Samstag, 24. Januar 2015

LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg

Dauerausstellung „Schwerindustrie“ lässt die wechselvolle Geschichte der Eisen- und Stahlindustrie an Rhein und Ruhr wieder lebendig werden

Außenansicht der historischen Zinkfabrik Altenberg des LVR-Industriemuseums

Die 1854 gegründete Zinkfabrik Altenberg war einer der ältesten metallverarbeitenden Betriebe in Oberhausen. Bis zur Schließung 1981 wurden hier überwiegend Zinkbleche her­ge­stellt. Nach dem Abriss der Anlagen sollten Wohnungen und Büros auf der ehemaligen Fabrikfläche entstehen. Doch die Stadt Oberhausen änderte ihre Planungen. In den Räumen der Fabrik entstand ein Bürgerzentrum. Auch ein Museum sollte hier einziehen. 1984 übernahm das LVR-Industrie­museum die Hauptgebäude der Fabrik. Nach der Beseitigung aller Umwelt­lasten auf dem Gelände eröffnete 1997 die Ausstellung „Schwerindustrie“.

Blick in das Foyer der Dauerausstellung „Schwerindustrie“ in der Walzhalle der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg

Die Dauerausstellung „Schwerindustrie“ befindet sich in der Walzhalle der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg, nahe dem Oberhausener Hauptbahnhof. Der Eingangsbereich des Museums empfängt die Besucherinnen und Besucher noch mit den Überresten der alten Fabrik: ein Schmelzofen, ein Gießkarussell und ein Walzgerüst. Außergewöhnliche Objektinszenierungen, historische Filmdokumente sowie Multimedia- und Mitmachstationen begleiten den weiteren Rundgang. Lebendig erzählt die Ausstellung von der Entstehung der Eisen- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet: den Vorkommen von Erz und Kohle in der Region, von Kapital und risikofreudigen Unternehmern, von der Eisenbahn als größtem Verbraucher von Eisen und Stahl, der gleichzeitig auch den Transport von Menschen und Waren erleichterte, von Tüftlern und Erfindern, deren technische Neuheiten die Produktion immer wieder revolutionierten. Die Gäste schreiten dabei durch das Innere eines Hochofens. Sie begegnen detailreichen Fabrikmodellen, zahllosen Rädern, Schienen, Ketten und anderen Produkten der Eisen- und Stahlindustrie.

Möllertrauben aus dem Hochofenwerk in Duisburg-Huckingen, Mannesmann Röhrenwerke AG, Duisburg, 1987

Die „Möllertrauben" sind eine kleine technikhistorische Sensation, denn durch ein Experiment der Mannesmann Röhrenwerke AG in Duisburg-Huckingen wurde es möglich, in das Innere eines Hochofens zu blicken. Durch Ausblasen des Hochofens und Abkühlung seines Inhalts mit Hilfe von Stickstoff bildeten sich „Trauben" aus Koks, Erz, Zuschlägen und ersten Eiseneinschlüssen, die mit Kunstharz stabilisiert wurden.

Duo-Fertigwalzen für das Schienenprofil UIC 60 der Deutschen Bahn

Leistungsschauen der nationalen Industrie: Maschinenteile und ganze Aggregate werden zu großartigen Bildern komponiert

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Fried. Krupp AG in Essen Ende 1918 gezwungen, statt Waffen und Kriegsgerät Güter für den Friedensbedarf herzustellen. Zu den neuen Produktionsschwerpunkten der alten Gussstahlfabrik gehörte neben der Fertigung von Lokomotiven, Landmaschinen, Registrierkassen u. a. auch der Bau von zivilen Lastkraftwagen. 1924 brachte die Kruppsche Kraftwagenfabrik (KraWa) ihren ersten 1,5-Tonner-Lastwagen auf den Markt. Ab 1931 wurden auf der Basis früherer Baumuster ein 2-Tonnen-Fahrgestell und – unter Verstärkung des Rahmens – ein 2,5-Tonnen-Fahrgestell entwickelt, auf das die neu entwickelten Boxermotoren mit Luftkühlung aufgesetzt wurden.

