Samstag, 24. März 2012

„Lars but not least!“ – Böse Worte und schöne Lieder

Lars Redlichs Soloprogramm im Residenzsaal von Schloss Borbeck

Schloss Borbeck

Lange bevor Industrielle wie Krupp und Thyssen die Geschichte der Stadt Essen bewegten, regierten Frauen über das heutige Stadtgebiet, und das fast 1.000 Jahre lang. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde Schloss Borbeck bevorzugte Residenz der Fürstäbtissinnen, die bis heute erhalten ist und dessen Geschichte eng mit der Stadtgeschichte verbunden ist. Seit 1941 ist die Stadt Essen Eigentümerin der gesamten Schlossanlage, erst 2005 wurde die letzte Umgestaltung mit einer Mischung aus historischer Bausubstanz und moderner Architektur vorgenommen, so bietet der Residenzsaal gepflegtes Ambiente für die hier etablierten Konzertreihen Alte Musik, Kammermusik und Jazz. Doch bisweilen wird hier auch Musical geboten, für den 23. März 2012 hatte das Kulturzentrum Schloss Borbeck Lars Redlich mit einem „Best of Musical and Comedy“ angekündigt. Wer das erstmals 2009 präsentierte Soloprogramm von Lars Redlich kennt, weiß auch, dass man das „Best of Musical“ in der Ankündigung nicht zu wörtlich nehmen sollte, das „Best of Comedy“ dagegen eher noch untertrieben ist. Er selbst bezeichnet sich als geknechteten Fabrikarbeiter der Unterhaltungsbranche, der unbedingt einen Ausgleich zum harten Showbusiness braucht und daher seine eigene One-Man-Selbsthilfegruppe „Lars but not least“ ins Leben gerufen hat, in der die Gäste als Therapeuten einfach nur zuhören müssen – zumindest die meiste Zeit …

Während das Publikum noch gespannt auf den angekündigten Künstler wartet, kommt irgendwann verzweifelt Lars Redlich in den Residenzsaal, telefoniert noch mit seinem Therapeuten, der ihm rät, aus sich herauszugehen, lernt so ganz nebenbei die gebürtige Dresdenerin Theresa kennen, die auch nicht auf den Mund gefallen ist, und erklärt nach dem ersten Song ohne eine Miene zu verziehen, dass der Abend damit beendet sei, da es sein Pianist Bijan Azadian offensichtlich nicht rechtzeitig nach Essen geschafft habe. Das sind die Zutaten – teilweise geplant, teilweise purer Zufall – die bereits erahnen lassen, auf was man sich an diesem Abend gefasst machen muss. Wobei sich Theresas Herkunft erst im späteren Verlauf des Abends herausstellen und als Running Gag-tauglich erweisen sollte. Natürlich wartete Bijan Azadian nur auf sein Zeichen, um daraufhin am Flügel Platz zu nehmen und Lars Redlich im weiteren Verlauf des Abends musikalisch virtuos zu begleiten. Er übernahm dann auch bei dem realistischen Einblick in die Welt von Auditions und Castings die Rolle des Repetitors, dem nicht nur das mitgebrachte Notenmaterial des Künstlers nicht in den Kram passt, sondern der auch vorzeitig das altbekannte „Danke“ verlauten lässt. Aufgrund von „Rationalisierungsmaßnahmen“ kam Bijan Azadian bei „In the Still of the Night“ gleich die Aufgabe aller Backgroundsänger zu, „In the Still of the Night“ war 1956 der größte Hit der amerikanischen Doo-Wop-Gruppe The Five Satins, und Lars Redlich hatte in seiner Interpretation die Rolle des Leadsängers übernommen – einschließlich Falsettgesang. Bei der Rock-Balade „Lady in Black“ von der britischen Hardrockband Uriah Heep, die im Original von der Begegnung eines Mannes mit einer mysteriösen Frau in Schwarz handelt, wurde aufgrund der Verwendung einer Übersetzungssoftware daraus die Begegnung eines Mannes mit Marzipan und einer Zahnarzthelferin, die den Mann Zahn um Zahn kostet. Als weitere Highlights des ersten Teils präsentierte Lars Redlich auch die beiden von ihm getexteten Songs „Mandy“ und „Ist das alles echt?“ In ersterem schildert er die Komplexität einer Liebesromanze mit der Dresdener Sonnenstudiobetreiberin Mandy („die schokobraune Granate von Sachsen“), deren Sprache er nicht versteht … woraufhin Theresa ihm (und dem Publikum) ihre Herkunft verriet. (Anmerkung: Diese Koinzidenz war nicht geplant, sondern purer Zufall.) Und bei zweiterem, in dem es um Vortäuschungen in allen möglichen Lebenslagen geht, spielte er auch noch auf seiner „Konzert-Rock-Gitarre“ … die natürlich ebenfalls nicht „echt“ war, es handelte sich vielmehr um eine Ukulele.

