Montag, 22. Februar 2010

Jesus Christ Superstar

„Jesus Christ Superstar“ – Musik: Andrew Lloyd Webber, Texte: Tim Rice, Regie: Michael Schulz, Choreografie: James de Groot / Paul Kribbe, Bühne: Kathrin-Susann Brose, Kostüme: Klaus Bruns, Musikalische Leitung: Heribert Feckler, Darsteller: u.a. Serkan Kaya (Judas Iskariot), Henrik Wager (Jesus von Nazareth), Peti van der Velde (Maria Magdalena), Michael Haag (Kaiphas), Michael Bergmann (Annas), Romeo Salazar (Simon Zelotes), Rainer Maria Röhr (Pontius Pilatus), Marco A. Billep (Petrus), Martin Berger / Rüdiger Frank (König Herodes), Paula Archangelo, Michelle Escano, Debora Formica, Claudia Dilay Hauf, Kristin Josefiak, Heather Shockley (Soulgirls), Uraufführung: 12.10.1971, Mark Hellinger Theatre, New York. Premiere: 09.09.2006, Wiederaufnahme: 21.02.2010, Aalto-Theater Essen.



Jesus Christ Superstar


Wiederaufnahme am Aalto-Theater Essen mit tollen Protagonisten


Nachdem sich am 5. Februar 2010 das Musical „Chess“ mit Henrik Wager als Frederick Trumper und Serkan Kaya als Anatoly Sergievsky nach zwei Spielzeiten von der Bühne des Aalto-Theaters in Essen verabschiedet hatte, meldeten sich die beiden Protagonisten bereits am 21. Februar 2010 wieder auf der Bühne des „Opernhauses des Jahres“ 2008 zurück, und zwar in der Wiederaufnahme der Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ in der Inszenierung von Michael Schulz. Diese Inszenierung hatte bereits am 9. September 2006 am Aalto-Theater Premiere und stand seinerzeit für zwei Spielzeiten auf dem Spielplan. Im Kulturhauptstadtjahr setzt man hier erneut auf den Klassiker mit Kultpotenzial.

Jugendliche ab 12 Jahren mit Interesse an Theater und Musik hatten am 21. Februar 2010 ab 11.30 Uhr Gelegenheit, den Tag im Opernhaus zu verbringen, hinter die Kulissen zu schauen, einen Einblick in die Vorbereitungen zu einer Musical-Wiederaufnahme zu gewinnen, und beim Tanzen, Schminken, Schauspielern, Musizieren und Basteln selbst aktiv zu werden. Nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr wurde erneut ein „JOTA Spezial“ (Junger Opern Treff Aalto, gegründet von Marie-Helen Joël) mit unterschiedlichen Workshops angeboten, in denen die jungen Mitwirkenden gemeinsam mit Bühnenprofis ein Stück kennen lernen und ihre Talente einsetzen konnten. Dieses Jahr stand Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ im Mittelpunkt, das am gleichen Abend seine Wiederaufnahme erlebte. Um 17 Uhr präsentierten die Jugendlichen im Foyer des Aalto-Theaters in der „J.C. Superstar Exibition“ als Ergebnis der Workshops ihre Musik, Tänze und Ausstellungsstücke. Die Begeisterung war ihnen anzumerken.

Die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ zeichnet die letzten sieben Tage im Leben von Jesus von Nazareth aus der Perspektive von Judas Iskariot nach und gipfelt in seiner Kreuzigung. Daher dürfte die Handlung wohl jedem Theaterbesucher – zumindest in Ansätzen – bekannt sein, so dass die Aufführung in englischer Sprache eigentlich ohne die deutschen Übertitel auskäme. Man darf jedoch keinesfalls eine wahrheitsgemäße Wiedergabe der Passionsgeschichte erwarten. Bereits bei der Veröffentlichung als Konzeptalbum im Jahr 1970 sorgte die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ wegen ihrer Thematik für Aufsehen. Im Mittelpunkt steht die konflikt- und spannungsreiche Beziehung zwischen Jesus und seinem ursprünglich treuen Freund und Jünger Judas, der zum Verräter werden muss. Eine ausführliche Rezensionen der Essener Inszenierung aus dem Jahre 2006 findet man z.B. in musicals – Das Musicalmagazin, Heft 121, Seite 26. Nun kann man natürlich geteilter Meinung darüber sein, ob einem die moderne Inszenierung von Opernspezialist Michael Schulz zusagt. Einige werden sie als brillanten Geniestreich loben, Kritiker werden sie womöglich als modernes Regietheater abtun. Von der gewohnten Inszenierung typischer Stadttheater-Produktionen hebt sie sich auf alle Fälle ab. An der Leistung der Protagonisten kann in Essen allerdings überhaupt kein Zweifel bestehen. Ich möchte mich im Folgenden auf die Darsteller der beiden zentralen Figuren und die Künstler beschränken, die in dieser Spielzeit erstmals in der Essener Inszenierung auf der Bühne des Aalto-Theaters stehen.

