten bzw. Ehemanns betraut. Während Elias Krischke sowohl in ersten und als auch in der zweiten Szene sein Potential zeigen kann, gerät Marvin Schütt in der fünften Szene als Ehemann ein wenig ins Hintertreffen, ist seine junge Frau doch in Gedanken (und auf der Bühne real) bei dem Fremden im Park. Michael Heller, der sein Studium im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste bereits 2010 abgeschlossen hat, sich aber dennoch homogen in das Ensemble einfügt, hat als wehleidiger Student, der sich vorstellt, er sehe eher aus wie Bobby Kennedy, und sich mit einem verstauchten Knöchel um den Kriegsdienst in Vietnam herumdrückt, sowie mit Erektionsproblemen beim Fellatio die Lacher auf seiner Seite, wobei ihm Karen Müller als Domina und Florentine Kühne als fremdgehende junge Frau natürlich die Bälle zuspielen. Als zweiter Gast kann Tom Zahner (Der Senator/Reporter/Steward) als Senator überzeugen, der aufgrund politischer Verpflichtungen seine Geliebte verlässt, sich aber in der letzten Szene beim besten Willen nicht an die Geschehnisse der vergangenen Nacht erinnern kann. Hier kann wirklich niemand behaupten, die Rolle sei nicht altersgerecht besetzt. Anneke Brunekreeft (Musikvideo Krankenschwester/Swing-Trio), Lina Gerlitz (Primadonna 1950er-Jahre/Swing-Trio) und Sarah Wilken (Primadonna 1912/Swing-Trio) aus dem dritten Jahrgang sind in dieser Produktion ein wenig benachteiligt, beleben aber in verschiedenen Situation das Geschehen auf der Bühne.

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Sarah Wilken, Philipp Nowicki und Jan Rogler (Vocal Ensemble)

Gil Mehmert bezeichnete „Hello Again“ im Interview als vielleicht bisher größtes Experiment von allen Abschlussproduktionen. Ob das Experiment gelingt entscheiden am Ende ein Stück weit auch die Zuschauer, die die Vorstellung besuchen und sich darauf einlassen. „Hello Again“ ist auf jeden Fall intelligentes musikalisches Unterhaltungstheater, das die Vorstellungskraft der Zuschauer auch ohne pompöses Bühnenbild auf die Reise schickt. Allen Akteuren auf der Bühne ist ihre Spielfreude anzumerken, und nach etwa zweistündiger Premiere gab es neben Blumen langanhaltenden Applaus für Darsteller, Musiker und Kreative. Weitere Aufführungen am Theater im Rathaus Essen stehen noch bis Sonntag, 3. Juni 2016 auf dem Spielplan.

„Hello Again“: Karen Müller (Die Krankenschwester)


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