Montag, 31. August 2015

„Der kleine Horrorladen (Little Shop of Horrors)“

„Der kleine Horrorladen (Little Shop of Horrors)“ – nach dem gleichnamigen Film von Charles Griffith, Roger Corman (1960); Musik: Alan Menken; Liedtexte, Buch: Howard Ashman; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Inszenierung: Erik Petersen; Choreographie: Kati Farkas; Bühne, Kostüme: Dirk Hofacker; Lichtdesign: Thomas Roscher; Sounddesign: Stephan Mauel; Musikalische Leitung: Jürgen Grimm. Darsteller: Mathias Schlung/Jan Schuba (Seymour Krelborn), Bettina Mönch (Audrey), Michael Schanze (Mr. Mushnik, Blumenladenbesitzer), Hans Werner Olm (Orin Scrivello, Zahnarzt), Dennis LeGree/Reginald Holden Jennings (Audrey II, die Pflanze), Jeremias Koschorz (Wino, Saufbruder/Kunde/Radiomoderator/Tänzer/Zahnarztpatient/Reporter/Priester/Produzent Bernstein/Skip Snip, Werbeagent/Patrick Martin, Vertreter eines Pflanzenvertriebs), Beatrice Reece (Chiffon), Amanda Whitford (Crystal), Sampaguita Ingeborg Mönck (Ronette, Soulgirls), Yoko El Edrisi (Prostituierte/Alte Chinesin/Sambatänzerin/Zahnarzt-Assistentin/Mrs. Luce, Vertreterin des „Life Magazine“/Olivia/Reporterin), Amelie Conrad, Cira Gargiulo, Jacob Gierlich, Benjamin Püllen, Tahira Schäfer. Uraufführung: 6. Mai 1982, Workshop of the Players’ Art (WPA) Theatre, New York City. Off-Broadway Premiere: 27. Juli 1982, Orpheum Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 7. Mai 1986, Szene Wien, Wien. Deutsche Erstaufführung: 4. April 1989, Kammerspiele, Berlin. Premiere: 30. August 2015, Theater Bonn, Opernhaus, Bonn.



„Der kleine Horrorladen (Little Shop of Horrors)“


Das Kult-Musical am Opernhaus Bonn


Seit der musikalischen Bearbeitung des Low-Budget-Films „The Little Shop of Horrors“ (1960) von Roger Corman (Regie) durch Alan Menken (Musik) und Howard Ashman (Liedtexte, Buch), der Uraufführung im winzigen Workshop of the Players’ Art (WPA) Theatre am 6. Mai 1982 und dem folgenden Transfer an das Orpheum Theatre, wo es bis zum 1. November 1987 mit 2.209 Vorstellungen aufgeführt wurde, hat sich das Stück zu einem internationalen Kult-Musical entwickelt, welches auch hierzulande häufig gespielt wird. Am 2. Oktober 2004 feierte „Little Shop of Horrors“ schließlich am Virginia Theatre Broadway-Premiere und wurde dort bis 22. August 2004 in 372 Aufführungen gezeigt. Am 30. August 2015 feierte die Inszenierung von Erik Petersen am Opernhaus Bonn Premiere.

