Sonntag, 21. Februar 2016

Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“

Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“; Musik, Gesangstexte und Buch: Richard O´Brien; Inszenierung: Johannes Reitmeier; Choreografie: Seân Stephens; Bühne: Michael D. Zimmermann; Kostüme: Andreas Meyer; Lichtdesign: Andreas Gutzmer; Sounddesign: Dirk Lansing; Dramaturgie: Anna Grundmeier; Musikalische Leitung: Wolfgang Wilger. Darsteller: Joachim Gabriel Maaß (Erzähler), Tim Al-Windawe/Peter Rembold (Brad Majors), Bele Kumberger/Sina Jacka (Janet Weiss), Henrik Wager (Frank´n´Furter), Rüdiger Frank/E. Mark Murphy (Riff Raff), Christa Platzer (Magenta), Annika Firley (Columbia), Christian Funk/Arvid Assarsson (Rocky Horror), Lars-Oliver Rühl/Philipp Werner (Eddie), Tomas Möwes (Dr. Everett Scott), Arvid Assarsson, Katrin Bewer, Philipp Georgopoulos (Dance Captain), Andrea Graf, Anna-Lea Knubben, Iris Oppatja, Cedric Sprick. Band: Wolfgang Wilger (Keyboard), Drazen Zalac (Gitarre), Jan Stewart (E-Bass), Karsten Scheunemann (Saxophon), Andy Pilger (Drums). Uraufführung: 19. Juni 1973, The Royal Court Theatre Upstairs, London. Deutschsprachige Erstaufführung: 20. Januar 1980, Grillo-Theater, Essen. Premiere: 20. Februar 2016, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen.



Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“


„Let´s do the Time Warp again“


Joachim Gabriel Maaß (Erzähler). Foto Pedro Malinowski

Sechs Jahre nach „Hair“ (Uraufführung 17. Oktober 1967, Anspacher Theatre, New York) entstand in London die makaber-unkonventionelle Show „The Rocky Horror Show“ – eine irrwitzige Parodie auf Hollywoods B-Movies der 1940er und 1950er Jahre, Transvestiten, kleinbürgerliches Spieß­bürger­tum und Rock´n´Roll-Musik der 1950er und 1960er Jahre. Und obwohl diese stellenweise die Grenzen des guten Geschmacks überschritt, wurde sie nach der Premiere auf der Studiobühne des Royal Court Theatres in London und mehrfachem Theaterwechsel allein in England 2.960 Mal aufgeführt. Am Broadway (Premiere 10. März 1975, Belasco Theatre) geriet das Werk mit nur 45 Vorstellung zu einem veritablen Flop, obwohl es zuvor am Roxy Theatre in Los Angeles (Premiere 24. März 1974) neun Monate erfolgreich gezeigt wurde, entwickelte sich aber seit der Verfilmung als „The Rocky Horror Picture Show“ (1975) zu einem international erfolgreichen Kult-Musical, das Dank seiner unverhohlenen Botschaft und der exzessiv-voyeuristischen Präsentation eine vorwiegend jüngere Fangemeinde gefunden hat. Seine Faszination und Wirkung auf das Publikum sind unvergleichlich. Auch bei Theateraufführungen kommt es immer wieder vor, dass nach ihren Vorbildern bizarr kostümierte und geschminkte Fans mit ihren Kommentaren und Mitmach-Aktionen die Show zu einem übermütigen Bühnen-Spektakel werden lassen.

Henrik Wager (Frank´n´Furter) und Christian Funk (Rocky Horror). Foto Pedro Malinowski

Den Wissenschaftler Dr. Frank N. Furter als exzentrisch zu bezeichnen, wäre noch untertrieben. Die Wirkung seiner hemmungslosen Gier nach seelischer und körperlicher Erfüllung erleben die frisch und vorerst glücklich verlobten Brad Majors und Janet Weiss nach einer schicksalhaften Reifenpanne an einem verregneten Herbstabend. In dem Schloss, in dem sie nach Hilfe suchen, erleben sie statt des erhofften Telefon­gesprächs die Nacht ihres Lebens. Kaum haben sie sich mit der verstörenden Tatsache arrangiert, von Außerirdischen des Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania umgeben zu sein, müssen sie die Geburt des unwiderstehlichen Retortenwesens Rocky miterleben. Im Laufe der folgenden Feierlichkeiten erlebt das Paar Verführungen, die jede Vorstellung sprengen, die ihr Bewusstsein in ungeahnte Galaxien schicken, sie zu neuen Menschen machen. Als der an den Rollstuhl gefesselte Wissenschaftler Dr. Everett Scott auf der Suche nach seinem vermissten Neffen Eddie im Schloss auftaucht, wittert Frank ein Komplott gegen ihn, fesselt die drei Besucher elektronisch an den Boden und inszeniert ein groteskes Bühnen-Happening. Das makabere Geschehen kommt zu einem abrupten Ende, als Riff Raff als Oberhaupt der Außerirdischen und Magenta in Raumanzügen auftauchen und Frank wegen seiner übermäßigen Dekadenz töten. Während die Außerirdischen bereits ins galaktische Transylvanien abheben, können Brad und Janet soeben noch entkommen.

