Dienstag, 18. Februar 2014

49½ Shades! Die Musical Parodie

„49½ Shades! Die Musical Parodie“ – eine Parodie auf die Roman-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ von E. L. James; Musik: Amanda Blake Davis, Jody Shelton, Ashley Ward, Dan Wessels; Liedtexte: Al Samuels, Amanda Blake Davis, Jody Shelton, Ashley Ward, Dan Wessels; Buch: Al Samuels, Emily Dorezas, Amanda Blake Davis, Jody Shelton, Ashley Ward, Dan Wessels; Deutsche Übersetzung: Anna Bolk (Liedtexte) und Gerburg Jahnke (Buch); Inszenierung: Gerburg Jahnke; Choreografie: Paul Kribbe; Bühne: Tom Presting; Kostüme: Mario Reichlin; Arrangements, Musikalische Leitung: Jan Christof Scheibe. Darsteller: Beatrice Reece (Anastasia Steele, Literaturstudentin), André Haedicke (Christian Grey, Unternehmer), Dustin Smailes (Jose Rodriguez, Anastasias Freund/Innere Göttin), Sabine Urig (Sabine), Ines Martinez (Jutta), Kira Primke (Susanne/Katrin), Johannes Blattner, David Eisinger, Marta Di Giulio, Victoria Maschuw, Ross McDermott, Giulia Vazzoler (Tanzensemble). Uraufführung: 22. August 2012, Edinburgh Festival Fringe, Edinburgh, Schottland. Deutschsprachige Erstaufführung: 16. Februar 2014, Capitol Theater, Düsseldorf.



„49½ Shades! Die Musical Parodie“ auf den Bestseller „Shades of Grey“


Deutschsprachige Erstaufführung im Capitol Theater Düsseldorf


„49½ Shades! Die Musical Parodie“ ist eine amerikanische Lizenzproduktion, die erstmals 2012 auf dem Edinburgh Festival gezeigt wurde. Unter dem Namen „50 Shades! The Musical“ tourt das Stück seit April 2013 erfolgreich quer durch die USA. Das Originalbuch haben die Mitglieder der Impro-Comedy-Gruppe „Baby Wants Candy“ Al Samuels, Dan Wessels und Amanda Davis mit der Unterstützung von Emily Dorezas, Ashley Ward und Jody Shelton geschrieben. Produziert wurde das Stück von der „50 Shades Tour LLC“ (Chicago, Illinois) durch Marshall Cordell, Al Samuels und Emily Dorezas, ausführender Produzent ist Andrew Asnes. Das Stück tourt augenblicklich mit dem Titel „50 et des Nuances! la parodie musicale“ durch Frankreich, und ist in den Niederlanden unter dem Titel „Vijftig tinten… de parodie“ zu sehen. Nur in Deutschland ist es möglich, die Bezeichnung „50 Shades“ im Namen mit Verweis auf das „Gesetz über den Schutz von Marken und sonstigen Kennzeichnungen“ verbieten zu lassen, ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Drei Frauen mittleren Alters treffen sich regelmäßig zur gemeinsamen Leserunde. Eine von ihnen ist Sabine. Die sarkastische Mitvierzigerin ist sich sicher, dass sie unter ihrem Niveau geheiratet hat, seit über 25 Jahren räumt sie ihrem Mann die Sachen hinterher. Susanne – die Jüngste und Unbedarfte in der Runde – wurde gerade erst von ihrem Partner für eine andere verlassen und wartet nun, bis „der Richtige“ kommt. Die dritte ist Jutta. Sie hat richtig Spaß mit all den „Falschen“ und ließ sich erst kürzlich aufgrund extremer Langeweile scheiden. Dieses Mal findet das Treffen bei Sabine statt und die drei Frauen beschließen, anstatt ein weiteres Mal einen Historienroman zu lesen oder Kochrezepte auszutauschen, sich „Shades of Grey“ vorzunehmen. Die erotische Roman-Trilogie „Shades of Grey“ (Originaltitel: „Fifty Shades of Grey“) der britischen Autorin Erika Leonard (* 7. März 1963 in London) unter dem Pseudonym E. L. James aus den Jahren 2011 – 2012 schildert die Beziehung zwischen der 21-jährigen Studentin Anastasia Steele und dem sechs Jahre älteren Unternehmer und Milliardär Christian Grey und wurde weltweit in mehr als 70 Millionen Exemplaren verkauft. Da Anastasias partyfreudige Mitbewohnerin und allerbeste Freundin Katrin ausgerechnet an dem Tag an einem grippalen Infekt leidet, an dem sie einen Interviewtermin mit Christian Grey vereinbart hat, muss Anastasia für sie einspringen und ihm die von Katrin vorbereiteten Fragen stellen. Anastasia ist auf Anhieb von dem jungen, attraktiven Unternehmer Christian Grey angetan, und in ihrem Unterbewusstsein spürt sie ein geheimes Verlangen. Zwischen ihren Gefühlen hin- und hergerissen offenbart Anastasia ihre geheimen Sehnsüchte. Susanne, Jutta und Sabine sind von dem Roman völlig gefesselt, der ihren Hormonhaushalt gehörig durcheinander bringt. Auch sie machen völlig neue Erfahrungen und diskutieren aufgeregt darüber, um sich im nächsten Augenblick wieder auf den Fortgang des Romans „Shades of Grey“ zu konzentrieren. Als sich Anastasia und Christian Grey näher kommen, verlangt Christian – ganz Geschäftsmann, der alles unter Kontrolle haben will – von ihr, vertraglich in seine sexuellen Vorlieben einzuwilligen, woraufhin sie zunächst zögert, sich aber schließlich überzeugen lässt und den Vertrag unterzeichnet. Doch auch Anastasia macht auf Christian Grey mit ihrem Glauben an die wahre Liebe zunehmend Eindruck…