Die skurrile Geschichte handelt von dem schüchternen, ein wenig ungeschickten Blumenverkäufer Seymour Krelbourn, der im Blumenladen von Mr. Mushnik eine exotische fleischfressende Pflanze züchtet, die als Attraktion im Schaufenster diesen vor dem Ruin bewahren soll. Als Ausdruck seiner Sympathie zu seiner attraktiven blonden Kollegin Audrey hat Seymour der Pflanze den Namen Audrey II gegeben. Doch Audrey ist mit dem sadistischen Zahnarzt Orin Scrivello liiert, der auch nicht davor zurückschreckt, sein Mädchen zu verprügeln, wenn sie nicht gehorcht. Als die Pflanze zu sprechen beginnt und nach menschlichem Blut verlangt, nimmt das Unglück endgültig seinen Lauf. Seymour, dem die Pflanze als Gegenleistung Ruhm und die Erfüllung seiner Liebe zu Audrey verspricht, lässt sich auf den mephistophelischen Pakt ein und nährt die Pflanze zunächst noch mit seinem eigenen Blut. Doch schon bald kann er den Hunger der Pflanze nicht mehr selbst stillen und hält nach einem neuen Blutspender Ausschau. Der findet sich glücklicherweise in dem sadistischen Orin Scrivello, der bei Seymours Zahnarztbesuch an Lachgas erstickt und dessen Leiche er an die fleischfressende Pflanze verfüttert, die zusehends zum gierigen Monster mutiert. In dem ganzen Durcheinander finden Seymour und Audrey tatsächlich zusammen, und Mr. Mushnik, der Verdacht geschöpft hat und Seymour mit einer Anzeige droht, wird zum nächsten Opfer der Pflanze. Als Audrey II auch noch seine geliebte Audrey verschlingt, beschließt Seymour, dass die Pflanze weg muss, doch die ist bereits übermächtig gewachsen…

Wie Generalintendant Dr. Bernhard Helmich im Anschluss an die Premiere verlauten ließ, hatte man sich in Bonn Gil Mehmert als Regisseur für „Der kleine Horrorladen“ gewünscht, was jedoch mit anderen Projekten kollidierte, so dass Gil Mehmert dem Theater Bonn Erik Petersen empfohlen hat, mit dem er schon bei diversen Produktionen zusammengearbeitet hat. Erik Petersen (* 1987 in Magdeburg) stellt die fleisch­fressende, sprechende Pflanze in den Mittelpunkt seiner Inszenierung. Nicht dass diese aufgrund ihrer immensen Größe im zweiten Akt nicht von sich aus im Mittelpunkt stünde, aber hier steht auch der Darsteller, der der Pflanze in anderen Inszenierungen hinter der Bühne seine Stimme leiht, in persona als der Leibhaftige auf der Bühne. Die Bonner Inszenierung enthält auch den Song „Mean Green Mother from Outer Space“, den Alan Menken und Howard Ashman für die Filmadaption von Frank Oz (1986) geschrieben haben, dessen Ende nach Testvorführungen in ein Happy End für Seymour Krelbourn und Audrey umgeschrieben wurde. In dem Song offenbart Audrey II, dass sie als Alien gekommen ist, um die Welt zu beherrschen, was jedoch beim besten Willen nicht zu verstehen war, obwohl der gebürtige Amerikaner Dennis LeGree (Papa in „Starlight Express“) den Song als einzigen im englischen Original präsentiert hat. Durch den Einsatz der Drehbühne, auf deren vier Quadranten Mr. Mushniks Blumenladen, Orin Scrivellos Zahnarztpraxis, die Straßen­kulisse mit ihren Häusern aus braunem Ziegelstein in Skid Row und das Studio von Community Radio One angeordnet sind (Bühne und Kostüme Dirk Hofacker), gehen schnelle Szenenwechsel mühelos vonstatten, ein weiteres Highlight sind die in bunten Farben leuchtenden Röcke der Soulgirls, die dank LED-Technik obendrein auch noch die Farbe ändern können. Die hinter den Kulissen agierende neunköpfige Band unter der Musikalischen Leitung von Jürgen Grimm bringt Alan Menkens eingängige Partitur mit Anleihen an Rock and Roll der früher 1960er-Jahre, Doo Wop und Motown und den bekannten Songs wie „Skid Row (Downtown)“, „Im Grünen irgendwo“, „Jetzt hast du Seymour“ und natürlich dem Titelsong druckvoll zu Gehör, wobei die Lautstärke harmonisch mit den Singstimmen abgemischt ist.

