Samstag, 28. Februar 2015

„Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“

Ausstellungseröffnung im Kunstmuseum Bochum

Charlotte Salomon, Selbstbildnis, 1940
Collection Jewish Historical Museum, Amsterdam
© Charlotte Salomon Foundation
Charlotte Salomon®

Mit einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten umgebracht wurden, unterliegt auch das Werk von Charlotte Salomon (* 16. April 1917 in Berlin, † 10. Oktober 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau) der Gefahr, eher als besonderes historisches Dokument, denn als beispielloses Kunstwerk betrachtet zu werden. Ich muss gestehen, dass es mir bei Coco Schumann im Zusammenhang mit „Der Ghetto Swinger – Aus dem Leben des Jazzmusikers Coco Schumann“ ähnlich ergangen ist, der selbst immer wieder betont hat: „Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZ-ler, der Musik macht“. Die Konzeption der Bochumer Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“ zielt jedenfalls auf eine Präsentation, die, ohne das schreckliche Schicksal der Künstlerin zu verschweigen, die kunsthistorische sowie die gegenwärtige Bedeutung und Wirkung ihrer Kunst in den Vordergrund stellt. Damit soll die „Insidern“ vertraute Künstlerin Charlotte Salomon einem größeren Kunstpublikum zugänglich gemacht werden.

Kunstmuseum Bochum, Blick in die Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“

Charlotte Salomon wurde von ihren Eltern wegen ihrer jüdischen Abstammung gedrängt, vor ihrem 22. Geburtstag das Land zu verlassen, und so emigrierte sie im Januar 1939 zu ihren Großeltern nach Villefranche-sur-Mer bei Nizza. Im Sommer 1940 wurden sie und ihr Großvater Ludwig Grunwald für etwa zwei Monate im Lager Gurs interniert, nachdem ihre Großmutter im März aus dem Fenster gesprungen war und sich das Leben genommen hatte, wie bereits ihre Mutter Franziska, als Charlotte acht Jahre alt war. Nach der Entlassung aus Gurs entschied sich Charlotte zu einer künstlerischen Autobiografie. Musik war ihre Inspiration, und so notierte sie zunächst die Musik und malte auf der anderen Seite der Blätter die Szenen ihrer Biografie. Die meisten Lieder stammten aus dem Repertoire der Mezzosopranistin Paula Lindberg, der zweiten Frau ihres Vaters Albert. In den Jahren 1940 bis 1942 entstanden über 1.000 Gouachen, die sie später selber sortierte und numerierte. Unter dem Titel „Leben? oder Theater? ein Singespiel“ entstand so ein beispielloses Kunstwerk. Konzipiert wie ein Theaterstück oder wie das Drehbuch zu einem Film, werden die Bilder zur expressiven Szenenfolge ihrer Familiengeschichte, die zwischen Realität und Imagination oszilliert. Im September 1943 wurde Charlotte Salomon verhaftet, zusammen mit ihrem Mann Alexander Nagler, den sie im Juni 1943 geheiratet hatte, in das Durchgangslager Drancy verschleppt und schließlich im Oktober 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie dem Holocaust zum Opfer fiel. Kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz übergab sie ihre künstlerischen Arbeiten dem Dorfarzt Dr. Moridis in Villefranche-sur-Mer mit den Worten: „Heben Sie das gut auf, das ist mein ganzes Leben!“ zur Verwahrung. Der Arzt hält sich an Charlotte Salomons Worte und übergibt das Vermächtnis 1947 an Charlottes Vater Albert Salomon, seit 1971 ist es im Besitz des „Joods Historisch Museum“ in Amsterdam und wurde bereits weltweit in Ausstellungen gezeigt.

