Sonntag, 10. August 2014

UNESCO-Welterbe Fagus-Werk

Lebendiges Industriedenkmal zwischen Architektur und Produktion

Fagus-Werk

Am 21. Juni 2011 hat das UNESCO-Welterbekomitee auf seiner 35. Tagung in der französischen Hauptstadt Paris das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld als Ursprungsbau der Moderne in die Welterbeliste aufgenommen. Das Gebäude war der erste große Bau des jungen Architekten Walter Gropius (* 18. Mai 1883 in Berlin, † 5. Juli 1969 in Boston, Massachusetts) und späteren Begründers des Bauhauses in Weimar. Mit der Konstruktion aus Glas und Stahl und den stützenlosen, vollständig verglasten Ecken, die zum Markenzeichen des Neuen Bauens wurden, verlieh Walter Gropius dem dreistöckigen Fassadengebäude seine schwerelose Eleganz, die damals für Fabriken außergewöhnlich war. Das Fagus-Werk veranschaulicht die revolutionierenden Ideen von Walter Gropius. Er prägte mit seinem Erstlingswerk eine neue Stilrichtung und ebnete damit der Architektur der Moderne den Weg, die mit stützfreien Ecken, die nur mit Glas verhängt sind, den Beginn der modernen Skelettbauweise markiert. Durch die geböschten Backsteinpfeiler entsteht der Eindruck, als sei die Fassade vollverglast.

C. Behrens AG, ehemalige Schuhleistenfabrik

Carl Benscheidt (* 17. Januar 1858 in Ottmaringhausen, † 31. August 1947 in Alfeld) kam 1887 als technischer Betriebsleiter zur 1858 von Carl Behrens gegründeten C. Behrens AG, die Schuhleisten hergestellt hat. Als er nach dem Tod von Carl Behrens im Jahr 1896 am 2. Oktober 1910 aufgrund unüberwindlicher Differenzen mit den Nachfolgern aus der Schuhleistenfabrik Behrens ausschied, gründete er gleich vis-à-vis auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie Kassel-Hannover eine eigene Fabrik. Als technischer Betriebsleiter bei Carl Behrens hatte er Kontakte zur amerikanischen United Shoe Machinery Corporation in Beverly, Massachusetts, die ihn nun mit Know-how und finanzieller Beteiligung unterstützte. Carl Benscheidt beauftragte zunächst den Architekten Eduard Werner aus Hannover, der bereits für die Schuhleistenfabrik Behrens ein neues Fabrikgebäude im neugotischen Stil gebaut hatte, doch seine Zeichnungen überzeugten ihn nicht. Als er den jungen Architekten Walter Gropius kennen lernte, der 1908 bis 1910 für Peter Behrens (* 14. April 1868 in Hamburg, † 27. Februar 1940 in Berlin) gearbeitet hat, 1910 zusammen mit Adolf Meyer (* 17. Juni 1881 in Mechernich, † 14. Juli 1929 auf Baltrum) ein Architekturbüro in Berlin gegründet hat und bei seinem Schwager Max Burchard, dem Landrat des Kreises Alfeld, zu Besuch war, diskutierten beide über moderne Fabrikanlagen und Walter Gropius konnte Carl Benscheidt vom Bau innovativer Fabrikgebäude als Gegenstück zur räumlich gegenüberliegenden Konkurrenz überzeugen. Es war die erste Fabrik, die Walter Gropius mit seinem Mitarbeiter Adolf Meyer gebaut hat und die zunächst den Namen Fagus-GmbH trug, später Fagus-Werk Karl Benscheidt, nach der lateinischen Bezeichnung fagus für Buchen. Noch heute werden in diesem bedeutenden Industriebau Schuhleisten produziert, ergänzend sind Mess- und Brandschutzsysteme sowie Keilzinkenanlagen als neue Geschäftsfelder hinzugekommen.

Fagus-Werk

Fagus-Werk

Fagus-Werk

Fagus-Werk

Fagus-Werk, Waagenhaus

Fagus-Werk

Fagus-Werk

Fagus-Werk, Zugang zum Treppenhaus

Bei einer Führung durch das Fagus-Werk erfahren die Besucher viel über die Besonderheiten der Gebäudearchitektur von Walter Gropius sowie die innovativen, fortschrittlichen Ideen des Firmengründers Carl Benscheidt und können einen Blick in die Schuhleistenproduktion werfen.

Fagus-Werk, Treppenhaus mit der Darstellung des vitruvianischen Menschen

Fagus-Werk, freischwebende Treppe hinter der stützenlosen Glasfassade

Fagus-Werk, Treppenhaus

Fagus-Werk, Treppenhaus

Fagus-Werk, Treppenhaus

Fagus-Werk, Blick über die Produktionshalle auf das ehemalige Lagerhaus

Fagus-Werk, vom Modellleisten über die verschiedenen Produktionsschritte des Kunststoffleisten zum fertigen Schuh

In der maschinellen Schuhproduktion werden Leisten aus Kunststoff eingesetzt. Die Modelle dazu entstehen nach wie vor in Handarbeit, der Holzleisten ist heute jedoch nur noch Kopiervorlage. Das Schuhoberteil erhält durch den Leisten seine endgültige Form, denn der Schaft wird über den Leisten gezogen und an der Innensohle befestigt, bevor die Laufsohle angebracht wird.

