„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“

Sonderausstellung im LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt

Zwischen verführerischem Nylon und bequemer Tennissocke liegen Welten, und doch haben beide vieles gemeinsam. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) lädt ab Sonntag, 25. März 2018 im TextilWerk Bocholt zu einer Entdeckungsreise in die Welt der Strümpfe und ihrer Produktion ein. In der Sonderausstellung „Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“ zeigt das LWL-Industriemuseum in der Spinnerei 150 Jahre deutsche Strumpfgeschichte.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei

Maßgeblich geprägt wurde die Branche von Familienunternehmen wie Bahner, Kunert und Falke, von denen einige bis heute den Markt prägen – sie werden in der Ausstellung vorgestellt. Die im Kern vom Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) entwickelte und dort vom 7. Mai bis 26. Oktober 2014 gezeigte Schau präsentiert sich in Bocholt mit einer westfälischen Erweiterung: Vorgestellt wird erstmals das Horstmarer Unternehmen „Schulte & Dieckhoff“, das Anfang der 1960er-Jahre mit der Marke „nur die“ und einem revolutionären Verkaufskonzept zum weltweit größten Anbieter von Feinstrümpfen wurde. Der Inhaber, Fritz-Karl Schulte, galt als der König der Branche, trotzdem gibt es zu seinem Unternehmen bisher nicht einmal einen Eintrag in der freien Enzyklopädie Wikipedia.

Mit mehr als 800 Exponaten zeigt die Ausstellung jedoch nicht nur die Geschichte der Dynastien und ihrer Produkte. Die Welt der Arbeiterinnen steht gleichwertig neben diesen beiden Themenfeldern. An Maschinen von damals und heute erleben die Besucher außerdem hautnah die Technik, die hinter der Produktion der feinen Maschen steckt. „Die Strumpfdynastien sind eine ideale Ergänzung unserer Dauerausstellung „Die Macher und die Spinnerei“. Auch hier geht es um Unternehmen, um ihre Strategien und ihren Einfluss auf Markt und Gesellschaft. Mit dem Strumpf rückt dazu ein besonders reizvolles Kleidungsstück in den Focus“, erklärte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, am Dienstag , 20. März 208 bei der Vorstellung der Ausstellung in Bocholt. Bevor die Ausstellung nach Bocholt kam, wurde sie vom 21. Mai bis 22. Dezember 2017 im LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford in Ratingen gezeigt.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, Ladentheke aus einem Strumpf-Fachgeschäft, der 1950er-Jahre

Die Mode
Auf 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche können die Besucher im Erdgeschoss der Spinnerei im Batteursaal nicht nur einen Streifzug durch die Welt der Produktion, sondern auch durch die Modegeschichte unternehmen. „Als Kleidungsstück aus der zweiten Reihe orientierte sich der Strumpf stets an den vorherrschenden Trends“, weiß Kurator Martin Schmidt vom TextilWerk Bocholt. Während der Reifrock des 19. Jahrhunderts das weibliche Bein komplett verdeckte, wurde der Strumpf mit ausgefallen Mustern und Farben in den 1920er-Jahren zum „Beindekolleté“. Der Minirock sorgte schließlich in den 1960er-Jahren für eine Weiterentwicklung des Strumpfes, der bisher an Haltern und Hüftgurten befestigt wurde: Die Strumpfhose wurde erfunden. Christa Frins vom Textilwerk ergänzt: „In dieser Zeit fand der Strumpf auch den Weg vom Fachgeschäft in den Massenverkauf an den Supermarktkassen“. Strumpfautomaten, die Ersatz bei Laufmaschen-Problemen anboten, wurden an zentralen Orten aufgehängt.

