Sonntag, 10. Mai 2015

„City of Angels“

„City of Angels“ – Colemans Homage an den Film noir; Musik: Cy Coleman; Liedtexte: David Zippel; Buch: Larry Gelbart; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Regie: Henner Kallmeyer; Choreografie: Karen D. Savage; Ausstattung: Beata Kornatowska; Musikalische Einstudierung: Michael David Mills; Musikalische Leitung: Patricia M. Martin. Darsteller: Alexander Sasanowitsch (Stine, Romanautor), Hermann Bedke (Stone, Privatdetektiv), Anna Winter (Gabby, Stines Ehefrau/Bobbi Edwards, Stones Ex-Verlobte), Catherine Chikosi (Donna, Fidlers Sekretärin/Oolie, Stones Sekretärin), Merlin Fargel (Buddy Fidler, Filmproduzent/Irwin S. Irving, Film-Mogul), Hanna Mall (Carla Haywood, Fidlers Ehefrau/Alaura Kingsley), Alina Grzeschik (Werner Kriegler, Schauspieler/Luther Kingsley, Alauras Ehemann/Sonny), Jan Rogler (Gerald Pierce, Schauspieler/Peter Kingsley, Alauras Stiefsohn), Florentine Kühne (Avril Rains, Starlet/Mallory Kingsley, Alauras Stieftochter), Eva Löser (Pancho Vargas, Schauspieler/Lieutenant Muñoz, Kriminalbeamter), Philipp Nowicki (Jimmy Powers, Schlagersänger/Dr. Mandril, Esoteriker), Karen Müller (Gene, Regieassistent/Margaret, Dienstmädchen der Kingleys/Big Six), Alina Grzeschik, Florentine Kühne, Eva Löser, Karen Müller, Jan Rogler (Angel City Five). Band: Patricia Martin, Felix Roemer (Keyboard), Sebastian Gerhartz (Reeds), Max Wehner (Posaune), Niklas Tikwe (Bass), Philipp Klahn (Schlagzeug). Broadway-Premiere: 11. Dezember 1989, Virginia Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 17. September 1995, Theater Heilbronn. Premiere: 8. Mai 2015, Theater im Rathaus, Essen.



„City of Angels“


Das „kriminelle“ Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste


Merlin Fargel (Buddy Fiddler), Alina Grzeschick und Philipp Nowicki; © Dietrich Dettmann

Indem die Show äußerst geschickt mit Rückblenden zwischen dem realen, in Farbe dargestellten Leben des Schriftstellers Stine in der „City of Angels“ (Spitzname für Los Angeles) der späten 1940er-Jahre und dem fiktiven, schwarz-weiß gezeichneten Geschehen um den von ihm erfundenen Privatdetektiv Stone wechselt, parodiert „City of Angels“ die legendären Kriminalfilme Hollywoods aus den 1940er-Jahren, das so genannte „Film noir“-Genre. Ein besonderer Reiz liegt auch in den Interaktionen der realen und fiktiven Figuren: Traumfabrik Hollywood meets Film noir. Die Musical Comedy erlebte am 11. Dezember 1989 am Virginia Theatre ihre Broadway Premiere und wurde bis 19. Januar 1992 in 879 regulären Vorstellungen gezeigt. Die Produktion war 1990 für 10 Tony Awards nominiert, wovon sie sechs Auszeichnungen tatsächlich gewonnen hat, unter anderem als bestes Musical der Saison, für das amüsante Buch Larry Gelbarts und die Musik Cy Colemans. Als geistreiche Hommage an Schriftsteller wie Dashiell Hammett (* 27. Mai 1894 in Maryland, † 10. Januar 1961 in New York) oder Raymond Chandler (* 23. Juli 1888 in Chicago, Illinois; † 26. März 1959 in La Jolla, Kalifornien) mit ihren Romanfiguren Sam Spade und Philip Marlowe wurde „City of Angels“ als eines der intelligentesten, vor Gags sprühenden US-Musicals gefeiert, doch trotz exzellenter Kritiken schien die Show Teile des breiten Theaterpublikums ein wenig zu überfordern.

