Sonntag, 20. September 2015

„Ragtime – Das Musical“

„Ragtime – Das Musical“ – nach dem gleichnamigen Roman von E. L. Doctorow (1975); Musik: Stephen Flaherty; Lyrics: Lynn Ahrens; Buch: Terrence McNally; Deutsche Bearbeitung (Dialoge): Roman Hinze; Inszenierung: Philipp Kochheim; Choreografie: Kati Farkas; Bühne: Thomas Gruber; Kostüme: Mathilde Grebot; Licht: Kristina Jedelsky; Ton: Jörg Jedamski, Matthias Schütte; Dramaturgie: Christian Steinbock; Musikalische Leitung: Georg Menskes. Darsteller: Alvin Le Bass (Coalhouse Walker, Jr.), Patricia Meeden (Sarah), Mike Garling (Vater), Monika Staszak (Mutter), Peter Peiner/Fabian Zöllner (Edgar, ihr junger Sohn), Markus Schneider (Mutters jüngerer Bruder), Tadeusz Nowakowski (Großvater), Randy Diamond (Tateh), Johanna Terschlüsen/Vivien Zöllner (seine kleine Tochter), Tina Ajala (Sarahs Freundin), Sonja Tièschky (Emma Goldman, Anarchistin), Nathalie Parsa (Evelyn Nesbit, Schauspielerin), Philipp Georgopoulos (Harry Houdini, Entfesselungs­künstler), Darrin Lamont Byrd (Booker Taliaferro Washington, Schwarzen­rechtler), Krzysztof Gasz (Henry Ford, Automobilhersteller/Juryvorsitzender/Charles Seymour Whitman, Governor/Passant), Leszek Wos (John Pierpont Morgan, Financier/Polizist), Georg Michalkov (Richter/Gerichtsdiener/Mann), Aleksandr Bukreev (Admiral Robert Edwin Peary, Polarforscher/Feuerwehrmann), Andreas Sebastian Mulik (Weißer Anwalt/Reporter), Marcellus Mauch (Polizist/Reporter/Harry Kendall Thaw, Millionärserbe/Bürokrat), Sebastian Matschoß (Willie Conklin, Brandmeister/Stanford White, Architekt/Polizist), Romuald Jasinski (Feuerwehrmann/Assistent), Uwe Hornecker (Feuerwehrmann), Valentino McKinney (Matthew Alexander Henson, der erste afro­ame­ri­ka­nische Polarforscher, Admiral Pearys Assistent), Dominik Doll (Schwarzer Anwalt), Ilse Timmer (Kathleen/Fürsorge­beamtin). Harlem-Ensemble: Tina Ajala, Nina Baukus, Denise Obedekah, Dapheny Oosterwolde, Dominik Doll, Gavin-Viano Fabri, OJ Lynch, Valentino McKinney. Uraufführung: 8. Dezember 1996, Ford Centre for the Performing Arts, Toronto. Broadway-Premiere: 18. Januar 1998, Ford Center for the Performing Arts, New York City. West End Premiere: 19. März 2003, Piccadilly Theatre, London. Deutsche Erstaufführung: 18. September 2015, Staatstheater Braunschweig.



„Ragtime – Das Musical“


Das Broadway-Musical als Deutsche Erstaufführung am Staatstheater Braunschweig


„Ragtime – Das Musical“, Markus Schneider (Mutters jüngerer Bruder), Monika Staszak (Mutter), Fabian Zöller (Edgar, ihr junger Sohn), Mike Garling (Vater), Tadeusz Nowakowski (Großvater); © Volker Beinhorn

