Sonntag, 12. Februar 2012

Hildesheim

Für den Abend stand der Besuch der Deutschsprachigen Erstaufführung der „Side Show“ im Theater für Niedersachsen in Hildesheim auf meinem Programm, und was läge da bei gutem Wetter näher, als sich vorher ein wenig in der Stadt umzusehen. Zumal Hildesheim bereits seit 1985 mit dem UNESCO Welterbe St. Michaelis und Dom aufwarten kann. Der Dom ist allerdings wegen Bauarbeiten noch bis August 2014 geschlossen.

St. Michaelis

Bischof Altfried († 15. August 874) von Hildesheim, der Gründer des Stifts Essen als Keimzelle der Stadt Essen, hat maßgeblich zur Entstehung von Hildesheim beigetragen. In seiner Amtszeit wurde der erste Dom errichtet, den Bischof Bernward († 20. November 1022 in Hildesheim) um 1000 zur Domburg ausbauen ließ. Bernward gründete 996 auch ein Benediktinerkloster auf dem Michaelishügel, wo ab 1010 die Abteikirche St. Michaelis errichtet wurde, die er selbst am 29. September 1022 – noch unvollendet – weihte. Die Weihe der vollendeten Kirche erfolgte erst 11 Jahre später am 29. September 1033 durch seinen Amtsnachfolger Godehard von Hildesheim. Sowohl der Dom als auch St. Michaelis zählen heute zum UNESCO Weltkulturerbe.

St. Michaelis: Deckenbild, Erste Hälfte des 13. Jahrhunderts

Im Umfeld der Michaeliskirche sind die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen, der Innenraum wurde von 2005 bis 2010 komplett restauriert. Herausragendes Kunstwerk in St. Michaelis ist das Deckenbild, das in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Es zeigt den so genannten Jessebaum, den Stammbaum Christi. Im Mittelfeld sind von West nach Ost Adam und Eva im Paradies, Jesse, die Könige David, Salomo, Hiskia, Josia, Maria und Christus auf dem Thron dargestellt.

St. Michaelis: Deckenbild (Maria (Medaillons: Kardinaltugenden) und Christus), Erste Hälfte des 13. Jahrhunderts

Die Engelchorschranke wurde 1194 bis 1197 in der Vierung vor dem Westchor angebracht, um den Mönchschor von dem Querschiff zu trennen. Die Stukaturen zeigen auf der Innenseite (nach Süden) 13 Engelsfiguren, teilweise mit Spruchbändern. Ihr Pedant auf der gegenüberliegenden Seite wurde 1662 beim Abriss des westlichen Vierungsturms und des südwestlichen Querhauses zerstört.

St. Michaelis: Engelchorschranke, Stuck, um 1200

Über den aufwändig und kunstvoll gestalteten Kapitellen sind im südlichen Seitenschiff 8 Stuckfiguren in Gestalt von Frauen angebracht, die so genannten Seligpreisungen.

St. Michaelis: Spätromanische Kapitelle, um 1200, Seligpreisungen (Stuckfiguren), um 1200

Die ursprünglich für die Michaeliskirche geschaffene Christussäule zeigt spiralförmig die Friedenstaten Christi, angefangen mit der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer im Jordan bis zum Einzug Jesu in Jerusalem. Sie wurde 1810 auf dem nördlichen Domhof aufgestellt und gelangte schließlich 1893 in den Dom. Für die Dauer der Domsanierung ist sie in die Michaeliskirche zurückgebracht worden.

St. Michaelis: Christussäule, Anfang 11. Jahrhundert (Leihgabe während der Domrenovierung)

Am 12. November 1542 wurde die Michaeliskirche evangelische Pfarrkirche, die Zugänge von der evangelischen Kirche zur katholischen Krypta wurden in der Reformationszeit zugemauert. Heute sind die Zugänge wieder geöffnet, und man gelangt ungehindert aus den beiden Seitenschiffen der Kirche in die dreischiffige Westkrypta, in der Bischof Bernward in einem Steinsarg bestattet ist. Die darüber befindliche Grabplatte wird heute als Altar benutzt. An der Stirnseite der Krypta befindet sich ein Mosaik, das Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, Gemahlin von Kaiser Wilhelm II. nach einem Besuch des Kaiserpaares in Hildesheim im Jahr 1906 gestiftet hat.

St. Michaelis: Bernwards Grablege in der katholischen Krypta

Der Historische Marktplatz ist der touristische Mittelpunkt der Stadt. Lediglich das Rathaus (1268) und das Tempelhaus (14. Jahrhundert) haben den Zweiten Weltkrieg – erheblich beschädigt – überstanden, die übrigen Gebäude am Marktplatz wurden vollständig zerstört. Das Rathaus wurde 1954, das Tempelhaus mit dem 1591 geschaffenen Renaissance-Erker 1952 wieder aufgebaut. Erst von 1984 bis 1990 wurden die übrigen Gebäude originalgetreu rekonstruiert.

Historischer Marktplatz: Rathaus

An der Südseite des Marktplatzes schließen sich an das Tempelhaus die historischen Fassaden des Wedekindhauses (1598 von Hans Storre als Wohn- und Geschäftshaus errichtet), des Lüntzelhauses (um 1750) und des Rolandhauses (14. Jahrhundert) an.

