100 Jahre amtliche Bodendenkmalpflege in NRW

LWL zeigt Fundstücke aus 100 Jahren in einer Online-Ausstellung

Mit einem Festakt im LWL-Museum für Archäologie in Herne beging der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) am Mittwoch, 19. August 2020 das 100-jährige Jubiläum der amtlichen Bodendenkmalpflege in NRW.

„Es ist erstaunlich, was uns die vermeintlich toten Gegenstände verraten können, wenn man sie zum Erzählen bringt“, freut sich LWL-Direktor Matthias Löb über das Projekt „100 Jahre/100 Funde“. Dem Jubiläum liegen die Ausführungsbestimmungen des Preußischen Ausgrabungsgesetzes von 1920 zugrunde. Sie bilden einen Meilenstein in der Geschichte der Bodendenkmalpflege und legen den Grundstein für das heutige Denkmalschutzgesetz und die gesamte Bodendenkmalpflege in NRW.

Matthias Löb: „In Zeiten von knappen Kassen wird der Sinn von Denkmalschutz leider ab und zu infrage gestellt. Dabei zeigt die Archäologie mit diesem Projekt einmal mehr, wie wichtig der Denkmalschutz auch als politischer Beitrag ist. Die präsentierten Funde beweisen eindrücklich, dass Kulturwandel nicht die Ausnahme, sondern der Normalzustand ist. Auch in Westfalen gab es ein Kommen und Gehen, auf lange Sicht ist meist nur der Wandel beständig.“

Aber nicht alles unterliege dem Wandel. „Es gibt natürlich Dinge, die auch in 100 Jahren gleich bleiben. Eines davon ist, dass wir auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen sind, da die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht überall vor Ort sein können“, so Matthias Löb. Das Engagement von privaten Vereinen und Kommissionen sei auch die Grundlage der amtlichen Bodendenkmalpflege vor 100 Jahren gewesen.

Prof. Dr. Michael M. Rind, Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen, erläutert die Besonderheit der westfälischen Archäologie: „Anders als in anderen Regionen hatte kaum eine archäologische Kultur in Westfalen ihr Kerngebiet. Vielmehr zeichnet sich Westfalen fast durchgängig als Kontaktzone aus.“ Sesshafte Bauern lebten hier neben Jägern und Sammlern, römische Truppen trafen auf germanische Stämme, christliche Franken auf heidnische Sachsen und beeinflussten sich gegenseitig. „Dieses Bild einer Gesellschaft im Wandel möchten wir mit unserem Projekt ‚100 Jahre/100 Funde‘ auf neuestem technischem Stand greifbar machen – mittels exzellenter Fotografien und digitaler 3-D-Objekte.“

Dabei nimmt die LWL-Archäologie ihr Jubiläum zum Anlass für Rückblick und Blick in die Zukunft zugleich. „Das Jubiläum ist auch Anstoß zum Einstieg in die dreidimensionale digitale Erfassung unserer Funde, welche wir fortsetzen werden“, erklärte Michael Rind. In einer Online-Ausstellung unter www.lwl-archaeologie.de sind etliche der 100 Funde als hoch aufgelöste 3-D-Objekte zu sehen – ausgewählt aus 20 westfälischen Museen und dem Fundarchiv des LWL. Sie werden über die Plattform „Sketchfab“ gezeigt, die das größte Portal für 3-D-Modelle im Internet darstellt. Rind: „Das 3-D-Objekt ermöglicht den Zugang zum Fund und zumindest digital seine dauerhafte Sicherung. Wie wichtig beides ist, führen uns nicht zuletzt Unglücksfälle in Museen und Archiven sowie die aktuelle Corona-Pandemie vor Augen.“

Leider können nicht alle 100 Funde als 3-D-Objekte gezeigt werden, da die derzeitigen Digitalisierungsmethoden nach wie vor an technische Grenzen stoßen.

Herausragende Funde

Das bekannteste Fundstück aus Westfalen ist die bronzezeitliche „Urne von Gevelinghausen“ (Arnsberg/Hochsauerlandkreis), eine äußerst qualitätsvoll gearbeitete Bronzesitula (Gefäß), zu der es europaweit nur ein halbes Dutzend Vergleichsstücke gibt.

Das bekannteste Fundstück aus Westfalen ist die bronzezeitliche „Urne von Gevelinghausen“ gefunden in Arnsberg. Foto: LWL/S. Brentführer

Aufmerksamkeit erregte in jüngster Zeit eine spätpaläolithische Widerhakenspitze aus Bergkamen (Kreis Unna), bei der sich als Klebstoff verwendetes Bienenwachs als derzeit ältester Nachweis für die Nutzung von Honigbienen in Europa entpuppte.

An dieser Hakenspitze aus Bergkamen konnte Bienenwachs nachgewiesen werden, der derzeit älteste Nachweis für die Nutzung von Honigbienen in Europa. Foto: LWL/S. Brentführer

Anfang dieses Jahres wurde ein äußerst gut erhaltener römischer Dolch vom Typ Vindonissa mit Scheide und Gürtel aus dem römischen Friedhof in Haltern am See (Kreis Recklinghausen) geborgen. Nach der aufwendigen Restaurierung ist der Dolch als 3-D-Objekt im Rahmen der Online-Ausstellung erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich.

Der römische Dolch mit Gürtel und Scheide ist als 3-D-Objekt im Rahmen der Online-Ausstellung erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich. Foto: LWL/S. Brentführer

Erwähnenswert ist zudem eine spätmesolithische Geröllkeule aus Saerbeck (Kreis Steinfurt), die gemeinsam mit dem Bohrwerkzeug gefunden wurde. Bei diesem einzigartigen Ensemble lässt sich in einer kurzen Animation der 3-D-Objekte die Verwendung des Bohrers anschaulich demonstrieren.

Die Geröllkeule aus Saerbeck wurde gemeinsam mit dem Bohrwerkzeug gefunden: ein einzigartiges Ensemble. Foto: LWL/S. Brentführer

Zuletzt darf der Elfenbeinkamm von der hochmittelalterlichen Holsterburg bei Warburg (Kreis Höxter) nicht fehlen. Da hier die Gefahr von Trocknungsrissen sehr hoch ist, stellt das Stück – ebenfalls ein Fund von europäischem Rang – an die Konservierung extrem hohe Ansprüche und kann kaum dauerhaft in einer Ausstellung gezeigt werden.

Der Elfenbeinkamm von der hochmittelalterlichen Holsterburg bei Warburg ist ein Fund von europäischem Rang. Foto: LWL/S. Brentführer

Eine Liste der 100 Höhepunkte der Archäologie in Westfalen finden Sie sortiert nach dem Fundort unter 100jahre100funde.lwl.org/de/fundorte/ Eine Sortierung nach Museen unter 100jahre100funde.lwl.org/de/museen/

Hintergrund zum Denkmalschutzgesetz

Am 26. März 1914 wird das „Preußische Ausgrabungsgesetz“ erlassen. Es ist für alle Provinzen des Königreichs die erste amtliche Regelung zur Bodendenkmalpflege. Als im Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, gerät es allerdings in Vergessenheit. Erst mit den zum Gesetz erschienen Ausführungsbestimmungen, also Verwaltungsvorschriften, vom 30. Juli 1920 werden Ausgrabungen tatsächlich genehmigungs- und Zufallsfunde anzeigenpflichtig. Private Vereine und Kommissionen sind von ihren bisherigen Aufgaben entbunden, eine Behörde mit Fachabteilungen wird Schritt für Schritt aufgebaut.

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