Der dem Musical „Ragtime“ von Stephen Flaherty (Musik), Lynn Ahrens (Lyrics) und Terrence McNally (Buch) zugrunde liegende gleichnamige Roman von Edgar Lawrence „E. L.“ Doctorow (* 6. Januar 1931 in New York City, † 21. Juli 2015 in New York City) schildert in Episoden das Schicksal dreier Menschen und ihrer Familien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New York an der Schwelle zur Moderne: Der afro­ame­ri­ka­nische Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, Jr. im Streben nach Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung, der jüdische Einwanderer Tateh in der Lower East Side, und stellvertretend für die US-amerikanische Oberschicht der damaligen Zeit die Mutter im vornehmen Vorort New Rochelle, die sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. Sie alle sind in der Ära des Ragtime, einem Musikgenre mit Ursprüngen in den Rotlichtbezirken der afro­ame­ri­ka­nischen Gemeinden in St. Louis, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Die drei fiktiven Handlungs­stränge werden durch den Auftritt vieler historischer Persönlichkeiten zusammengehalten. Die Ära des Ragtime endete mit dem Aufkommen des Jazz, und es sollte etwa acht Jahrzehnte dauern, bis das Musikgenre im Mittelpunkt einer eigenen, international erfolgreichen Bühnenshow stand: Am 8. Dezember 1996 hob sich für das Musical „Ragtime“ im Ford Centre for the Performing Arts in Toronto zum ersten Mal der Vorhang, am 15. Juni 1997 folgte die US-amerikanische Premiere am Shubert Theatre in Los Angeles, und schließlich am 18. Januar 1998 am Ford Center for the Performing Arts in der Regie von Frank Galati die Broadway-Premiere. Die Broadway-Produktion mit Brian Stokes Mitchell (Coalhouse Walker, Jr.), Marin Mazzie (Mutter), Peter Friedman (Tateh) und Audra McDonald (Sarah) heimste 1998 vier Tony Awards und fünf Drama Desk Awards ein und wurde in 834 Vorstellungen bis 16. Januar 2000 gezeigt. Es war für insgesamt 13 Tony Awards nominiert, aber in dem Jahr gingen sechs Tony Awards an Disney’s „The Lion King“. Am Londoner West End feierte „Ragtime“ am 19. März 2003 am Piccadilly Theatre Premiere und wurde dort bis 14. Juni 2003 gezeigt. Das Staatstheater Braunschweig zeigt ab 18. September 2015 die Deutsche Erstaufführung mit englischen Songtexten und deutschen Dialogen in der Übersetzung von Roman Hinze.

„Ragtime – Das Musical“, Markus Schneider (Mutters jüngerer Bruder) und Ensemble; © Volker Beinhorn

„Ragtime“ ist ein Parforceritt durch die amerikanische Geschichte von 1902 bis zum Ausbruch der Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 und erzählt in drei Handlungssträngen flickenteppichartig vom Schicksal dreier Menschen und ihrer Familien in New York City. In Harlem träumt der afro­ame­ri­ka­nische Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, Jr. – ein amerikanisches Pedant zu Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas – von Wohlstand und Gleichberechtigung in einer von Weißen dominierten Gesellschaft. Als irischstämmige Feuerwehrmänner um Brandmeister Willie Conklin seinen neuen Ford Model T mutwillig zerstören und in einem See versenken, verlangt er nach gerechter Bestrafung der Vandalen, findet jedoch aufgrund seiner Hautfarbe kein Gehör. Als schließlich auch noch seine Freundin Sarah, die aus Verzweiflung und Naivität den Vize-Präsidentschaftskandidaten bei einer Wahlkampfveranstaltung um Hilfe bitten will, für eine Attentäterin gehalten und erschossen wird, bricht sein Traum vollends zusammen und er schwört, sich Gerechtigkeit zu seinen Bedingungen zu verschaffen. Schließlich verschanzt er sich mit einer Gruppe junger Männer in der Pierpont Morgan Library und droht, diese mitsamt ihren Kunstschätzen und den Männern zu sprengen. Unter den aus Lettland stammenden jüdischen Einwanderern träumt auch Tateh mit seiner kleinen Tochter den Traum von Wohlstand und Glück. Dabei steht ihm seine Hautfarbe nicht im Weg, daher kann er sich diesen Traum erfüllen: Durch den Verkauf von Schattenrissen und Daumenkinos steigt er als „Baron Ashkenazy“ zum Pionier der noch jungen Filmbranche auf.

„Ragtime – Das Musical“, Alvin Le-Bass (Coalhouse Walker, Jr.), Patricia Meeden (Sarah) und Harlem-Ensemble; © Volker Beinhorn

Das Schicksal einer der amerikanischen Oberschicht angehörenden Familie im vornehmen New Yorker Vorort New Rochelle, Vater, Mutter, Edgar, ihr junger Sohn, Mutters jüngerer Bruder, und der Großvater führt letztendlich Coalhouse Walkers Ruin und Tatehs Aufstieg zusammen. Während Vater an einer Expedition von Admiral Robert Edwin Peary und seinem Assistenten Matthew Alexander Henson zum Nordpol teilnimmt, sehnt sich Mutter nach Liebe und Geborgenheit und nimmt mit Sarah eine junge Afroamerikanerin mit ihrem Baby bei sich auf. Mutters jüngerer Bruder denkt weitaus radikaler und unterstützt nach einer Ansprache von Anarchistin Emma Goldman am Union Square den Kampf um die Rechte der Arbeiter, um sich schließlich Coalhouse Walker, Jr. in seinem Kampf um Gerechtigkeit anzuschließen. Die Familie zerbricht, und damit auch die heile Vorstadtidylle. Neben den fiktiven Figuren kommentieren viele bekannte Persönlichkeiten den American Dream, unter anderem der Financier John Pierpont Morgan und der Automobilhersteller Henry Ford, die Schauspielerin Evelyn Nesbit, dessen eifersüchtiger Ehemann Harry Kendall Thaw ihren früheren Verehrer Stanford White erschossen hat, die Anarchistin Emma Goldman und der Schwarzenrechtler Booker Taliaferro Washington, Polar­forscher Admiral Robert Edwin Peary und sein Assistent Matthew Alexander Henson, oder der Entfesselungskünstler Harry Houdini.