Fagus-Werk, Modell-Werkstatt

Fagus-Werk, Modell-Werkstatt

Fagus-Werk, Produktionshalle

Fagus-Werk, Produktionshalle

Fagus-Werk, Glasfront in der Produktionshalle

Schachtdeckel im Fagus-Werk

Fagus-Gropius-Café im ehemaligen Maschinenhaus

Wo früher eine Dampfmaschine zum Einsatz kam, die leider nicht mehr vorhanden ist, befindet sich heute im besonderen Ambiente des ehemaligen Maschinenhauses das Fagus-Gropius-Café, das montags bis freitags als Werkskantine wöchentlich wechselnden Mittagstisch und an den Wochenenden Kaffee und Kuchen für die Besucher bereithält.

Fagus-Gropius-Café im ehemaligen Maschinenhaus

Fagus-Gropius-Café im ehemaligen Maschinenhaus

In der Fagus-Gropius-Ausstellung werden auf fünf Etagen im ehemaligen Lagerhaus auf einer Ausstellungsfläche von insgesamt 3.000 m² die Ausstellungsthemen
  • Firme­­­ngeschichte und das UNESCO-Welterbe
  • Carl Benscheidt und Walter Gropius – Bauhaus-Geschichte
  • Baugeschichte und Restaurierung
  • Was Schuhleisten leisten
  • Hundert Jahre Schuhmode
  • Lebendes Denkmal
  • Der Wald: Mehr als lauter Bäume
  • Natur und Technik: Massivholzverarbeitung
  • Universell einsetzbar: Holzwerkstoffe
  • Menschen bei Fagus
behandelt.

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Kopierdrehbank, um 1900

Bevor Fagus mit der Genauigkeitsdrehbank auf dem Weltmarkt für Furore sorgte, waren Drehbänke wie die in der Ausstellung gezeigte Kopierdrehbank üblich. Das von Hand gefertigte Grundmodell wird mit einer Kopierrolle abgerollt, ein Schwingrahmen überträgt die Form auf das Werkstück.

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Kopierdrehbank, um 1900

Kleine Besonderheiten wie die schwarz lackierten kugelförmigen Knäufe und die über Eck gestellten Vorderbeine der Stühle geben den nürchtern, ganz auf ihren Zweck hin von Walter Gropius entworfenen Küchenmöbeln die individuelle Note. Es sind die ersten Küchenmöbel, die Walter Gropius entworfen hat.

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Küchenmöbel für das Haus Benscheidt in Alfeld, Entwurf Walter Gropius, 1923

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, rahmengenähter geschnürter Trotteur, 1910

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Schlupfstiefelette mit umgeschlagenem Schaft, 2009

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, zum Trocknen aufgeschichtete Leistenrohlinge

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Kastenwagen, mit dem Leistenrohlinge im Trockenhaus transportiert wurden

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Armlehnstuhl und Bank, Entwurf Walter Gropius, 1922/23

Der finnische Architekt und Designer Alvar Aalto (* 3. Februar 1898 in Kuortane, † 11. Mai 1976 in Helsinki) ist für seine besonderen Konzeptionen im Bereich des organischen Bauens bekannt. Das Alvar-Aalto-Kulturhaus in Wolfsburg und das Aalto-Theater in Essen wurden nach seinen Entwürfen gebaut. Alvar Aalto gilt als Pionier der Schichtholzverarbeitung. Seit 1927 experimentierte mit diesem Werkstoff und schuf zusammen mit seiner Frau Aino Aalto zahlreiche Möbel. Im Dezember 1935 gründeten Alvar und Aino Aalto zusammen mit Maire Gullichsen und Nils-Gustav Hahl den Möbelbaubetrieb Artek mit dem vom Bauhaus inspirierten programmatischen Anspruch, Kunst und Technik zu einer formalen Einheit zu verbinden.

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Kinderstuhl N65, Entwurf Alvar Aalto, 1933/35

Fahrstuhl im ehemaligen Lagerhaus

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, Satztische/Hocker, Entwurf Marcel Breuer, um 1926

Grobspanplatten, auch OSB-Platten, werden häufig als Bauplatten beim Rohbau und im Innenausbau verwendet. 95% aller OSB-Platten werden in den USA hergestellt und vorwiegend im Hausbau verwendet. Der in der Ausstellung gezeigte Sessel präsentiert OSB-Platten in einer ungewöhnlichen Variante.

Fagus-Gropius-Ausstellung im ehemaligen Lagerhaus, OSB-Sessel

Die Fagus-Gropius-Ausstellung ist täglich von 10 bis 16 Uhr göffnet, öffentliche Führungen durch das Fagus-Werk werden samstags um 12 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr angeboten. Weitere Informationen unter www.fagus-werk.com.

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