„Josef Albers. Interaction“

Ausstellung in der Villa Hügel in Essen-Bredeney


Villa Hügel, Gartenansicht

Die über dem Ruhrtal im Essener Stadtteil Bredeney gelegene Villa Hügel war von 1873 bis 1945 Wohnhaus der Familie Krupp und als wichtiger Repräsentationsort ein Teil ihres Unternehmens. Sie verfügt über 269 Räume und liegt in einem 28 Hektar großen Park. Seit 1953 finden in der Villa Hügel Wechselausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen statt. Zudem beherbergt sie mit dem Historischen Archiv Krupp eines der umfangreichsten und ältesten Wirtschaftsarchive Deutschlands. Die Historische Ausstellung Krupp im Kleinen Haus der Villa Hügel informiert über die Familien- und Firmengeschichte. Vom 16. Juni bis 7. Oktober 2018 ist im Großen Haus der Villa Hügel die Ausstellung „Josef Albers. Interaction“ als erste große Werkschau des in Bottrop geborenen Künstlers seit 30 Jahren zu sehen, und zwar ohne zusätzlichen Eintritt, es ist lediglich der reguläre Eintritt in Höhe von 5 Euro für Erwachsene zu entrichten, Kinder bis 14 Jahre sind per se frei, wenn das kein Grund ist, den Hügelpark und die Villa Hügel einmal (wieder) zu besuchen…

Villa Hügel, Sphinx von Max Dennert vor dem Eingang zur Bibliothek, um 1900

Villa Hügel, „Die Familie Krupp von Bohlen und Halbach“, Gemälde von George Harcourt, 1930

Heute ist die 1968 gegründete, gemeinnützige Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung Eigentümerin des gesamten Hügel-Areals. Anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens ermöglicht sie in diesem Jahr in Kooperation mit der Kulturstiftung Ruhr und dem Josef Albers Museum Quadrat Bottrop die große Josef Albers Retrospektive. Villa Hügel war nicht nur Unternehmerwohnsitz, sie bot auch den würdigen Rahmen für Repräsentation, Empfänge und Festlichkeiten, wovon man sich auch heute noch einen anschaulichen Eindruck verschaffen kann: Die aufwendige Innengestaltung der unteren und oberen Halle, die Gemäldegalerie sowie die Wandteppiche in der oberen Halle bezeugen eindrucksvoll längst vergangene Zeiten.

Villa Hügel, obere Halle im ersten Stock

Villa Hügel, Wandteppich im ersten Stock

Villa Hügel, Tür zu den Ausstellungsräumen

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Sehen lernen

Die Wirkung der Farbe in den Werken von Josef Albers ist kraftvoll und unverwechselbar. Linie, Farbe, Fläche und Raum interagieren miteinander, fordern die Wahrnehmung des Betrachters heraus. Josef Albers’ Serie Homage to the Square umfasst mehr als 2.000 Bilder und wurde zum Markenzeichen des wegweisenden Künstlers, Lehrers, Kunsttheoretikers und Impulsgebers. Josef Albers erforschte die Farbe in ihrer künstlerischen Dimension. Er wollte Farbe denken, suchte nach ihrem Gewicht, diskutierte mit seinen Studierenden über das sich immer wieder veränderndes Gesicht der Farbe und den Verlust aller Gewissheit: „Nur der Schein trügt nicht“, schrieb er. Der einflussreiche Lehrer steht für eine Kunst, die neu zu sehen lehrt.

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Loslösung vom Gegenständlichen

Die zwölf Kapitel der Ausstellung beginnen mit Josef Albers’ Jugend und Ausbildung, seiner Zeit am Bauhaus in Weimar und Dessau, zunächst als Schüler, dann als Bauhausmeister. „Josef Albers. Interaction“ zeigt Josef Albers’ frühe Glasarbeiten, die für die Loslösung von der gegenständlichen Bildwelt stehen, die seine früheren Werke kennzeichnete. „1921“, so Josef Albers, „war alles, was ich besaß, ein Hammer und ein Rucksack. Damit ging ich zur Müllhalde, um nach Flaschen zu schauen, sie zu zerschlagen und daraus Bilder zu machen … Das war eine Kunst.“

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

„I want to open eyes“

Die Ausstellung thematisiert Josef Albers’ Emigration nach Amerika und die Berufung an das Black Mountain College in North Carolina 1933. Dort steht Josef Albers für neue Lehrmethoden, sein Unterricht in Kunst und Gestaltung sollte alle weiteren Fächer ergänzen. Nach seiner Mission als Lehrer gefragt, antwortet Josef Albers mit dem legendär gewordenen Satz: „I want to open eyes.“ Er richtet Kunstkurse als zentrales Ausbildungselement ein: Werklehre, Zeichnen und Farbenlehre. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Ästhetik sollen einer Persönlichkeitsbildung dienen, die sich der Freiheit und Demokratie verpflichtet weiß.

