Samstag, 12. April 2014

Theater Oberhausen: „Into the Woods“

„Into the Woods“ – inspiriert von „The Uses of Enchantment: The Meaning and Importance of Fairy Tales“ von Bruno Bettelheim; Musik, Lyrics: Stephen Sondheim; Buch: James Lapine; Deutsche Übersetzung: Michael Kunze; Inszenierung: Peter Carp; Choreografie: Morgan Nardi; Bühne: Caroline Forisch; Kostüme: Sebastian Ellrich; Licht: Stefan Meik; Ton: Heiko Jooß; Dramaturgie: Rüdiger Bering; Musikalische Leitung: Patricia M. Martin, Michael David Mills. Darsteller: Jürgen Sarkiss (Erzähler/geheimnisvoller Mann), Inga Krischke (Aschenputtel), Hanna Mall (Florinda), Catherine Chikosi (Lucinda, Aschenputtels Stiefschwestern), Susanne Burkhard (Aschenputtels Stiefmutter), Jan Nicolas Bastel (Wolf/Aschenputtels Prinz), Richard-Salvador Wolff (Hans), Anja Schweitzer (seine Mutter), Tim Al-Windawe (Bäcker), Yvonne Natalie Forster (seine Frau), Karina Schwarz (Hexe), Anna Winter (Rapunzel), Merlin Fargel/Alexander Sasanowitsch (Rapunzels Prinz), Vera Anna Marie Weichel (Rotkäppchen), Hermann Bedke/Merlin Fargel (Kammerdiener), Alexander Sasanowitsch/Hermann Bedke (Oma, Riesin). Musiker: Patricia M. Martin/Michael David Mills (Klavier), Aleksandra Stanoeva (Violine), Emily Hester (Bratsche), Eun Chong Jung (Cello), Dennis Pientak (Kontrabass), Maria Jaravaja, Felix Fritsche, Sebastian Busch (Reeds/Bläser), Suren Babayan (Horn), Jaime Moragas, Daniel Aros (Synthesizer). Uraufführung: 4. Dezember 1986, Old Globe Theatre, San Diego, California. Broadway Premiere: 5. November 1987, Martin Beck Theatre, New York City. West End Premiere: 25. September 1990, Phoenix Theatre, London, UK. Deutschsprachige Erstaufführung: 31. März 1990, Theater Heilbronn, Heibronn. Premiere: 11. April 2014, Theater Oberhausen.



„Into the Woods“


Das Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste in Kooperation mit dem Theater Oberhausen


Nachdem der Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste in Essen „Into the Woods“ 2009 als Kooperation mit dem Theater Hagen (Premiere 3. Oktober 2009, Regie Gil Mehmert) mit Guildo Horn als Erzähler/geheimnisvoller Mann gezeigt hat, inszeniert Intendant Peter Carp in der Spielzeit 2013/2014 das Musical mit den Studierenden der Folkwang Universität und den Schauspielern aus dem Ensemble des Theaters Oberhausen unter der Musikalischen Leitung von Patricia M. Martin und Michael David Mills. Die Original Broadway Produktion von „Into the Woods“ gewann 1988 drei Tony Awards, James Lapine für Best Book of a Musical, Joanna Gleason (Bäckersfrau) für Best Performance by a Leading Actress in a Musical und Stephen Sondheim für Best Original Score (Music and/or Lyrics) Written for the Theatre, wobei in dem Jahr allein sechs Tony Awards an „The Phantom of the Opera“ von Andrew Lloyd Webber vergeben wurden.

Hermann Bedke (Kammerdiener), Inga Krischke (Aschenputtel) und Jan Nicolas Bastel (Aschenputtels Prinz); © Birgit Hupfeld

Walt Disney Pictures produziert augenblicklich eine Filmadaption des Musicals in der Regie von Rob Marshall mit Johnny Depp (Wolf), Meryl Streep (Hexe), James Corden (Bäcker), Emily Blunt (seine Frau), Anna Kendrick (Cinderella), Chris Pine (Cinderella´s Prinz), Lilla Crawford (Rotkäppchen), Daniel Huttlestone (Jack), MacKenzie Mauzy (Rapunzel), Christine Baranski (Cinderella´s Stiefmutter) und Tracey Ullman (Jack´s Mutter). Die Dreharbeiten wurden am 27. November 2013 abgeschlossen, der Film soll in den Vereinigten Staaten am 25. Dezember 2014 in die Kinos kommen. In Deutschland muss man sich noch bis zum 19. Februar 2015 gedulden. Am Theater Oberhausen kann man das Musical jetzt schon auf der Bühne erleben.