Bele Kumberger (Janet Weiss) und Christian Funk (Rocky Horror). Foto Pedro Malinowski

Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ wurde bereits in der Spielzeit 1993/94 (Premiere 18. Dezember 1993) in einer Inszenierung von Dick Top unter der Musikalischen Leitung von Koen Schoots in Gelsenkirchen gezeigt, seinerzeit mit Raymund Stahl (Erzähler), Timothy Breese (Brad Majors), Anke Sieloff (Janet Weiss), José Hernán/Florian Schneider (Frank N. Furter), Olaf Meyer (Riff Raff), Katy Karrenbauer, später Gudrun Schade (Magenta), Veronika Maruhn (Columbia), Anthony Sands (Rocky Horror) und Thorsten Kaphahn (Eddie/Dr. Everett Scott). Dick Top ließ Frank´n´Furters Schloss am Ende verbrennen und Janet Weiss und Brad Majors Rocky Horror als Waisenkind adoptieren. 22 Jahre später hat Johannes Reitmeier, seit der Spielzeit 2012/13 Intendant des Tiroler Landestheaters Innsbruck, das Bühnen-Spektakel im Kleinen Haus neu inszeniert, Anke Sieloff ist zwar immer noch im festen Ensemble am Musiktheater im Revier, spielt aber diesmal nicht mit. Johannes Reitmeier hat Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ am Musiktheater im Revier erstmals in Szene gesetzt, er verlegt die Handlung in die Ruine eines tschechischen Stein­kohlen­berg­werkes (Bühne Michael D. Zimmermann) und zeigt seine eigene, individuelle Sicht auf die trashige Geschichte auf der Bühne. Wenn Trixie zu Beginn mit ihrem Song „Science Fiction/Double Feature“ die Spielfläche betritt, werden die Filmplakate der im Song erwähnten B-Movies „The Day the Earth stood still“ (1951), „Flash Gordon“ (1936), „The invisible man“ (1933), „King Kong“ (1933), „It came from outer Space“ (1953), „Doctor X“ (1932), „Forbidden Planet“ (1956), „Tarantula“ (1955), „The Day of the Triffids“ (1962), „Night of the Demon“ (1957) und „When worlds collide“ (1951) auf einen Gaze-Vorhang projiziert (der Urheber des ansprechenden Videodesigns ist bedauerlicherweise nirgends namentlich aufgeführt). Der Erzähler ist in Johannes Reitmeiers Inszenierung in die Handlung eingebunden und tritt dementsprechend nicht – wie im Film – lediglich als Historiker in Erscheinung. Eddie kommt später – passend zur Zechenbrache – als Bergmann (Kostüme Andreas Meyer) in einer Kohlenlore auf die Bühne gefahren und wird in selbiger von Frank´n´Furter mit der Kettensäge zerlegt, was allerdings mit weitaus weniger Blutvergießen verbunden ist als man dies üblicherweise gewohnt ist, wenn Eddie hinter den Kulissen getötet wird. Richtig trashig wäre es gewesen, wenn die Einzelteile im hohen Bogen aus der Kohlenlore geflogen kämen, aber so… boring. Zumal Eddie im Anschluss quicklebendig die Pause ankündigt. Die fünfköpfige Band um Wolfgang Wilger als Musikalischem Leiter am Keyboard ist am linken Bühnenrand auf einem Gerüst platziert, die Abmischung mit den Darstellern (Sounddesign Dirk Lansing) war bei der Premiere allerdings noch verbesserungsbedürftig, einige Darsteller waren passagenweise überhaupt nicht zu verstehen. Das mag Fans mit soliden Textkenntnissen nicht weiter stören, aber es mag auch Zuschauer geben, die verstehen wollen, was auf der Bühne vor sich geht.

Annika Firley (Columbia), Christian Funk (Rocky Horror), Henrik Wager (Frank´n´Furter), Bele Kumberger (Janet Weiss), Tim Al-Windawe (Brad Majors) und Tomas Möwes (Dr. Everett Scott). Foto Pedro Malinowski

Was Zuschauerkommentare und Mitmach-Aktionen anbelangt, so wird am Musiktheater im Revier – insbesondere im direkten Vergleich zur Wiederaufnahme am Theater Hagen – ein klein wenig mit angezogener Handbremse gefeiert. In der Theaterzeitung war im Vorfeld zu lesen, man wolle „Anarchie mit Stil“, dementsprechend war in der Fan-Tüte für 6 Euro kein Reis zu finden, keine kompletten Rollen Toilettenpapier, und zur Simulation des Wolkenbruchs, in dem Brad und Janet an ihrem Auto der Reifen platzt, Wasser in homöopathischen Dosen in kleinen Einwegspritzen. Am Eingang wird explizit darauf hingewiesen, keine eigenen Wurfutensilien mitzubringen. Ein „Wegweiser“ durch die „Rocky Horror Show“ soll den Besuchern Hilfestellung leisten und mit den Gepflogenheiten während der Vorstellung vertraut machen. Von Anarchie kann hier aber nicht einmal ansatzweise die Rede sein, lediglich ein Zuschauer in der letzten Reihe im Parkett fand den Erzähler sogar so langweilig, dass er lautstark im zweiten Akt sein Geld zurückverlangte. Auf der anderen Seite liegt dadurch der Fokus deutlich stärker auf dem Bühnengeschehen.