Die sinnliche Ästhetik der Strumpfwerbung, die mit erotischen Reizen und moralischen Tabubrüchen spielte, entwarf Bilder von Frauen, die solchen Idealisierungen in der Realität nur selten entsprachen. Ob mit erotischen, mondänen, sportlichen oder witzigen Werbekampagnen – auf unterschiedliche Weise gelang es den Unternehmen, positiv im Gedächtnis der Kundinnen zu bleiben. Die Ausstellung vermittelt dem Besucher diesen Werdegang des Marketings, der Strumpf und Socke eine Bühne bietet. Außerdem hinterfragt sie, mit Hilfe der „Sendung mit der Maus“, wohin die Socken in der Waschmaschine verschwinden.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“

Die Unternehmen
Es ist heute kaum noch bekannt, dass das sächsische Chemnitz um 1900 nicht nur das Zentrum der deutschen, sondern der weltweiten Strumpfindustrie war. Das Unternehmen „Moritz Samuel Esche“ gehörte zu den erfolgreichsten Industrieunternehmen der Stadt, das mit seinem Export schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts global agierte. Herbert Eugen Esche (* 27. Juli 1874 in Chemnitz, † 18. Juli 1962 in Küsnacht, Kanton Zürich) ging neue Wege der gesellschaftlichen Repräsentation und ließ sich und seine Familie von dem berühmten norwegischen Maler Edvard Munch porträtieren. Eine Reproduktion des Munchschen Porträts steht im Zentrum der Ausstellungseinheit.

Ebenfalls aus Sachsen (Oberlungwitz) stammten die Bahners, die das später „Elbeo“ genannte Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten. Ein wichtiger Faktor, der die Unternehmensgeschichte prägte, war das Streben nach höchster Produktqualität sowie der exklusive Umgang mit dem Fachhandel. Sie waren es, die den ersten Perlonstrumpf vor 80 Jahren produzierten. Außerdem verfolgten die Bahners schon früh die Markenbildung und setzten Akzente in der sozialen Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die mitgliederreiche Familie Bahner in Westdeutschland neu aus und wirkte am Wirtschaftswunder mit. Die britische Wochenzeitschrift "Economist" adelte „Elbeo“ zum Rolls-Royce der Strumpfindustrie.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, Strumpfband mit Satinrose

Die Zwischenkriegszeit wurde für das Familienunternehmen Kunert in Böhmen zum Erfolg. Bereits 1938 stieg die Firma zum größten Strumpfhersteller Europas auf. Als Alternative zur Naturseide setzte das Unternehmen konsequent auf Kunstseide. Das Sortiment umfasste nur wenige, dafür aber sehr ausgereifte Artikel. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog es die Kunerts ins Allgäu. Nach einigen Startschwierigkeiten übernahm die Firma 1978 den großen Konkurrenten Hudson und wurde damit abermals zur Nummer 1 in Europa. Von Anfang an legten die Kunerts Wert auf hochwertige Garne und entwickelten ihre eigene Faser: Chinchillan.

Während Kunert und Elbeo nur noch als Marken existieren, ist Falke bis heute als familiengeführtes Strumpfunternehmen im sauerländischen Schmallenberg erfolgreich. Ab 1957 fertigte Falke für das international bekannte Modeunternehmen Christian Dior Damenfeinstrümpfe. Als Designer für Herren-Oberbekleidung machte sich der anfangs noch unbekannte Giorgio Armani bei Falke erstmals einen Namen. Bis heute begreifen sich die Falkes nicht nur als Strumpfhersteller, sondern in erster Linie als Mode-Unternehmen. Ihren Anspruch an die eigene Marke spiegelt die Zusammenarbeit mit international renommierten Modefotografen wie F. C. Gundlach oder Helmut Newton wieder. Die daraus entstandenen ästhetisch hochwertigen Werbekampagnen stehen im Mittelpunkt der Ausstellungseinheit zur Firma Falke.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, Netzstrümpfe, 1920er-Jahre

Die Presse nannte ihn den Strumpfkönig. In der dritten Generation baute Fritz-Karl Schulte um 1960 das Unternehmen „Schulte & Dieckhoff“ zum Weltmarktführer aus. „Mit billig produzierten Massenartikeln zu niedrigen Preisen brach der Macher aus dem Münsterland in Märkte ein, auf denen es keine beherrschenden Großunternehmen gab“, weiß Martin Schmidt, der die Geschichte des Unternehmens aus Horstmar für die Ausstellung aufbereitet hat. Täglich wurden 750.000 Paar Feinstrümpfe und zusätzlich über 80.000 Feinstrumpfhosen in den Werken in Horstmar, Coesfeld, Rheine, Stadtlohn, Stadtallendorf, Feinfeld, Herne und Dortmund produziert. Doch wer so hoch fliegt, kann auch tief stürzen… Auch diese Geschichte erzählt die Ausstellung.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, Uhu-Strümpfe