Kunstmuseum Bochum, Blick in die Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“

Dem jeweiligen Ereignis und der intendierten Wirkung entsprechend entwickelt oder zitiert Charlotte Salomon in ihren Werken unterschiedliche Stile, die von bewusst kindlicher, naiver Malerei über Michelangelo, van Gogh, Munch, die deutschen Expressionisten wie Beckmann und Kirchner bis hin zu Matisse, Picasso und nahezu abstrakter Kunst reichen. Der Einsatz der Schrift bringt die Bilder bisweilen in eine Nähe zur Karikatur und zum Comic. In der Malerei erscheinen Texte, die sich wie Opernlibretti, Regieanweisungen, oder Gedankensplitter lesen. Mit scharfer Beobachtungsgabe reflektiert sie gleichermaßen psychische Zustände wie politische Ereignisse mit Humor, Ironie und Sarkasmus, aber auch mit einem hohen Maß an Empathie. Dabei bezieht sie auch die Musik ein, indem sie Melodien aus Klassik, Volksmusik und Schlager zu einzelnen Texten vorgibt. Diese gattungsübergreifende, künstlerische Strategie provoziert – insbesondere beim „geübten“ Kunstbetrachter – eine dichte, unterschiedliche Sinne ansprechende ästhetische Wahrnehmung, die sich als imaginiertes Gesamtkunstwerk umschreiben lässt.

Kunstmuseum Bochum, Blick in die Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“

Dass zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Genres sich von ihrem „Singespiel“ zu neuen Kunstwerken inspirieren lassen, spricht für das künstlerische Potenzial von „Leben? oder Theater?“. So drehte Franz Weisz 1980 den Spielfilm „Charlotte“, der die Entstehungszeit des Werkes in Südfrankreich zum Inhalt hat. Der Komponist Marc-André Dalbavie komponierte nach ihrem Libretto als Auftragswerk der Salzburger Festspiele die Oper „Charlotte Salomon“, die Luc Bondy bei den Salzburger Festspielen 2014 (Uraufführung 28. Juli 2014) inszeniert hat. Der französische Schriftsteller und Filmemacher David Foenkinos erregte 2014 großes Aufsehen mit seinem Roman „Charlotte“.

Kunstmuseum Bochum, Blick in die Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“

Die Bochumer Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“ entstand anlässlich der Ballettoper „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ der amerikanischen Komponistin Michelle DiBucci, die am 14. Februar 2015 in der Choreographie und Inszenierung von Bridget Breiner im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen uraufgeführt wurde. Die Aufführung der Ballettoper vereint Text, Bild, Tanz und Musik zu einem äußerst sinnlichen, gesamtkunsthaften Geschehen. Indem Bridget Breiners Interpretation des Werkes an das in Kunst, Literatur und Musik überlieferte Motiv „Der Tod und das Mädchen“ anschließt, veranschaulicht sie das über das persönliche Schicksal und über die historischen Ereignisse hinausreichende, metaphorische Potenzial der Kunst von Charlotte Salomon. In enger Kooperation mit dem Gelsenkirchener Ballett im Revier wurden Elemente des Bühnenbildes von Jürgen Kirner und die dazugehörigen Projektionen von Philipp Contag-Lada in die Ausstellungsdramaturgie integriert.

Kunstmuseum Bochum, Blick in die Ausstellung „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“

Die im Kunstmuseum Bochum aufgenommenen Fotografien werden an dieser Stelle mit freundlicher, im Anschluss an die Ausstellungseröffnung persönlich erteilter Genehmigung des Museumsdirektors Dr. Hans Günter Golinski gezeigt.

Charlotte Salomon, „Lieben Sie mich eigentlich?“, 32,5 × 25 cm, aus „Leben? oder Theater? Ein Singespiel“
Collection Jewish Historical Museum, Amsterdam
© Charlotte Salomon Foundation
Charlotte Salomon®

Sämtliche ausgestellten Werke sind Leihgaben des Jüdischen Historischen Museums in Amsterdam, in dem der Nachlass Charlotte Salomons bewahrt wird. „Charlotte Salomon. Leben? oder Theater?“ ist vom 28. Februar bis 25. Mai 2015 Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr im Kunstmuseum Bochum zu sehen, mittwochs hat die Ausstellung bis 20 Uhr geöffnet.

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