Christa Platzer (Magenta) und Rüdiger Frank (Riff Raff). Foto Pedro Malinowski

Henrik Wager ist nach seinen Interpretationen des dekadenten Transvestiten auf der Wilhelmsburg in Ulm (Regie Daniel Ris, Premiere 26. Mai 2011) und am Theater Hagen (Regie Holger Hauer, Premiere 14. Januar 2012, Wiederaufnahme 26. Januar 2016) auch in Gelsenkirchen als Frank´n´Furter zu erleben, als Kontrast zu üblichen Inszenierungen und der übermächtigen Filmvorlage nahezu die gesamte Vorstellung ohne Perücke. Neben dem Transvestiten, der wie gewöhnlich in High Heels, Strapsen und Korsage über die Bühne stöckelt, zeigt Henrik Wager hier die Viel­schichtig­keit der Figur, den exzentrischen Wissenschaftler und dessen latente Verletzlichkeit. Christian Funk (Rocky Horror) sieht als goldener Adonis nicht nur ausgesprochen gut aus, da weiß man, wofür die Schinderei im Sportstudio gut ist, dafür dürften wohl mehr als sieben Tage Training nötig sein („In just seven days I can make you a man“), sondern kann – anders als Peter Hinwood, der Darsteller des Rocky in der „Rocky Horror Picture Show“, dessen Part vom australischen Sänger Trevor White synchronisiert wurde – auch gesanglich in seiner Rolle überzeugen. Seân Stephens hat in Anlehnung an die Kinofassung „The Rocky Horror Picture Show“ ebenfalls Rock´n´Roll-Sequenzen mit Hebungen und eben jene Stepptanz-Nummer im „Time Warp“ in seine Choreografie aufgenommen, in der Columbia solistisch im Vordergrund steht – stehen sollte, denn in Gelsenkirchen gehen die Stepp­schritte von Annika Firley gnadenlos im Mitklatschen der Zuschauer unter, und ihre Füße sind in der letzten Reihe im Parkett sowieso unmöglich zu sehen. Rüdiger Frank (Riff Raff) und Christa Platzer (Magenta) geben ein recht verschrobenes Geschwisterpaar ab, „Star Trek“ und „Raumschiff Enterprise“ lassen schön grüßen, wenn die beiden im 2. Akt mit „Laserschwert“ und „Phaser“ dem dekadenten Treiben von Frank’n’Furter ein Ende bereiten. Tim Al-Windawe und Bele Kumberger geben als Brad Majors und Janet Weiss ein eher unauffälliges Paar ab, doch Janet ist, obwohl sie gegenüber Frank bekundet, keine Männer mit Muskeln zu mögen, vom ersten Augenblick an von Rocky angetan, lange bevor sie von Frank zum allerersten Mal verführt wird. Brads Heiratsantrag mit großen Sahnetortenstücken ist natürlich der Choreografie geschuldet, aber wer weiß, Liebe geht bekanntlich durch den Magen… Irgendwo muss es schließlich seine Ursache haben, dass Janet Brad als dick bezeichnet. Lars-Oliver Rühl (Eddie), Tomas Möwes (Dr. Everett Scott) sowie Joachim Gabriel Maaß, der „Boring“-Rufe aus dem Publikum als Erzähler geflissentlich ignoriert, sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Tim Al-Windawe (Brad Majors) und Bele Kumberger (Janet Weiss). Foto Pedro Malinowski

Das Premierenpublikum feierte Darsteller und Kreative nach etwa zweieinhalbstündiger Aufführung begeistert mit Stehapplaus. Johannes Reitmeier weiß mit seinem Regiekonzept durchaus zu überzeugen, zumal große Teile des gesetzteren Publikums in der ehemaligen Montanregion mit der Verortung auf einer Industriebrache zweifellos etwas anfangen können. Die Stimmung im Auditorium war ausgelassen, und kleine technische Unzulänglichkeiten dürften sich mit Leichtigkeit beheben lassen. Richard O´Brien´s „The Rocky Horror Show“ steht am Musiktheater im Revier im Kleinen Haus mit insgesamt 30 Vorstellungen bis 10. Juli 2016 auf dem Spielplan. Eines kann man jedoch schon heute sagen: Ein ähnlicher Boom wie in den 1990er-Jahren, als „The Rocky Horror Show“ nach mehr als 50.000 Besuchern in den „Blue Moon Musikzirkus“ Gelsenkirchen transferiert wurde, ist aktuell nicht zu erwarten. Selbst wenn alle 30 Vorstellungen mit einer Auslastung von 100 % gespielt werden, haben am Ende in der Spielzeit 2015/16 lediglich 10.000 Besucher die aktuelle Inszenierung gesehen.

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