Samstag, 17. Oktober 2015

„Liebe stirbt nie – Phantom II“

„Liebe stirbt nie – Phantom II“ – nach dem Roman „The Phantom of Manhattan“ (1999) von Frederick Forsyth; Musik: Andrew Lloyd Webber; Gesangstexte: Glenn Slater, Charles Hart; Buch: Andrew Lloyd Webber, Ben Elton, Glenn Slater, Frederick Forsyth; Deutsche Bearbeitung: Wolfgang Adenberg; Inszenierung: Simon Phillips; Choreografie: Graeme Murphy; Bühne, Kostüme: Gabriela Tylesova; Lichtdesign: Nick Schlieper; Sounddesign: Mick Potter; Musikalische Leitung: Bernhard Volk. Darsteller: Gardar Thor Cortes (Das Phantom), Rachel Anne Moore (Christine, Vicomtess de Chagny), Yngve Gasoy Romdal (Raoul, Vicomte de Chagny), Masha Karell (Madame Giry), Ina Trabesinger (Meg Giry), Kim Benedikt Korkus (Gustave), Lauren Barrand (Fleck), Paul Tabone (Squelch), Jak Allen-Anderson (Gangle), Marie-Therese Anselm, Alex Avenell, Bianca Benjamin, Pieter Casteleyn, Connor Collins, Tyler Donahue, CJ Field, Stef van Gelder, Holly Hylton, Björn Klein, Anastasia Kutina, Chiara Ludemann, Robert David Marx, Robert Meyer, Leisha Mollyneaux, Lucina Scarpolini, Ulrich Talle. Uraufführung: 9. März 2010, Adelphi Theatre, London. Deutschsprachige Erstaufführung der konzertanten Fassung: 18. Oktober 2013, Ronacher, Wien. Deutsche Erstaufführung: 15. Oktober 2015, Operettenhaus Hamburg. Besuchte Vorstellung: 14. Oktober 2015.



„Liebe stirbt nie – Phantom II“


Deutsche Erstaufführung am Operettenhaus Hamburg


Die Freaks von Coney Island; Foto Morris Mac Matzen, © Stage Entertainment

Das am 9. Oktober 1986 uraufgeführte Musical „The Phantom of the Opera“ gilt mit über 130 Millionen Besuchern weltweit als das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Der Schriftsteller Frederick Forsythe schrieb auf Andrew Lloyd Webbers Anregung hin den Roman „The Phantom of Manhattan“ (1999), in dem er schildert, was mit dem Phantom nach der Flucht aus dem Pariser Opernhaus geschehen ist und wie sich die Geschichte von Christine und Raoul zugetragen hat. Bereits 1990 entwickelte Andrew Lloyd Webber die ersten Pläne für eine Fortsetzung. Nachdem er eine Dokumentation über die Entwicklung der Vergnügungsparks und Freakshows auf Coney Island zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesehen hatte, war er sich sicher, dass die Fortsetzung dort spielen sollte. Am 9. März 2010 fand die mit großer Spannung erwartete Uraufführung von „Love Never Dies“ von Andrew Lloyd Webber, Glen Slater, Ben Elton und Frederick Forsythe im Londoner Adelphi Theatre statt, wo es nach einer Überarbeitung im Dezember 2010 bis 27. August 2011 gespielt wurde. Nach der ersten Spielserie in London feierte das Musical in einer weiterentwickelten Fassung in Melbourne (21. Mai 2011, Regent Theatre), Sydney (12. Januar 2012, Capitol Theatre) und Kopenhagen (24. Oktober 2012, Det Ny Teater) Premiere. Eine Live-Aufnahme der australischen Inszenierung in Melbourne ist 2012 auf DVD und Blu-ray Disc erschienen.

Gardar Thor Cortes (Das Phantom) und Rachel Anne Moore (Christine, Vicomtess de Chagny); Foto Brinhoff/Mögenburg, © Stage Entertainment