Historischer Marktplatz: Tempelhaus und Wedekindhaus

An der Westseite befindet sich das Bäckeramtshaus (1825) und das Knochenhauer-Amtshaus (1529). Das Knochenhauer-Amtshaus wurde ursprünglich als Verkaufslager und Versammlungsstätte der Fleischer am Großen Markt errichtet. Mit einer Giebelhöhe von 26 Metern war es sichtbares Zeichen von Macht und Reichtum dieser Berufsgruppe.

Historischer Marktplatz: Bäckeramtshaus und Knochenhauer-Amtshaus

Zwischen den Fassaden der Stadtschänke (1666) und des Wollenwebergildehauses (um 1600) im Norden ist das zierliche Rokokohaus (1757) zu sehen.

Historischer Marktplatz: Stadtschänke, Rokokohaus und Wollenwebergildehaus


Kaiserhausfassade

Der „Umgestülpte Zuckerhut“ war ein um 1510 errichtetes Fachwerkhaus, welches durch die weiten Auskragungen der Fassaden an einen auf den Kopf gestellten Zuckerhut erinnerte. Es wurde vom 9. November 2009 bis 8. Oktober 2010 an seinem historischen Standort rekonstruiert.

„Umgestülpter Zuckerhut“


St. Andreas Kirche, höchster Kirchturm Niedersachsens

Das 1905 nach einer Sage geschaffene Bronzedenkmal am südlichen Ende der Fußgängerzone zeigt einen Apfeldieb, der sich unter der Last eines Kobolds, dem Huckup auf seinen Schultern duckt. Der Huckup versinnbildlicht das schlechte Gewissen.

Huckup-Denkmal

Der Mariendom gehört wegen seiner Kunstschätze zum UNESCO Welterbe, herausragend sind die Christussäule (1020) und die Bernwardstür (1015). Für die Dauer der Sanierungsarbeiten ist der Dom geschlossen, die Kunstschätze sind ausgelagert. Lediglich der Kreuzganz sowie der sagenumwobene 1.000-jährige Rosenstock an der Domapsis bleiben auch während der Domsanierung weiterhin zugänglich.

Dom, Westwerk

An dieser Stelle möchte ich allerdings meiner Kritik Gehör verschaffen. Zum einen sind auch im Kreuzgang die Sanierungsarbeiten nicht zu übersehen, dennoch wird für den Besuch auch während dieser Zeit Eintrittsgeld kassiert. Damit nicht genug, obendrein verbietet man dort das Fotografieren, man möchte ja schließlich seine Ansichtskarten verkaufen. Da möge man sich doch ein Beispiel an den evangelischen Kirchen nehmen, dort ist regelmäßig das Fotografieren für private Zwecke erlaubt.

Dom

Die alten Fachwerkwerkhäuser in den Straßen Brühl, Gelber Stern, Hinterer Brühl, Lappenberg und Keßlerstraße vermitteln einen schönen Eindruck vom ursprünglichen Stadtbild Hildesheims zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Renaissance-Fachwerkhaus aus dem Jahre 1606 sticht mit seiner aufwändig gestalteten Fassade heraus. Das nach seinem Bauherrn, Domsekretär Philipp Werner benannte Haus ist mit 29 Bildtafeln an der Fassade geschmückt, seine Renovierung in der ursprünglichen Farbgebung wurde erst vor kurzem abgeschlossen. Philipp Werner konnte sich nur drei Jahre an seinem prächtigen Fachwerkhaus erfreuen, er ist 1609 verstorben. Seinem Frust über die damalige Situation hat er mit den Bildtafeln und Inschriften Ausdruck verliehen, die Inschriften dokumentieren die gegenreformatorischen Bestrebungen dieser Zeit.

Wernersches Haus

Die 29 Bildtafeln zeigen Darstellungen der Tugenden Spes (Hoffnung), Fides (Glaube), Caritas (Liebe/Nächstenliebe/Mildtätigkeit) und Patientia (Geduld) sowie Abbildungen christlicher Heiliger und heidnischer Götter.

Wernersches Haus, Darstellung der Nächstenliebe


Wernersches Haus, Darstellung der Geduld

An der Stelle der heutigen Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (Brühl 20) gründete die Bügerfamilie von Alten 1488 ein Hospital. Von dem 1497 errichteten Fachwerkgebäude ist ein Reliefstein mit Mariendarstellung und Schriftband erhalten geblieben. Die Übersetzung der Inschrift lautet: „Unter Deinen Schutz fliehen wir, wo die Kranken ihre Kraft empfangen haben.“

Vereinigte Hospitäler, Reliefstein mit Mariendarstellung und Schriftband

Das Mahnmal am Lappenberg erinnert an die während der Novemberpogrome 1938 durch den Hildesheimer SS-Sturm unter dem Kommando von Oberscharführer Zander zerstörte Synagoge.

Mahnmal am Lappenberg, Kehrwiederturm


Historischer Marktplatz: Bäckeramtshaus und Knochenhauer-Amtshaus

Das am 2. Oktober 1909 mit der „Jubel-Ouvertüre“ von Carl Maria von Weber eröffnete Stadttheater wurde von engagierten Hildesheimer Bürgern gegründet. Am 22. März 1945 wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff so schwer getroffen, dass es völlig ausbrannte. Durch die erneute Investition Hildesheimer Bürger konnte das wieder errichtete Stadttheater am 10. September 1949 mit Lessings Drama „Nathan der Weise“ wieder eröffnet werden. Mit der Spielzeit 2007/08 schlossen sich Stadttheater Hildesheim und Landesbühne Hannover zum Theater für Niedersachsen zusammen.

Theater für Niedersachsen, Großes Haus Hildesheim

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