Sonntag, 26. Februar 2012

Elisabeth

„Elisabeth“ – Musik: Silvester Levay; Buch, Lyrics: Michael Kunze; Regie: Harry Kupfer; Choreografie: Dennis Callahan; Bühne: Hans Schavernoch; Kostüme: Yan Tax; Licht: Hans Toelstede; Videodesign: Thomas Reimer; Ton: Cedric Beatty; Musikalische Leitung: Daniel Behrens. Darsteller: u. a. Annemieke van Dam (Elisabeth), Mark Seibert (Der Tod), Kurosch Abbasi (Luigi Lucheni), Mathias Edenborn (Kaiser Franz Joseph), Betty Vermeulen (Erzherzogin Sophie), Oliver Arno (Kronprinz Rudolf), Elissa Huber (Herzogin Ludovika/Frau Wolf), Dennis Kozeluh (Herzog Max in Bayern). Uraufführung: 3. September 1992, Theater an der Wien. Premiere: 13. Oktober 2011, Musical Dome Köln. Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2012, Colosseum Theater, Essen.



Kaiserlicher Besuch in Essen


Das Musical „Elisabeth“ kehrt im Rahmen seiner Deutschlandtournee für wenige Wochen ins Essener Colosseum zurück

von Gregor-Anatol Bockstefl

„Elisabeth“ kann wohl mit Recht als das „erfolgreichste deutschsprachige Musical“ bezeichnet werden: Vor fast 20 Jahren in Wien aufgeführt, ist das Stück von Michael Kunze (Buch und Text) und Sylvester Levay (Musik) seither auf Erfolgszug durch Kontinentaleuropa und dem asiatischen Raum. Lediglich der Erfolg in Angloamerika blieb dem Stück – bisher – verwehrt. Nichtsdestotrotz dürfte seit der Uraufführung kaum ein Tag vergangen sein, an dem die österreichische Kaiserin nicht irgendwo auf der Bühne stand. „Elisabeth“ – das ist die Geschichte der österreichischen Kaiserin jenseits aller Klischees, die man aus den Sissi-Filmen mit Romy Schneider kennt.

Annemieke van Dam (Elisabeth) und Mark Seibert (Der Tod),
Foto: Herbert Schulze


Das Leben der österreichischen Kaiserin Elisabeth (1837-1898) wird aus der Sicht ihres Attentäters Luigi Lucheni, der sie am 10. September 1898 mit einer Feile ermordete, erzählt. In einem imaginären Reich der Toten und Träumer muss er sich vor einem unsichtbaren Richter für seine Tat rechtfertigen. Lucheni behauptet, er habe der Kaiserin nur einen Gefallen getan, sie sei die Geliebte des Todes gewesen. Zum Beweis lässt er die versunkene Welt des Habsburger­reiches noch einmal auferstehen. Und tatsächlich ist der Tod – ein androgyner junger Mann, der dem jungen Heinrich Heine ähnelt (Elisabeth war im tatsächlichen Leben eine Heine-Jüngerin) – von Anfang an Elisabeths ständiger Begleiter: Je mehr sie sich von den Bevormundungen ihrer Schwiegermutter Erzherzogin Sophie, den Zwängen des spanischen Hofzeremoniells und den Pflichten der höfischen Repräsentation eingeengt fühlt, desto mehr bietet sich ihr der Tod als Alternative an. Doch erst nach Jahren unsteten Suchens und Umherreisens sowie schweren Schicksals­schlägen, unter anderem dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolf, hat der Tod Erbarmen mit ihr. In einer Schlussapotheose gibt er ihr den Todeskuss - eigentlich fast ein Happy End. Keine leichte Kost unbedingt, die Kunze und Levay aus dem Elisabeth-Stoff gemacht haben. Doch das Konzept überzeugt, das Musical ist intelligent gemacht, zu den klugen Texten gesellen sich eingängige Melodien, die zwischen anspruchsvollem Schlager, Pop und Rock changieren, in die sich manchmal auch dissonante Passagen einflechten. Zu einer wahren Hymne wurde Elisabeths Hauptsong „Ich gehör nur mir“.

Mark Seibert (Der Tod), Foto: Herbert Schulze

„Elisabeth“ war im Essener Colosseum schon von 2001 bis 2003 zu sehen und bedeutete neben dem „König der Löwen“ in Hamburg den Start für die Tätigkeit des eigentlich aus den Niederlanden kommenden Musicalkonzerns Stage Entertainment in Deutschland. Damals übernahm man das Regiekonzept aus den Niederlanden mit der Uraufführungs­besetzung Pia Douwes und Uwe Kröger in den Hauptrollen. In der Zwischenzeit wurde der Ensuite-Betrieb nach einigen Musicalflops wie „Buddy – Die Buddy Holly Story“ und „Ich will Spaß“ im Colosseum eingestellt und das Haus wird nur mehr für Gastspielproduktionen genutzt. Umso erfreulicher, dass mit „Elisabeth“ nun eine Produktion in Essen Station macht, die über das Niveau herkömmlicher Tourneeproduktionen weit hinausreicht.