1907, rund 10 Jahre nach den dramatischen Ereignissen an der Pariser Oper, betreibt das Phantom auf Coney Island, der glitzernden Welt der New Yorker Vergnügungsparks, eine Vaudeville-Bühne. Doch selbst dieser prächtige Ort vermag ihn nicht über den Verlust seiner großen Liebe Christine hinwegzutrösten. Inkognito engagiert er die inzwischen weltberühmte Sopranistin für seine Show. Bald muss Christine, die mit ihrem Mann Raoul und ihrem 10-jährigen Sohn Gustave angereist ist, die Wahrheit erkennen. Und während ein aufgrund seiner Spielsucht hoch verschuldeter Raoul sich dem Alkohol hingibt, schwelgen das Phantom und Christine in Erinnerungen an ihre letzte gemeinsame Nacht in Paris und enthüllen ein völlig anderes Ende der Verfolgungsjagd vor so vielen Jahren. Das Phantom überredet den von Selbsthass geplagten Raoul zu einer verhängnisvollen Wette: Sofern Christine wie geplant auftritt, müsse Raoul die Insel allein verlassen. Singt sie nicht, will das Phantom alle Schulden des Ehepaars begleichen und aus ihrem Leben verschwinden. Doch während das fatale Ränkespiel um Liebe, Zurückweisung und Eifersucht immer weiter eskaliert, übersehen die Beteiligten, dass Gefahr von einer ganz anderen Seite droht, denn Madame Giry hatte dem Phantom zu dessen Flucht nach Amerika verholfen und befürchtet wie ihre Tochter Meg, Christine könne ihnen ihren Platz an der Vaudeville-Bühne des Phantoms streitig machen…

Ina Trabesinger (Meg Giry) und die Oh-La-La-Girls; Foto Morris Mac Matzen, © Stage Entertainment

Im Hamburger Operettenhaus kommt die australische Neuinszenierung von „Love Never Dies“ von Simon Phillips mit der opulenten Ausstattung von Bühnen- und Kostümbildnerin Gabriela Tylesova zur Aufführung, die einige Parallelen zum von Harold Prince inszenierten und Maria Björnson ausgestatteten ersten Teil erkennen lässt, der vom 29. November 2013 bis 30. September 2015 im Theater Neue Flora zu sehen war und ab 12. November 2015 im Metronom Theater in der Neuen Mitte Oberhausen gezeigt wird. Beispielhaft sei die Rampe genannt, auf der sich das Phantom bewegt, oder der Spiegel, durch den es den Raum betritt. Die Bühnenbilder sind deutlich an Coney Island zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelehnt, wobei der Phantasie der Zuschauer genügend Spielraum gelassen wird. So erkennt man beispielweise eine Achterbahn – „Flip Flap Railway“ im „Sea Lions Park“ auf Coney Island war 1895 die erste Achterbahn mit einem Looping in Nordamerika, das Zirkuszelt darf genauso wenig fehlen wie die Freak Show, in denen deformierte Menschen zur Schau gestellt werden. Letzten Endes gibt es so viel zu sehen, dass man gar nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Im Mittelpunkt der Handlung steht abermals die Frage, ob sich Christine letzten Endes für das Phantom oder Raoul entscheidet, aber viele aus dem ersten Teil bekannte Dinge werden in der Fortsetzung geradezu auf den Kopf gestellt, so dass sich mir die Frage stellt, ob man „Liebe stirbt nie“ nicht besser als eigenständiges Musical betrachten sollte oder eben als zweiten Teil der Geschichte um das Phantom, wie es der Untertitel „Phantom II“ nahe legt. Tatsächlich ist die Kenntnis der ersten Teils nicht erforderlich, um „Liebe stirbt nie“ mühelos folgen zu können, die genauere Kenntnis wirft sogar eher Fragen auf. Auf der anderen Seite ist es natürlich angesichts des großen Erfolges von „The Phantom of the Opera“ verständlich, „Love never dies“ als dessen Fortsetzung zu vermarkten, das an den Erfolg des Originals anknüpfen soll.

Gardar Thor Cortes (Das Phantom) und Rachel Anne Moore (Christine, Vicomtess de Chagny); Foto Brinhoff/Mögenburg, © Stage Entertainment