Anna Winter (Gabby) und Alexander Sasanowitsch (Stine); © Dietrich Dettmann

Der hartgesottene Privatdetektiv Stone bekommt Besuch von der reichen und attraktiven Mrs. Alaura Kingsley, die ihn beauftragt, ihre verschwundene Stieftochter Mallory zu suchen. Nach einer verheerenden Schlägerei, einem verführerischen Tennismatch und einer zeitraubenden Recherche in den Rotlichtvierteln von Los Angeles findet er die Gesuchte – in seinem Bett. Doch das vermeintliche Happy End erweist sich als üble Falle und bringt Stone in eine Reihe von Situationen, die für Normalsterbliche in der Regel tödlich ausgehen. Was sich als typischer Plot eines Detektiv-Krimis präsentiert, ist in Wahrheit das in der Entstehung begriffene Drehbuch zu dem Hollywood-Film „City of Angels“. Stine, sein Autor, ist in heller Verzweiflung, der Produzent und Regisseur Buddy Fidler kürzt ihm eine Szene nach der anderen und schreibt alles um, was Stine seinem Helden Stone an Strategie mit auf den Weg gegeben hat. Zudem droht seine Frau damit, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht endlich gegen Buddy durchsetzt. Die Frustration über die Kompromittierung seines künstlerischen Egos führt nicht nur zu Problemen im Privatleben des intellektuellen Schriftstellers Stine, als er den Reizen von Fidlers attraktiver Sekretärin Donna erliegt und eine Affäre mit ihr beginnt, woraufhin sich Gabby von ihm trennt, sondern fließt auch in das Drehbuch ein. An dessen Ende rebelliert schließlich sein fiktiver Held Stone im Gespräch mit Stine gegen die Verunstaltung seines Parts. Am ersten Drehtag erscheint Stine mit Stone – aus dem Drehbuch herausgetreten – an seiner Seite am Set und beide müssen schockiert feststellen, dass die Rolle des hartgesottenen Privatdetektivs mit einem beliebten Schlagersänger besetzt wurde. Stine reißt das Drehbuch an sich und will das Studio verlassen, wird jedoch von zwei Studio-Wachleuten daran gehindert. Da kommt ihm Stone zur Hilfe, indem er seinerseits eine Szene schreibt, in der Stine die Wachmänner besiegt und dadurch sowohl seine Frau als auch seine Selbstachtung zurückgewinnt.

Philipp Nowicki (Jimmy Powers) und Alina Grzeschik, Florentine Kühne, Eva Löser, Karen Müller, Jan Rogler (Angel City Five); © Helena Grebe

