Sonntag, 4. März 2012

„Tag der Archive“ unter dem Motto „Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastrophen“

Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv

Fassade des Magazingebäudes an der Bert-Brecht-Straße

Ein „Tag der Archive“ … das „riecht“ verdächtig nach „Tag des offenen Denkmals“ und „Tag der offenen Tür“, womit man gar nicht so verkehrt liegt. Womöglich hat sich der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. nämlich genau das Anliegen des von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordinierten „Tages des offenen Denkmals“ zum Vorbild genommen, um mit dem seit 2001 regelmäßig durchgeführten „Tages der Archive“ die gesellschaftliche Akzeptanz der Archive zu fördern und für eine stärkere Beachtung in der Öffentlichkeit zu sorgen.

Magazingebäude des Stadtarchivs mit COR-TEN-Stahlfassade

Tatsächlich tut man sich im Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv ein wenig schwer damit, das Klischee vom „geheimen Archiv“ zu durchbrechen, die am 15. Juni 2011 eröffnete Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“ ist nämlich regelmäßig nur mittwochs von 10 bis 17 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Mehr lässt der Etat der Stadt Essen und die daraus resultierende Personalsituation am Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv nämlich nicht zu. Das passt zumindest schonmal zum Thema „… und andere Katastrophen“. Wie die gesetzliche Verpflichtung zur Archivierung mit ständigen Kürzungen im Etat in Einklang zu bringen sind, diese Frage konnte mir auch beim „Tag der Archive“ niemand beantworten. Womöglich waren einfach nicht die richtigen Ansprechpartner für diese Frage vor Ort.

Das Gebäude der ehemaligen Luisenschule am Ernst-Schmidt-Platz 1

Seit dem Umzug des Archivs in das Gebäude der ehemalige Luisenschule am Bismarckplatz Ende 2009 bot sich am 4. März 2012 am „Tag der Archive“ von 10 bis 17 Uhr die erste Gelegenheit für alle Interessierten, einen Blick hinter die Kulissen der Archivarbeit werfen zu können. Mit den Programmpunkten
  • Führungen durch die historische Dauerausstellung,
  • Kurzführungen durch das Archivmagazin,
  • familiengeschichtliche Beratung im Lesesaal,
  • Einblicke in die Restaurierungswerkstatt und
  • Vorführung historischer Filme
stellte sich das Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv mit seinen vielfältigen Aufgaben vor.

Magazingebäude des Stadtarchivs, Innenansicht

Das 2009 errichte Magazingebäude mit seiner prägnanten COR-TEN-Stahlfassade dient der dauerhaften Lagerung der Archivalien und erhielt Anerkennungen beim Architekturpreis der Stadt Essen 2010 und der Auszeichnung guter Bauten 2010 des BDA Essen, sowie eine Auszeichnung bei der Auszeichnung Vorbildlicher Bauten in Nordrhein-Westfalen 2010 (Land NRW/Architektenkammer NRW). In die COR-TEN-Stahlfassade sind hohe Lüftungsöffnungen schräg eingelassen, die direkte Sonneneinstrahlung bei geöffneten Flügeln vermindern. Durch eine elektronische Steuerung der Querlüftung und Beheizung kann jede Etage des viergeschossigen Gebäudes separat auf konstant 18 °C temperiert und die relative Luftfeuchtigkeit bei 50% gehalten werden – so sollte es zumindest sein. Durch perforierte Böden kann die Luft auch durch die Regale zirkulieren. In den handbetriebenen Regalen mit 7,20 Meter Länge und 2,32 Meter Höhe können 17 Regalkilometer Archivalien untergebracht werden.

Das historische „Stahlbuch“ der Stadt Essen, erste Seite (rechts) und Eintrag von Tullio Cianetti am 6. Juni 1938