Serkan Kaya, der sein Studium an der Folkwang Hochschule (heute Folkwang Universität für Musik, Theater, Tanz, Gestaltung und Wissenschaft) in Essen in den Studiengängen Schauspiel und Musical jeweils mit dem Diplom abschloss, ist seit der Premiere von „Jesus Christ Superstar“ im Jahre 2006 regelmäßig gern gesehener Gast auf der Bühne des Aalto-Theaters. Sein erstes Musicalengagement erhielt er als Emilio in „Miami Nights“ im Düsseldorfer Capitol Theater (Regie: Alex Balga). Sein Weg führte ihn an die Vereinigten Bühnen Wien, wo er unter Harry Kupfer als Luigi Lucheni in der Wiener Neuinszenierung von „Elisabeth“ überzeugte, und nach Amstetten, wo er die Hauptrolle des Ren MacCormack in Kim Duddys „Footloose“ Inszenierung übernahm. Dass ihm rockige Töne liegen, hat er als Galileo Figaro im Musical „We Will Rock You“ in Köln, Zürich und Wien bewiesen. Im Kölner Musical Dome spielte er die Hauptrolle des Sir Galahad in Monty Python’s „Spamalot“, und aktuell ist er auch noch bis zum 26. März 2010 als Che Guevara in der Dortmunder Inszenierung von Andrew Lloyd Webbers „Evita“ zu erleben. Serkan Kaya zeichnet die Entwicklung von Judas als desillusioniertem Jünger Jesu zum Verräter, der sich in seiner Verzweifelung in dem Glauben erhängt, dass Gott ihn nie wieder lieben könne, auf der Bühne des Aalto-Theaters glaubhaft nach. In seinen Soli „Heaven on their minds“, „Dammed for all time” und „Superstar” setzt er sich effektvoll in Szene.

Der aus Manchester stammende Henrik Wager hat seine künstlerische Ausbildung in Birmingham an der School of Performing Arts und am Konservatorium absolviert. Er kam 2000 nach Deutschland, gründete eine Musik-Produktionsfirma und ist erfolgreich als Songwriter, Produzent und Sänger tätig. Im Musicalbereich verkörperte er u.a. die Titelrolle des Edgar Ellen Poe in Frank Nimsgerns Musical „Poe“ und die Rolle des Marc Winner in der Neuinszenierung von Eric Woolfsons „Gaudí“ im Kölner Palladium. Aktuell spielt er die Rolle des Berger im Musical „Hair“ am Staatstheater Kassel und Nationaltheater Mannheim. Er ist seit 2006 ebenfalls ständiger Gast bei den Musical-Produktionen des Aalto-Theaters. Henrik Wager stellt Jesus auf der Bühne als normalen Menschen mit Schwächen und Aggressionen dar, der sich mit Judas nicht nur Wortgefechte liefert, sondern sich sogar physisch mit ihm auseinandersetzt. Mit fantastischer Stimme präsentiert er ein fesselndes „Gethsemane (I Only Want To Say)“.

Die Niederländerin Peti van der Velde absolvierte ihr Studium am Königlichen Konservatorium Den Haag. In der deutschen Erstaufführung von Jonathan Larsons „Rent“ war sie als Mimi am Capitol Theater Düsseldorf, auf Tournee und an der Freien Volksbühne Berlin zu sehen. Es folgten weitere Engagements u.a. als Bienenkönigin in „Tabaluga & Lilli“ im TheatrO CentrO (heute Metronom Theater) Oberhausen, als Sheila in „Hair“ am Musical Theater Bremen, als Hyäne Shenzi und Cover Nala in Disneys „Der König der Löwen“ oder als Ozzy in „We Will Rock You“. Aktuell steht sie als Kala in Disneys Musical „Tarzan“ in Hamburg auf der Bühne des Theaters Neue Flora. Als Prostituierte Maria Magdalena gibt Peti van der Velde in „Jesus Christ Superstar“ ihr Aalto-Debüt und kann mit ihrem gefühlvollen „I don’t know how to love him“ das Essener Publikum auf Anhieb für sich gewinnen.

Ebenfalls neu im Ensemble von „Jesus Christ Superstar“ ist der aus Manila stammende Romeo Salazar, der bereits zuvor am Aalto-Theater als Schiedsrichter im Musical „Chess“ zu sehen war. Romeo Salazar hatte sein erstes Engagement in Essen bei der Produktion „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat” im Colosseum Theater und war der erste asiatische Künstler, der die Rolle des Joseph verkörperte. Aktuell ist Romeo auch als Cross Swing und Zweitbesetzung Terk in Disneys Musical „Tarzan“ im Theater Neue Flora in Hamburg zu sehen. In „Jesus Christ Superstar“ macht Romeo Salazar in der Rolle des Simon in „Simon Zealotes“ auf sich aufmerksam, indem er Jesus drängt, den Hass auf Rom im Volk zu schüren und die Macht zu ergreifen.

