Freitag, 18. Juni 2010

High Fidelity – Das Musical

„High Fidelity – Das Musical“ – nach dem Roman von Nick Hornby; Musik: Tom Kitt; Songtexte: Amanda Green; Buch: David Lindsay-Abaire; Deutsche Übersetzung: Sabine Ruflair; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Jaqueline Dunnley-Wendt; Ausstattung: Beata Kornatowska; Musikalischer Leiter: Jürgen Grimm; Musikalische Einstudierung/Korrepetition: Patricia Martin, Michael David Mills, Pascal Schweren; Regieassistenz/Abendspielleitung: Michael Masberg. Darsteller: David Jakobs (Rob), Stefanie Köhm (Laura), Sascha Kurth (Ian, Neil Young), Julia Lißel (Marie La Salle, Anna, Penny), Marissa Clara Möller (Liz, Jackie), Andreas Schneider (Barry, Bruce Springsteen), Andreas Bongard (Dick), Michéle Fichtner (Alison, Background-Sängerin, Beatnik), Matthias Kreinz (Der armseligste Mann auf der ganzen Welt), Verena Mackenberg (Sarah, Frau mittleren Alters), Stefan Preuth (Punk, Roady, Tonmann), Miriam Schwan (Charlie, Futonbett-Typ), Michael Masberg (Roadie). Band: Paul Sinkemat (Bass), Matthias Brödel, Claus Schule (Drums), Jürgen Grimm, Michael David Mills (Keyboard), Jan Schulz, Michael Zerger (Gitarre), Sebastian Busch, Felix Fritsche (Reeds), Stephan Gerhatz, Marek Jonetzki, Kaja Olgun (Trompete). Uraufführung: 7. Dezember 2006, Imperial Theatre, New York City. Deutsche Erstaufführung: 16. Juni 2010, Theater im Rathaus, Essen.



High Fidelity – Das Musical

Das Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste

Im nunmehr 21. Jahr seit Einrichtung des Studiengangs Musical an der Folkwang Universität der Künste kommt dieses Jahr „High Fidelity – Das Musical“ nach dem 1995 erschienenen Roman des Briten Nick Hornby als europäische Erstaufführung in Kooperation mit dem Theater im Rathaus Essen auf die Bühne. Nick Hornby (* 17. April 1957 in Redhill) zählt zu den wichtigsten Vertretern der Popliteratur, seine bekanntesten Werke sind Fever Pitch, High Fidelity und About a Boy. Nick Hornby macht inzwischen mit dem US-Sänger und Pianisten Ben Folds gemeinsam Musik. Ihr Album „Lonely Avenue“, zu dem Nick Hornby die Texte und Ben Folds Musik und Gesang beisteuerten, erscheint am 24. September bei Warner Music. Arrangeur Paul Buckmaster wertete die Songs mit aufwändigen Streicherarrangements auf.

Rob Gordon (ursp. Flemming) ist Mitte dreißig, Besitzer des Schallplattengeschäftes Championship Vinyl in Brooklyn (ursp. London), und besessen davon, für alle möglichen Kategorien Top Five-Listen aufzustellen. Er beobachtet das Leben mehr als dass er wirklich daran teilnimmt. Als ihn seine Freundin Laura verläßt, durchlebt er mit einer Auswahl seelentröstender Songs eine schmerzhafte Neueinschätzung seines Lebens und seiner zerbrochenen Liebesbeziehungen, wofür es natürlich ebenfalls eine Top Five-Liste gibt (Alison Ashworth, Penny Hardwick, Jackie Allen, Charlie Nicholson, Sarah Kendrew). Langsam lernt er (mit ein wenig Hilfe von Neil Young und Bruce Springsteen), dass es an der Zeit ist, endlich erwachsen zu werden und seinen egozentrischen Blick auf die Welt abzulegen, bevor er das wahre Glück finden kann. High Fidelity handelt vom Erwachsenwerden eines Mannes, der es altersmäßig längst sein sollte, und ist aus der Sicht eben dieses Mannes, der auch als Ich-Erzähler fungiert, geschrieben. Nick Hornby thematisiert mit diesem Roman auch seine eigene Leidenschaft zur Musik, und die Auswirkungen ausgeprägten Fantums.

