Samstag, 7. Juni 2014

LVR-Archäologischer Park Xanten

Deutschlands größtes archäologische Freilichtmuseum auf dem Gelände der römischen Stadt Colonia Ulpia Traiana

Rund vierhundert Jahre lang war Xanten einer der bedeutendsten römischen Orte in Germanien. An die zehntausend Männer, Frauen und Kinder lebten in der imposanten Stadt, die Kaiser Trajan um 100 nach Christus zur Colonia Ulpia Traiana ernannte. Dass ihr Gelände seit dem Mittelalter kaum besiedelt wurde, ist ein wahrer Glücksfall für die Archäologie. So können die Überreste der römischen Stadt seit 1977 im LVR-Archäologischen Park Xanten geschützt, erforscht und präsentiert werden. Im weitläufigen Grün des Parks vermitteln originalgetreue Nachbauten wie der Hafentempel und das Amphitheater, die Stadtmauer, Wohnhäuser und Badeanlagen einen lebendigen Eindruck vom römischen Alltag in Germanien.

Kaiser Marcus Ulpius Traianus, Abguss, Höhe 2 m, Original im Louvre, Paris, Arme, Stütze und Halsausschnitt ergänzt

Lange vor der Gründung der Colonia, zur Zeit der großen Germanienfeldzüge unter Kaiser Augustus 13/12 vor Christus, errichteten römische Legionen das erste Lager auf dem so genannten Fürstenberg südlich der heutigen Stadt Xanten. Fortan war der Xantener Raum immer Standort von mindestens einer Legion, im 1. Jahrhundert nach Christus sogar einer der größten und wichtigsten Stützpunkte des ganzen Imperiums. Gut zwei Kilometer vom Legionslager entfernt entstanden ein Hafen und eine Siedlung, in der sich Zivilisten und Veteranen der Armee niederließen.

Im Laufe der folgenden Generationen wuchs die frühe zivile Siedlung zu einer stattlichen Größe. Um 100 nach Christus verlieh Kaiser Trajan ihr seinen Namen und die Rechte einer Colonia. Damit zählte die Colonia Ulpia Traiana zu den 150 höchstrangigen Städten des gesamten römischen Reiches. Die Colonia nahm eine Fläche von 73 Hektar ein und war durch ein rechtwinkliges Straßenraster unterteilt. Ihr Bild war geprägt von öffentlichen Großbauten wie die repräsentative Stadtmauer, ein großes Forum, Tempel, Thermen und das Amphitheater.

Amphitheater

Auf dem Gelände der alten Römerstadt vermitteln heute besonders die eindrucksvoll rekonstruierten Bauwerke wie der Hafentempel, das Amphitheater oder die Thermen eine lebendige Vorstellung des römischen Alltags. Jedes entstand nach jahrelangen Ausgrabungen und Forschungen im originalen Maßstab am originalen Standort. In Form und Material entsprechen die begehbaren Modelle ihren römischen Vorbildern und machen so die Wirkung der antiken Architektur anschaulicher begreiflich als jedes Buch.

Amphitheater

Öffentliche Spektakel wie die Gladiatorenkämpfe in der Arena und die Wagenrennen im Circus waren die mit Abstand populärste Unterhaltung für die römische Bevölkerung. An kaum einem anderen Ort nördlich der Alpen ist die schaurige Faszination, die einst von den kolossalen Amphitheatern ausging, so unmittelbar greifbar wie in Xanten. Wo einst grausame Kämpfe auf Leben und Tod stattfanden, bietet das rekonstruierte Amphitheater im Archäologischen Park Xanten heute ein abwechslungsreiches Kulturprogramm mit Konzerten, Musicals, Opern – und Gladiatorenspielen, bei denen freilich niemand um seine Gesundheit fürchten muss. Die Vorführungen in der Xantener Arena sind bekannt für ihren ebenso seriösen wie unterhaltsamen Anspruch.

Gewölbe unter den Rängen des Amphitheaters

Amphitheater

Amphitheater

Gladiator

Baukran

Keine große römische Stadt ohne mächtige Mauern und Tore: Neun begehbare Türme, einige Abschnitte der hohen Stadtmauer und das große Tor zur Limesstraße sind im Archäologischen Park Xanten rekonstruiert. Sie wirken damals wie heute wie ein Symbol römischer Macht und Kultur an der germanischen Provinzgrenze. Wer das Stadttor mit seinen steilen Treppen erklimmt, wird in luftiger Höhe mit einem schönen Ausblick über das Parkgelände und die niederrheinische Landschaft belohnt. Am Boden bietet ein dreißig Meter langes Teilstück der römischen Kanalisation die Gelegenheit zu einem Abstecher unter die Erde.