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Gelobtes Land der Abstraktion

Josef Albers’ reiches Werk aus dieser Zeit ist zu Unrecht weniger bekannt als die Gemälde der Werkgruppe Homage to the Square, die jedoch ohne seine neuerliche Beschäftigung mit der Malerei in den USA nicht denkbar sind. Zum Auslöser wird 1934 eine Reise nach Kuba, es folgen 1935 der erste Aufenthalt in Mexiko und 13 weitere Reisen in den südamerikanischen Raum.

„Josef Albers. Interaction“, weibliche Figurine, Jaina, Küsten-Campeche. Yucatan. Spätklassik, 600 bis 900 n. Chr. The Albers Collection of Pre-Columbian Art, Peabody Museum of Natural History, Yale University, New Heaven

Josef und Anni Albers besuchen präkolumbische Stätten und begeistern sich für die Volkskunst des Landes. Schließlich entwickelt Josef Albers ab 1947 in direkter Anlehnung an mexikanische Architektur die Adobe-Serie, die in Essen mit wesentlichen Beispielen in eben diesem Kontext zu sehen ist.

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Homage to the Square: Huldigung der Form und Feier der Farbe

Die Ausstellung präsentiert hervorragende Beispiele der Serie Homage to the Square – von sehr frühen bis zu späten Arbeiten. Die Auswahl ist so strukturiert, das erstmals die Entwicklungslinien und vor allem die Veränderungen von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre nachvollziehbar werden. Diese erschließen sich hier auf den ersten Blick.
Anders als der Titel suggeriert, ist Homage to the Square nicht nur Huldigung einer geometrischen Form, sondern Feier der Farbe. Albers wählt das feststehende quadratische Bildschema wegen seiner kompakten Frontalität. Es ist eine vertraute Form, die sich nicht in den Vordergrund unserer Wahrnehmung spielt und deshalb der Farbe die Bühne überlässt. 1950 entsteht das erste Bild der Reihe, deren kleinste Vertreter 40 × 40 cm messen, die größten 120 × 120 cm. „Farbe ist das relativste Medium in der Kunst“, hat Josef Albers einmal festgestellt, und es ist der Betrachter, der die Farben offenen Auges in Bewegung versetzt. So einfach die Bilder gebaut sind, so komplex ist doch ihre Wirkung.

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Der spirituelle Künstler

Auch wird in der Ausstellung „Josef Albers. Interaction“ ausdrücklich die spirituelle Qualität im Werk des Künstlers thematisiert. Josef Albers’ Bilder treffen auf Werke religiöser Kunst: Ikonen der orthodoxen Kirche, ein Kruzifix, eine Madonna aus dem 15. Jahrhundert. Ihnen zur Seite stehen fotografische Montagen von Albers, mit denen er sich ausdrücklich einem religiösen Themenkreis zuwendet. Sie entstehen, als er sich nach 20 Jahren des Exils wieder in seiner Heimat aufhält und in Süddeutschland zahlreiche Kirchen und Klöster besucht. Die Architektur und die sakralen Bildfiguren ziehen ihn in ihren Bann.

Villa Hügel, Ankleidezimmer

Amerikanische Resonanzen

In einem weiteren Kapitel der Ausstellung wird deutlich, dass Josef Albers als Lehrer genauso bedeutend war wie als Künstler. Er hat insbesondere auf die amerikanische Kunst gewirkt, die um 1960 als Minimal Art und Konzeptkunst bekannt wurde. Donald Judd, Agnes Martin, Robert Ryman, Ad Reinhardt und andere wurden damals durch sein Beispiel angeregt. Ihre Arbeiten werden hier in diesem thematischen Zusammenhang gezeigt. Sie alle wandten sich vom damals dominierenden Abstrakten Expressionismus und seinen emotional betonten Gesten ab. Was sie anzog, war Josef Albers’ Klarheit und Zurückhaltung, wie er mit wenigen Elementen eine unmittelbare sinnliche Wirkung schafft, und auch sein handwerklicher Geist, eine Ehrlichkeit ohne Allüren: Albers nimmt die Farbe als Stoff und verstreicht sie mit dem Messer auf Hartfaserplatten. Es geht in der Serie Homage to the Square um eine einfache Ganzheit, die aus der Beziehung zwischen Quadrat und Farbe resultiert.

