„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“

Sonderausstellung im LVR-Niederrheinmuseum Wesel

1817 stellte der badische Erfinder Karl von Drais (* 29. April 1785 in Karlsruhe, † 10. Dezember 1851 in Karlsruhe) die Laufmaschine vor, ein einspuriges, von Menschenkraft betriebenes Fahrzeug ohne Pedale, die er 1818 zum Patent angemeldet hat (badisches Privileg vom 12. Januar 1818 und französisches Brevet vom 17. Februar 1818). Die Laufmaschine gilt als Urform des heutigen Fahrrads. Ursprünglich war die Sonderausstellung „hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“ im LVR-Niederrheinmuseum Wesel bereits für 2017 geplant, doch von 2015 bis 2018 fanden im ehemaligen Preußen-Museum umfangreiche Sanierungsarbeiten statt, und so erinnert die Sonderausstellung eben vom 16. April bis 16. September 2018 an die Erfindung des Fahrrads.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, Frank Hülsemann reiste auf dem ausgestellten Nachbau der Laufmaschine im März 2018 von Mannheim nach Paris

Der Niederrhein mit seinem radfahrerfreundlichen Geländerelief ist seit den Pionierzeiten der Fahrradgeschichte im 19. Jahrhundert eng mit der Entwicklung des Fahrrades verknüpft. Schon früh wurde der Niederrhein auch Schauplatz zahlreicher Radrennen und Heimat einiger Rennbahnen, auf denen unterschiedliche Wettbewerbe ausgetragen wurden.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“

In der heutigen Zeit sieht die Situation deutlich anderes aus: bis in die 1970er- und 1980er-Jahre fanden noch überall am Niederrhein zahlreiche Radrennen statt, heute aber sind sie schon fast zu einer Rarität geworden. Der Start der Tour de France im vergangenen Jahr in Düsseldorf war da wohl eher eine einsame Erinnerung an die Vielfalt vergangener Jahre.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“

Neben dem Sport war der Niederrhein aber auch schon früh ein Ort der Fahrradherstellung. Zwar nicht in den Dimensionen von Bielefeld, Brandenburg, Frankfurt oder Schweinfurt, aber hier stabilisierte sich eine kleinteilige Industrie, die oft die Endmontage nach Kundenwünschen für die großen Serienhersteller durchführte oder in kleineren, spezialisierten Serien Räder für den Endverbraucher produzierte.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, Einrad

Wie im Sport findet man dabei eine Verteilung am gesamten Niederrhein vor. Natürlich gab es eine gewisse Konzentration größerer Fahrradhersteller in Düsseldorf, Duisburg, Krefeld und Moers, aber auch in kleineren Orten wie Asperden, Oedt und Vluyn wurden Fahrräder zusammengeschraubt. Die beeindruckende Breite der Herstellung ist in der Ausstellung im LVR-Niederrheinmuseum zu sehen – ohne dass damit der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben würde, denn gerade die kleinsten Fahrradschmieden haben oft nur wenig Spuren hinterlassen.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, Blick in die Ausstellung

Nicht erst der verdichtete Verkehr unserer Tage führt zu Konflikten zwischen den Verkehrsteilnehmern. Geradezu klassisch ist die Auseinandersetzung zwischen Fußgängern und Radfahrern zu nennen, die man täglich insbesondere bei den innerörtlichen Begegnungen erleben kann. Auch die Kämpfe der Radler mit anderen Fahrzeuglenkern sind ein leider häufig auftretendes Phänomen unserer Tage. Während aber im 21. Jahrhundert der Autoverkehr die grüßte Gefährdung für die Radfahrer darstellt, war es am Ende des 19. Jahrhunderts die Begegnung der „Velocipedisten“ mit Fahrwerken und Reitern.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, Miele Herrenrad, Baujahr um 1938

Zum Thema Radfahren gehört natürlich auch das Thema Straßen- und Wegebau. In der Ausstellung sind einige Beispiele zu sehen, wie man es nicht machen soll. Dem Radwegebau am Niederrhein heutzutage darf man dagegen eine gute Qualität bescheinigen. Und die Entwicklung geht weiter – mit dem Bau von Radschnellwegen an Rhein und Ruhr und mit einem neuen Verkehrsknotensystem zur Orientierung: für die „Pedalritter“ sollen die Bedingungen für die Radfahrer ja verbessert und der Autoverkehr gleichzeitig reduziert werden.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, in der Reichspogromnacht floh Ernst Humberg (* 1893 in Dingden, † 1957 in Winnipeg, Manitoba, Kanada) mit diesem Fahrrad nach Duisburg und später in die Niederlande

Und damit wären wir bei einem Punkt, der als niederrheinische Erfolgsgeschichte zu bewerten ist; der Tatsache nämlich, dass der Radtourismus den Niederrhein als Urlaubsregion nicht nur entdeckt, sondern geradezu als Fahrradparadies zu schätzen gelernt hat. Seit Jahren steigen die Übernachtungszahlen in der Gegend, und diese erfreuliche Entwicklung wäre ohne eine gute Infrastruktur als Basis dieses Erfolgs gar nicht denkbar.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“

Das LVR-Niederrheinmuseum Wesel ist bekanntlich noch auf dem Weg, eine neue Dauerausstellung zu konzipieren. Neben den kunst-, architektur- und kulturgeschichtlichen Spuren sind es eben auch die landesgeschichtlichen und darin enthaltenen alltagsgeschichtlichen Aspekten, die zum Auftrag des Hauses gehören, die Region Niederrhein darzustellen.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, „Der liebe Gott auf dem Fahrrad“

Schrittweise wird so ein neues Profil erkennbar, das sich in einem Prozess erst entwickeln muss und hoffentlich bald immer stärkere Konturen erkennen lässt. Mait der Ausstellung „hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“ wird somit ein weiterer Schritt getan, der neuen Ausrichtung des Museums Konturen zu verleihen.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“

Im Begleitprogramm werden in Kooperation mit dem ADFC Wesel drei Exkursionen angeboten. Am 29. April 2018 wird auf den Spuren des spätgotischen Weseler Bildhauers Heinrich Blanckebiel geradelt (ca. 35 km), am 17. Juni 2018, dem Jahrestag der Auflösung des Büdericher Lagers geht es um die Geschichte der Kriegsgefangenen (ca. 40 km), und am 23. September 2018 dreht sich alles um das Wirken der Weseler Künstler um 1500 in der Kirche St. Nicolai Kalkar (ca. 70 km). Am 5. Juni 2018 findet ein Vortrag mit dem Thema „Auf den Spuren von Karl von Drais. Mit der Laufmaschine nach Paris“ statt, und in den Sommerferien Ende Juli 2018 werden die FilmSchauPlätze NRW auf der Wiese vor dem LVR-Niederrheinmuseum Wesel zu Gast sein.

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, Haibike, Rahmenmaterial Carbon

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, R’cycle, aus recyceltem Aluminium hergestelltes Kinderfahrrad

„hin & weg – 200 Jahre Fahrradgeschichte am Niederrhein“, Holzfahrrad des österreichischen Start-ups „My Esel“

Das LVR-Niederrheinmuseum Wesel ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 4,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt. An jedem ersten Freitag im Monat ist der Eintritt frei.

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