Yvonne Natalie Forster (Frau des Bäckers), Tim Al-Windawe (Bäcker), Catherine Chikosi (Lucinda) und Hanna Mall (Florinda); © Birgit Hupfeld

Komponist Stephen Sondheim (Musik, Text) und Autor James Lapine (Buch) lassen in „Into the Woods“ mehrere Handlungsstränge bekannter Grimm´scher und anderer Märchen („Aschenputtel“, „Dornröschen“, „Hans und die Bohnenranke“, „Rapunzel“, „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“) auf intelligente und amüsante Weise simultan ablaufen und zeigen gleichzeitig die Problematik menschlicher Entwicklung vom Kind zum sozial verantwortlichen Erwachsenen auf. Der Bäcker und seine Frau leiden unter dem Fluch der Kinder­losig­keit, den eine böse Hexe über sie ausgesprochen hat. Um sich davon zu befreien, müssen sie sich vier Gegenstände beschaffen und daraus einen Zaubertrank bereiten: eine Kuh so weiß wie Milch, einen Mantel so rot wie Blut, Haar so gelb wie Korn und einen Schuh aus purem Gold. Mit lediglich sechs Bohnen in der Jackentasche macht sich der Bäcker auf den Weg in den Wald, ebenso wie Hans, der seine Kuh verkaufen soll, Aschenputtel, die das Grab ihrer Mutter besuchen will, und Rotkäppchen, die ihrer Großmutter einen Besuch machen möchte. Nach einer trickreichen, aber auch egoistischen Jagd der Bäckersleute nach den erforderlichen Zutaten scheinen sich am Ende des ersten Aktes für die Märchenhelden alle ihre Wünsche zu erfüllen: die Frau des Bäckers wird schwanger, Aschenputtel und Rapunzel bekommen ihre Prinzen und die böse Hexe verwandelt sich sogar in eine jugendliche Schönheit, wobei sie ihre Zauberkraft verliert.

Vera Anna Marie Weichel (Rotkäppchen), Tim Al-Windawe (Bäcker), Jürgen Sarkiss (Erzähler) und Hermann Bedke (Kammerdiener); © Birgit Hupfeld

Doch das Glück der Protagonisten ist nicht von Dauer, im zweiten Akt werden die Figuren mit den Konsequenzen ihres früheren, unmoralischen Handelns konfrontiert. In der Ehe der Bäckersleute kommt es zu Missstimmungen, Aschenputtel fühlt sich im Schloss vernachlässigt und ihr Prinz stellt obendrein der Frau des Bäckers nach. Eine Riesin, die sich an Hans für den Tod ihres Mannes rächen will, verwüstet das Land. Es muss erst etliche Tote geben, bis die Überlebenden (Aschenputtel, Rotkäppchen, Hans und der Bäcker) einsehen, dass sie nur mit Solidarität die Bedrohung abwenden können.

Tim Al-Windawe (Bäcker), Hanna Mall (Florinda), Anja Schweitzer (Hans´ Mutter), Vera Anna Marie Weichel (Rotkäppchen), Yvonne Natalie Forster (Frau des Bäckers), Catherine Chikosi (Lucinda) und Hermann Bedke (Kammerdiener); © Birgit Hupfeld

