Samstag, 25. Oktober 2014

Opernhaus Dortmund: „Jesus Christ Superstar“

„Jesus Christ Superstar“ – nach dem Neuen Testament; Musik: Andrew Lloyd Webber; Liedtexte: Tim Rice; Buch: Tom O´Horgan; Regie: Gil Mehmert; Szenische Einstudierung: Erik Petersen; Choreografie: Kati Farkas; Ausstattung: Beatrice von Bomhard; Lichtdesign: Thomas Roscher; Ton: Olaf Krüger; Musikalische Leitung: Jürgen Grimm Patricia M. Martin. Darsteller: David Jakobs/Sven Fliege (Judas Ischariot), Alexander Klaws/Nikolaj Alexander Brucker Mark Seibert (Jesus von Nazareth), Patricia Meeden (Maria Magdalena), Hans-Werner Bramer (Kaiphas), Jens Petter Olsen (Simon Zelot), Carl Kaiser, Hiroyuki Inoue und Ian Sidden (3 Priester), Mark Weigel/Markus Schneider (Pontius Pilatus, Hannas), Fritz Steinbacher (Petrus), Inga Krischke* (Mädchen am Feuer), Jan Nicolas Bastel* (Soldat), Hiroyuki Inoue (Alter Mann), KS Hannes Brock Dirk Weiler (Herodes), Catherine Chikosi*, Yoko El-Edrisi und Patricia Meeden (Soul Girls), Mario Ahlborn, Jan Nicolas Bastel*, Hermann Bedke*, Merlin Fargel*, Min Lee, Christian Pienaar, Alexander Sasanowitsch*, Darius Scheliga, Thomas Warschun, Richard-Salvador Wolff (Jünger), Catherine Chikosi*, Yoko El-Edrisi, Yvonne Natalie Forster*, Inga Krischke*, Hanna Mall*, Vera Anna Marie Weichel*, Anna Winter* (Frauen bei Jesus), Jens Petter Olsen (Modezar), Jan Nicolas Bastel*, Catherine Chikosi*, Yoko El-Edrisi, Yvonne Natalie Forster* (Models). *Studierende im Studiengang Musical an der Folkwang Universität der Künste. Musiker: Martin Reuthner (Trompete), Marcus Bartelt (Reeds), Isabelle van de Wiele (Horn), Patricia M. Martin, Petra Riesenweber (Keyboards), Peter Engelhardt, Bastian Ruppert (Gitarre), Rainer Wind (Bass), Andy Pilger (Drums), Stephan Schott (Percussions). Uraufführung: 12. Oktober 1971, Mark Hellinger Theatre, New York. West-End-Premiere: 9. August 1972, London Palace Theatre, London. Premiere: 13. Oktober 2013, Theater Bonn, 19. Oktober 2014, Opernhaus Dortmund. Besuchte Vorstellung: 24. Oktober 2014, Opernhaus Dortmund.



„Jesus Christ Superstar“


Die Rock-Oper am Opernhaus Dortmund


Noch bevor „Jesus Christ Superstar“ als Rock-Oper auf die Bühne kam, produzierten Andrew Lloyd Webber und Tim Rice ein Musikalbum, das im Oktober 1970 als Doppel LP erschien und die Nummer 1 in den Billboard Charts erreichte. Darauf interpretierten Murray Head und Ian Gillan die Rollen des Judas Iscariot bzw. Jesus von Nazareth. Tom O´Horgan inszenierte 1971 die erfolgreiche Bühnenproduktion am Broadway, für die Andrew Lloyd Webber seinen ersten Drama Desk Award als „Most Promising Composer“ erhielt. Am 9. August 1972 hatte das Stück am London Palace Theatre im West End Premiere, und wurde dort bis 23. August 1980 in 3.357 Aufführungen gezeigt, zum damaligen Zeitpunkt ein Rekord in der Geschichte des West Ends, der erst am 12. Mai 1989 mit der 3.358. Vorstellung von „Cats“ am New London Theatre eingestellt wurde. Die Rock-Oper zeichnet die letzten sieben Tage im Leben von Jesus von Nazareth aus der Perspektive von Judas Ischariot nach und gipfelt in seiner Kreuzigung. Daher dürfte die Handlung wohl jedem Theaterbesucher – zumindest in Ansätzen – bekannt sein, so dass man bei der Aufführung in englischer Sprache sehr gut auf deutsche Übertitel verzichten kann, die doch nur vom Geschehen auf der Bühne ablenken würden. Keine Sorge, kurze, prägnante Szenenbeschreibungen als Übertitel erleichtern den des Englischen nicht mächtigen Zuschauern das Verständnis. Man darf jedoch keinesfalls eine wahrheitsgemäße Wiedergabe der Passionsgeschichte erwarten. Bereits bei der Veröffentlichung als Konzeptalbum im Jahr 1970 sorgte die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ wegen ihrer Thematik für Aufsehen. Im Mittelpunkt steht die konflikt- und spannungsreiche Beziehung zwischen Jesus und seinem ursprünglich treuen Freund und Jünger Judas, der zum Verräter werden muss. Die immer fanatischer werdenden Anhänger machen aus Jesus eine Kultfigur, erheben jedes seiner Worte zur absoluten Wahrheit, während er selbst zunehmend launischer und unzugänglicher wird. Librettist Tim Rice entwirft das Bild eines zutiefst menschlichen Jesu, den aber Anhänger und Gegner gleichermaßen zum Superstar stilisieren. In Zeiten des Starkults, der Sehnsucht nach Leitfiguren und verbindlichen Werten sind die Fragen, die „Jesus Christ Superstar“ aufwirft, nach wie vor hoch aktuell.

