Montag, 30. Mai 2016

Stadttheater Bielefeld: „A Little Night Music (Das Lächeln einer Sommernacht)“

„A Little Night Music (Das Lächeln einer Sommernacht)“ – nach dem Spielfilm „Sommarnattens leende“ (1955) von Ingmar Bergmann; Musik und Liedtexte: Stephen Sondheim; Buch: Hugh Wheeler; Deutsche Fassung: Eckart Hachfeld. Inszenierung: Kay Link; Choreografie: Amy Share-Kissiov; Ausstattung: Cornelia Brey; Dramaturgie: Daniel Westen; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: Alexander Franzen (Fredrik Egermann, Rechtsanwalt), Johanna Spantzel (Anne, seine zweite Frau), Tom Schimon (Henrik, Theologiestudent, sein Sohn aus erster Ehe), Monika Mayer (Madame Leonora Armfeldt, eine alte Kurtisane), Melanie Kreuter (Désirée Armfeldt, ihre Tochter, Schauspielerin und Fredriks langjährige Lebensgefährtin), Julia Meier (Fredrika Armfeldt, Désirées Tochter), Tobias Licht (Graf Carl-Magnus Malcolm, Offizier), Katharina Solzbacher (Gräfin Charlotte Malcolm, seine Frau), Navina Heyne (Petra, Dienstmädchen), Marius Bechen (Frid, Butler bei Madame Armfeldt); Quintett: Frank Bahrenberg (Mr. Lindquist), Katharina Schutza (Mrs. Nordstrom), Engjellushe Duka (Mrs. Anderssen), Carlos H. Rivas (Mr. Erlanson), Patricia Margagliotta (Mrs. Segstrom). Uraufführung: 25. Februar 1973, Shubert Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 14. Februar 1975, Theater an der Wien, Wien. Premiere: 21. Mai 2016, Stadttheater Bielefeld. Besuchte Vorstellung: 29. Mai 2016.



„A Little Night Music (Das Lächeln einer Sommernacht)“


Amouröse musicalische Verwicklungen am Stadttheater Bielefeld


Dass es sich bei „A Little Night Music“ nicht um die Serenade Nr. 13 für Streicher in G-Dur KV 525 von Wolfgang Amadeus Mozart handelt, ist unschwer dem deutschen Untertitel „Das Lächeln einer Sommernacht“ zu entnehmen. Es handelt sich vielmehr um die Musicaladaption des Ingmar-Bergmann-Films „Sommarnattens leende (Smiles of a Summer Night)“ aus dem Jahre 1955, der dem schwedischen Regisseur weltweiten Erfolg bescherte und für den er bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1956 mit dem Sonderpreis für „Poetischen Humor“ ausgezeichnet wurde. Stephen Sondheim, der vielleicht progressivste und zugleich äußerst erfolgreiche Komponist des Musicalgenres, adaptierte den Stoff 1973 für seine Version der diffizilen romatischen Verwicklungen mehrerer Protagonisten aus der schwedischen „Upper Class“ um die Jahrhundertwende. Harold Prince inszenierte und produzierte „A Little Night Music“ am Broadway, das Stück feierte am 25. Februar 1973 am Shubert Theatre seine Uraufführung und wurde mit insgesamt sechs Tony Awards ausgezeichnet, u. a. als Best Musical, Hugh Wheeler für das Best Book of a Musical und Stephen Sondheim für den Best Original Score. Das Musical wurde 1977 von Harold Prince mit Elizabeth Taylor (Désirée Armfeldt), Len Cariou (Frederik Egermann), Lesley-Anne Down (Anne Egermann) und Diana Rigg (Charlotte Mittelheim) verfilmt, Jonathan Tunick, der Sondheims Musik für den Film orchestrierte, wurde mit dem Academy Award („Oscar“) für Best Music, Original Song Score, and Its Adaptation or Best Adaptation Score ausgezeichnet. Nach „Company“ (Premiere 5. Mai 2012, Regie Roland Hüve) mit Alexander Franzen (Robert), Melanie Kreuter (Sarah) u. a. zeigt das Theater Bielefeld in der laufenden Spielzeit mit „A Little Night Music“ eines von Stephen Sondheims erfolgreichsten Werken, das Time Magazin bezeichnete es als „Sondheim’s most brilliant accomplishment to date.“ Der bekannteste Song „Send in the Clowns“ aus dem Musical wurde 1973 von Frank Sinatra aufgenommen, die Aufnahme von Judy Collins aus dem Jahr 1975 wurde bei den 18th Annual Grammy Awards 1976 als „Song of the Year“ ausgezeichnet.