„Ragtime – Das Musical“, Vivien Zöller (Tatehs kleine Tochter), Randy Diamond (Tateh) und Chor; © Volker Beinhorn

„Ragtime – Das Musical“ hat für seinen Weg nach Kontinentaleuropa lange gebraucht, doch mit den derzeit größten Fluchtbewegungen seit dem Zweiten Weltkrieg – die Bundesregierung rechnet mit 800.000 Flüchtlingen in diesem Jahr – ist es aktueller denn je, das Kreativteam wurde während der Vorbereitung von den Ereignissen in Europa überrannt, wie Dramaturg Christian Steinbock bei seiner Werkseinführung zugab. Operndirektor Philipp Kochheim erzählt die Geschichte von Mutter, Tateh und Coalhouse Walker, Jr. zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Inszenierung aus der Erinnerung von Edgar, dem Sohn der Upper-Class-Familie, der aus einer überdimensionalen Plattenkamera herausklettert und anhand der alten Aufnahmen die Geschichte Revue passieren lässt. Edgar wird als einziger Vertreter dieser Familie namentlich genannt, und nicht ganz zufällig dürfte er den ersten Vornamen des Romanautors E. L. Doctorow tragen, den ihm seine Eltern nach Edgar Allan Poe gegeben hatten. Auch in Braunschweig bekommt der Zuschauer ein Mosaik aus den Anfängen des modernen Amerika zu sehen, in denen die Grundlagen für weitere Veränderungen gelegt wurden, und nach der teuren Megaproduktion mit ihren gigantischen Bühnenaufbauten und einem echten Oldtimer am Broadway im Jahr 1998, die seinerzeit die Produktionsgesellschaft Live Entertainment Corporation of Canada, Inc. (Livent, Inc.) in den Bankrott trieb, liegt es auf der Hand, dass kein Stadt- oder Staatstheater einen solchen Aufwand treiben kann. Natürlich darf die Tin Lizzie als Nachbau nicht fehlen, die auf der Bühne vollends montiert wird, das erste Massenauto, das am Fließband gefertigt wurde (die Fließbandfertigung begann zwar erst im Januar 1914, aber was soll’s, auch Erik Weisz befreite sich erstmals am 8. September 1915 in der Luft hängend aus einer Zwangsjacke) und dadurch für jeden erschwinglich sein sollte, mit dem Coalhouse Walker, Jr. seine Freundin Sarah zurückgewinnen möchte. Andere Handlungsorte wie das Haus der Upper-Class-Familie in New Rochelle oder der Club in Harlem, in dem die Gäste zum synkopierten Ragtime von Coalhouse Walker, Jr. tanzen, sind lediglich mit wenigen Requisiten angedeutet (Bühne Thomas Gruber).

„Ragtime – Das Musical“, Patricia Meeden (Sarah) und Alvin Le-Bass (Coalhouse Walker, Jr.); © Volker Beinhorn

Zu sehen gibt es dennoch eine ganze Menge, beispielsweise die detailgetreuen Kostüme im Stil der damaligen Zeit von Mathilde Grebot, die die Zugehörigkeit der jeweiligen Darsteller zu den ethnischen Gruppen ausgezeichnet unterstreichen, oder die Choreografien von Kati Farkas – die Eislauf-Choreografie zu „Gliding“ sieht zwar ein wenig gekünstelt aus, ohne Schlittschuhe oder Rollerblades (wie im Musical „Rudolf – Affaire Mayerling“) gleitet es sich nun einmal nicht sehr ästhetisch, dafür begeistern aber der ausgelassene Cancan zu „The Crime of the Century“, die unbändigen Tänze der Afroamerikaner zu „Getting’ Ready Rag“ oder das Baseballspiel zu „What A Game“ umso mehr. Bei der Gerichtsverhandlung in „The Crime of the Century“ tritt eine überlebensgroße Puppe als Richter in Erscheinung, die passend zur Musik mit einem Richterhammer als Symbol für die Autorität des Richters, das Recht und die Gerechtigkeit gegen einen Holzblock schlägt. Die eingängige Partitur von Stephen Flaherty mit Anklängen an Marsch, Cakewalk, Gospel und eben Ragtime und den großen Ensemblenummern wie der Eröffnungsnummer „Ragtime“, „A Shtetl iz Amereke“, „New Music“ oder „Till We Reach That Day“ ist beim bestens aufgelegten, knapp 40-köpfigen Staatsorchester Braunschweig unter der Musikalischen Leitung von Georg Menskes in guten Händen und lässt keine Wünsche offen. Anhand der deutschen Dialoge von Roman Hinze und der übertitelten Songs können auch des Englischen nicht mächtige Zuschauer der Handlung folgen, allerdings lenken Übertitel schon ein Stück weit vom Geschehen auf der Bühne ab, so dass englischsprachige Zuschauer klar im Vorteil sind.