Das Theater Bonn kann für seine erste Musiktheater-Produktion der Spielzeit 2015/16 mit einer ansehnlichen Besetzung aufwarten: Matthias Schlung (u. a. Wilbur Turnblad in „Hairspray“, Premiere 27. Juli 2012, Freilichtspiele Tecklenburg, Bela Zangler in „Crazy for you“, Premiere 25. Juni 2011, Freilichtspiele Tecklenburg, Abahachi in „Der Schuh des Manitu“, Premiere 7. Dezember 2008, Theater des Westens, Berlin) verkörpert glaubhaft den ungelenken Blumenverkäufer Seymour Krelbourn, der alles tut, um seine geliebte Kollegin Audrey für sich zu gewinnen. Diese wird von Bettina Mönch (u. a. Sally Bowles in „Cabaret“, Premiere 19. Juni 2015, Bad Hersfelder Festspiele, Polly Baker in „Crazy for you“, Premiere 14. Februar 2015, Opernhaus Magdeburg, Prinzessin Fiona in „Shrek – Das Musical“, Deutschsprachige Erstaufführung 19. Oktober 2014, Capitol Theater, Düsseldorf) nicht nur als wasserstoffblondes Dummchen (lt. Hans Werner Olm „blöd wie ein Pfund Einbauküche“) gegeben, sondern sie erinnert mit der gespielten Artikulationsstörung ein Stück weit an eine deutsche Entertainerin mit durchaus polarisierender Wirkung, wodurch Audreys liebenswerte Wesenszüge gänzlich in den Hintergrund treten. Glücklicherweise kann Bettina Mönch in ihren Songs wie „Im Grünen irgendwo“ mit „normaler“ Singstimme brillieren und damit restlos überzeugen. Kabarettist Hans Werner Olm (u. a. Luise Koschinsky und Paul Schrader in „OLM!“) hat den Part des sadistischen Zahnarztes Orin Scrivello übernommen und spielt diesen als krassen Antagonisten zu Audrey und Seymour, wobei er sich gewisse textliche Freiheiten herausgenommen hat und die Rolle entsprechend bissig ausgestaltet. Michael Schanze (u. a. Käpt’n Andy Hawks in „Show Boat“, Premiere 18. Juni 2013, Bad Hersfelder Festspiele, Tevye in „Anatevka“, Premiere 18. Juni 2012, Bad Hersfelder Festspiele, „1, 2 oder 3“, 1977 – 1985, ZDF) lässt als jüdischer Blumenladenbesitzer Mr. Mushnik zwar ein Stück weit dessen gierige und manipulative Wesenszüge durchblicken, kann dabei aber seine sympathische Art nicht gänzlich verleugnen. Stimmgewaltig kommentieren Beatrice Reece (Chiffon), Amanda Whitford (Crystal) und Sampaguita Ingeborg Mönck (Ronette) als Soulgirls – eine Art Motown-Trio – das Geschehen auf der Bühne, aber die gebürtige Amerikanerin Amanda Whitford bringt es selbst gut 20 Jahre nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland noch fertig, die deutschen Texte von Michael Kunze mit Grammatikfehlern anzureichern. Jeremias Koschorz, der so gut wie alle männlichen Nebenrolle auf der Bühne verkörpert und damit immense Wandlungsfähigkeit beweist, heimst seinen ersten Applaus bereits zu Beginn der Aufführung ein, wenn er für seine originelle „Handy-aus“-Ansage lautstark hinter dem eisernen Vorhang auf sich aufmerksam macht. Bei den Damen verkörpert Yoko El Edrisi beinahe alle weiblichen Nebenrollen.

Nach etwa zweieinhalbstündiger Premiere gab es für alle Beteiligten langanhaltenden, zunächst zögerlichen, dafür im weiteren Verlauf aber fast schon euphorischen Stehapplaus. „Der kleine Horrorladen“ steht am Opernhaus Bonn mit insgesamt 15 Vorstellungen bis 1. Mai 2016 auf dem Spielplan.

Bedauerlicherweise stellt das Theater Bonn keine Produktionsfotos zur Verfügung, mit denen kostenfrei für die Aufführung geworben werden kann – nichts anderes stellt eine im Netz frei verfügbare Besprechung schließlich dar.

Sampaguita Ingeborg Mönck, Bettina Mönch, Matthias Schlung, Generalintendant Dr. Bernhard Helmich, Michael Schanze und Hans Werner Olm

Bettina Mönch

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