Das „Stahlbuch“ mit dem Einband aus nichtrostendem Chrom-Nickel-Stahl wurde anlässlich der Hochzeit des Gauleiters Josef Terboven am 28. Juni 1934 als Gästebuch der Stadt angelegt. Es enthält die Namen vieler NS-Politiker (Adolf Hitler und Hermann Göring waren Terbovens Trauzeugen, dementsprechend sind ihre Unterschriften bei den Eintragungen vom 28. Juni 1934 zu finden), ausländischer Staatsgäste, Künstler, Schauspieler und Industrieller. Tullio Cianetti, Präsident der italienischen Industriearbeiter-Konföderation, trug sich am 6. Juni 1938 als einziger mit einem Spruch ein: „La mia simpatia per la Citta Essen, cuore di acciaio della Germania amica“ („Meine Sympathie für die Stadt Essen, stählernes Herz unseres Freundes Deutschland“). Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte das „Stahlbuch“ nicht einfach weitergeführt werden, war es doch eine Art Ehrenbuch der Nazigrößen. Daher wurden die Eintragungen von 1934 bis 1945 aus dem „Stahlbuch“ entnommen, sie befinden sich im Stadtarchiv. Ob dies aus heutiger Sicht eine adäquate Form der Vergangen­heits­bewältigung darstellt, sei dahingestellt. In das neue „Stahlbuch“ trug sich am 27. Juni 1953 als Erster der damalige Bundespräsident Theodor Heuss (* 31. Januar 1884 in Brackenheim, † 12. Dezember 1963 in Stuttgart) ein. Essen hat natürlich ein „Stahlbuch“ als Gästebuch, immerhin wurde der Aufstieg Essens durch die Stahlindustrie möglich gemacht. Da war es für den damaligen Oberbürgermeister Theodor Reismann-Grone (* 30. September 1863 in Meppen, † 29. März 1949 in Essen) keine Frage, statt eines „Goldenen Buches“ ein „Stahlbuch“ als Gästebuch zu nutzen.

Das historische „Stahlbuch“ der Stadt Essen, Eintragungen vom 28. Juni 1934. Als Erste haben Adolf Hitler und Hermann Göring unterschrieben.

Die älteste Archivalie des Stadtarchivs ist eine Urkunde über einen Grundstücksverzicht in Essen-Schonnebeck aus dem Jahre 1272. In dieser Pergamenturkunde werden erstmals die zwölf „consules“, die Ratsherren der Stadt Essen namentlich aufgeführt. Die Stadt Essen geht zwar auf das 845 von Altfrid gegründete Frauenstift Essen zurück, aber im Stadtarchiv werden nur Archivalien verwahrt, die städtischen Ursprungs sind.

Die älteste Archivalie des Stadtarchivs aus dem Jahre 1272

Die Dauerausstellung „Essen – Geschichte einer Großstadt im 20. Jahrhundert“ spannt einen weiten Bogen vom Kaiserreich bis 2010, beginnend mit dem 19. Juni 1896, als Essen mit der Geburt des 100.000. Einwohners Großstadt wurde. Aus der Nachkriegsgeschichte wird auch die deutsche Fuß­ball­meisterschaft 1954/55 dokumentiert. Rot-Weiss Essen wurde am 26. Juni 1955 durch einen 4 : 3-Sieg über den 1. FC Kaiserslautern das erste und einzige Mal Deutscher Meister. Heute spielt Rot-Weiss Essen in der Regionalliga, und man darf gespannt sein, ob in 50 Jahren auch der Neubau des Georg-Melches-Stadion an der Hafenstraße für 43 Millionen Euro (!) in einer Ausstellung dokumentiert wird. Wenn dann überhaupt noch Geld im Etat für das Stadtarchiv übrig ist. Würde m. E. auch gut zu dem diesjährigen Motto „… und andere Katastrophen“ passen.

Dauerausstellung: Deutsche Fußballmeisterschaft 1955


Landesarchiv NRW in Duisburg

Ehemaliger Getreidespeicher der RWSG

Es ist nicht so, dass man am Innenhafen Duisburg zum „Tag der Archive“ tatsächlich ein Archivgebäude besuchen konnten, vielmehr handelt es sich noch immer um die Baustelle eines ambitionierten Bauvorhabens zur Errichtung eines Ar­chiv­ge­bäu­des für das Gedächtnis des Landes Nordrhein-Westfalen. Und die in diesem Zusammenhang getätigten Grundstücksgeschäfte des Bau- und Liegenschaftsbetriebs des Landes Nordrhein-Westfalen sind noch immer Gegenstand eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Das Archiv soll im ehemaligen Getreidespeicher der Rheinisch-Westfälischen Speditions-Gesellschaft (RWSG) an der Schwanentorbrücke untergebracht werden, der als letztes Speichergebäude noch nicht umgebaut war. Der RWSG-Speicher wird nach dem Entwurf des Büros Ortner & Ortner Baukunst (Laurids Ortner (* 26. Mai 1941 in Linz) und Manfred Ortner (* 3. November 1943 in Linz)) um einen Turm erweitert, der sich aus der Mitte des Gebäudes bis in 76 Meter Höhe erheben wird. Ein wellenförmiger, 160 Meter langer, sechsgeschossiger Anbau wird sich Richtung Holzhafen an den ehemaligen Getreidespeicher der RWSG anschließen. Langfristig sollen bis zu 148 Regalkilometer für das Archivgut zur Verfügung stehen.

Baustelle Landesarchiv am Innenhafen


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