Gerburg Jahnke (bekannt durch das ehemalige Frauenkabarettduo Missfits) legt mit „49½ Shades! Die Musical Parodie“ nach „Heisse Zeiten – Wechseljahre“ ihre zweite klischeebehaftete Musicalinszenierung vor, der sie auch mit der deutschen Buchfassung ihren Stempel aufgedrückt hat. Wobei „Heisse Zeiten – Wechseljahre“ ursprünglich unter dem Namen „Weiblich, 45 plus – Na und!?! Wechseljahre“ in der Inszenierung von Katja Wolff am 23. April 2010 am Theater im Rathaus, Essen uraufgeführt wurde und sich auch augenblicklich in eben dieser Inszenierung auf einer Wiederholungstournee der Konzertdirektion Landgraf befindet. Buch und Inszenierung zielen unter die Gürtellinie, „Ich bin hier, um Sie was zu vögeln“, lässt Anastasia im Interview mit Christian tief blicken, um sich dann aber doch noch mit „Äh, um Sie was zu fragen“ zu korrigieren. Auf diesem Niveau bewegt sich „49½ Shades! Die Musical Parodie“, für mein Empfinden alberner, derber Klamauk, der vor Zoten nur so strotzt. Dass eine solche Show die Zuschauer polarisiert, kann nicht wirklich verwundern. Wer nicht diesen ganz speziellen Humor mitbringt, und davon eine gehörige Portion, der wird am Ende womöglich keinen Gefallen daran finden. Vorsorglich ist das Stück aus diesem Grund auch mit einer Altersempfehlung ab 17 Jahren versehen. Anna Bolk, die bereits für „Heisse Zeiten – Wechseljahre“ weitere Songtexte verfasst hat – Bärbel Arenz zeichnete für die Songtexte verantwortlich – hat die deutschen Liedtexte zu „49½ Shades! Die Musical Parodie“ geschrieben, die in die „gleiche Kerbe schlagen“. Anastasias Song „Ein Loch“, in dem sie mit „Da ist ein Loch, ganz tief in mir. Da fehlt mir ein Stück. Es ist an der Zeit: Das Loch gehört geflickt.“ ihre Jungfräulichkeit besingt, mag davon einen Eindruck vermitteln. Die Partitur von Jody Shelton und Dan Wessels changiert zwischen Balladen und Popmusik, mit Anleihen bei bekannten Klassikern wie bei „Ich geh mit ihm mit“ nach dem Original „Chariot“, 1962 von Petula Clark aufgenommen/„I will follow him“, 1963 von Little Peggy March aufgenommen, „Flamme aus der Glut“ nach dem Original „Eternal Flame“ 1988 von den Bangles aufgenommen, oder „Lass es raus“ nach dem Original „Let’s get loud“, 1999 von Jennifer Lopez für ihr Debütalbum aufgenommen. Auf der linken Bühnenseite nehmen die vier Musiker unter der Leitung von Jan Christof Scheibe, der auch für die Arrangements verantwortlich zeichnet, auf einer Art Veranda Platz, nachdem sie sich zu Beginn des Stücks den Damen aus dem Ensemble als Domina unterworfen haben. Im Mittelpunkt der Bühne von Tom Presting steht die Couch in Sabines Haus, das mit dem Gartenzwerg im Vorgarten in der Projektion auf die Bühnenrückwand typische Reihenhaus-Idylle vermittelt. Dreht man die Couch um, so verwandelt sich diese in Anastasias Bett, womit die beiden zunächst deutlich getrennten Handlungsstränge versinnbildlicht werden. Im weiteren Verlauf verwischen die Grenzen zwischen den beiden Handlungssträngen zusehends, Susanne, Jutta und Sabine interagieren mit den Figuren aus dem Roman, und irgendwann herrscht nur noch das heillose Chaos. Optischer Höhepunkt der Aufführung sind zweifellos die tanzenden rosa Penisse (Kostümbild: Mario Reichlin), ob man die Szene allerdings lustig findet oder eher peinlich, ist eine andere Frage. Gleiches gilt für das Schattentheater zu Beginn des zweiten Aktes, mit dem die überaus detaillierte Darstellung des Geschlechtsverkehrs im Roman aufs Korn genommen werden soll, kein Kommentar. Die übrigen abwechslungsreichen Choreografien von Paul Kribbe sind gelungen und begeistern das Publikum.

