ExtraSchicht 2018 – Die Nacht der Industriekultur

300.000 Besucher? That don’t impress me much

Mit 22 Städten und 50 Spielorten lud die Nacht der Industriekultur am 30. Juni 2018 von 18 bis 2 Uhr zum Kulturfest der Region ein. „300.000 Menschen wurden an den 50 Spielorten gezählt und ließen sich von einem Streifzug durch die Vielfalt der Metropole Ruhr begeistern“, ist in der Pressemitteilung der Ruhr Tourismus GmbH vom 1. Juli 2018 zu lesen. Nimmt man als Bemessungsgrundlage die Metropole Ruhr mit 53 Innenstädten und mehr als 5 Millionen Einwohnern, so fühlen sich also weniger als 6 Prozent der „Ruhris“ von der Veranstaltung „vor der Haustür“ angesprochen. Alles eine Frage des Standpunktes.

Auch wenn ehemalige Industriestandorte die eigentlichen Hauptakteure des Abends darstellen sollen, so kann man Spielorte wie das UNESCO-Welterbe Zollverein oder den Landschaftpark Duisburg-Nord regelmäßig auch an 365 Tagen im Jahr – abzüglich Schließtage – anschauen. Aus diesem Grund sollen die Spielorte – nomen est omen – mit außergewöhnlichen Aktionen bespielt werden. „Spektakel müssen sein“, soll Maria Theresia gesagt haben. Diese Aktionen sollten den Besucher m. E. beeindrucken, in Staunen versetzen, fesseln, wie auch immer. Wenn Besucher bereits um 18 Uhr einen Spielort wieder verlassen, wurde dieses Ziel offensichtlich verfehlt.

Alte Dreherei

„Auch die fünf Newcomer unter den Spielorten überzeugten durch neue, spannende Akzente und wurden gut besucht“, ist in o. g. Pressemitteilung zu lesen. Wenn aber bereits um 18 Uhr die ersten Besucher einen Spielort schon wieder verlassen, waren diese ganz sicher nicht überzeugt. So erlebt an der Alten Dreherei in Mülheim an der Ruhr, die ich als ersten Spielort gleich zu Beginn der diesjährigen ExtraSchicht um 18 Uhr besucht habe.

Alte Dreherei

Die 1874 errichtete, dreischiffige Halle wurde zuletzt von der Deutschen Bundesbahn als Dreherei des Eisen­bahn­aus­besserungs­werkes Speldorf genutzt. Sie verfügt über eine in Deutschland einzigartige Holzdachkonstruktion und steht seit 1991 unter Denkmalschutz. Zur langfristigen Erhaltung des Industriedenkmals wurde 2008 der „Trägerverein Haus der Vereine in der Alten Dreherei e. V.“ gegründet.

Alte Dreherei

Alte Dreherei, Holzdachkonstruktion

Alte Dreherei, historischer Triebwagen 216 der Mülheimer Straßenbahn, Baujahr 1927, Hersteller Linke-Hofmann-Werke Aktiengesellschaft

Im hinteren Teil der Alten Dreherei ist seit April 2016 der historische Triebwagen 216 der Mülheimer Straßenbahn, Baujahr 1927, abgestellt, da hätten auch noch weitere historische Triebwagen Platz, und man könnte ein Nahverkehrsmuseum einrichten ähnlich wie das Nahverkehrsmuseum Dortmund, doch dies ist vom „Trägerverein Haus der Vereine in der Alten Dreherei e. V.“ nicht geplant. Somit war der Triebwagen 216 die einzige historische Straßenbahn in der Alten Dreherei, auch wenn die Ruhr Tourismus GmbH „historische Straßenbahnen“ (Plural) angekündigt hatte.

