Montag, 13. Juni 2016

„Die Fledermaus“

„Die Fledermaus“ – nach dem Vaudeville „Le Réveillon“ von Henri Meilhac und Ludovic Halévy – Musik: Johann Strauss; Libretto: Karl Haffner, Richard Genée. Inszenierung: Carsten Kirchmeier; Choreografie: Paul Kribbe; Ausstattung: Jürgen Kirner; Dramaturgie: Juliane Schunke; Musikalische Leitung: Thomas Rimes. Darsteller: Michael Dahmen & Jan Friedrich Eggers (Gabriel Eisenstein, Rentier), Alfia Kamalova (Rosalinde, seine Frau), Anke Sieloff (Prinz Orlofsky), Peter Rembold (Dr. Falke, Notar), Hongjae Lim (Alfred, Rosalindes verflossener Liebhaber und Gesangslehrer), Joachim Gabriel Maaß (Frank, Gefängnis­direktor), Marie Heeschen (Adele, Kammermädchen), Sion Choi (Ida, ihre Schwester), Florian Neubauer (Dr. Blind, Advokat), Ute Wieckhorst („Frl. Forsch“, Putzfrau), Christian Funk, Cedric Sprick (Tänzer), Eden Berlin (Burlesque-Tänzerin), Bernd Frings, Georg Hansen, Wolf-Rüdiger Klimm, Charles E. J. Moulton (Gefangene). Uraufführung: 5. April 1874, Theater an der Wien, Wien. Premiere: 10. Juni 2016, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen. Besuchte Vorstellung: 12. Juni 2016.



„Die Fledermaus“


Aufführung in der Salonfassung von Franz Wittenbrink am Musiktheater im Revier im Kleinen Haus


„Die Fledermaus“ von Johann Strauss gilt als Höhepunkt der Goldenen Operettenära. Dem „Walzerkönig“ Johann Strauss (* 25. Oktober 1825 in St. Ulrich bei Wien, † 3. Juni 1899 in Wien) verdanken wir die unvergängliche Weisheit, dass natürlich nur der Champagner an allem Schuld sei. Gleichzeitig vereinigt „Die Fledermaus“ mit „Oh je, oh je, wie rührt mich dies“, „Mein Herr Marquis“ bis hin zu „Klänge der Heimat“ und „Im Feuerstrom der Reben“ die schönsten Melodien des Wiener Musikgenies. Kein Wunder, dass dieses Stück Musiktheater als „Königin der Operetten“ bezeichnet wird und neben dem „Zigeunerbaron“ und „Eine Nacht in Venedig“ das bekannteste Werk von Johann Strauss (Sohn) ist. Das Libretto der Operette geht auf die Komödie „Das Gefängnis“ des Leipziger Schriftstellers Roderich Benedix zurück, aus der das Vaudeville „Le Réveillon“ des französischen Autorenduos Henri Meilhac und Ludovic Halévy entstanden ist. Karl Haffner und Richard Genée bearbeiteten die Vorlage schließlich als Libretto für Johann Strauss. Der Csárdás aus dem zweiten Akt wurden im Oktober 1873 erstmals dem Wiener Publikum vorgestellt, infolge der mit dem Wiener Börsenkrach vom 9. Mai 1873 ausgebrochenen Wirtschaftskrise verzögerte sich die Uraufführung der gesamten Operette, die schließlich am 5. April 1874 unter der Musikalischen Leitung von Johann Strauss im Theater an der Wien über die Bühne ging. Da das Große Haus des Musiktheater im Revier ab dem 1. Juni 2016 wegen Umbau und Renovierungsarbeiten geschlossen ist, ist „Die Fledermaus“ in der kammermusikalischen Fassung für Salonorchester von Franz Wittenbrink im Kleinen Haus zu erleben, welche im Jahr 1992 für eine Inszenierung von Herbert Wernicke am Theater Basel entstanden ist.

Marie Heeschen (Adele); © Pedro Malinowski

Gabriel Eisenstein muss wegen Beamtenbeleidigung für eine Weile ins Gefängnis. Davor will er aber ohne Wissen seiner Gattin noch zügellos feiern, und was wäre ein besseres Alibi für ein ausschweifendes Fest als eine zu verbüßende Haftstrafe? Rosalinde Eisenstein kann es kaum erwarten, den Gatten zu verabschieden, denn endlich hat sie freie Bahn, um in aller Ruhe ihren verflossenen Liebhaber Alfred zu empfangen. Auch das Dienstmädchen Adele braucht dringend einen freien Abend und lässt sich zur angeblichen Pflege einer todkranken Tante beurlauben. So scheint allen geholfen, doch die erste Überraschung lässt nicht lange auf sich warten. Kaum dass Gabriel weg und Alfred da ist, kommt Gefängnis­direktor Frank, um den Delinquenten abzuholen. Was hilft es – Alfred muss so tun, als sei er Gabriel und sich tränenreich von Rosalinde verabschieden. Traurig bleibt an diesem Abend aber keiner, denn beim Maskenball des Prinzen Orlofsky treffen sich alle wieder: Dr. Falke stellt Gabriel Eisenstein als „Marquis Renard“ vor, Adele wird von ihrer Schwester Ida als „Künstlerin Olga“ eingeführt, schließlich treffen auch Gefängnisdirektor Frank als „Chevalier Chagrin“ und Rosalinde Eisenstein als unbekannte ungarische Gräfin ein.