Synopsis
Madame Leonora Armfeldt berichtet ihrer Enkelin Fredrika von der anstehenden Mittsommernacht in Schweden, die dreimal lächeln werde. Rechtsanwalt Fredrik Egerman ist seit 11 Monaten mit seiner deutlich jüngeren, gerade 18-jährigen Frau Anne in zweiter Ehe verheiratet, die sich noch immer ihre Unschuld bewahrt hat. Henrik Egerman, Fredriks 19-jähriger Sohn aus erster Ehe, der heimlich Gefühle für seine Stiefmutter hegt, verbirgt seine aufkommende Leidenschaft hinter dem Theologiestudium und wird vom Hausmädchen Petra, das ihm spielerische Avancen macht, auf „später“ vertröstet. Als Anne und Fredrik Egerman gemeinsam eine Vorstellung von Désirée Armfeldt, früher glamouröse Schauspielerin und Frederiks ehemalige Geliebte, besuchen, erkennt Désirée ihren früheren Geliebten im Publikum und kokettiert mit ihm. Anne verlangt daher, sofort von ihrem Mann nach Hause begleitet zu werden, doch später finden sich Fredrik Egerman und Désirée Armfeldt in der Garderobe der Künstlerin wieder. Als Désirées potenter wie eifersüchtiger aktueller Liebhaber Graf Carl-Magnus Malcolm eintrifft, ist Schluss mit lustig, nach unbeholfenen Erklärungsversuchen setzt er seinen Nebenbuhler vor die Tür. Gräfin Charlotte Malcolm ahnt zwar von der Untreue ihres Mannes, lässt sich aber dennoch überreden, ihrer Freundin Anne von dem Aufeinandertreffen von Fredrik und Carl-Magnus bei Désirée Armfeldt zu berichten. Désirée Armfeldt überzeugt ihre Mutter Madame Leonora Armfeldt, die Egermans und Malcolms zur bevorstehenden Mittsommernacht auf ihren Landsitz einzuladen, was bei allen Beteiligten aus den unterschiedlichen Gründen mit Begeisterung aufgenommen wird. Doch das große Dinner gerät unter reichlichem Alkoholgenuss außer Kontrolle. Henrik hält die Spannung nicht mehr aus und will seinem Leben ein Ende setzen, wird aber in letzter Minute von Anne gerettet, die beiden gestehen sich ihre Liebe und brennen gemeinsam durch. Als Carl-Magnus Fredrik zusammen mit seiner Frau Charlotte findet, die beim Dinner lediglich mit Fredrik geflirtet hat, um Carl-Magnus eifersüchtig zu machen, fordert er den vermeintlich doppelten Rivalen zum Russischen Roulette heraus, bei dem Fredrik sich lediglich leicht verletzt. Schließlich versöhnen sich Carl-Magnus und Charlotte, und Désirée Armfeldt und Fredrik Egerman, der nunmehr vermutet, der Vater von Désirées Tochter Fredrika zu sein, beschließen, es noch einmal miteinander zu versuchen. Madame Leonora Armfeldt erklärt ihrer Enkelin Fredrika, dass die Sommernacht nun bereits zweimal gelächelt habe, einmal für die jungen, unwissenden Leute (Anne und Henrik), und einmal für die zu wenig wissenden Narren (Désirée und Fredrik), und prophezeit ein drittes Lächeln für die zu viel wissenden Alten, bevor sie friedvoll mit Fredrika an ihrer Seite stirbt… zumindest in der Original-Inszenierung von Harold Prince.