Nach „High Fidelity“ (Premiere 16. Juni 2010, Regie Gil Mehmert) und „Ein Mann geht durch die Wand“ (Premiere 16. April 2012, Regie Gil Mehmert) ist „City of Angels“ die dritte Koproduktion der Folkwang Universität der Künste mit dem Theater im Rathaus Essen als Abschlussprojekt des Studiengangs Musical, bei der die Studierenden des vierten und dritten Jahrgangs auf der Bühne stehen. Abgesehen von Alexander Sasanowitsch als sensibler Romanautor Stine mit all seinen Schwächen und Unsicherheiten und Hermann Bedke als Ex-Polizist und selbst­be­wusster, hartgesottener Ermittler Stone mit ihrem gesanglich starken Duett „Du bist nur, weil ich bin“ („You´re nothing without me“) verkörpern alle Darsteller sowohl die Charaktere in dem Hollywood-Film „City of Angels“ als auch die gespiegelten Figuren, denen der Schriftsteller im realen Leben begegnet. So erleben wir Anna Winter als Stines frustrierte Ehefrau Gabby und Stones Ex-Verlobte Bobbi Edwards, die als Starlet im Nachtclub „Blue Note“ mit der Ballade „Mit jedem Atemzug“ („With every breath I take“) auf ihre Entdeckung wartet, Stones Heiratsantrag ablehnt und ihm damit das Herz bricht, weil sie erst beim Film Karriere machen will. Catherine Chikosi ist nicht nur als Stones schmachtende Sekretärin Oolie zu sehen, die ihren Chef anhimmelt wie Miss Moneypenny Geheimagent James Bond, der sie aber niemals erhören wird, sondern auch als Donna, die Sekretärin von Stines Auftraggeber, dem tyrannischen, abscheulichen Produzenten und Regisseur Buddy Fidler, und kann mit „Dafür bin ich immer gut“ („You can always count on me“) in beiden Rollen überzeugen. Buddy Fidler wird von Merlin Fargel gespielt und weiß genau, wie man den Zuschauer mit einem perfekten Film noir fesselt, weshalb er das komplette Drehbuch auf den Kopf stellt und sich auch gleich noch zum Koautor erklärt. In Stines Drehbuch taucht er als genauso uncharmanter, widerlicher Studioboss Irwin S. Irving wieder auf. Hanna Mall begegnen wir zunächst als Alaura Kingsley, prominente und verführerische Gattin des ehemaligen Waffenfabrikanten und schwerreichen Millionärs Luther Kingsley, die sich im Laufe des Films als äußerst berechnend und skrupellos herausstellt, und selbstredend später auch als Buddy Fidlers Ehefrau Carla Haywood, die für die Rolle der Feme fatale im Film besetzt wird. Was eiskalte Berechnung anbelangt steht ihr Florentine Kühne in der Rolle der verführerischen, lasziven Mallory Kingsley in nichts nach, die in herrlich klischeehafter Situation versucht, Stone in seinem Bett den Kopf zu verdrehen, als dieser nachts nach Hause kommt und sie ausgezogen dort vorfindet. Mit ähnlichen Hintergedanken versucht sie dies auch bei Schriftsteller Stine als Starlet Avril Rains. In der Rolle des Schlagersängers Jimmy Powers und des Vokal-Quintets „Angel City Five“ (im Original „Angel City Four“) sind Philipp Nowicki sowie Alina Grzeschik, Florentine Kühne, Eva Löser, Karen Müller und Jan Rogler zu sehen und vor allem zu hören. Auch Eva Löser in der Rolle des nachtragenden mexikanischen Kriminalbeamten Lieutenant Muñoz sollte nicht unerwähnt bleiben. Daneben sind alle Studierenden des dritten Jahrgangs in weiteren kleinen Rollen sowohl im Hollywood-Film als auch in der realen Welt des Schriftstellers zu sehen, „City of Angels“ bietet im Original Rollen für 6 Damen, 13 Herren und weitere Nebendarsteller.

Catherine Chikosi (Oolie) und Hermann Bedke (Stone); © Helena Grebe

In der Inszenierung von Henner Kallmeyer, Dozent für Rollenstudium im Fachbereich Darstellende Künste der Folkwang Universität, laufen die beiden Handlungsstränge zunächst parallel, mitunter werden Dialoge auch rückwärts gesprochen, da das Drehbuch zu dem Film „City of Angels“ im Musical ständig korrigiert wird. Mehr und mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, und ein besonderer Reiz der rasanten Musical Comedy liegt auch in den Interaktionen der realen und fiktiven Figuren. In „Was du nicht weißt über Frauen“ („What you don´t know about women“) parlieren Anna Winter als Gabby Stine und Catherine Chikosi als Stones Sekretärin Oolie über die Männer in ihrem Leben. „Du bist nur, weil ich bin“ („You´re nothing without me“) ist eine grimmige Auseinandersetzung zwischen Alexander Sasanowitsch als Schriftsteller Stine und Hermann Bedke als Privatdetektiv Stone, wenn dieser aus dem Drehbuch heraustritt und von seinem Erfinder mehr Rückgrat einfordert. Zu jedem guten Krimi gehören natürlich handfeste Schlägereien, und die gibt es in Essen als Slapstick-Einlage zu sehen, sogar in Zeitlupe. Beata Kornatowska, die schon fast traditionell für die Ausstattung bei den Abschlussproduktionen des Studiengangs Musical verantwortlich zeichnet, hat passend zum Sujet einen überdimensionalen Kinefilm als Bühnenhintergrund gewählt, wobei die einzelnen Bilder die typische Skyline einer Stadt mit Wolkenkratzern zeigt und die Perforationsränder in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden können. Die Vielzahl der Schauplätze im Verlauf der Handlung wird lediglich durch Versatzstücke angedeutet, die von den Studierenden selbst auf die Bühne gebracht werden. Die Unterscheidung zwischen Traumfabrik Hollywood und der Krimihandlung im Film noir ist problemlos anhand der passend zu den 1940er-Jahren gewählten Kostüme möglich, wobei die „klassische“ Welt von „City of Angels“ gehörig auf den Kopf gestellt ist: In der Krimihandlung tragen die Figuren farbige Kleidung, wohingegen die „realen“ Personen aus der „bunten“ Traumfabrik Hollywood mit Kostümen in Schwarz, Weiß und Grautönen bekleidet sind. Karen D. Savage, die im Studiengang Musical Jazz Dance unterrichtet, hat einige schwungvolle Tanznummern kreiert, wobei „City of Angels“ vorlagenbedingt nicht so viele Möglichkeiten dazu bietet.