„Es war einmal…“, so beginnen viele Märchen. Regisseur Peter Carp und sein Team lassen „Into the Woods“ in der jüngeren Vergangenheit spielen. Die ersten Eindrücke zu Beginn der Inszenierung: Hans und seine Mutter, der Bäcker und seine Frau sowie Aschenputtel mit ihrer Stiefmutter und ihren Stiefschwestern wohnen in einem typisch amerikanischen Trailerpark der 1970er Jahre (Bühne: Caroline Forisch), der Erzähler hängt im Unterhemd am linken Bühnenrand auf dem Sessel vor der Flimmerkiste herum und stellt die Figuren des Musicals vor, die nun ihre Wünsche musikalisch selbst vortragen: Aschenputtel möchte so gern mit zum königlichen Galaball, Hans hofft auf etwas Milch von seiner Kuh Milchweiß, und der Bäcker träumt mit seiner Frau von einem Kind. Das tiefgründige Libretto des Musicals spiegelt sich in Stephen Sondheims beinahe durchkomponierter, subtiler Partitur wider, die den leichten ersten und ein bisschen düsteren zweiten Akt ausgeklügelt untermalt. Auch wenn in „Into the Woods“ häufig der für Sondheim typische Sprechgesang eingesetzt wird, so finden sich beispielsweise mit der Ballade „Niemand ist allein“ oder dem lebhaften Titelsong „Ab in den Wald“ auch harmonische Melodien, im Duett „Liebesqual“ der beiden Prinzen und „Guten Tag, das Fräulein“, als Rotkäppchen den lüsternen Wolf trifft, dominieren ausgesprochen amüsante Momente. Kurioses am Rande: In Oberhausen geben auch Ochsen Milch, wie Richard-Salvador Wolff (Hans) mit „Er lässt sich nur von mir melken!“ bei der Premiere zweifelsfrei zu verstehen gab.

Richard-Salvador Wolff (Hans), Tim Al-Windawe (Bäcker) und Yvonne Natalie Forster (seine Frau); © Birgit Hupfeld

Hinter den drei Mobilheimen kommen 11 kräftige Baumstämme zum Vorschein, durch den Einsatz von Drehbühne und Beleuchtung (Licht: Stefan Meik) bekommt der Zuschauer verschiedenste Einblicke in den (Bühnen-)Wald. Sebastian Ellrich zeichnet für das phantasievolle Kostümdesign verantwortlich, überraschenderweise tritt Aschenputtel hier als Schlachterin in Erscheinung. Dass der Zaubertrank im ersten Anlauf seine Wirkung verfehlt, verwundert nicht wirklich, trägt Aschenputtel zum Ballkleid doch silberne Schuhe, und Rapunzel lässt ihr kastanienrotes Haar vom Turm herunter. Während die Verwandlung der alten Hexe zur jugendlichen Schönheit in anderen Produktionen aufwendig und mit viel Phantasie inszeniert wird, geht man dieser Herausforderung in Oberhausen gänzlich aus dem Weg: Karina Schwarz zieht sich in der Garderobe um und legt ein anderes Make-up auf, und bei ihrem nächsten Auftritt weist Jürgen Sarkiss als Erzähler glücklicherweise auf die vollzogene Verwandlung hin. Die Studierenden der Folkwang Universität der Künste im Orchestergraben lassen unter der Musikalischen Leitung von Patricia M. Martin von Beginn an keine Wünsche offen und bringen die anspruchsvolle Partitur schwungvoll zu Gehör. Lebhaft sind auch die Choreografien von Morgan Nardi ausgefallen, die Musical-typisches Bewegungsrepertoire mit skandinavischer Folklore verbinden.

Inga Krischke (Aschenputtel) und Yvonne Natalie Forster (Frau des Bäckers); © Birgit Hupfeld

„Into the Woods“ hat eine Vielzahl von Rollen zu bieten, weshalb das Musical schon häufiger von den Hochschulen als Abschlussproduktion ausgewählt wurde, neben der Folkwang Universität beispielsweise von der Bayerischen Theaterakademie August Everding (Premiere 12. März 2005, Regie Werner Sobotka, u. a. mit Sarah Schütz als Hexe, Roberta Valentini als Florinda und Joana Fee Würz als Lucinda) oder der Hochschule für Musik und Theater Leipzig (Premiere 18. Juni 2004, Regie Jan-Richard Kehl). Im Gegensatz zur letzten Koproduktion der Folkwang Universität mit dem Theater Hagen, bei der Studierende auch die Rollen von Hans´ Mutter und der Hexe gespielt haben, haben in Oberhausen mit Jürgen Sarkiss als Erzähler/geheimnisvoller Mann, Susanne Burkhard als Aschenputtels Stiefmutter und Anja Schweitzer als Hans´ Mutter Schauspieler aus dem Ensemble des Theaters Oberhausen die Rollen der älteren Erwachsenen übernommen. Lediglich für die Rolle der Hexe wurde die gebürtige Russin Karina Schwarz als Gast engagiert. Darstellerisch absolut überzeugend artikuliert sie bedauerlicherweise mitunter unsauber, so dass sie für mich und meine Begleitung teilweise unverständlich war. Jürgen Sarkiss überzeugt in der Doppelrolle des unbeteiligten, häufig etwas abwesend wirkenden Erzählers sowie des bei der Beschaffung der Zutaten für den Zaubertrank tatkräftig behilflichen geheimnisvollen Manns, mit der Bemerkung „Oh, gestolpert!“, als Milchweiß nicht so will wie sie soll und umfällt, hat er zusätzliche Lacher auf seiner Seite.