Das Buch wurde im Jahr 2000 unter der Regie von Stephen Frears mit John Cusack als Rob Gordon verfilmt, aber Tom Kitt sah die Möglichkeit einer Musical-Adaption noch vor der Verfilmung. Die gemeinsam von Tom Kitt und Amanda Green erarbeitete Partitur deckt die gesamte Bandbreite von Popmusik über R&B zu romantischen Balladen ab, wobei jeder einzelne Song im Stil und Klangsprache verschiedener Pop- oder Rock-Interpreten geschrieben ist. Insofern tauchen beispielsweise Robs Top Five Singles („Let´s Get It On“ von Marvin Gaye, „The House That Jack Built“ von Aretha Franklin, „Back in the USA“ von Chuck Berry, „(White Man) In Hammersmith Palais“ von The Clash und „Tired of Being Alone“ von Al Green) im Musical gar nicht auf, stattdessen gibt es Songs im Stil von u.a. Bruce Springsteen, The Beastie Boys, The Indigo Girls, Talking Heads, Aretha Franklin, The Who, Guns N´ Roses, Billy Joel, George Harrison, Percy Sledge. Nach einer einmonatigen Tryout Phase am Colonial Theatre in Boston fiel für „High Fidelity“ mit Will Chase in der Rolle des Rob nach 18 Previews und 14 regulären Vorstellungen am Imperial Theatre in New York City unter der Regie von Walter Bobbie am 17. Dezember 2006 der letzte Vorhang. Für das ebenfalls aus seiner Feder stammende Musical „Next to Normal“ erhielt Tom Kitt gemeinsam mit Brian Yorkey, der für Buch und Text verantwortlich zeichnet, den Pulitzerpreis 2010 in der Kategorie Drama, sowie den Tony Award 2009 in der Kategorie Musical für die Beste Partitur und die Beste Orchestrierung.

Andreas Schneider, David Jakobs, Andreas Bongard

Der Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste nimmt jährlich sechs Studierende auf. Daher standen für das Abschlussprojekt mit dem dritten und vierten Jahrgang des Studiengangs 6 weibliche und 6 männliche Darsteller zur Verfügung, die teilweise mehrere kleine Rollen übernommen haben. David Jakobs, Gewinner des Jugend kulturell Förderpreises „Musical“ 2009, verkörpert als Rob Gordon die zentrale Figur des Stücks. Stefanie Köhm, Drittplatzierte im Bereich Musical im Bundeswettbewerb Gesang 2009, spielt die gutsituierte Rechtsanwältin Laura, die Rob soeben verlassen hat. Beide können aufgrund ihres „fortgeschrittenen“ Alters die dargestellten Charaktere glaubhaft nachzeichnen, zumal die konkrete Alterangabe für Rob in „High Fidelity – Das Musical“ mit „um die Dreißig“ gegenüber dem Roman bereits einen gewissen Spielraum zulässt. Bei jüngeren Studierenden von Anfang 20 hätte ich da schon eher Probleme. David Jakobs involviert das Publikum durch direkte Ansprache in das im Grunde universelle Problem der Missverständnisse und gescheiterten Beziehungen. Das Stück zeichnet sich durch diverse lustige Situationen aus, die sich auch speziell im Zusammenspiel von Rob mit den Charakterköpfen Dick (Andreas Bongard) und Barry (Andreas Schneider) – seinen beiden Mitarbeitern bei Championship Vinyl – ereignen. Mit einer ordentlichen Mischung aus Ironie und Sarkasmus sind die Lacher im Publikum vorprogrammiert. Sascha Kurth verkörpert Robs Rivalen Ian, der als New-Age-Guru überzeugen kann. Auf der Damenseite werden Robs Exfreundinnen von Michéle Fichtner, Julia Lißel (sie spielt auch die Songwriterin Marie La Salle), Miriam Schwan, Verana Mackenberg und Marissa Clara Möller dargestellt. Letztere überzeugte auch noch als Robs und Lauras Freundin Liz.

Stefanie Köhm

Gil Mehmert, der seit 2003 als Professor an der Folkwang Universität im Studiengang Musical das Fach Szene/Regie lehrt, liefert eine temporeiche Inszenierung ab, in der man den Studierenden ihre Bgeisterung und ihren Enthusiasmus anmerken kann. Durch sparsame Verwendung weniger Requisiten (Sofa, Schallplatenregale) wird die Bühne ohne großartige Umbauphasen von den Darstellern selbst in das Schallplattengeschäft Championship Vinyl, Robs Wohnung oder andere Schauplätze verwandelt. Jaqueline Dunnley-Wendts Choreografie nutzt die recht kleine Bühne des Studiotheaters bestens aus.

Leider ging die von mir besuchte Vorstellung am Donnerstag vor nicht einmal zur Hälfte gefülltem Auditorium über die Bühne des mit 265 Sitzplätzen ausgestatteten Studiotheaters, was angesichts des Gebotenen ausgesprochen schade ist. Hoffentlich spricht sich die hohe Qualität der Aufführung schnell herum, dass die übrigen Vorstellungen noch ihr Publikum finden werden. „High Fidelity – Das Musical“ wird sicher so schnell nicht wieder auf einer deutschen Bühne zu erleben sein, man sollte die Gelegenheit also nicht versäumen. Bis zum 28. Juni kann man sich noch sein eigenes Bild machen.

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