Dienstag, 26. Januar 2016

Theater im Rathaus Essen: „Kiss me, Kate“

„Kiss me, Kate“ – in Anlehnung an William Shakespeares „The Taming of the Shrew“ („Der Widerspenstigen Zähmung“); Musik, Liedtexte: Cole Porter; Buch: Samuel und Bella Spewack; Regie: Hartwig „Hardy“ Rudolz; Choreografie: Marie-Christin Zeisset; Bühne: Eva Humburg; Kostüme: Claudia Kuhr; Lichtdesign: Rolf Spahn; Musikalische Supervision: Heiko Lippmann. Darsteller: Guido Weber (Fred Graham/Petruchio), Beatrix Reiterer (Lilli Vanessi/Katharina Minola), Sophie Blümel (Lois Lane/Bianca, Dance Captain), Marco Toth (Bill Calhoun/Lucentio), Reinhard Brussmann (Harry Trevor/Baptista Minola), Denis Edelmann (Ralph, Inspizient), Nils Schwarzenberg (Hattie, Lilli Vanessis Garderobiere), Fehmi Göklü (Paul, Fred Grahams Garderobier), Jan Reimitz (Erster Ganove), Guido Kleineidam (Zweiter Ganove), Reinhard Brussmann (General Harrison Howell), Timothy Roller (Gremio, erster Freier), Angelo Canonico (Hortensio, zweiter Freier), Lisandra Bardél, Vera Weichel, Marion Wulf. Piano: Andrew Hannan, Gela Megrelidze. Uraufführung: 18. Dezember 1948, New Century Theatre, New York City. West End Premiere: 8. März 1951, Coliseum Theatre, London. Deutsche Erstaufführung: 19. November 1955, Städtische Bühnen, Frankfurt am Main. Premiere: 25. Januar 2016, Theater im Rathaus Essen.



„Kiss me, Kate“


Der Broadway-Klassiker am Theater im Rathaus Essen


Die Musicals „Cabaret“, „Jesus Christ Superstar“, „Kiss me, Kate“ oder „My fair Lady“ werden an deutschen Stadt­theatern häufig auf den Spielplan gesetzt, weil sie vom Publikum geschätzt werden und entsprechend volle Häuser garantieren. Das dürfte auch bei der Produktion der Konzertdirektion Landgraf nicht viel anders aussehen, die vom 25. Januar bis 1. März 2016 im Theater im Rathaus Essen zu sehen ist. Nachdem „Kiss me, Kate“ von Cole Porter (Musik, Lyrics) und Samuel und Bella Spewack (Buch) am 30. Dezember 1948 am Broadway am New Century Theatre uraufgeführt wurde, wurde es bei der dritten Tony Awards Verleihungszeremonie im darauffolgenden Jahr – bei der erstmals Musicals ausgezeichnet wurden – mit fünf der begehrten Auszeichnungen geehrt: „Best Musical“, „Best Autor (Musical)“ an Samuel und Bella Spewack, „Best Original Score“ an Cole Porter, „Best Costume Design“ an Lemuel Ayers und „Best Producer of a Musical“ an Saint Subber und Lemuel Ayers. Es wurde im Juli 1950 an das Shubert Theatre transferiert, am 28. Juli 1951 fiel nach insgesamt 1.077 Aufführungen der letzte Vorhang. Musicals, deren Original­produktion im En-suite-Spielbetrieb mehr als 1.000 Aufführungen erreicht haben, waren in den 1950er-Jahren noch recht überschaubar. Am 19. November 1955 wurde das Musical im Frankfurter Börsensaal erstmals in Deutschland aufgeführt, und innerhalb nur weniger Monate kamen mehrere, höchst unterschiedliche Produktionen auf die deutsch­sprachigen Bühnen. In der Wiener Volksoper bevorzugte man eine neue Bearbeitung von Marcel Prawy (Premiere 14. Februar 1956), die sich aber gegenüber der Übersetzung des Berliner Kabarettisten Günter Neumann nicht durchsetzte. Die aktuelle Inszenierung von Hartwig „Hardy“ Rudolz basiert auf dem Broadway-Revival aus dem Jahr 1999 (Martin Beck Theatre, Premiere 18. November 1999, neue Orchestrierung von Don Sebesky), mit den deutschen Texten von Günter Neumann in einer Neufassung von Peter Lund. Sie wurde als Tournee-Produktion konzipiert und ist bereits seit November letzten Jahres im deutschsprachigen Raum zu sehen.

