Die Friedensstadt Münster und ihr ungeliebter Frieden

Ausstellung im Stadtmuseum Münster im Rahmen der Kooperationsausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute

Eine münstersche Medaille auf den Friedensschluss im Jahr 1648 verkündet es: „Hinc toti pax insonat orbi“ – Von hier aus schallt der Friede in alle Welt. Auf so eine frohe Botschaft kann doch eigentlich nur mit Feierlichkeiten reagiert werden.

„Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“, Engelbert Ketteler, Goldmedaille auf den Westfälischen Frieden, 1648. Foto: Stadtmuseum Münster

Doch war der Westfälische Frieden in Münster wirklich ein Grund zum Feiern? Welche Rolle spielte der Frieden in der Wahrnehmung der Stadt, wie und von wem konnte dieser Frieden für eigene Zwecke eingesetzt werden? Diesen Fragen wird in der neuen Sonderausstellung des Stadtmuseums Münster „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“ nachgegangen. Hierbei fällt rasch auf, so wirklich begeistert waren die Münsteraner lange nicht. Erst im Jahr 1649 wurde der Westfälische Frieden in Münster mit einer Feierlichkeit begangen.

Nach der Ratifikation des Westfälischen Friedens 1648 war in Nürnberg im Anschluss von April 1649 bis Juli 1650 ein weiterer Friedens­kongress notwendig gewesen, bei dem noch offene logistische Fragen des Westfälischen Friedens, wie etwa der Abzug der Schweden, geregelt werden mussten. Nachdem es in Nürnberg zu einer Einigung gekommen war, wurde groß gefeiert. Der einzig für die Feierlich­keit hergestellte Weinlöwe, aus dessen Maul die Bevölkerung mit Rot- und Weißwein versorgt wurde, ist erhalten und wird in der Ausstellung gezeigt.

„Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“, Schwedischer Löwe, Anonym, 1649. Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen

Kein Grund zum Feiern! – Nur Protestanten freuen sich

Wenn man die ersten 200 Jahre nach dem Frieden überblickt, so fällt auf: Münster feiert nicht. In der katholischen Bischofsstadt war man der Überzeugung, dass die Protestanten die Gewinner des Friedens waren. Somit bestand kein Grund zum Jubeln.

Anders war dies beispielsweise in den süddeutschen Städten. Insbesondere in der bikonfessionellen Stadt Augsburg wurden zahlreiche Aktivitäten von evangelischer Seite zur Jahrhundertfeier initiiert. Insbesondere durch die Rivalität mit der katholischen Bevölkerung Augsburgs und dem katholischen Bischof als Stadtherrn entstand eine kontinuierliche und intensive Erin­nerungskultur. Diese diente sowohl der konfessionellen Selbstdarstellung als auch der Festigung der konfessionellen Parität. Im Jubiläumsjahr 1748 wurden zahlreiche Erinnerungsstücke in Form von Medaillen, Münzen und Friedensbildern geschaffen.

Dies zeigt exemplarisch den Umgang mit den Jubiläumsjahren des Westfälischen Friedens: Während es in Augsburg 1748 zu Feierlichkeiten kam, ignorierte Münster das Jubiläum. Auch weitere protestantische Städte wie etwa Nürnberg oder Osnabrück feierten die Jubiläen 1748 und 1848, die in Münsters Erinnerungskultur keine Rolle spielten. Der direkte Vergleich zwischen dem katholischen Münster und den protestantischen Städten zeigt deutlich den Unterschied in der Wahrnehmung des Friedens in den ersten Jahrhunderten.

Nach 250 Jahren – Ein bisschen wird gefeiert

Erste Ansätze einer Friedensfeier sind anlässlich des 250-jährigen Jubiläums im Jahr 1898 festzustellen. Allerdings wurde von Seiten der Stadt nur die 53. Generalversammlung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine für eine kurze Erinnerung an den Frieden genutzt. Es gab keinen weiteren Festakt am 24. Oktober 1898, dem eigentlichen Jubiläumstag, an dem die Bevölkerung in einem größeren Umfang hätte teilhaben können.

Der münstersche Maler Fritz Grotemeyer bot im Jahr 1894 der Stadt aus eigener Initiative die Schaffung eines Friedensgemäldes an. Im Vertrag zwischen dem Künstler und der Stadt wurde festgehalten, dass das Bild nach spätestens fünf Jahren – also 1899 und nicht 1898 – fertig sein sollte. Dies zeigt, dass bei der Beauftragung kein Zusammenhang mit dem Jubiläum vorhanden war. Tatsächlich wurde das Bild erst im Jahr 1902 fertiggestellt und der Stadt übergeben; es ist heute im Stadtmuseum Münster ausgestellt.

„Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“, Fritz Grotemeyer, Friedensverhandlungen im Rathaussaale zu Münster 1648, 1895 – 1902. Foto: Stadtmuseum Münster

Entgegen der histori­schen Realität hält er einen fiktiven Moment im heutigen Friedenssaal fest, in dem der Gesandte Johann VIII. Graf von Sayn-Wittgenstein die Forderungen des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Branden­burg auf einer Landkarte veran­schaulicht. Grotemeyers Monumentalgemälde zeigt 27 Personen der münste­rschen Stadtgesellschaft verkleidet als historische Gesandte. Da es sich bei diesen Personen auch um Mitglieder von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung handelte, kann das Interesse an seinem Bild, das im Laufe der Jahre immer teurer wurde, erklärt werden.