Annemieke van Dam (Elisabeth), Foto: Herbert Schulze

Während für die Ensuite-Produktion in Essen der holländische Regisseur Eddy Habbema verantwortlich zeichnete, wurde für die Elisabeth-Tournee das Uraufführungsteam, Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch, verpflichtet. Die Neuinszenierung lehnt sich jedoch großteils an die Urinszenierung an. Die düstere, symbolgeladene und bildgewaltige Regie von Harry Kupfer verlieh „Elisabeth“ wohl erst jene intellektuelle Tiefe, die das Musical aus den übrigen Produktionen des Genres heraushebt. Entsprechend angepasst und tourneetauglich gemacht musste das Bühnenbild werden: die zahlreichen Prospekte, die Drehbühne und Versenkungen waren auf den Uraufführungsort des Theaters an der Wien zugeschnitten und können nicht auf andere Häuser übertragen werden. Trotz allem atmet die Tourneeproduktion den Geist der Uraufführung: Die dominierende Feile, die auch als Auftrittsmöglichkeit dient, ist auch hier zu sehen, darüber hinaus behilft sich Hans Schavernoch mit konvexen und konkaven Spiegelwänden, die mit heb- und senkbaren Toren versehen sind, aus denen die Darsteller auf- und abtreten, sowie mit Projektionen, die sich großteils an die Prospekte der Uraufführung anlehnen. Manche Bilder wirken sogar fast noch eindrucksvoller und heutiger als in der Uraufführungsproduktion, der modernen Computer- und Lichttechnik sei Dank. Der, der die Wiener Produktion gesehen hat, wird vielleicht die Kutsche des Todes oder das Deck der sinkenden Welt am Schluss vermissen, Bilder, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, aber aufgrund der technischen Möglichkeiten bei einer Tourneeproduktion nicht umgesetzt werden konnten.

Annemieke van Dam (Elisabeth) und Mathias Edenborn (Kaiser Franz Josef), Foto: Herbert Schulze

Auch in Essen steht eine exquisite Besetzung auf der Bühne: Annemieke van Dam, die schon Alternativbesetzung für Pia Douwes in Berlin war und auch die Titelrolle bei der Tour 2009/10 übernommen hat, macht als Elisabeth die Entwicklung vom jungen, unbeschwerten Wildfang zur verhärmten, wirklichkeitsfremden und todessehnsüchtigen Kaiserin überzeugend nachvollziehbar. Schon optisch eine Idealbesetzung, kann sie nebenbei mit beeindruckendem Schauspiel und großer Stimme punkten, die vielleicht in manchen Passagen etwas schrill klingt. Mark Seibert, optisch ein Bild von einem Mann und deshalb schon allein prädestiniert für die Rolle des Todes, legt unbeeinflusst von prominenten Vorgängern wie Uwe Kröger, Thomas Borchert oder Maté Kamaras eine ganz eigene Interpretation vor. Er ist weder ein androgyner Jüngling, noch ein Popstar, wie die Rolle sonst oft angelegt wird. Sein Spiel ist sehr unterkühlt, reduziert, er macht eigentlich sehr wenig und wirkt deshalb umso mehr geheimnisvoll, mysteriös und manchmal auch gefährlich. Stimmlich ist er für mich jedenfalls die überzeugendste Besetzung seit Langem, auch die höheren Passagen meistert er mühelos. Kurosch Abbasi, der als „Entdeckung“ der Produktion gilt, konnte mich jedoch nicht so ganz überzeugen. Zwar ist er ein guter Schauspieler, kann aber seine doch evidenten stimmlichen Defizite (er muss einige höhere Töne heruntertransponieren) nur durch seine sympathische Ausstrahlung wettmachen. Mathias Edenborn als Kaiser Franz Joseph ist unter seinen stimmlichen Möglichkeiten besetzt und bleibt das ganze Stück über eher farblos. Was man auch von Betty Vermeulen als Erzherzogin Sophie sagen kann, die das Geschehen am Wiener Hof nicht so dominiert wie es die Rolle eigentlich vorgibt. Punkten kann hingegen Oliver Arno in der kleinen Rolle des Kronprinzen Rudolf, der seinen ständigen inneren Zweikampf zwischen Aufbegehren und Gehorsam eindrucksvoll darstellt. Perfekt harmonierte er mit Mark Seibert im Duett „Die Schatten werden länger“. Der Auftritt war einer der stärksten des ganzen Abends und wurde vom Publikum heftig akklamiert. Darüber hinaus zeichnet sich das Ensemble durch große Spielfreude aus, wobei ich vor allem Dennis Kozeluh als Elisabeths Vater Herzog Max in Bayern, Martin Pasching als Graf Grünne, Ann Christine Elverum als Gräfin Esterhazy-Liechtenstein und Alice Macura als Fräulein Windisch hervorheben möchte – sie alle machten in ihren oft kleinen Auftritten deutlich, wie hochkarätig diese Produktion bis in die kleinsten Rollen besetzt ist.

Betty Vermeulen (Erzherzogin Sophie) und Dennis Kozeluh (Herzog Max in Bayern), Foto: Herbert Schulze

Alles in allem eine intensive, packende Produktion auf hohem darstellerischen und musikalischen Niveau, die eigentlich mehr Publikum verdient hätte (die von mir besuchte Vorstellung war nur zu ca. 70 Prozent besetzt). Wer das Stück also noch nicht gesehen hat, sollte dies noch unbedingt nachholen, bis 4. März besteht noch im Essener Colosseum die Möglichkeit!

Kurosch Abbasi (Luigi Lucheni), Foto: Herbert Schulze

Soweit Gregors Eindrücke von seinem Besuch der Aufführung im Colosseum Theater in Essen. Bleibt mir nur noch anzumerken, dass die Tourneeproduktion der Semmel Concerts Veranstaltungsservice GmbH nach dem Gastspiel in Essen noch in folgenden Städten zu sehen sein wird:
  • Bremen, Musical Theater, 7. März bis 25. März 2012
  • Chemnitz, Stadthalle, Großer Saal, 28. März bis 1. April 2012
  • Erfurt, Messe, 4. April bis 8. April
  • Leipzig, Arena Leipzig, 12. April bis 15. April 2012
  • Dresden, Kulturpalast, 19. April bis 22. April 2012

Haben Sie selbst die Tourneeproduktion des Musicals „Elisabeth“ schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

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