Mit dem 9-Euro-Ticket zur documenta fifteen

100 Tage zeitgenössische Kunst in der documenta-Stadt Kassel

Wie bereits berichtet bestand am 10. Juni 2022 vorläufig die letzte Gelegenheit, die Linie RE 11 (RRX) ohne Umsteigen bis zum Fernbahnhof Kassel Wilhelmshöhe zu nutzen. Wegen Gleiserneuerungen verkehrt seit 11. Juni 2022 zwischen Warburg (Westfalen) und Kassel Wilhelmshöhe ein Schienenersatzverkehr. Da es aber aus dem mittleren Ruhrgebiet auch keine direkte Nahverkehrs-Verbindung ohne Umsteigen nach Warburg gibt, habe ich mich auf der Hinfahrt auf Empfehlung des von der Deutsche Bahn AG eingesetzten HaCon Fahrplan-Auskunfts-Systems (HAFAS) entschieden, über Hagen zu fahren und von dort mit der Linie RE 17 nach Warburg.

Schienenersatzverkehr von Warburg (Westfalen) nach Kassel Wilhelmshöhe, MAN Lion’s City Gelenkbus

Die beiden von Warburg nach Kassel Wilhelmshöhe verkehrenden Gelenkbusse kamen dort auf die Minute pünktlich an, da kann man nicht meckern. Allerdings hat die Hinfahrt durch mehrfaches Umsteigen und den Schienenersatzverkehr mehr als vier Stunden gedauert.

Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe

Mit einem Blick über die Wilhelmshöher Allee Richtung Bergpark Wilhelmshöhe erkennt man, dass das Oktogon noch teilweise eingerüstet ist, die Sanierung ist also noch nicht vollständig abgeschlossen.

Bergpark Wilhelmshöhe

Die documenta fifteen findet vom 18. Juni bis 25. September 2022 unter der künstlerischen Leitung des indonesischen Künstler:innenkollektivs ruangrupa an 32 Standorten in Kassel statt. Die alle fünf Jahre stattfindende documenta gilt als eine der bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Das 2000 gegründete und in Jakarta ansässige Kollektiv hat der fünfzehnten Ausgabe der documenta die Werte und Ideen von lumbung zugrunde gelegt, dem indonesischen Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Als künstlerisches und ökonomisches Modell fußt lumbung auf Grundsätzen wie Kollektivität, gemeinschaftlichem Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung und verwirklicht sich in allen Bereichen der Zusammenarbeit und der Ausstellungskonzeption.

ruruHaus, Obere Königsstraße

Für ruangrupa und das Künstlerische Team der documenta fifteen ist Kassel nicht „Schauplatz“ einer Ausstellung. Vielmehr begreifen sie die Stadt als ein Geflecht von sozialen Kontexten, in dem die documenta fifteen entsteht und wächst. Die Ausstellung erstreckt sich an insgesamt 32 Orten in die vier Kasseler Gebiete Mitte, Fulda, Nordstadt und Bettenhausen. Von der Kasseler Mitte mit den Museumsbauten bewegt sich die documenta fifteen rund um die Fulda als historisch wichtiger Lebensader und Wasserweg Kassels. Von dort aus öffnet sie sich in die Nordstadt sowie erstmals in der Geschichte der documenta in den industriell geprägten Stadtteil Bettenhausen u. a. mit einer ehemaligen Fertigungshalle der Firma Hübner. Die documenta fifteen lässt die historischen und sozialen Spuren der Orte bewusst sichtbar, um diese in neue Kontexte zu setzen.

großformatiges Banner vom Institut für bürgernahe Kultur Taring Padi, C&A Fassade, Obere Königsstraße

Die documenta fifteen wurde vor weniger als einer Woche eröffnet, schon wurde das Großgemälde „People’s Justice“ (2002) des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz nach Antisemitismusvorwürfen am Dienstag entfernt, nun steht an der Stelle nur noch ein leeres Gerüst. Von den wayang kardus (lebensgroße Pappkartonpuppen) war leider auch nichts zu sehen.

Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz

Reflecting Point 2 Friedrichsplatz „Kohlemuseum“, BDA Gruppe Kassel, Friedrichsplatz/Gustav-Mahler-Treppe

Die Bund deutscher Architekten (BDA) Gruppe Kassel hat in Kooperation mit der documenta fifteen fünf Orte zum Rasten, Besinnen und Reflektieren geschaffen: Hallenbad Ost, Friedrichsplatz, Fuldaufer, Achse Karlsaue und Karlsaue Aueteich.

Reflecting Point 2 Friedrichsplatz „Kohlemuseum“, BDA Gruppe Kassel, Friedrichsplatz/Gustav-Mahler-Treppe

Reflecting Point 2 Friedrichsplatz „Kohlemuseum“, BDA Gruppe Kassel, Friedrichsplatz/Gustav-Mahler-Treppe

Installation vor dem Naturkundemuseum im Ottoneum, Steinweg

Unterführung Frankfurter Straße/Fünffensterstraße

„Himmelsstürmer“ von Jonathan Borofsky, documenta 9, 1992, Rainer-Dierichs-Platz

Dan Perjovschi (* 1961 in Sibiu, Rumänien, lebt und arbeitet in Bukarest) zeichnet seit 2010 an dem Kunstprojekt „The Horizontal Newspaper“ im öffentlichen Raum in seiner Heimatstadt Sibiu. In Kassel hat er die Säulen der Fassade des Fridericianums in „Kolumnen“ (lat. Columna, Säule) umgewandelt, wodurch hier eine Art Zeitung entstanden ist, die sich den lumbung-Werten wie lokaler Verankerung, Humor, Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Genügsamkeit und Regeneration verschrieben hat. Auch auf dem Rainer-Dierichs-Platz bezieht sich Dan Perjovschi auf das Kunstprojekt „The Horizontal Newspaper“. Die Arbeit soll während der Laufzeit der documenta fifteen immer wieder aktualisiert werden.