Guido Weber (Petruchio) und Ensemble; © Bernd Boehner

Während einer Aufführung einer musikalischen Version der Komödie über die Zähmung der widerspenstigen Katharina durch den Frauenhelden Petruccio in Baltimore fechten die Akteure um den Regisseur und Hauptdarsteller Fred Graham und dessen Ex-Frau Lilli Vanessi auch im privaten Leben ähnliche Zwistigkeiten hinter den Kulissen aus wie die Spielfiguren auf der Bühne. Es ist ein Spiel im Spiel, bei dem beide Handlungsstränge für den turbulenten Fortgang der Handlung sorgen. Während Fred Graham noch immer Gefühle für seine ehemalige Frau empfindet, flirtet er gleichzeitig mit Lois Lane, die die Rolle von Katherinas Schwester Bianca spielt. Deren Lebenspartner Bill Calhoun sorgt für einige Verwirrung, indem er beim Glücksspiel einen Schuldschein mit Fred Grahams Namen unterschreibt, woraufhin zwei Gangster die finanziellen Forderungen bei diesem einzutreiben versuchen. Fred wiederum hindert mithilfe der beiden Revolverhelden die eifersüchtige Lilli daran, die Show vorzeitig zu verlassen und dem Werben ihres Verlobten General Harrison Howell um ihre Gunst nachzugeben. Doch bevor sich Katherina auf der Bühne folgsam mit der weiblichen Gehorsamspflicht gegenüber dem Mann einverstanden erklärt, müssen erst etliche Missverständnisse und konfliktreiche Situationen geklärt werden.

Beatrix Reiterer (Katharina Minola), Guido Weber (Petruchio) und Ensemble; © Bernd Boehner

„Kiss me, Kate“ spielt mit der typischen Rollenverteilung und den Geschlechter-Klischees in der patriarchalischen Gesellschaft, mit seiner Aussage „Die Frau sei dem Manne untertan“ ist das Stück typisch für seine Zeit. Regisseur Hartwig „Hardy“ Rudolz greift diese Klischees in seiner Inszenierung geistreich und mit viel Humor auf, um ihnen mit einem Augenzwinkern schlussendlich den Boden zu entziehen: Im Finale legt Katharina tatsächlich ihre Hand unter Petruccios Fuß, doch die steckt im Handschuh einer Ritterrüstung, der mit einer scharfen Spitze versehen ist. Eva Humburg zeichnet für das tourneetaugliche Bühnenbild verantwortlich, das mit vier Bühnenwagen sowohl als Kulisse für die Aufführung von „Der Widerspenstigen Zähmung“ als auch für den Bereich hinter der Bühne fungiert und mit zusätzlichen aufklappbaren Kisten auf Rollen in die Künstlergarderoben von Fred Graham und Lilli Vanessi verwandelt werden kann. Der Bühnenumbau zwischen den Szenen wird von den Darstellern selbst vorgenommen und wird, indem diese mit den Kulissen und Requisiten spielen, keinesfalls als störend empfunden. Claudia Kuhr hat die originellen Kostüme entworfen, in der Rahmenhandlung wähnt man sich tatsächlich in aktuellen Proben im Theater, wohingegen man in Padua, wo „Der Widerspenstigen Zähmung“ spielt, in eine bunte Phantasiewelt entführt wird, unterstützt durch das stimmige Lichtdesign von Rolf Spahn. Hardy Rudolz vertraut auf den hohen Unterhaltungswert der Choreografien von Marie-Christin Zeisset, die den Darstellern profunde Stepptanz-Kenntnisse abverlangen und beim Publikum für viel Begeisterung sorgen. Möglicherweise aufgrund der beengten Platzverhältnisse auf der Studiobühne ist das Ensemble für die Aufführungen in Essen um zwei Akteure reduziert worden, das fällt nur demjenigen auf, der weiß, dass bei der Tournee 17 Darsteller auf der Bühne agieren. Gela Megrelidze und Andrew Hannan bringen Cole Porters womöglich erfolgreichste Partitur auf zwei Keyboards am rechten Bühnenrand zu Gehör, die insgesamt 14 Musiker der Big Band des Bulgarischen Nationalen Rundfunks, die bei der Tournee spielen, wären unmöglich auf der Bühne unterzubringen, und einen Orchestergraben gibt es im Theater im Rathaus Essen nicht.