Schnell-Lastkraftwagen LD 2,5 H, Fried. Krupp AG, 1936

Dampfkessel

Dampfkessel, Detail

Die Eisen- und Stahlindustrie bot eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsplätze. Drei Bereiche stellt das Museum seinen Besucherinnen und Besuchern vor: die Gießerei, die mechanische Werkstatt und die Schmiede. Belastungen und Gefahren lauerten an jedem Arbeitsplatz. Gussputzer konnten durch umherfliegende Metallsplitter ihr Augenlicht verlieren, wie das ausgestellte Glasauge verdeutlicht. Der riesige Dampfhammer zeigt, wie viel Kraft nötig war, um Stahl zu schmieden. Aber auch Geschick und ein eingespieltes Team waren nötig, um exakte Arbeit abzuliefern, wie die Aufnahmen von einem realen Arbeitsplatz beweisen.

Kranbügel-Gießpfanne mit Eisen- und Schlackenresten und seitlicher Kippvorrichtung, Probelöffel (Gießkelle)

Zwei-Ständer Dampf-Schmiedehammer der Bauart Nasmyth mit 6 Tonnen Schlaggewicht, um 1900, J. Banning, Hamm, Gewicht 53,4 Tonnen

Die Ausstellung verdeutlicht auch die wechselvollen Beziehungen zwischen Schwerindustrie und Politik. In den Zeiten von Krieg und Aufrüstung profitierte die Wirtschaft im Ruhrgebiet von der Herstellung von Kanonen, Panzerblechen und anderem Kriegsgerät. Selbst „Friedensprodukte“ wie die ausgestellte, bei Krupp gebaute Dampflokomotive der Baureihe 50 aus dem Jahr 1942 konnten kriegswichtig werden: Sie brachte Kriegsmaterial zur Front, zog Deportationszüge zu Vernichtungslagern, half aber auch nach dem Krieg beim Wiederaufbau. Erläutert werden die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Millionen Zwangsarbeiter, ohne die während des Zweiten Weltkriegs die Produktion der deutschen Industrie nicht hätte aufrecht erhalten werden können.

Granaten aus dem Ersten Weltkrieg, 24 nachgegossene und abgedrehte Feldgranatenrohlinge, 1997

Nach 1900 boten die Rüstungsfirmen Krupp in Essen und Rheinmetall in Düsseldorf Feldhaubitzen mit einer neuartigen hydromechanischen Brems- und Vorholvorrichtung für das Abschussrohr an, die verhinderte, dass sich das Geschütz bei jedem Abschuss in Folge des Rückschlags aufbäumte und anschließend wieder neu ausgerichtet werden musste.

Feldhaubitze mit langem Rohrrücklauf, Kaliber 12 cm, Exportmodell für die Schweiz, Fried. Krupp AG, Essen, 1913

16 Seiten Zweirollen-Rotationsdruckmaschine, M.A.N. Augsburg, 1925, Gewicht 15 Tonnen

Vierwalzen-Kalander, Fried. Krupp Grusonwerk AG, 1937, und 3,7 cm-Panzerabwehrkanone (PAK), Rheinmetall-Borsig AG, 1936

Nach dem Ersten Weltkrieg entwarf die Reichsbahn „Einheitslokomotiven" nach dem Baukastenprinzip mit möglichst vielen genormten und standardisierten Teilen. Die Einheits-Güterzuglokomotiven der Baureihe 50 zählen zu den gelungensten Konstruktionen der Deutschen Reichsbahn. Das Zweizylindertriebwerk leistete 1.625 PS und erlaubte eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h in beiden Richtungen. Der Tender (in der Ausstellung nicht zu sehen) war hierfür an der Vorderseite mit einer Schutzwand mit Fenstern versehen.