Die Arbeiterinnen
Ohne die Arbeiterinnen wäre der Erfolg vieler Unternehmer in der Strumpfindustrie nicht realisierbar gewesen. Die Strumpfbranche war vorwiegend der Arbeitsplatz für Frauen, die bis zu 70 Prozent der Belegschaften ausmachten. Viele Beschäftigungen galten als Anlernberufe, auch wenn sie hohes Geschick erforderten. „Um die Spitze des fertig gestrickten Strumpfes zu schließen, musste beispielsweise beim Ketteln, Masche für Masche einzeln von Hand miteinander verbunden werden“, so LWL-Museumsleiter Dr. Hermann Josef Stenkamp. Nach dem Krieg stiegen die Beschäftigungszahlen in der westdeutschen Strumpfindustrie von etwa 10.000 auf circa 37.000 Anfang der 1970er Jahre. Mit den Unternehmen waren auch viele qualifizierte Arbeitskräfte aus Sachsen und Böhmen nach Westdeutschland gekommen. Ergänzt wurden die Belegschaften später durch die sogenannten „Gastarbeiter“ besonders aus Italien, Südosteuropa und der Türkei.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, Hudson, von Terrence Donovan in Szene gesetzt, 1966-1969

Begleitprogramm
An zwei Sonntagen im Monat finden um 15 Uhr öffentliche Führungen durch die Sonderausstellung statt. Die Teilnahme ist jeweils kostenlos. Besucher zahlen nur den normalen Eintritt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weiterhin werden Kuratorenführungen, Vorträge und eine textilgeschichtliche Radtour angeboten. Alle Termine unter www.lwl-industriemuseum.de.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, elbeo Palazzo, 1980er-Jahre, Collant Strumfhose mit seitlichem Löwenkopf

Eröffnung
Bei der Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 25. März 2018 um 11 Uhr begrüßt Gertrud Welper, stellvertretende Vorsitzende der LWL-Landschaftsversammlung, die Gäste. Daneben spricht Hanni Kammler, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Bocholt, ein Grußwort. Martin Schmidt vom Textilwerk moderiert die Talkrunde mit Dr. Karl Borromäus Murr, Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg, Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, Jörg Bahner, ehemaliger CEO der Strumpfmarke „Bi“, und Karin Kelly, Gründerin der Modelagentur Kelly Faces. Mit „Texten und Musik zum Bein“ wird der Vormittag von Ralf Melzow und Jan Klinkenberg begleitet. Gäste sind herzlich willkommen.

Begleitpublikation
Zur Ausstellung „Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“ hat das Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) ein Begleitheft herausgegeben: „Deutsche Strumpfdynastien. Maschen – Mode – Macher“, Herausgeber Staatliches Textil- und Industriemuseum, Karl Borromäus Murr und Michaela Breil, 66 Seiten, Augsburg 2014, Preis: 5 Euro.

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“, Bentley Komet Sockenstrickmaschine, 1960er-Jahre, zunächst bei „Schulte & Dieckhoff“ im Einsatz, bis vor wenigen Wochen noch in Betrieb

„Maschen – Mode – Macher. Deutsche Strumpfdynastien“ im LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt ist vom 25. März bis 7. Oktober 2018 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene 3 €, ermäßigt 2 €, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre 1,50 €.

Tipp

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2

Noch bis zum 7. Oktober 2018 ist im Drosselsaal 2 die Ausstellung „Lust auf Leben! Fotos von Johannes Weber aus seinem Dorf, 1946–1955“ zu sehen.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2

Ende Mai öffnet auch die Weberei mit der neu gestalteten Dauerausstellung, die augenblicklich wegen Umbauarbeiten geschlossen ist, wieder ihre Pforten. Das internationale Familienfest findet aber wie geplant am 1. Mai 2018 auf dem Gelände der Weberei statt.

TextilWerk Bocholt, Weberei

Staubturm der Weberei H. Beckmann/Ibena von 1929

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