Opern- und Theaterregisseur Kay Link (* 1969 in Pforzheim) hat „A Little Night Music“ in Bielefeld mit leichter Hand in der Gegenwart inszeniert und setzt sehr stark auf die komischen Aspekte, die er aus der bittersüßen Melancholie herausgearbeitet hat. Unterstützt wird er dabei von Bühnen- und Kostümbildnerin Cornelia Brey, die mit vielen lustigen Einfällen wie der Darstellung des Quintetts als Seniorengruppe mit Rollatoren oder aber als tanzende Schäfchen im Pausenfinale „Ein Weekend auf dem Lande“ das Zwerchfell beansprucht. Der See auf Madame Armfeldts Anwesen wird durch ein aufblasbares Wasserbecken repräsentiert, das tatsächlich mit Wasser gefüllt ist, so dass Johanna Spantzel und Tom Schimon schließlich klitschnass von der Bühne laufen. Die Bielefelder Philharmoniker bringen Stephen Sondheims Partitur, die in weiten Teilen im Dreivierteltakt geschrieben ist, unter der Musikalischen Leitung von Musical-Kapellmeister William Ward Murta fulminant zu Gehör.

Neben Alexander Franzen (General de Guiche in „Cyrano“, Privatdetektiv Stone in „City of Angels“, Captain Walker in „The Who´s Tommy“), Navina Heyne (Blanche Barrow in „Bonnie & Clyde“) und Melanie Kreuter (Emma Parker in „Bonnie & Clyde“, Sarah in „Company“) als festem Ensemble-Mitglied hat das Theater Bielefeld mit Johanna Spantzel (* 1989 in Jena), Julia Meier (* 1989 in Wuppertal) und Tom Schimon (* 1984 in Wien) gleich drei neue Gesichter für die Hauptrollen in „A Little Night Music“ engagiert: Johanna Spantzel hat nach ihrem Studium im Studiengang „Musical – Show“ an der Universität der Künste Berlin in „Dirty Dancing – Das Original live on Stage“ im Metronom Theater Oberhausen (Premiere: 19. Oktober 2011, Regie James Powell) als Lisa Houseman sowie 2013 im Ensemble bei „Hinterm Horizont“ am Theater am Potsdamer Platz in Berlin mitgespielt, an der Staatsoperette Dresden hat sie als Audrey in „Der kleine Horrorladen“ (Regie Giorgio Madia) und als Brenda Strong in „Catch me if you can“ (Regie Werner Sobotka) mitgewirkt, in diesem Sommer steht sie als Mädchen am Feuer in „Jesus Christ Superstar“ (Regie Christoph Biermeier) und als Sabine in „The Stairways to Heaven“ (Regie Coy Middelbrook) bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall auf der Großen Treppe vor St. Michael. Julia Meier war nach ihrem Studium im Studiengang Musical an der Folkwang Universität der Künste im festen Ensemble der Schauburg München engagiert und hat bei der Uraufführung „Hammerfrauen“ (Premiere 16. Juli 2015, Regie Craig Simmons) am Berliner Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“ als Julia mitgewirkt. Tom Schimon war nach seiner Musical-Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München an der Volksoper Wien in „Die spinnen, die Römer!“ (Premiere 17. Dezember 2011, Regie Werner Sobotka), „Sweeney Todd“ (Premiere 14. September 2013, Regie Matthias Davids) und „My Fair Lady“ (Regie Robert Herzl) und in der aktuellen Spielzeit als Erster Ganove in „Kiss me, Kate“ (Premiere 24. Oktober 2015, Regie Tom Ryser) am Staatstheater Kassel zu sehen, im Lotte Lenya Wettbewerb 2016 wurde er mit dem Carolyn Weber Award ausgezeichent, benannt zur Ehren der Gründungsdirektorin und langjährigen Vizepräsidentin der Kurt Weill Foundation for Music.