Einheitslokomotive Baureihe 50, Fabriknummer 2429, ohne Tender, Hersteller Lokomotivfabrik Krupp, Essen, Ablieferung 14. Januar 1942

Um lange Rohre mit unterschiedlichem Durchmesser und möglichst glatten Innen- und Außenflächen herstellen zu können, entwickelten die Brüder Reinhard und Max Mannesmann Anfang der 1880er-Jahre das Pilgerschrittverfahren. Die auf einem Schrägwalzwerk hergestellten Hohlkörper wurden über einen langen Dorn schrittweise durch besonders geformte Rundwalzen ausgewalzt. Der Name „Pilgerschritt" wurde gewählt, weil der Walzvorgang an die „Echternacher Springprozession“ – zwei Schritte vor, einen Schritt zurück – erinnert. Schrägwalzen und Pilgerwalzen bilden gemeinsam das „Mannesmann-Verfahren“, nach dem bis heute nahtlose Stahlrohre hergestellt werden.

Pilgerwalzwerk, Max und Reinhard Mannesmann, Remscheid, 1893, zum Auswalzen nahtloser Rohre

Tore des letzten Siemens-Martin-Ofens der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann GmbH, Duisburg, Schrottmulde am Chargierarm, 1993

Bei Luftangriffen beobachteten in Kleinbunkern ein oder mehrere Posten durch die Sehschlitze die Lage vor Ort und meldeten Brände oder andere wichtige Informationen an Einsatzstellen z. B. der Feuerwehr. Damit der Kleinbunker für den Beobachter sicher war, wurde er auf einer Betonplatte verankert, um nicht durch den Luftdruck von Bomben umgeworfen zu werden. Dem Volltreffer einer Bombe hätte ein solcher Kleinbunker allerdings nicht standgehalten.

Kleiner Bunker für Arbeitsplätze auf ausgedehnten Werksgeländen, 1939 – 1945

Der Skulptur Schwertträger („Die Wehrmacht“) von Arno Breker im Hof der Neuen Reichskanzlei (1939) nachempfundene Figur. Bei Arno Breker, einem der bedeutendsten Bildhauer der NS-Zeit, stand das Schwert für Krieg und Vernichtung.

Nagelmaschine zur Herstellung von Kisten, Fabrikat Böhm und Kruse, 1930er-Jahre

Vor der Einführung von CAD (computer-aided design) in den 1990er-Jahren wurden technische Zeichnungen und Bauzeichnungen noch von Hand am Zeichenbrett erstellt, bei dem die richtige Winkligkeit der Linien zueinander über eine Mechanik zur Führung des Zeichenkopfes sichergestellt wird.

Zeichenmaschine mit Scheren-Parallelogrammführungen aus der Konstruktionsabteilung der Gutehoffnungshütte, Fabrikat Kuhlmann

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ der Wiederaufbau der wirtschaftlichen Strukturen das Ruhrgebiet im Wirtschafts­wunder wieder aufblühen. Doch ab den 1960er-Jahren folgte eine langjährige Krise. Die Bemühungen zum Strukturwandel im Ruhrgebiet stehen am Ende der Ausstellung: Ein Opel Kadett versinnbildlicht die Ansiedlung neuer Industrien in der Region. Sogenannte „tailored blanks“, maßgeschneiderte Bleche, stehen für die neuen Produkte der Stahlindustrie. Modelle zeigen Verfahrensinnovationen, mit denen die Eisen- und Stahlindustrie wettbewerbsfähig bleiben will und ein moderner Leitstand verdeutlicht die mit der zunehmenden Automatisierung der Produktion einhergehende Veränderung der Arbeitsplätze. Heute konzentriert sich die Eisen- und Stahlindustrie des Reviers am Rhein in Duisburg – mit Produktionskapazitäten, die denen der früheren Jahre in Nichts nachstehen.

Opel Kadett A, Baujahr 1963

Presswerkzeug für einen Heckdeckel des Opel Kadett Coupé, Modell 1977

Die Dauerausstellung „Schwerindustrie“ in der Zinkfabrik Altenberg ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt 4,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder und Jugendliche haben freien Eintritt. Das LVR-Industrie­museum Zinkfabrik Altenberg ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2015 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet einmalig freien Eintritt in die Dauerausstellung.

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