Opernhaus Dortmund

Die Aufführung der Rockoper am Opernhaus Dortmund ist eine Koproduktion mit dem Theater Bonn, wo die Inszenierung von Gil Mehmert am 13. Oktober 2013 ihre Premiere erlebte. Bereits eine Woche nach der gefeierten Premiere am Opernhaus Dortmund am 19. Oktober 2014 besteht eine so große Nachfrage nach Tickets, dass sich das Theater Dortmund derzeit um Zusatztermine bemüht. Liegt es am „Superstar“ Alexander Klaws, dem Sieger der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ und neuerlichem Gewinner der siebten Staffel der Tanz Show „Let´s Dance“, der in Dortmund für die Rolle des Jesus von Nazareth gewonnen werden konnte? Doch was tun, wenn der „Superstar“ krank wird, bedeutet dies den Tod der Aufführung? Mitnichten, wenn Der Tod (der aktuellen „Elisabeth“-Tournee) in eben dieser Inszenierung in der letzten Spielzeit die Rolle des Jesus von Nazareth gespielt hat und Mark Seibert für den erkrankten Alexander Klaws einspringen kann.

Womöglich hat aber auch die Inszenierung von Gil Mehmert, der in Dortmund bereits „Ganz oder gar nicht“/„The full Monty“ (Premiere 22. Oktober 2011) inszeniert hat, nicht unerheblichen Anteil an dem großen Zuspruch. Noch vor einigen Jahren wurden Inszenierung der Rock-Oper wie die von Michael Schulz am Aalto-Theater Essen (Premiere 9. September 2006) von Kritikern als modernes Regietheater abgetan, und auch Gil Mehmerts in Koproduktion mit dem Theater Bonn daselbst gezeigte Inszenierung rief selbige auf den Plan. Doch in Anbetracht ständig ausverkaufter Vorstellungen dürfte Schwarz-Weiß-Denken wohl kaum der richtige Weg sein, sich diesem Phänomen anzunähern. Faktisch verlegt Regisseur Gil Mehmert die Handlung der Rock-Oper in die Gegenwart, wobei seine Anhänger der Jesusbewegung – unterstützt durch das Kostümdesign von Beatrice von Bomhard – an die Gruppierung der Jesus-People erinnern, die sich aus der Hippie-Bewegung herausbildete. Der Präfekt des römischen Kaisers, Pontius Pilatus ist als moderner Staatsbeamter regelmäßig in Anzug und Krawatte zu sehen, der jedoch von seiner Verantwortung überfordert zu Drogen greift und im Rausch vom Volk für den Tod eines unbekannten Galiläers verantwortlich gemacht wird. Bei einer Modenschau vertreibt Jesus einen schrillen Modezaren mit seinen Models aus dem Tempel, Hannas zeichnet Judas’ Verrat an Jesus mit dem Smartphone auf, als Lohn erhält Judas dafür einen Aluminiumkoffer voller Geldscheine. Am Ende legen die Anhänger der Jesusbewegung Blumen, Kerzen und Devotionalien am Kreuz nieder, so sieht es auch an einigen Gräbern beispielsweise auf dem Wiener Zentralfriedhof aus. Andere aktuelle Bezüge werden dagegen nur angedeutet: In der Szene im Garten Gethsemane lassen in schneller Folge gezeigte Schwarz-Weiß-Fotografien von Kriegsverbrechen und Terroranschlägen Jesu Tod stellvertretend für das Sterben vieler Unschuldiger erscheinen. Das in den Werkstätten des Theaters Bonn hergestellte, dunkel gehaltene Bühnenbild (Beatrice von Bomhard) mit seinen im Halbrund angeordneten ansteigenden Sitzreihen bleibt abstrakt, über dem Orchestergraben liegt das Kreuz, auf dem Jesus bereits vor der Vorstellung liegt und zur Ouvertüre in einem Traum seine Geißelung erlebt. Die zehnköpfige Band ist hinten auf einem Podest auf halber Höhe in das Bühnenbild einbezogen und sorgt unter der bewährten Musikalischen Leitung von Patricia M. Martin für den authentischen Sound, der das dramatische Geschehen auf der Bühne unterstützt.