Die rekonstruierte Stadtmauer neben dem Amphitheater

Römische Herberge

Die Herberge der römischen Stadt bot Reisenden eine komfortable Unterkunft, Bewirtung und die Wonnen eines heißen Badehauses. In der vollständig rekonstruierten Herberge im Archäologischen Park Xanten können die Besucher römische Schlafzimmer, Wohnräume, eine funktionstüchtige Küche und eine unterirdische Vorratskammer erkunden. Gleich neben den üppigen Beeten des Kräutergartens bietet das römische Restaurant in der Herberge moderne Speisen und antike Gaumenfreuden nach originalen Rezepten. Im südlichen Flügel des Gebäudes liegen das Infozentrum des Archäologischen Parks Xanten und die Werkstätten der römischen Knochenschnitzer und Schuster, in denen ausgebildete Fachkräfte die Kniffe ihres alten Handwerks vorführen. Besonders beeindruckend ist das Badehaus der Herberge mit seinen Wasserbecken und farbenprächtigen Wandmalereien. Es ist bis heute weltweit die einzige Anlage, die originalgetreu wie in der Antike befeuert werden kann.

Kräutergarten mit der römischen Herberge im Hintergrund

Römische Herberge, Medusen

Römische Herberge, Blick in das Heißbad der rekonstruierten Herbergsthermen mit Wandmalereien

Römische Herberge, Blick in das Heißbad der rekonstruierten Herbergsthermen mit Wandmalereien

Römische Herberge, Holzfeuer zur Beheizung des Heißbades

„Kaiser, Senat und Volk“: Römisches Mädchen, Datierung unbekannt, Kopie, Original in den Vatikanischen Museen Rom

Römische Herberge, Küche

Römische Herberge, Appartment, Möbel und Wandmalereien entsprechen den antiken Vorbildern

Römische Herberge, Schlafkammer

Römische Herberge, Lararium

Schon die Römer hatten eine Leidenschaft für Spiele aller Art. Das frisch renovierte Spielehaus im Archäologischen Park Xanten lädt dazu ein, ihre schönsten Zeitvertreibe zu entdecken. Ganz nach Gusto können Jung und Alt mit den antiken Vorläufern von kniffligen Brettspielen wie Mühle und Backgammon ihre grauen Zellen trainieren oder bei Wurfspielen wie dem Deltaspiel und dem Amphorenwurfspiel ihre Geschicklichkeit testen.

Römische Spiele: Ὀστομάχιον (ostomachion, antike Griechen), loculus archimedius („Archimedisches Kästchen“, Römer), „Elefantenpuzzle“, ein aus 14 Plättchen bestehendes Puzzlespiel

Hafentempel

Der Hafentempel war nach dem Kapitol der zweitgrößte Tempel der römischen Stadt. Mit seinen hoch über die Stadtmauer ragenden Säulen wirkte das prachtvolle Bauwerk wie ein Wahrzeichen römischer Kultur. Die Rekonstruktion wurde in ausgewählten Teilen wie das römische Vorbild aus Lothringer Kalkstein auf einem drei Meter hohen Podium errichtet. Einige in voller Höhe aufgebaute Säulen und das Dachgebälk vermitteln einen Eindruck von der Wirkung, die der imposante Tempel mit seiner Höhe von 27 Metern erzielt hat. Eine breite Treppe führt zum Kultraum hoch, in dem einst das Standbild der hier verehrten Gottheit gehütet wurde. Weil man bis heute nicht weiß, welcher Gott oder welche Göttin das war, benannten die Ausgräber den Tempel nach seiner Lage in der Nähe des römischen Hafens. Auf der Rückseite des Bauwerks ist der originale Fundamentbereich zugänglich, wo bis heute archäologische Spuren aus der Bauzeit des Tempels zu finden sind. Wegen Sanierungsarbeiten wird der Hafentempel voraussichtlich bis Ende 2014 nur eingeschränkt zugänglich sein.

Hafentempel

Hafentempel

„Reisen & Verkehr – Auf Achse mit den Römern“: carruca – Römischer Reisewagen

Im Pavillon auf der Wiese hinter den Spielplätzen sind drei fahrtüchtige Nachbauten von römischen Kutschen und Wagen ausgestellt: die Kutsche vom Typ der carruca für längere Reisen, das cisium als leichter Reisewagen für zwei Personen und wenig Gepäck, und der carrus für den Transport von Waren aller Art.