„Ragtime – Das Musical“, Patricia Meeden (Sarah); © Volker Beinhorn

In „Ragtime – Das Musical“ wollen eine ganze Reihe von Figuren auf der Bühne zum Leben erweckt werden, wofür allein 26 DarstellerInnen mit 41 Soloparts, dazu das achtköpfige Harlem-Ensemble sowie der Chor des Staatstheaters Braunschweig und die Statisterie nach Kräften sorgen. Da trägt jeder enorm zum Erfolg der opulenten Produktion bei. Monika Staszak lässt als Mutter, die zu Beginn den Haushalt führt, glaubhaft die Entwicklung zur emanzipierten Frau nachvollziehen, die gesellschaftlichen Normen trotzt, um das ihrer Meinung nach Richtige zu tun. Auch Alvin Le-Bass überzeugt mit seiner Entwicklung vom stolzen, freundlichen Ragtime-Pianist Coalhouse Walker, Jr. zum rachsüchtigen Aktivisten, dessen Hoffnung sich in abgrundtiefen Hass verwandelt, und der tragischerweise genau in dem Augenblick erschossen wird, als er sich bei der Besetzung der Pierpont Morgan Library nach langen Verhandlungen mit Vater entschließt, aufzugeben und auf friedlichem Wege nach Gerechtigkeit zu suchen. Patricia Meeden kann in der Rolle der liebenswerten Wäscherin Sarah für sich einnehmen, in der sie mit großer Stimme in „Your Daddy’s Son“ ihre Verzweiflung auslotet. Randy Diamond liefert als jüdischer Einwanderer Tateh ein bewegendes Rollenportrait ab, in der er den American Dream träumt und sich auch von Rückschlägen nicht unterkriegen lässt. Jedes Einwanderer-Portrait spielt aktuell automatisch auf die Gegenwart an, was die Rolle außerordentlich schwierig macht. Markus Schneider ist als Mutters jüngerer Bruder auf der Suche nach dem Sinn im Leben und gerät, nachdem er von Evelyn Nesbit ausgenutzt und enttäuscht wurde, in die kriminellen Machenschaften von Coalhouse Walker. In dem großen Ensemble können weiterhin Mike Garling als Vater, Nathalie Parsa als Schauspielerin Evelyn Nesbit, Sonja Tièschky als Anarchistin Emma Goldman und Darrin Lamont Byrd als Schwarzenrechtler Booker Taliaferro Washington auf sich aufmerksam machen, daneben soll das Harlem-Ensemble (Tina Ajala, Nina Baukus, Denise Obedekah, Dapheny Oosterwolde, Dominik Doll, Gavin-Viano Fabri, OJ Lynch, Valentino McKinney) nicht unerwähnt bleiben.

„Ragtime – Das Musical“, Alvin Le-Bass (Coalhouse Walker, Jr.) und Ensemble; © Volker Beinhorn

Nach knapp dreistündiger Aufführung gab es für alle Beteiligten langanhaltenden, verdienten Stehapplaus, was meines Erachtens nicht nur den gebührenden Lohn für deren Leistung darstellt, sondern ebenfalls zeigt, dass auch anspruchsvolles musikalisches Unterhaltungstheater beim Publikum auf viel Gegenliebe stößt. „Ragtime – Das Musical“ steht am Staatstheater Braunschweig bis 24. Januar 2016 in insgesamt 11 Vorstellungen auf dem Spielplan. Die Gelegenheit sollte man sich nicht entgehen lassen.

„Ragtime – Das Musical“, Philipp Georgopoulos; © Volker Beinhorn

Alvin Le-Bass

Alvin Le-Bass und Patricia Meeden

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