Auch wenn die letzte Vorstellung der Aufführungsserie am Theater Bonn am 3. Juli 2014 bereits mehr als drei Monate zurückliegt, fand sich Mark Seibert in seine Rolle als Jesus von Nazareth problemlos wieder ein. Sein charismatischer Messias ist ein normaler Menschen mit Schwächen und Launen, kein Superstar, ausdrucksstark präsentierte er sein fesselndes Gebet „Gethsemane (I Only Want To Say)“ im zweiten Akt, auch wenn er nach eigenem Bekunden ebenfalls angeschlagen war. Sven Fliege zeichnete in der besuchten Vorstellung die Entwicklung von Judas Ischariot als desillusioniertem Jünger Jesu zum Verräter, der sich in seiner Verzweifelung in dem Glauben erhängt, dass Gott ihn nie wieder lieben könne, auf der Bühne glaubhaft nach. Gesanglich fehlt dem Tenor jedoch meines Erachtens ein wenig das Rock-Timbre, um beispielsweise in seinen Soli „Heaven on their minds“ oder „Dammed for all time“ entsprechend auftrumpfen zu können. Ungeachtet dessen sorgt sein Titelsong „Jesus Christ Superstar“ mit Unterstützung von Cheerleadern mit ihren Pompons und den Soulgirls für Begeisterung. Patricia Meeden kann in der Rolle der betörenden Prostituierten Maria Magdalena – in einer der Szenenbeschreibungen in den Übertiteln ist sie explizit als Hure bezeichnet – mit ihrer Soul-Stimme und dem gefühlvollen „I don’t know how to love him“ das Publikum auf Anhieb für sich gewinnen. Während sie versucht, ihre Liebe zu Jesus zu begreifen, entkleidet sie sich auf der Bühne nahezu vollständig und steigt zu Jesus ins Bett, der dort bereits auf sie wartet. Unerwiderte Gefühle sähen sicher anders aus, doch wer würde solch eine Frau schon von der Bettkante stoßen!? Markus Schneider liefert eine beeindruckende Darstellung des Präfekten Pontius Pilatus, der gegenüber Jesus auch eigenhändig zur Peitsche greift, aber an der ihm von der aufgebrachten Menge abverlangten Entscheidung, Jesus zum Tod am Kreuz zu verurteilen, beinahe zu scheitern droht. Auch Dirk Weiler, der in der besuchten Vorstellung für den erkrankten KS Hannes Brock eingesprungen ist, ist die Rolle des Herodes aus der Bonner Aufführungsserie bestens bekannt. Mit seiner Stepptanz-Choreografie macht er „King Herod’s Song (Try it and See)“ zu einer schmissigen Varieté-Nummer, und während er im Hintergrund Jesus noch verhöhnt, erinnern Patricia Meeden und Fritz Steinbacher (Petrus) von den Rängen des Auditoriums auf der Bühne an friedlichere Zeiten: „Could We Start Again, Please?“ Daneben ist auch Hans Werner Bramer zu erwähnen, der mit seinem Bass dem Hohepriester Kaiphas Bedrohlichkeit verleiht, sowie Jens Petter Olsen als Simon Zelot, der Jesus beim Einzug in Jerusalem drängt, den Hass des Volkes auf Rom zu schüren und die Macht zu ergreifen. Mit den Studierenden des Studiengangs Musical der Universität der Künste in Essen sowie Mitgliedern des Opernchores und der Statisterie des Theaters Dortmund steht in Dortmund ein spielfreudiges Ensemble auf der Bühne, das auch in den „Massenszenen“ wie dem Einzug Jesu in Jerusalem für entsprechend gefüllte Schauplätze sorgt. Selbst wenn die Besetzung der Rolle des Jesus von Nazareth mit einem „Superstar“ in Fankreisen einen Hype ausgelöst haben sollte, so habe ich die besuchte Vorstellung doch eher als respektable Leistung eines insgesamt auf hohem Niveau agierenden Ensembles empfunden. Ob Alexander Klaws tatsächlich derartig aus dem Ensemble hervorsticht, wie an anderen Stellen berichtet wird, kann ich natürlich nicht beurteilen, denn in der besuchten Vorstellung musste er krankheitsbedingt passen.

„Jesus Christ Superstar“ steht noch bis Ostersonntag, 5. April 2015 am Opernhaus Dortmund auf dem Spielplan. Wer allerdings noch keine Tickets für eine der bisher disponierten Vorstellungen hat, kann lediglich darauf hoffen, dass es dem Theater Dortmund gelingt, die zahlreichen Gäste für zusätzliche Vorstellungen „unter einen Hut“ zu bekommen.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Alexander Klaws und Mark Seibert gehören ja auch zur ersten Garde der Musicalstars der jüngeren Generation, beide tolle Sänger und Schauspieler.
Klaws hat einen tollen Jesus gespielt und hat tolle Kritiken bekommen, zu recht.

So ein Glück, dass Mark Seibert dadurch, dass er diese Rolle in Bonn gespielt hat 1:1 einspringen konnte.
Alexander ist ja auch schon mal als Tarzan in Stuttgart eingesprungen.
Klaws und Seibert kennen sich ja sehr gut und sind mit einem gemeinsamen Showprogramm Hollywood Nights zusammen auf Tour. Aber ich kenne das Gefühl, dass ich einen bestimmten Sänger sehen wollte und er nicht gespielt hat, da denkt man immer "wie hätte er diese Rolle gespielt?"