Hanna Mall (Carla Haywood) und Alexander Sasanowitsch (Stine); © Dietrich Dettmann

Wer ein Faible für jazzige, swingende Big-Band-Klänge der 1940er-Jahre hat, wird an zündenden Rhythmen wie „Du bist nur, weil ich bin“ („You´re nothing without me“), „Jede lässt sich irgendwo finden“ („Ev´rybody´s gotta be somewhere“) oder „Schreib es um“ („It needs work“), jazzigen Balladen wie „Lost and found“ und „Bleib bei mir“ („Stay with me“), dem zweideutigen „Tennis Song“, Donnas bittersüßer Nummer „Dafür bin ich immer gut“ („You can always count on me“) und vor allem der starken Blues-Ballade „Mit jedem Atemzug“ („With every breath I take“) allergrößten Gefallen finden. Die Sinnhaftigkeit des auf Buddy Fidlers Hollywood-Party für Carla Haywood eingefügten Musical-Medleys will sich mir allerdings beim besten Willen nicht erschließen. In der Vorlage stellt Songwriter Del Dacosta auf der Party „Alaura’s Theme“ für den Film vor. Eine Big Band mit mehrfach besetzten Blasinstrumenten – der Verlag Felix Bloch Erben sieht für „City of Angels“ allein vier Holzbläser und fünf Blechbläser vor – würde viel zu viel Platz auf der kleinen Bühne des Studiotheaters in Anspruch nehmen, das über keinen Orchestergraben verfügt. Der Not gehorchend bringt eine sechsköpfige, in das Bühnenbild integrierte Combo unter der bewährten Musikalischen Leitung von Patricia M. Martin Cy Colemans Partitur noch immer beschwingt zu Gehör. Wer aber die Songs in großer Orchester-Besetzug im Ohr hat, der wird den Big-Band-Sound schon ein Stück weit vermissen.

Hanna Mall (Alaura Kingley), Karen Müller (Margaret) und Jan Rogler (Peter Kingsley); © Dietrich Dettmann

Nach gut zweieinhalbstündiger Aufführung wurden die Studierenden und auch Kreativen eifrig mit Applaus bedacht, aber nur vereinzelt gab es Stehapplaus. „City of Angels“ ist bis 22. Mai 2015 täglich um 19.30 Uhr bzw. sonntags um 19 Uhr im Theater im Rathaus Essen zu sehen, Mittwoch, 13. Mai, und Montag, 18. Mai 2015 sind spielfrei. (Am Mittwoch, 13. Mai 2015 steht bei den Studierenden des dritten Jahrgangs „Cabaret“ am Grillo-Theater auf dem Spielplan.) Die Konzertdirektion Landgraf möchte die Inszenierung zusätzlich vom 23. September bis 4. Oktober und vom 23. bis 31. Oktober 2015 auf Tournee schicken, dabei werden ebenfalls die Studierenden des vierten und dritten Jahrgangs auf der Bühne stehen. Lediglich der folgende Aufführungstermin ist (mir) bisher bekannt:
  • Samstag, 31. Oktober 2015, 19.30 Uhr, Theater Gütersloh

Haben Sie selbst „City of Angels“ am Theater im Rathaus in Essen schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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