Das einzige Friedensdenkmal der deutschen Kaiserzeit

Als Folge der Feier zum 250. Jahrestag plante der private Verschönerungsverein, Münster ein Friedensdenkmal zu stiften. Der münstersche Bildhauer Wilhelm Bolte verwirklichte nach antikem Vorbild eine Friedensgöttin mit Ölzweig auf einem hohen Sockel vor dem ein Krieger seine Waffen niederlegt. Im Jahr 1905 wurde diese Statue auf der Aegidiischanze am Kanonengraben eingeweiht. Sie stellt eine Besonderheit dar, da in der deutschen Kaiserzeit nur Denkmäler auf die „glorreichen Siegfrieden“ errichtet wurden. Bereits 1942 wurde das Bronzedenkmal im Zuge des Zweiten Weltkriegs wieder eingeschmolzen, um daraus Waffen herzustellen.

„Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“, Wilhelm Bolte, Friedensdenkmal in Münster, 1902. Foto: Stadtmuseum Münster

Der Westfälische Frieden als „Schandfrieden“

Den Nationalsozialisten war nicht viel am Westfälischen Frieden gelegen. Im Gegenteil, sie planten, ihn gegen die Franzosen zu instrumentalisieren. So wurde seit den späten 1930er Jahren für das Jahr 1948 eine Ausstellung über den Westfälischen Frieden entworfen, die den Frieden als vom Erbfeind Frankreich erzwungen anprangerte. Die Ausstellung war zwar bereits im Jahr 1940 in der münsterschen Stadthalle aufgebaut, doch wurde sie nie eröffnet. Die rasche Eroberung Frankreichs und die Hoffnung, mit den Franzosen gemeinsam gegen England kämpfen zu können, änderten die politischen Ziele der Nationalsozialisten. Die propagandistische Ausrichtung der Ausstellung passte nun nicht mehr. Die erhaltenen Fotoaufnahmen und Objekte geben Einblicke in die Inszenierung, und zeigen die Herabsetzung des Westfälischen Friedens zu „Frankreichs größtem Triumph. Deutschlands tiefster Schmach“.

Ein Grund zum Feiern! – Die Neuinterpretation des Friedens

Die Stadt des Westfälischen Friedens ist Münster erst in den letzten Jahrzehnten geworden. Nachdem der Westfälische Frieden in Münster zunächst geflissentlich ignoriert und später als Schandfrieden angeprangert worden war, kam es nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich zu einer Neuinterpretation des historischen Friedens. Im kriegszerstörten Münster wurde 1948 des Friedens gedacht, wobei der Anstoß vor allem durch den deutschen Zweig der Union der Europäischen Föderalisten gegeben worden war. Vor dem Hintergrund der zerstörten Stadt, ja Mitteleuropas, beteiligte sich auch die Stadt maßgeblich. Um den Feierlichkeiten einen angemessenen Rahmen zu geben, wurden Schutträumarbeiten im großen Stil betrieben und der Wiedereinbau der während des Krieges ausgelagerten Ausstattung des Friedenssaals in das zerstörte Rathaus sowie die Wiederherstellung des Lichthofes des Landesmuseums organisiert.

„Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“, Gerard ter Borch, Einzug des Gesandten Adriaen Pauw in Münster, um 1646. Foto: Stadtmuseum Münster

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“ im Stadtmuseum Münster präsentiert vom 28. April bis 2. September 2018 die, zunächst negativen, Wahrnehmungen des Westfälischen Friedens vor dem jeweiligen historischen Hintergrund und macht so deutlich, dass die Interpretation der Geschichte immer auch von der aktuellen Gegenwart bestimmt wird. Zur Veranschaulichung werden Gemälde, Medaillen, Grafiken, Plakate, Postkarten, Fotos, Filmaufnahmen, Inszenierungen und Animationen aus 350 Jahren Geschichte des Westfälischen Friedens in Münster zusammen mit bedeutenden Leihgaben, etwa dem berühmten Weinlöwen aus Nürnberg, ausgestellt.

Während der Ausstellung „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“, die im Rahmen der münsterweiten Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ stattfindet, hat das Stadtmuseum mit seiner Ausstellung von Dienstag bis Sonntag und an den Feiertagen von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Im Mai, Juni und August ist das Museum am zweiten Freitag im Monat (Langer Freitag) bis 22 Uhr geöffnet.

Zur Ausstellung „Ein Grund zum Feiern? Münster und der Westfälische Frieden“ ist ein 72-seitiger Katalog mit 64 farbigen Abbildungen im Sandstein Verlag, Dresden erschienen, ISBN 978-3-95498-387-2. Er widmet sich in fünf Essays und ausgewählten Objektbeiträgen der Rezeptionsgeschichte des Westfälischen Friedensschlusses von 1648. Im Mittelpunkt stehen die Jubiläen von 1748, 1848, 1898 und 1948. Zur Ausstellungskooperation „Frieden. Von der Antike bis heute“ erscheinen fünf Katalogbände im Sandstein Verlag, Dresden, die als Gesamtedition im Schuber erhältlich sind, ISBN 978-3-95498-388-9. Außerdem wird ein Multimedia-Book angeboten.

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