Beatrix Reiterer (Katharina Minola); © Bernd Boehner

Als Protagonisten stehen Guido Weber und Beatrix Reiterer in den Hauptrollen Fred Graham/Petruchio und Lilli Vanessi/Katherina Minola am Theater im Rathaus Essen auf der Bühne. Die beiden Darsteller harmonieren gesanglich sehr gut miteinander, das klingt nicht nur im gleichnamigen Duett der beiden wunderbar, eine Reminiszenz an den Wiener Walzer. Darstellerisch gibt Beatrix Reiterer als Katherina Minola mit ihren kratzbürstigsten Ausbrüchen und dem Besen ganz die „Hexe“, in ihrem Song „Kampf dem Mann“ macht sie unmissverständlich deutlich, was aus ihrer Sicht von der Spezies Mann zu halten ist. Guido Weber, der diese Rolle bereits im Sommermusical 2012 am Landestheater Linz gespielt hat (Premiere 16. August 2012, Regie Magdalena Fuchsberger), weiß als gewitzter, schlagfertiger Fred Graham/Petruchio mit nahezu grenzenlosem Selbstbewusstsein zu überzeugen, sei es, dass er auf offener Szene gegenüber seiner Bühnenpartnerin handgreiflich wird und sie zu domestizieren versucht, oder dass er sich auch noch die Anwesenheit der beiden Ganoven zunutze macht, um Lilli zum Bleiben zu zwingen. Die übrigen Rollen sind ausnahmslos mit ausgebildeten Musical-DarstellerInnen stimmig besetzt: Sophie Blümel als Freds neuer Schwarm Lois Lane/Katherinas Schwester Bianca, die besonders mit ihrem Song „Aber treu bin ich nur dir“ im zweiten Akt gefällt, aber auch im Ensemble eine gute Figur macht, Marco Toth in der nahezu bedeutungslosen Rolle des Glücksspielers Bill Calhoun/Edelmanns Lucentio, der aber im zweiten Akt mit seinem Song „Bianca“ und der dazugehörigen Stepptanz-Choreografie sowohl gesanglich als auch tänzerisch auf sich aufmerksam machen kann, Dennis Edelmann als Inspizient Ralph, Fehmi Göklü als Ankleider Paul, Timothy Roller und Angelo Canonico als Biancas Freier Gremio und Hortensio. Sie alle verstärken auch das spielfreudige Ensemble (Lisandra Bardél, Vera Weichel, Marion Wulf), das für den hohen Unterhaltungswert der choreografierten Szenen mitverantwortlich ist und den jazzig swingenden, von Fehmi Göklü angeführten Song „Es ist viel zu heiß“ zum eindeutigen Highlight der Aufführung gestaltet. Reinhard Brussmann ist als Harry Trevor/Baptista Minola sowie als General Harrison Howell in drei Sprechrollen zu sehen und macht in der Rolle des Generals einen stattlichen Eindruck.

Nils Schwarzenberg (Hattie) und Ensemble; © Bernd Boehner

Für ein weiteres Highlight – besser gesagt den Gag des Abends – sorgt neben Jan Reimitz und Guido Kleineidam, die als Ganoven mit „Schlag nach bei Shakespeare“ dem Schriftsteller Tribut zollen, Nils Schwarzenberg als Lilli Vanessis Garderobiere Hattie. Er spielt ebenfalls mit den Geschlechter-Klischees, legt die Rolle mal weiblich, mal tuntenhaft an, schlüpft im zweiten Akt in ein rotes Kleid und gibt mit Federboa den Song „Wenn man mich nur ließ“ zum Besten, während das Herrenensemble mit Zylindern um ihn herumtanzt. (Paul: „Lasst die alten Schlachtrösser wieder auf die Bühne.“) Die Szene wirkt wie das Pedant zur Szene im ersten Akt, als das Damenensemble mit Federboas um Fred Graham herumtanzt.

„Kiss me, Kate“ in der Inszenierung von Hardy Rudolz kann auch am Theater im Rathaus Essen überzeugen und bietet zweidreiviertel Stunden humorvolle Unterhaltung. Die Darsteller wurden zu Recht mit viel Applaus bedacht. „Kiss me, Kate“ steht noch bis zum 1. März 2016 auf dem Spielplan.

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