Die Mauer muss weg

Im Krupp-Gürtel Nord soll das neue Stadtviertel ESSEN 51 entstehen

Auf dem Gelände zwischen Bottroper Straße, Berthold-Beitz-Boulevard, Pferdebahnstraße, Haus-Berge-Straße, Zollstraße und der Verbindung zur Bottroper Straße am Friedhof Rosenhügel in den Essener Stadtteilen Altendorf, Bochold und Nordviertel soll ein neues Stadtviertel mit Gewerbeflächen, tausenden Wohnungen und einem Park mit offenem Wasserlauf auf der Grundlage des vom Rat der Stadt Essen beschlossenen Masterplans „Krupp-Gürtel Nord“ entstehen. Da es in Essen bereits 50 Stadtteile gibt, hat man dem neuen Viertel den sinnigen Namen ESSEN 51 verpasst, was ein wenig an Area 51 erinnert. Der in Schweden gegründete Einrichtungskonzern will sein Einrichtungshaus vom heutigen Standort an der Altendorfer Straße an die nordöstlich von ESSEN 51 verlaufende Bottroper Straße verlegen. Wie sinnvoll das ist, das wissen womöglich nur dessen Manager. Vielleicht wird das Gebiet ab Anfang 2018 tatsächlich erst einmal wieder zur „Verbotenen Stadt“, wie zu Zeiten des am 18. Oktober 1819 von Friedrich Krupp eröffneten Gussstahlwerks, mit einem entsprechenden Bauzaun umgeben und Schildern versehen, auf denen zu lesen ist, dass Eltern für ihre Kinder haften. Das tun sie natürlich nur bei Verletzung ihrer Aufsichtspflicht (§ 832 BGB), aber man kann es ja erst einmal global behaupten…

„Hall of Fame“ im September 2010

Anlässlich der ThyssenKrupp Quartiertage ist im September 2010 auf Wandflächen der ehemaligen Zeche Amalie an der Helenenstraße/Zollstraße eine „Hall of Fame“ entstanden, die von professionellen Graffiti-Sprayern gestaltet wurde. Besagte Mauer wurde entlang der Helenstraße im Nordviertel bereits dem Erdboden gleichgemacht, die große Maschinenbauhalle M2 wurde von Oktober 2015 bis März 2016 abgerissen, was noch steht sind Teile der Maschinenbauhalle M3, in der früher u. a. die Lokomotivfertigung untergebracht war und für die bis 2042 ein Erbbauvertrag existiert, das Verwaltungsgebäude in der Helenenstraße 149 sowie die zuletzt verbliebenen Tagesanlagen der 1966 stillgelegten Zeche Amalie, insbesondere das nach Plänen des Architekten Edmund Körner (u. a. Alte Synagoge Essen; * 2. Dezember 1874 in Leschwitz, † 14. Februar 1940 in Essen) erbaute Verwaltungsgebäude in der Helenenstraße 110 und das 1934 errichtete Fördergerüst. Nichts von alledem steht unter Denkmalschutz, allerdings wurde der Schacht Amalie für die Wasserhaltung offen gehalten, daher kann das Fördergerüst gar nicht zurückgebaut werden, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Da hätte man noch die Schließung des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop im kommenden Jahr und das Ende der Wasserhaltung auf Zeche Amalie abwarten müssen, wobei dieser Gedanke bei den Planungen ganz sicher berücksichtigt wurde. Zwischen Zollstraße und Haus-Berge-Straße befand sich der Gleisanschluss zur Zeche Amalie, die Brücke über die Helenenstraße wurde bereits vor geraumer Zeit zurückgebaut, geblieben ist an dieser Stelle die Senke in der Helenenstraße.

Ehemaliges Verwaltungsgebäude der Zeche Amalie, Helenenstraße 110

Ehemaliges Verwaltungsgebäude der Zeche Amalie, Helenenstraße 110

Graffiti auf der Mauer an der Helenenstraße, im Hintergrund das Fördergerüst der Zeche Amalie

Graffiti auf der Mauer an der Helenenstraße

Graffiti auf der Mauer an der Helenenstraße, Porträt des Rappers SSIO (* 28. Januar 1989 in Bonn, bürgerlich Ssiawosh Sadat)

Graffiti auf der Mauer an der Helenenstraße

Graffiti auf der Mauer an der Helenenstraße

Graffiti auf der Mauer an der Zollstraße, links das Fördergerüst der Zeche Amalie

Nun würde einer alten Zechenmauer der vor über 50 Jahren stillgelegten Zeche womöglich niemand eine Träne nachweinen, außer vielleicht die Sprayer, die dort legal ihre Graffiti hinterlassen konnten, wäre da nicht das Graffito von Graffiti-Künstler „Palas.90“, das ein Porträt des verstorbenen Linkin-Park-Sängers Chester Bennington (* 20. März 1976 in Phoenix, Arizona, † 20. Juli 2017 in Palos Verdes Estates, Kalifornien) zeigt, und die Textzeile „But in the end it doesn’t even matter…“ aus dem Linkin-Park-Song „In the End“. Häufig wird behauptet, dass Graffiti Schmierfinken davon abhielten, dort ihre Schmierereien zu hinterlassen. Das scheinen Schmierfinken aber nicht zu wissen, oder es interessiert sie einfach nicht: Selbige haben nämlich die Augen des Porträts von Chester Bennington übersprüht, keine besonders noble Geste. Die Existenz des Werks hat sich im Zeitalter von Web 2.0 natürlich herumgesprochen, und so hat sich die Mauer an der Zollstraße in eine Gedenkstätte für Chester Bennington verwandelt, an der Fans des verstorbenen Sängers Grablichter aufstellen und Briefe anheften. Das wird das mittelständische Immobilienunternehmen, welches das Areal von ThyssenKrupp erworben hat, nicht davon abhalten, die Zechenmauer wie geplant abzureißen, und das muss wohl auch den Fans klar gewesen sein. Dem Vernehmen nach haben sie Unterschriften für eine neue Gedenkstätte gesammelt und die Liste Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen übergeben. Ob’s was hilft, schau’n mer mal…

Graffiti auf der Mauer an der Zollstraße, Porträt des Linkin-Park-Sängers Chester Bennington

Graffiti auf der Mauer an der Zollstraße, „But in the end it doesn’t even matter…“

Graffiti auf der Mauer an der Zollstraße

Fördergerüst der Zeche Amalie

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