Sabine Urig (Sabine), Ines Martinez (Jutta) und Kira Primke (Susanne) liefern grundsolide Arbeit ab, wobei Kira Primke als Mauerblümchen mit dem Running Gag, alle naselang pischern zu müssen, noch den harmlosesten Part erwischt hat. Doch stille Wasser sind bekanntlich tief, und so ist es nicht verwunderlich, dass sie schließlich – wie auch die beiden anderen Damen – in Fetischbekleidung zur BDSM-Fraktion wechselt. Kira Primke ist außerdem in der Rolle von Anastasias partyfreudiger Mitbewohnerin Katrin zu sehen. Im Gegensatz zur Romanvorlage dominiert Beatrice Reece mit einer Größe von 172 cm als Anastasia Steele den 8 cm kleineren André Haedicke in der Rolle des Christian Grey mit körperlicher Präsenz, zuletzt hat sie am Grillo-Theater Essen im Comedy-Musical „Die Erschaffung der Welt – Das Musical“ u. a. den Dinosaurier gespielt, und wenn André Haedicke im Borat Mankini auf der Bühne auch noch Bauch- und Brustansatz erkennen lässt – hätte er doch nur seinen eleganten grauen Anzug anbehalten – hat man keinen Zweifel mehr, dass „Shades of Grey“ hier nicht nur persifliert, sondern eben gänzlich „auf den Kopf gestellt“ wird. Beatrice Reece hat in der Aufführung die dankbarste Rolle, muss sich an keiner Stelle die Blöße geben und überzeugt mit großer Stimme. Dagegen bleibt André Haedicke eher unscheinbar, keine Spur von Strahlemann, was aber offensichtlich so gewollt ist. Ebenfalls in einer Doppelrolle zu sehen ist Dustin Smailes, zunächst als Anastasias Liebhaber José, ein feuriger Latin-Lover mit spanischem Akzent, der sie aufrichtig liebt, aber nicht von ihr erhört wird, und später in Gestalt eines Transvestiten mit blonder Lockenperücke und goldenem Glitzerkleid als ihre Innere Göttin, ihr Unterbewusstsein, das beständig nach extraordinärem Sex verlangt.

Angesichts der schockierenden Erkenntnis, wenn man die Verkaufszahlen des Romans als Indiz nimmt, dass Millionen von Frauen offenbar die Phantasie gefällt, von einem Mann komplett unterworfen zu werden, ist es nur folgerichtig, dass Frauen mit „49½ Shades! Die Musical Parodie“ ebenfalls mehr anfangen können als Männer. Zumal viele Zoten eben doch auf Kosten der Männer gehen. Sabines Ehemann, der als schnarchender, flatulierender Pandabär dargestellt wird, der auf der Couch herumliegt, spricht für sich.

Im philosophisches Werk „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche bekommt Zarathustra vom alten Weiblein die „kleine Wahrheit“ „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“ geschenkt, die oft missverstanden wird. Wer beim Besuch von „49½ Shades! Die Musical Parodie“ seine Peitsche vergessen hat, kein Problem: Der Souvenirverkauf hält entsprechende Züchtigungsmittel eines Erotik-Unternehmens für das geneigte Publikum bereit. „49½ Shades! Die Musical Parodie“ ist noch bis 23. März 2014 im Capitol Theater Düsseldorf zu sehen und soll in der Folgezeit in der Maag Halle in Zürich, im St. Pauli Theater in Hamburg, im Admiralspalast Berlin und im Musical Theater Bremen aufgeführt werden.

Haben Sie „49½ Shades! Die Musical Parodie“ selbst schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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