Andrew Lloyd Webber hat in „Liebe stirbt nie“ Elemente der leichten Operette mit seinen typischen Balladen verbunden, sogar rockige Töne sind zu hören, für die Hamburger Inszenierung hat er eigens Sequenzen neu komponiert (u. a. in „Wo die Schönheit sich verbirgt“/„The Beauty Underneath“). Natürlich sind auch diverse musikalische Reminiszenzen an den ersten Teil eingestreut, wobei man auch den neuen Melodien teilweise Ohrwurmpotential zuschreiben kann, allen voran dem Titelsong „Liebe stirbt nie“/„Love Never Dies“. Andrew Lloyd Webber hatte den Song ursprünglich für eine mögliche Fortsetzung von „The Phantom of the Opera“ geschrieben, ihn aber dann als „Our Kind of Love“ in „The Beautiful Game“ (Uraufführung 26 September 2000, Cambridge Theatre, London) verwendet, bevor er schließlich dort wieder gestrichen und in „Love Never Dies“ seine zugedachte Bestimmung erhielt. Das 14-köpfige Orchester unter der Musikalischen Leitung von Bernhard Volk wird der Partitur vollkommen gerecht, der Sound ist zwar nicht mit großen Symphonieorchestern zu vergleichen, die man an subventionierten Stadt- und Staatstheatern zu hören bekommt, dürfte aber in Ermangelung des direkten Vergleichs die meisten Zuschauer auch völlig zufrieden stellen. Die wenigsten Besucher in Hamburg dürften das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien im Oktober 2013 bei der konzertanten Aufführung des Musicals im Ronacher im Rahmen der „Musicals in Concert“-Reihe selbst erlebt haben.

Die Freaks von Coney Island; Foto Brinhoff/Mögenburg, © Stage Entertainment

Das internationale Ensemble wird vom isländischen Tenor Gardar Thor Cortes (41) und die amerikanische Sopranistin Rachel Anne Moore (30) als Phantom und Christine Daaé angeführt, die zuvor die Rolle der Primadonna Carlotta Guidicelli in „Das Phantom der Oper“ im Theater Neue Flora gespielt hat. Glaubhaft bringt Gardar Thor Cortes bereits in seinem ersten Song „So sehr fehlt mir dein Gesang“/„Till I hear you sing“ die Sehnsucht des Phantoms zu seiner geliebten Christine zum Ausdruck, die es antreibt und sein Handeln bestimmt. Rachel Anne Moores Christine hat als weltberühmte Sopranistin verständlicherweise ihre Unbekümmertheit aus dem ersten Teil verloren und erliegt abermals der Faszination des Phantoms. Leidenschaftlich interpretiert sie im Phantasma, der Vaudeville-Bühne des Phantoms, im aufwendigen Pfauen-Kleid den Titelsong, der vom Publikum heftig akklamiert wurde. Der heroische Raoul aus dem ersten Teil ist in „Liebe stirbt nie“ zum von Selbsthass und Schuldgefühlen getriebenen Trinker geworden, in seinem Duett „Wer verliert, geht unter“ mit dem Phantom weiß der Norweger Yngve Gasoy-Romdal (47) dennoch für sich einzunehmen. Auch wenn man die Gründe für die Wandlung der Figur nicht vollständig erfährt („Welche Gründe hat sie“/„Why does she loves me?“), so empfindet man an dieser Stelle doch so etwas wie Mitleid für Raoul. Masha Karell gelingt es als verbitterte Madame Giry eindrücklich, Antipathie zu wecken. Die gebürtige Kärntnerin Ina Trabesinger (33) lässt als aufstrebende Vaudeville-Künstlerin Meg Giry, im ersten Teil eine gute Freundin von Christine, die Entwicklung zur eifersüchtigen Rivalin glaubhaft nachvollziehen, die völlig verstört Christines Sohn Gustave im Meer ertränken will. Mit der Burleske „Badenixe“/„Bathing Beauty“ gelingt es ihr spielend leicht, die Zuschauer in dem ansonsten ernsten Stück zum Schmunzeln zu bringen. Überzeugend agiert auch das mit der britischen Schauspielerin Lauren Barrand (Fleck), dem Australier Paul Tabone (Squelch), der bereits bei den Produktionen von „Love Never Dies“ in Melbourne und Sydney mitgewirkt hat, und dem Briten Jak Allen-Anderson (Gangle) besetzte Freak-Trio. Christines 10-jähriger Sohn Gustave wird alternierend von zehn Jungen dargestellt, in der besuchten Vorstellung stand Kim Benedikt Korkus, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund, auf der Bühne, der seinen gar nicht mal so kleinen Part mit Bravour gemeistert hat.

Rachel Anne Moore (Christine, Vicomtess de Chagny) singt „Liebe stirbt nie“; Foto Brinhoff/Mögenburg, © Stage Entertainment

Wenn man über leichte Schwächen im Libretto hinwegsieht, so unterhält „Liebe stirbt nie – Phantom II“ im Hamburger Operettenhaus mit wundervollen Melodien, einer opulenten Ausstattung und großartigen Darstellern auf hohem Niveau. Das Publikum in der letzten Preview zeigte sich von der Leistung der Darsteller begeistert und zollte ihnen augenblicklich Stehapplaus.

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