Marie Heeschen (Adele), Opernchor; © Pedro Malinowski

Gabriel Eisenstein ist so sehr in Festlaune, dass er seine Frau nicht erkennt und sich unsterblich in die ungarische Gräfin verliebt. Es gelingt Rosalinde, seine Taschenuhr zu entwenden, mit der sie ihrem Mann später seine Untreue beweisen möchte. Nach reichlichem Champagnergenuss erzählt Gabriel Eisenstein allen Gästen, wie er beim letzten Fasching seinem Freund Dr. Falke nach durchzechter Nacht einen Streich gespielt hat, indem er ihn im Fledermauskostüm dem Spott der Marktfrauen und Gassenjungen aussetzte, woraufhin dieser beinahe seine Zulassung verloren hat. Das Fest geht weiter, und als Gabriel Eisenstein nach durch­zechter Nacht im Gefängnis erscheint, muss er feststellen, dass schon ein Delinquent seines Namens dort einsitzt. Zuvor waren bereits Adele und Ida bei Gefängnis­direktor Frank erschienen, da das Dienstmädchen Gefallen an ihrer Rolle als Schauspielerin gefunden hat und sich von „Chevalier Chagrin“ ihre Ausbildung finanzieren lassen möchte. Rosaline eilt herbei, um Alfred aus dem Gefängnis zu befreien und ihren Mann zur Rechenschaft zu ziehen. Gabriel Eisenstein rast vor Eifersucht und nimmt dem zur Verteidigung von Alfred hinzugezogenen Advokaten Dr. Blind kurzerhand Perücke, Brille und Robe ab, um als „Dr. Blind“ dem falschen „Eisenstein“ auf die Schliche zu kommen. Rosalinde und Alfred wenden sich hilfesuchend an den falschen „Dr. Blind“, bis Gabriel Eisenstein schließlich vor Wut der Kragen platzt. Doch nach und nach erscheinen alle Gäste der Champagner­ge­sell­schaft vom Vorabend und die Farce klärt sich als die „Rache der Fledermaus“, wie die Operette mit vollständigem Namen heißt.

Joachim Gabriel Maaß (Frank), Michael Dahmen (Gabriel Eisenstein) und Peter Rembold (Dr. Falke); © Pedro Malinowski

Wenn Wittenbrinks Fassung der „Fledermaus“ nichts an musikalischer Opulenz vermissen ließe, wie im Programmheft 116 des Musiktheater im Revier lapidar behauptet, so könnte man mit eben diesem Argument die meisten Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen entlassen, sie würden ja nicht vermisst. Ich nehme an, dass ein Sturm der Entrüstung durch die Reihen der Theaterbesucher und der Neuen Philharmonie Westfalen ginge… Bereits im Spiegel 5/1992 ist auf Seite 186 zur Premiere der Salonfassung von Franz Wittenbrink in der Inszenierung von Herbert Wernicke am Theater Basel zu lesen: „Vor allem fehlt das Orchester. Wo Johann Strauß, der Sohn, ein kräftiges Tutti aufspielen ließ, da fiedelt nun ein eidgenössisches Nonett; wo es seit 1874 in Rausch und Bogen schäumt, da tingelt bloß eine neunköpfige Combo.“ Die Neue Philharmonie Westfalen hat im Kleinen Haus lediglich keinen Platz, so einfach ist das, und die neun Musiker unter der Musikalischen Leitung von Thomas Rimes am Flügel tun ihr Bestes, die ausgesprochen feinsinnige und mitreißende Partitur von Johann Strauss nicht allzu „abgespeckt“ wirken zu lassen. Ob es dazu noch weiterer Einsprengsel anderer Komponisten wie „As Time goes by“ von Herman Hupfeld bedarf, sei dahingestellt.