„Reisen & Verkehr – Auf Achse mit den Römern“: carruca – Römischer Reisewagen

„Reisen & Verkehr – Auf Achse mit den Römern“: cisium – Leichter Reisewagen

„Reisen & Verkehr – Auf Achse mit den Römern“: carrus – Römischer Lastwagen

Burginatiumtor, Nordtor der Colonia Ulpia Traiana

Burginatiumtor, Nordtor der Colonia Ulpia Traiana

Römische Gräber: Grabstein des Firmus, ca. 50 nach Christus, Andernach, Kopie, Original im LVR-LandesMuseum Bonn, Bunter Firmus, Rekonstruktionsvorschlag

LVR-RömerMuseum

Seit August 2008 ist das LVR-RömerMuseum der neue Publikumsmagnet im Archäologischen Park Xanten. Standort und Architektur des LVR-RömerMuseums wurden mit Bedacht geplant. Der moderne Bau aus Stahl und Glas erhebt sich auf den Fundamentmauern einer gewaltigen römischen Halle, die fast 80 Meter lang und über 20 Meter breit war. Diese Basilika Thermarum schuf einst den Zugang zu den öffentlichen Thermen der römischen Stadt Colonia Ulpia Traiana. Das Museum und der unmittelbar anschließende Thermenschutzbau, der seit 1999 die Bade- und Heizräume der Ruine überdeckt, bilden ein eindrucksvolles Ensemble. Beide Gebäudeteile zeichnen die äußere Form und die Dimensionen der antiken Thermen in modernen Materialien nach. Auch in der Gliederung und Farbgebung der Dachlandschaft entspricht der einzigartige Baukomplex dem antiken Vorbild. Mit einer Firsthöhe von knapp 24 Metern erreicht das LVR-RömerMuseum annähernd die Höhe der antiken Halle.

Schutzbau über den Großen Thermen der Colonia Ulpia Traiana

Frigidarium (Kaltbad), mit 420 m² der größte Baderaum der Großen Thermen der Colonia Ulpia Traiana

Im Inneren des LVR-RömerMuseums mit seiner Länge von 70 Metern und seiner Höhe von 20 Metern werden die eindrucksvollen Dimensionen der antiken Architektur erfahrbar. Ein Großteil der Ausstellung ist auf frei im Raum abgehängten Rampen und Ebenen untergebracht, die immer wieder überraschende Perspektiven bieten. Die Ausstellung führt als chronologischer Rundgang von der Zeit Cäsars bis zur Frankenzeit durch die ereignisreiche römische Geschichte Xantens. Die Besucher treffen auf die ersten Legionäre, die kurz vor der Zeitenwende am Rhein eintrafen, erleben die dramatischen Auswirkungen weltpolitischer Ereignisse in Rom am Niederrhein und werden Zeuge vom Aufstieg und Niedergang der römischen Stadt Colonia Ulpia Traiana, die um das Jahr 100 nach Christus auf Xantener Boden gegründet und in der Spätantike von den Franken zerstört wurde.

Lüttinger Knabe, 1. Jahrhundert vor Christus bis frühes 1. Jahrhundert nach Christus, Kopie, Original im Neuen Museum Berlin

Nehalennia, Lastkahn aus Xanten-Wardt, um 100 nach Christus

Nehalennia, Lastkahn aus Xanten-Wardt, um 100 nach Christus

Im Archäologischen Park Xanten entsteht in diesem Jahr der Nachbau eines römischen Schiffes. In einem Hallenzelt neben dem LVR-RömerMuseum wird ein römischer Lastkahn, der im Sommer 1991 bei Auskiesungen in einem verlandeten Rheinarm bei Xanten-Wardt geborgen wurde und im LVR-RömerMuseum ausgestellt ist, originalgetreu aus Eichenholz rekonstruiert. Die Arbeiten in der Schiffswerft können bis November immer montags bis freitags von 9 bis 16.30 Uhr mitverfolgt werden. An Wochenenden und Feiertagen ruhen die Arbeiten, aber die Werft kann von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden.

Nehalennia, vollständiger Nachbau eines römischen Lastkahns

Nehalennia, vollständiger Nachbau eines römischen Lastkahns

Matronentempel (Grundmauern)

Der Archäologische Park Xanten und das LVR-RömerMuseum sind von März bis Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, von November bis Februar verkürzte Öffnungszeiten. Der Eintritt zu Park und Museum beträgt 9 Euro für Erwachsene bzw. 6 Euro ermäßigt, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Noch bis 7. September 2014 gibt es im LVR-RömerMuseum im Rahmen des LVR-Verbundprojekts „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ die Sonderausstellung „An den Grenzen des Reiches. Ausgrabungen im Xantener Legionslager am Vorabend des Ersten Weltkrieges“ zu sehen.

Werbung für Gladiatorenkämpfe, aufgemalt auf eine Hauswand in Pompeji

Übrigens: Am 14. und 15. Juni 2014 öffnet der Archäologische Park Xanten seine Tore für Europas größtes Römerfest „Schwerter, Brot und Spiele“. Rund 500 römische Akteure zeigen ihr Können live beim Handwerken, Kochen, Kämpfen und Musizieren. Während Truppenparaden, Reiterspiele und die Gladiatorenkämpfe großformatige Unterhaltung mit hohem Informationsgehalt bieten, zeigen Handwerker und Händler aller Art ihre originalgetreu hergestellten Waren.

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