„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“

Ausstellung im LWL-Industriemuseum Ziegeleimuseum Lage

LWL-Industriemuseum Ziegeleimuseum Lage

In den 1960er-Jahren protestierten Studenten in Berlin, am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration in West-Berlin vom Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen, am 11. April 1968 wurde der Wortführer der Studentenbewegung der 1960er-Jahre Rudi Dutschke am Kurfürstendamm auf offener Straße von dem Hilfsarbeiter Josef Bachmann niedergeschossen, am 30. Mai 1968 verabschiedete der Deutsche Bundestag in Bonn die Notstandsverfassung. Welchen Einfluss hatten diese Ereignisse auf die ländliche Region? Wie änderte sich das Leben junger Menschen in Lippe? Welche Rolle spielte die 68er-Bewegung auf dem Land? Diesen Fragen widmet sich das LWL-Ziegeleimuseum 50 Jahre danach in der Ausstellung „Die 68er-Bewegung in der Provinz“. Bis zum 30. September 2018 präsentiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Industriemuseum in Lage über 300 Exponate – von der Sitzbank aus der Szenekneipe „Berta“ bis zur Bühnendekoration der Musikgruppe „Lions“. Über 50 Plakate, zusammengetragen von Mit-Initiator Walter Meutzner, illustrieren die Interessens- und Themenschwerpunkte dieser Zeit.

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Zündapp Super Combinette 433, Produktionszeitraum 1961 bis 1964, 49 cm³, 2,6 PS, 40 km/h

„Viele junge Menschen in Lippe beschäftigten in dieser Zeit nicht nur die Ereignisse und Aktionen in den Großstädten. Sie bewegten die Verhältnisse in ihrer Region, und sie wollten hier etwas verändern“, erklärte LWL-Museumsleiter Willi Kulke im März diesen Jahres bei der Vorstellung der Ausstellung in Lage. Mit Freunden und Bekannten entflohen sie den konservativen Ritualen und Festen der Dorfgemeinschaften. Sie suchten nach neuen Freizeit- und Gestaltungsmöglichkeiten, bildeten eigene Milieus und schufen Treffpunkte. Die Jugendlichen und Studenten trafen sich in Szenekneipen wie der „Berta“ in Detmold, im „Studentenclub Lemgo“, in Jugendzentren oder in dem linken Buchladen „Distel“. Bands aus der Region coverten aktuelle Songs oder spielten eigene Kompositionen. Aufgetreten sind sie in Detmold im „Falkenkrug“ (hit-club), im „Volkshaus“ und in „Gellers Gaststätten“ (teen-Club). „Der Beat war der Impulsgeber für die 68er-Bewegung“, so Hans-Gerd Schmitz, der Autor des gleichnamigen Buches.

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Bühnendekoration der Musikgruppe „Lions“

Wohngemeinschaften waren eine neue alternative Lebensform. Die Mitglieder lebten in den Städten Detmold und Lemgo, häufig jedoch in alten Kotten auf dem Land. Sie bauten selbst Gemüse an, hatten teilweise gemeinsame Konten und praktizierten die freie Liebe. "Man beschäftigte sich mit Wertmaßstäben und bestimmte Werte einfach neu", erläuterte Eckhard Rakemann, ehemaliger Mitbewohner der Hahnenberg WG und der Gestalter der Ausstellung. Die Mitglieder der 1973 gegründeten Wohngemeinschaft „Kalletal I“ und die 1978 entstandene Bösingfelder WG engagierten sich in der Jugendzentrums- und Friedensarbeit, die Detmolder Wittekindstraße-WG etwa für Umweltschutz und gegen Atomkraft. Beat-Musik als Schwerpunkt gab es in Vinsebeck, Sommersell oder in Brüntrup.

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Blick in die Ausstellung

Die 68er-Bewegung steht auch in der lippischen Provinz für den Beginn von Protest und Widerstand. Sie setzte allerdings andere Themenschwerpunkte. Atomkraft, gesunde Ernährung, die Schaffung eigener Räume für Diskussionen, die Entwicklung neuer Lebensformen und die Musik bestimmten die Aktivitäten der Jugendlichen und Studierenden. Gemeinsam bauten Anti-Atom-Aktivisten das lippische Haus in Gorleben auf und fuhren auf Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk in Grohnde (siehe auch „Schlacht um Grohnde“).

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“

In den Bioläden ging es um mehr als nur den Verkauf gesunder Lebensmittel. Hier entwickelten sich Diskussionen über Ernährung, Politik und Lebensmodelle. Aktionsgruppen legten hier ihre Flugblätter aus, machten Veranstaltungstermine bekannt oder organisierten Busfahrten zu AKW-Groß­demonstrationen. Erste Jugendzentrumsinitiativen gründeten sich in Detmold-Pivitsheide und in Kalletal 1972/73. Mit ihrem Autonomiebegriff vertraten die Initiativen ein Prinzip der Selbstbestimmung, in dem alle Jugendlichen aktiv an den Entscheidungsprozessen teilnahmen und Mitverantwortung für das Zentrum übernahmen.

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Blick in die Ausstellung

Als kleiner „Pimpf“ habe ich selbst von der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er-Jahre herzlich wenig mitbekommen, in der Großstadt noch viel weniger von der 68er-Bewegung in der Provinz. Die 68er-Bewegung führte zu sozialen Veränderungen und bewirkte auch einen kulturellen Wertewandel. Ältere Besucher werden sich ganz sicher noch gut an die in der Ausstellung thematisierten Sachverhalte erinnern können.

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Blick in die Ausstellung

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Blick in die Ausstellung

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, Blick in die Ausstellung

„Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“, linker Buchladen „Distel“

Die Ausstellung „Die 68er-Bewegung in der Provinz – Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe“ ist noch bis zum 30. September 2018 im LWL-Industriemuseum Ziegeleimuseum Lage zu sehen. Das Museum hat Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 2 Euro.

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