„Horizontal Newspaper“ von Dan Perjovschi, Rainer-Dierichs-Platz

„Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ (Obelisk) von Olu Oguibe, documenta 14, 2017, Treppenstraße

Treppenstraße

„Die Fremden“ von Thomas Schütte, documenta 9, 1992, Friedrichsplatz

Museum Fridericianum, Friedrichsplatz

Elisabethkirche, Friedrichsplatz

„Mann im Turm“ von Stephan Balkenhol im Kirchturm der Elisabethkirche, 2012, Friedrichsplatz

„Rahmenbau“ („Landschaft im Dia“) von Haus‐Rucker‐Co, documenta 6, 1977, Friedrichsplatz/Gustav-Mahler-Treppe

„Raumskulptur“ con Per Kirkeby, documenta 9, 1992, Du-Ry-Straße

„Palan“ (ein bengalischer Gemüsegarten) von Britto Arts Trust, documenta Halle/Gustav-Mahler-Treppe

„Pakghor – die soziale Küche“ von Britto Arts Trust, documenta Halle/Gustav-Mahler-Treppe

Reflecting Point 3 am Fuldaufer „Luftbad“, BDA Gruppe Kassel, Hiroshima-Ufer

„Spitzhacke“ von Claes Oldenburg, documenta 7, 1982, Hiroshima-Ufer

Banner vom Institut für bürgernahe Kultur Taring Padi am Rondell, Johann-Heugel-Weg

„Clepsydra-Bühne“ von Black Quantum Futurism, Fulda Nähe Walter-Lübcke-Brücke

„Floating System for Snails“ von Chang En-Man, Bootsverleih Ahoi, Blücherstraße

„Jumping in Hanoi (Die Allesbrücke)“ (2022) von Recetas Urbanas, Bootsverleih Ahoi, Blücherstraße

„The House of Councillor Krespel (Das Haus von Rat Krespel)“ (2022) von Architecture Uncomfortable Workshop, Bootsverleih Ahoi, Blücherstraße

„Floating Gardens“ („Schwimmende Gärten“) (2021–2022) von Ilona Németh, „Futur Garden/Zukunftsgarten“, Bootsverleih Ahoi, Blücherstraße

„Mama.doc.space“, 2022 (ein Ort für Reflexion) von Más Arte Más Acción (MAMA), An der Karlsaue

„Mama.doc.space“, 2022 (ein Ort für Reflexion) von Más Arte Más Acción, An der Karlsaue

Multimedia-Installation „Return to Sender – Delivery Details“ (2022) vom interdisziplinären Künstler:innenkollektiv The Nest Collective aus Nairobi, Karlswiese

Mit seiner Multimedia-Installation „Return to Sender – Delivery Details“ auf der Karlswiese, mit der eine dystopische Mülllandschaft nachgeahmt werden soll, möchte das interdisziplinäre Künstler:innenkollektiv The Nest Collective aus Nairobi die negativen Folgen der Urbanisierung Kenias anprangern, die dort und in vielen anderen afrikanischen Ländern eine nicht enden wollende Realität darstellen.

Multimedia-Installation „Return to Sender – Delivery Details“ (2022) vom interdisziplinären Künstler:innenkollektiv The Nest Collective aus Nairobi, Karlswiese

Multimedia-Installation „Return to Sender – Delivery Details“ (2022) vom interdisziplinären Künstler:innenkollektiv The Nest Collective aus Nairobi, Karlswiese

Staatspark Karlsaue, Blick über den Hirschgraben Richtung Orangerie

„Whispers of the Bark Beetles“ von Más Arte Más Acción, Gewächshaus, Staatspark Karlsaue, Auedamm 18

Reflecting Point 4 Achse Karlsaue „Kollektiv“ und Reflecting Point 5 Karlsaue Aueteich „Maria“, BDA Gruppe Kassel, Staatspark Karlsaue

Cadillac Fleetwood

Bei der Rückfahrt gab es bereits in Kassel Wilhelmshöhe die erste Verzögerung: Drei Fahrgäste wollten partout ihre Fahrräder im Bus mitnehmen, auch wenn dadurch andere Reisende gar nicht mehr in den Bus einsteigen konnten. Die Mitnahme von Fahrrädern ist in den im Schienenersatzverkehr eingesetzten Bussen nicht möglich. Schließlich musste der Busfahrer die Fahrradfahrerinnen auffordern, den Bus zu verlassen, damit die übrigen Fahrgäste zusteigen konnten. In Warburg musste ich mich entscheiden, wieder über Hagen zu fahren oder alternativ die RB 89 nach Münster zu nutzen und in Hamm in die RE 1 umzusteigen, was womöglich die schnellere Verbindung gewesen wäre. Bei der Ankunft in Hamm stand die RE 1 bereits auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, nur dummerweise fuhr diese nicht zur vorgesehenen Zeit ab, sondern wegen einer technischen Störung mit mehr als einer halben Stunde Verspätung, die auch im weiteren Verlauf der Fahrt nicht wieder aufgeholt wurde. Schlussendlich hat auch die Rückfahrt mehr als vier Stunden gedauert.

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