Zu Beginn des zweiten Teils betrat zunächst Bijan Azadian in Shorts den Residenzsaal, gefolgt von Lars Redlich mit hochgekrempelten Jeans, vor der Brust zusammengeknotetem T-Shirt und High Heels, spätestens damit war klar, dass nun „Sweet Transvestite“ aus der „Rocky Horror Show“ folgen sollte. Als zweiten – und auch schon letzten – Musicalsong präsentierte er im Anschluss „Abendbrot“ aus „Du bist in Ordnung, Charlie Brown“, für den er sich mit einer Mütze kurzerhand in den Beagle Snoopy verwandelt hatte. Dass Lars Redlich aber nicht „nur“ Musical kann, sondern auch das Opernfach virtuos beherrscht, davon konnte man sich bei Countertenor Arien von Händel und Bizet überzeugen. In dem Chanson „Ja, Schatz“ (Musik & Text: Bodo Wartke) griff er das Thema Beziehungstherapie humorvoll auf. Ein seiner Ehefrau überdrüssig gewordener Mann bekommt von seinem Freund den Rat: „Mensch! Jetzt hak’ die Sache doch mal ab!“, woraufhin er sich eine Axt besorgt, um die Sache abzuhacken. Für seine Interpretation des Chansons hatte Lars Redlich statt der Axt eine Klarinette mitgebracht, und überzeugte damit auch musikalisch das Publikum. Beinahe um seine Vielfältigkeit vollends unter Beweis zu stellen, gab es im Anschluss noch eine Therapie für das Publikum, nämlich Nachhilfe in Sachen Hip-Hop. Nach einem beinahe zweistündigen, kurzweiligen Abend wollte das Publikum Lars Redlich natürlich nicht ohne Zugabe verabschieden. Diesem Wunsch kam er mit „Caravan of Love“ – einem erfolgreichen A cappella-Lied der Gruppe Isley Jasper Isley und später der britischen Indie-Band The Housemartins – nach, und verwies nebenher auch noch auf unzählige später geschriebene Songs, die ebenfalls mit genau diesen vier Akkorden auskommen. So umfangreich wie die Palette dieser Songs war, so vielfältig präsentierte sich Lars Redlich an diesem Abend dem Publikum.

Hatte ihm sein Therapeut noch geraten, dass er aus sich herausgehen solle, so dürfte Lars Redlichs Bühnenpräsenz und die Publikumsnähe im Residenzsaal mit dazu beigetragen haben, dass die „bösen Worte und schönen Lieder“ ihre Wirkung bis in die letzte Reihe nicht verfehlten und das Publikum begeisterten. Diverse Wiederholungstäter im Publikum legen den Verdacht nahe, dass diese „Therapie“ auch süchtig machen kann. Am 6. und 7. Juli 2012 wird Lars Redlich wieder mit seinem Programm „Lars but not least!“ zu sehen sein, diesmal in der Kunstfabrik Schlot in den Edison-Höfen in Berlin.

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