Jan Nicolas Bastel (Aschenputtels Prinz), Hanna Mall (Florinda), Inga Krischke (Aschenputtel), Susanne Burkhard (Aschenputtels Stiefmutter) und Hermann Bedke (Kammerdiener); © Birgit Hupfeld

Tim Al-Windawe als anfänglich zurückhaltender Bäcker und Yvonne Natalie Forster als seine emanzipierte, selbstbewusste Frau geben eine überzeugende Vorstellung und kommen gemeinsam zur Erkenntnis, Schwierigkeiten „Nur zu zweit“ („It takes two“) besser meistern zu können, Yvonne Natalie Forster bleibt solistisch mit „Ein paar Stunden in den Wald“ („Moments in the Woods“) im zweiten Akt nachhaltig in Erinnerung, bevor sie vergeblich versucht, vor der Riesin zu flüchten. Jan Nicolas Bastel kann nicht nur als lüsterner Wolf komisches und Bewegungstalent beweisen, auch im Zusammenspiel mit Merlin Fargel gefallen beide als ständig verliebte, aber leicht einfältige Prinzen mit „Liebesqual“ („Agony“). Einen positiven Eindruck hinterlassen auch Inga Krischke als Aschenputtel, die von ihren beiden verzogenen Stiefschwestern und ihrer bösen Stiefmutter drangsaliert wird, sowie Vera Anna Marie Weichel als unschuldiges Rotkäppchen, das vom Bäcker aus dem Bauch des Wolfs befreit wird und ihn dafür mit ihrem roten Mantel belohnt. Richard-Salvador Wolff kann als Hans, der zwar einfältig seine Kuh Milchweiß über alles liebt, sich aber dennoch gutgläubig auf einen Handel mit dem Bäcker einlässt, für sich einnehmen. In weiteren Rollen sind Catherine Chikosi als Lucinda und Hanna Mall als Florinda, Aschenputtels exzentrische Stiefschwestern, Anna Winter als Rapunzel sowie Hermann Bedke als Kammerdiener und Alexander Sasanowitsch als Oma auf der Bühne zu sehen.

Das Premierenpublikum belohnte nach gut dreistündiger Vorstellung die Leistung aller Beteiligten mit warmherzigem Applaus. „Into the Woods“ ist am Theater Oberhausen eine sehenswerte Produktion, die den Besuch wirklich lohnt. Die Premiere war jedoch bereits nicht vollständig ausverkauft, und erfahrungsgemäß ist das Stück dem breiten Publikum zu intellektuell, zu wenig Wohlfühl-Musical, als dass selbst nach positiven Besprechungen nun der Theatersaal gestürmt würde. Bei Ticketpreise von 11 € bis 22,50 € kann man doch eigentlich gar nichts verkehrt machen und einen Versuch wagen… Ab in den Wald! Weitere Termine: 26. April, 3., 11., 21. und 28. Mai, 6., 13. und 22. Juni 2014.

Yvonne Natalie Forster (die Frau des Bäckers) bringt den Kuchen

Wer mehr von den Studierenden auf der Bühne sehen und hören möchte, die alljährliche Musical-Combo, ein regelmäßiges Projekt des Studiengangs Musical, wird am 27. Juni 2014 am Theater Oberhausen stattfinden, und die letzten beiden Aufführungen von „Jesus Christ Superstar“ am Opernhaus Bonn (Premiere 13. Oktober 2013, Regie Gil Mehmert) mit Studierenden und Absolventen des Studiengangs Musical der Folkwang Universität der Künste (u. a. David Jakobs als Judas, Dirk Weiler als Herodes) stehen am 2. und 3. Juli 2014 auf dem Spielplan.

Studierende des dritten Jahrgangs: Catherine Chikosi, Hanna Mall, Merlin Fargel, Hermann Bedke, Alexander Sasanowitsch und Anna Winter

Haben Sie „Into the Woods“ am Theater Oberhausen selbst schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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