Alte Dreherei, Barkas V 901/2, Hersteller Framo, Hainichen, Produktionszeitraum 1954 bis 1961

Alte Dreherei, Dieselschlepper Lanz-Bulldog D 2016, Baujahr 1957, Einzylinder-Zweitakt-Motor, 2.256 cm³, 14,6 kW/20 PS

Alte Dreherei, Modelleisenbahn

Mercedes-Benz Langhauber

MüGa-Park

Zum ExtraSchicht-Programm im MüGa-Park gibt es an dieser Stelle nicht viel zu sagen, außer dass im Ringlokschuppen und auf der Drehscheibe um 19 Uhr noch gar kein Programm geboten wurde, so dass ich mich nach dem Besuch des Broicher Wasserturms bereits auf den Weg zum nächsten Spielort gemacht habe.

Broicher Wasserturm

Blick vom Broicher Wasserturm Richtung Innenstadt

UNESCO-Welterbe Zollverein

Auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe Zollverein habe ich am Essener Hauptbahnhof den „CoalExpress“ bestiegen, einen rollenden Spielort der ExtraSchicht, der auf ausgewählten Fahrten mit Irish Folk bespielt werden sollte. Aber man kennt das, manchmal verliert man, und manchmal gewinnen die anderen: Die Straßenbahn war voll wie zur Hauptverkehrszeit, und von Irish Folk keine Spur.

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII

Das UNESCO-Welterbe Zollverein ist ein ExtraSchicht-Spielort, an dem es einem sehr leicht passieren kann, dass man einfach „hängen bleibt“. Neben der ExtraSchicht wurde auf Zollverein gleichzeitig der 13. Deutsche Bergmannstag gefeiert, und beides sind Veranstaltungen, bei denen Menschen im Mittelpunkt stehen. Das geht bekanntlich nur schwierig mit den Anforderungen der DSGVO nach der Einwilligung der Betroffenen in Fotoaufnahmen einher, es sei denn, man versucht, diese durch entsprechende Hinweise in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen außer Kraft zu setzen. Inwiefern dadurch das so genannte „Kopplungsverbot“ missachtet wird, mögen Rechtsgelehrte beurteilen. Jedenfalls gibt es aus diesem Grund an dieser Stelle keine Fotos zu sehen, auf denen Personen zu erkennen sind. Dass man mit Warten auf solche Gelegenheiten auch seinen Abend verbringen kann, kann sicher jeder bestätigen, der selbst bei der ExtraSchicht auf Zollverein unterwegs gewesen ist. Mitunter treiben einen auch andere Besucher zur Weißglut, wenn sie sich vorsätzlich vor die Kamera stellen und obendrein fragen, ob sie im Weg stehen.

UNESCO-Welterbe Zollverein, Kokerei, „Pink Flamingo“

UNESCO-Welterbe Zollverein, Kokerei, Salzlager

UNESCO-Welterbe Zollverein, Kokerei, RAG/RAG-Stiftung

UNESCO-Welterebe Zollverein, Kokerei, RAG/RAG-Stiftung, „Leuchtwerk“

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII, „Schichtwechsel“

Besonders spektakulär im Sinne von großes Aufsehen erregend war die Feuer-, Licht- und Klangshow „Schichtwechsel“ am Gleisboulevard auf dem Areal von Schacht XII. Was als spektakulär empfunden wird, hängt ganz sicher auch von persönlichen Erfahrungen ab, zumal dies meine siebte ExtraSchicht in Folge gewesen ist.

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII, „Schichtwechsel“

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII, „Schichtwechsel“

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII, „Schichtwechsel“

UNESCO-Welterbe Zollverein, Kokerei, RAG Montan Immobilien

UNESCO-Welterbe Zollverein, Kokerei, RAG/RAG-Stiftung, „Leuchtwerk“

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII

UNESCO-Welterbe Zollverein, Schacht XII

Das letzte Highlight der diesjährigen ExtraSchicht habe ich auf der Rückfahrt mit der ExtraSchicht-Shuttlelinie ES 8 erlebt, genauer gesagt bei der Ankunft am Essener Hauptbahnhof: Dort schliefen bereits zwei Obdachlose an der Haltestelle bzw. auf einem Gitter auf dem Gehsteig, die scheinbar auch eine ExtraSchicht eingelegt hatten, in unmittelbarer Nähe lagen diverse teilweise zerschlagene Schnapsflaschen auf dem Boden herum…

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