Stephen Sondheims Partitur mit ihren raffinierten Ensemble-Sequenzen erfordert durchaus anspruchsvolle vokale Leistungen, die von den Darstellern der Bielefelder Produktion ohne weiteres erfüllt werden. Monika Mayer, die von 1967 bis 2002 zum festen Ensemble am Theater Bielefeld gehörte, ist dem Haus bis heute verbunden und bringt ihre Lebenserfahrung in die Rolle der weisen Madame Armfeldt ein, die sich in „Liaisons“ ihrer eigenen Jugend als Kurtisane erinnert, was ihr nun ein Leben im Luxus ermöglicht. Melanie Kreuter bringt in der Rolle der von ihrem Leben als Tournee-Schauspielerin ebenso frustrierten wie amüsierten Désirée Armfeldt mit der Ballade „Send in the Clowns“, die als einziger Song der Produktion im englischen Original belassen wurde, die zermürbenden Zweifel und Sehnsüchte in Liebesbeziehungen ausgesprochen treffend zum Ausdruck. Johanna Spantzel verleiht der 18-jährigen Anne Egerman mit ihrer Naivität und Ahnungslosigkeit glaubhaft Gestalt, die so gar nicht zu Fredrik passen will. Katharina Solzbacher ist als Gräfin Charlotte Malcolm ihrem Mann hörig, obgleich sie ihn durchschaut, nur mit viel Ironie kann sie überhaupt mit ihm zusammen leben, wo er doch sogar seine Treueschwüre im gleichen Augenblick schon wieder einschränkt. Navina Heyne, die im Verlauf der Handlung als Dienstmädchen Petra mit körperlichen Reizen erst Henrik Egerman, dann Anne Egerman und zu guter Letzt Madame Armfeldts Butler Frid betört, kann schließlich auch mit „Des Müllers Sohn“ gesanglich auf sich aufmerksam machen. Auch die Herren machen in dieser Produktion eine gute Figur: Alexander Franzen als Rechtsanwalt Fredrik Egerman und Tobias Licht als Graf Carl-Magnus Malcolm geben sich im Hinblick auf Komik nichts, auch wenn die Darstellung von Tobias Licht teilweise extrem machohaft daherkommt, wobei er aber eben auch mit heruntergelassenen Hosen eine gute Figur macht. Tom Schimon, der sich in seinem Song „Später“ selbst auf dem Cello begleitet, hat es als Henrik Egerman – von allen mit Ausnahme seiner Halbschwester Fredrika Armfeldt unverstanden – eben auch nicht leicht, da ist sein Suizidversuch beinahe unausweichlich. Frank Bahrenberg (Mr. Lindquist), Katharina Schutza (Mrs. Nordstrom), Engjellushe Duka (Mrs. Anderssen), Carlos H. Rivas (Mr. Erlanson) und Patricia Margagliotta (Mrs. Segstrom) kommentieren bisweilen als Quintett nach Art eines griechischen Chores die spielerisch dargebotenen Facetten der Leidenschaft.

„A Little Night Music (Das Lächeln einer Sommernacht)“ steht noch bis zum 10. Juli 2016 mit insgesamt acht Vorstellungen am Stadttheater Bielefeld auf dem Spielplan. Das ist nicht so viel, und das Musical wird auch nicht so häufig im deutschsprachigen Raum gezeigt, lediglich das Staatstheater am Gärtnerplatz hat im Februar 2016 eine Inszenierung von Josef E. Köpplinger in acht Vorstellungen am Cuvilliéstheater gezeigt, die vom 2. bis 5. März 2017 wiederaufgenommen wird, aber wem es aus West- und Norddeutschland bis nach München zu weit ist, der sollte sich die Chance in Bielefeld womöglich nicht entgehen lassen.

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