Marco A. Billep, der in der Rolle des Petrus sein Aalto-Debüt gibt, schloss sein Studium an der Universität der Künste Berlin als Diplom-Bühnendarsteller mit doppelter Auszeichnung (für das Studium und die Diplomarbeit) ab. Er spielte u.a. mehrfach die Rolle des Anführers der Jets, Riff in der „West Side Story“ und in verschiedenen Produktionen der Neuköllner Oper Berlin. Im Kölner Musical Dome spielte er die Hauptrolle des Dieners Patsy in Monty Python’s „Spamalot“. Marco A. Billep fügt sich gut in das Ensemble von „Jesus Christ Superstar“ ein, in „Peter’s Denial“ und noch stärker im Duett mit Peti van der Velde in „Could we start again, please“ kann er jedoch in den Vordergrund treten.

Nach „Spamalot“ wieder gemeinsam am Aalto-Theater zu erleben: Marco A. Billep und Martin Berger

Der gebürtige Österreicher Martin Berger spielt zum ersten Mal am Aalto-Theater, und zwar verkörpert er als Krankheitsvertretung für Rüdiger Frank die Rolle des König Herodes. In der deutschen Erstaufführung von Mel Brooks „The Producers“ war Martin Berger in Wien und Berlin als alternierende Erstbesetzung in der Hauptrolle des Max Bialystock zu sehen, parallel dazu verkörperte er in Monty Python’s „Spamalot“ Sir Bedevere und König Arthur. Aktuell ist Martin Berger auch als alternierende Edna Turnblad und als Walk-In Cover Wilbur Turnblad u.a. in dem Broadway Hit „Hairspray“ im Kölner Musical Dome zu sehen. Bekanntlich ist der Darsteller des König Herodes genau in einer einzigen Szene im 2. Akt zu sehen, in der Jesus von Herodes in einer revueähnlichen Selbstinszenierung aufgefordert wird, durch ein Wunder seine Unschuld zu beweisen. Nachdem Martin Berger einem überdimensionalen Engelskostüm entstiegen ist, verspottet er als teuflischer König Herodes mit „King Herod’s Song“ Jesus als König der Juden. Welch ein Auftritt! Wer Martin Berger noch als König Herodes am Aalto-Theater erleben möchte, muss sich beeilen. In der aktuellen Besetzungsplanung spielt er in der laufenden Spielzeit nur noch die Vorstellung am 28. Februar 2010.

Das United Rock Orchestra (bestehend aus einer Rockband mit zusätzlichem Schlagwerk und Pauken, drei Bläsern und drei Keyboards/Synthesizern) sorgt unter der bewährten Leitung von Heribert Feckler (zuletzt Musikalischer Leiter von Monty Python’s „Spamalot“ in Köln) im Orchestergraben für den authentischen Sound, der das dramatische Geschehen auf der Bühne unterstützt. Der Opern- und Kinderchor des Aalto-Theaters (Choreinstudierung: Alexander Eberle, Elena Pierini) sorgt in den Massenszenen für die nötige Klangfülle.

Nach 110 Minuten Aufführungsdauer (die durchkomponierte Rock-Oper wird im Aalto-Theater ohne Pause gespielt) kommt man zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass das Musical in Essen noch lange nicht gestorben ist, auch wenn die Stage Entertainment nach dem Ende der vorgesehenen Spielzeit von „BUDDY – Das Buddy Holly Musical“ im Essener Colosseum Theater in kein weiteres neues Musical investieren möchte. Konnte man während der Vorstellung aufgrund der teilweise ehrfürchtigen Stille im Publikum noch Zweifel daran hegen, ob Essen seinem Jesus auch bei der Wiederaufnahme begeistert zujubeln wird, so wurden diese Zweifel spätestens beim Schlussapplaus zerstreut: Es gab Standing Ovations vom anwesenden Publikum, vor allem für die hervorragenden Hauptdarsteller. Für ein langes Überleben des Genres Musical am „Opernhaus des Jahres“ 2008 dürfte man allerdings gerne ein neues, bisher noch nicht auf der Bühne des Aalto-Theaters gezeigtes Stück auf den Spielplan setzen.

Bei Preisen von 19,25 € bis 51,70 € einschließlich Gebühren, Garderobe und VRR Kombi-Ticket (gültig für die kostenlose Hin- und Rückfahrt im kompletten Tarifgebiet des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr. Für Besucher, die mit dem Auto anreisen, steht kostenlos eine Tiefgarage unter dem Aalto-Theater zur Verfügung.) für „Jesus Christ Superstar“ im Vergleich zu 47,89 € bis 93,89 € am Sonntagabend zzgl. Garderobengebühr und Reisekosten für den Besuch des Musicals „BUDDY – Das Buddy Holly Musical“ im Colosseum Theater Essen braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten, um schon jetzt eine gute Auslastung der verbleibenden acht Vorstellungen in der laufenden Spielzeit zu prognostizieren. Die Wiederaufnahme am 21. Februar 2010 war jedenfalls ausverkauft.

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