Alfia Kamalova (Rosalinde) und Michael Dahmen (Gabriel Eisenstein); © Pedro Malinowski

„Die Fledermaus“ spielt zur Zeit der Uraufführung Ende des 19. Jahrhunderts in einem Badeort in der Nähe einer großen Stadt, Baden bei Wien war zu der Zeit der Nobelkurort der Österreich-ungarischen Monarchie. Carsten Kirchmeier mag sich in seiner Inszenierung womöglich zeitlich nicht so genau festlegen. Siedelt er den ersten Akt mit der Möblierung im Hause Eisenstein, der alten Modezeitschrift und der Bekleidung von Gabriel und Rosalinde Eisenstein mit Pepita-Muster (Ausstattung Jürgen Kirner) nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den 1950er-Jahren an, insbesondere der französische Modeschöpfer Christian Dior hat das Pepita-Muster 1947 mit seiner Kollektion berühmt gemacht, im Nachkriegsdeutschland der frühen 1950er-Jahre wurde die weniger glamouröse, klein-karierte Variante des Musters auf Anzügen, Hüten, Krawatten und Kostümen besonders beliebt, so kann man den Auftritt der Burlesque-Tänzerin auf dem Fest des Prinzen Orlofsky im zweiten Akt eher in den 1930er-Jahren verorten: Burlesque als Form des dem American Vaudeville nahestehenden amerikanischen Unterhaltungs­theaters erlebte in den Jahren vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ihre Glanzeit. Mit vielen weiteren, teilweise kuriosen Gimmicks möchte Carsten Kirchmeier der überschäumenden Komödie womöglich noch zusätzlichen Schwung verleihen. So ist die Rolle von Adeles Schwester Ida mit Sion Choi aus dem Jungen Ensemble am MiR als Transvestit besetzt, die Sprechrolle des Gefängniswärters Frosch wurde von der Putzfrau „Frl. Forsch“ übernommen, der „Urlaubsvertretung von Mechthild“. Kommt der dritte Akt fast ohne Musik daher, so scheint Carsten Kirchmeier diesen mit einem Selbstmord und fünffachem Mord ein wenig „aufpeppen“ zu wollen, für ihn hat der dekadente „Tanz auf dem Vulkan“ für die meisten Figuren letalen Ausgang, eine „Studie von Dr. Falke“, die zeigen soll, wie weit die einzelnen Charaktere in ihrem Handeln zu gehen bereit wären. Inwiefern diese Änderungen gegenüber dem ursprünglichen Libretto Gefallen finden, davon möge sich jeder Zuschauer sein eigenes Bild machen.

Joachim Gabriel Maaß (Frank) und Ute Wieckhorst (Frl. Forsch); © Pedro Malinowski

Hauptdarsteller Michael Dahmen durfte aufgrund einer Stimmbandentzündung auch in der besuchten Folgevorstellung am 12. Juni nicht singen, weshalb man entschieden hatte, dass Bariton Jan Friedrich Eggers wie bereits bei der Premiere am 10. Juni für ihn die Gesangsparts übernimmt. Jan Friedrich Eggers hat die Partie des Rentiers Gabriel von Eisenstein bereits am Theater Augsburg (Premiere 14. Januar 2012) in der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson gespielt, unter der Annahme, dass ohne einen „Einspringer“ die beiden Vorstellungen abgesagt worden wären, sicherlich ein mehr als akzeptabler Kompromiss. Der männlichen Hauptrolle, Gabriel Eisenstein, stehen mit Rosalinde und Adele zwei ebenbürtige weibliche Hauptrollen gegenüber. Sopranistin Alfia Kamalova weiß als Gabriels gehörnte Ehefrau Rosalinde zu überzeugen, die mit dem Csárdás „Klänge der Heimat“ im zweiten Akt gesanglich für sich einnehmen kann. Die attraktive Sopranistin Marie Heeschen, in der Spielzeit 2014/15 Mitglied des Jungen Ensembles am MiR, weiß in der Rolle des Dienstmädchens Adele mit Karriereambitionen gesanglich und schauspielerisch überzeugend nicht nur Gefängnisdirektor Frank zu bezirzen – oder womöglich doch nur in den Selbstmord zu treiben? Joachim Gabriel Maaß und Ute Wieckhorst spielen sich im dritten Akt als Gefängnisdirektor Frank und Putzfrau „Frl. Forsch“ komödiantisch die Bälle zu, da bleibt kein Auge trocken. Der Hingucker des Abends dürfte Burlesque-Tänzerin Eden Berlin sein, die mit ihrem Auftritt auf dem Fest des Prinzen Orlofsky womöglich Männerherzen schneller schlagen lässt, aber unweigerlich an Dita Von Teeses Martini-Glas-Akt erinnert und das Ballett „Marianka, komm und tanz mit mir“ ersetzt.

Nach dreistündiger Aufführung im gut besuchten Kleinen Haus gab es viel wohlwollenden Beifall für die Akteure auf der Bühne, die ersten Zuschauer sprangen noch währenddessen nicht aus Begeisterung von ihren Plätzen auf, sondern um den Saal zu verlassen. Zur gleichen Zeit hatte die Fernsehübertragung des ersten Spiels der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Lille bereits begonnen. Weitere Folgevorstellungen von „Die Fledermaus“ im Kleinen Haus stehen noch bis 7. Juli 2016 auf dem Spielplan.

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