Villa Hügel, Ankleidezimmer

In der Ausstellung „Josef Albers. Interaction“ eröffnet das Zusammenspiel von Malerei, Druckgrafik, Möbeln, Gebrauchsgegenständen, Arbeiten in Glas und Fotografie gemeinsam mit präkolumbischen Skulpturen aus der Sammlung von Anni und Josef Albers die einmalige Gelegenheit, den Künstler und sein Gesamtwerk mit seinen Bezügen und Kontexten kennenzulernen.

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Zur Person: Josef Albers

Josef Albers (* 19. März 1888 in Bottrop, † 25. März 1976 in New Haven, Connecticut) – geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet – war zunächst Volksschullehrer, besuchte später die Kunstgewerbeschule Essen und kam über die Kunstakademie in München an das neugegründete Bauhaus, wo er als Meister und stellvertretender Direktor tätig war. Lehre und künstlerisches Arbeiten waren für ihn untrennbar miteinander verknüpft. Als das Bauhaus unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen wurde, gingen Albers und seine Frau Anni Albers 1933 auf Einladung des heute legendären Black Mountain College in die USA. Ab 1950 leitete er die Design-Abteilung an der Yale University in New Haven. Albers gilt als einflussreichster Kunstpädagoge seiner Zeit. Mit seiner Lehre hat er u. a. John Cage, Robert Rauschenberg, Donald Judd und Merce Cunningham beeinflusst.

„Josef Albers. Interaction“, Blick in die Ausstellung

Zur Ausstellung ist die Publikation „Josef Albers. Interaction“ mit Beiträgen von Anni Albers, Michael Beggs, Brenda Danilowitz, Charles Darwent, Ulrike Growe, Donald Judd, Heinz Liesbrock, Eeva-Liisa Pelkonen, Jeannette Redensek und Jerry Zeniuk im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln erschienen, herausgegeben von Heinz Liesbrock unter Mitarbeit von Ulrike Growe für die Kulturstiftung Ruhr, Villa Hügel, 312 Seiten, ca. 200 farbige Abbildungen, 39,80 €, in der Ausstellung 28,00 €, ISBN 978-3-96098-358-3. Das Werk ist Begleitbandband zur Ausstellung und Monografie in einem.
Die Ausstellung ist in der Zeit von 16. Juni bis 7. Oktober 2018 Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im regulären Eintrittspreis in Höhe von 5 € für Erwachsene – Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt – für die Villa Hügel mit der Historischen Ausstellung Krupp und den Hügelpark ist der Eintritt in die Ausstellung „Josef Albers. Interaction“ bereits enthalten.
Zeitgleich zur Josef Albers-Ausstellung in Essen zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf im K20 Grabbeplatz die Retrospektive „Anni Albers“. Die Ausstellung, die bis zum 9. September 2018 zu sehen sein wird, ist eine Kooperation mit der Tate Gallery of Modern Art in London. Sie beleuchtet alle Facetten des vielseitigen Werks der wohl bedeutendsten Bauhaus-Künstlerin und ihren geistigen wie visuellen Kosmos. Im Sommer 2018 bietet sich damit die einmalige Gelegenheit, die Lebenswerke zweier herausragender Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in unmittelbarer Nachbarschaft zu erleben.
Die Ausstellungen „Anni Albers“ im K20 Grabbeplatz in Düsseldorf und „Josef Albers. Interaction“ in der Villa Hügel in Essen werden von einer gemeinsam veranstalteten Vortragsreihe begleitet. Außerdem finden an drei Samstagen (30. Juni, 28. Juli und 1. September 2018) zeitlich aufeinander abgestimmte Kuratorenführungen in den beiden Ausstellungen statt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, um Anmeldung wird gebeten. Die Teilnahme ist im Eintrittspreis enthalten.
Weitere Informationen unter www.josefalbers.villahuegel.de und www.kunstsammlung.de/AnniAlbers.

Hügelpark, Alfred-Krupp-Denkmal von Alois Mayer, 1892, Abguss (1999)

Nach dem Besuch der Ausstellung bietet der weitläufige, 28 Hektar große Hügelpark Ruhe und Entspannung.

Hügelpark, Schiffspropeller des Schnelldampfers EUROPA/Norddeutscher Lloyd, Baujahr 1935, Durchmesser 4 m, Gewicht 13,6 t

Hügelpark mit Blick auf die Villa Hügel von der Pferdeskulptur Albert Hinrich Hussmanns

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Stadtteil Bredeny?

Wo is den dette?
Anonym hat gesagt…
человеку свойственно ошибаться