Donnerstag, 10. November 2011

„The Oil Show“ im Dortmunder U

Hartware MedienKunstVerein zeigt internationale künstlerische Positionen zu unserer Abhängigkeit vom Erdöl

Das Dortmunder U sollte ein Highlight im Kulturhauptstadtjahr 2010 werden, doch nun findet es sich im „Schwarzbuch“ des Bundes der Steuerzahler Deutschland e. V. als ein „Fall öffentlicher Steuergeldverschwendung“ wieder. Dort wird die Baukostensteigerung von rund 54 Mio. Euro auf 83 Mio. Euro angeprangert, und noch ist kein Ende in Sicht, denn gebaut wird am Dortmunder U noch immer, und die Gestaltung des Umfeldes ist auch noch nicht abgeschlossen.

Dortmunder U

Doch nun zeichnet sich ein Silberstreif am Horizont ab. UBERMORGEN.COM gab am 9. November 2011 bekannt:

Ein Konsortium internationaler Bohrfirmen ist in Dortmund bei Erkundungsbohrungen auf unterirdische Ölvorkommen gestoßen. Dieses sogenannte unkonventionelle Erdöl (0,8 Millionen Tonnen vermutete Fördermenge) befindet sich in einer Tiefe von 2.500 m. Diese im Rahmen der geophysikalischen Prospektion kartierte Lagerstätte ist insbesondere auf dem Gebiet um die ehemalige Union-Brauerei („Dortmunder U“) lokalisiert worden. Das Erdöl wird nach Fertigstellung der Bohrung mittels Hydraulic Fracturing („Fracking“) ab Anfang 2012 gefördert werden. Fracking ist eine innovative Technologie der geologischen Tiefbohrtechnik, bei der durch Einpressen einer Flüssigkeit in einer durch die Bohrung erreichten Erdmantelschicht Risse erzeugt und stabilisiert werden.

Neben der Einrichtung der Bohrung errichtet eine internationale Holding derzeit Anlagen zur Erdöl-Raffinierung in der ehemaligen Union-Brauerei. Hier wird das Erdöl in Destillationskolonnen in seine unterschiedlichen Bestandteile wie leichtes und schweres Heizöl, Kerosin sowie Benzin u. a. aufgespalten.


Ein Bauschild vor dem Dortmunder U weist bereits auf die Errichtung des Ölbohrturms hin.

Bauschild vor dem Dortmunder U

Damit wird das Dortmunder U im Rahmen der internationalen Ausstellung „The Oil Show“ vom 12. November 2011 bis 19. Februar 2012 zu einer gigantischen Ölraffinerie. Der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) präsentiert auf der 3. Etage sowie in bislang noch unbespielten Bereichen des Dortmunder U fünfzehn zeitgenössische künstlerische Positionen, die sich mit den geopolitischen, gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen unserer Abhängigkeit vom Erdöl auseinandersetzen. Besondere Aufmerksamkeit gilt Regionen wie dem Nigerdelta, die für Jahrzehnte vom Raubbau an ihren natürlichen Ressourcen gezeichnet sind und in den öffentlichen Diskursen der hochentwickelten Länder kaum eine Rolle spielen. „The Oil Show“ wird von Dr. Inke Arns, künstlerische Leiterin des HMKV, kuratiert, die sich von einer Reise nach Nigeria, George Osodis Fotoserie „Oil Rich Niger Delta“ sowie der Informationsflut zum Untergang der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko in den Medien zu der Ausstellung inspirieren ließ.

Infografik zum Thema „Die größten Öl Katastrophen“

Grafisch durch das Dortmunder labor b designbüro aufbereitet stellt das HMKV Informationen rund um das Thema Öl bereit. Auf einer Grafik wird beispielsweise das Ausmaß von Ölunfällen visualisiert, bei denen eine größere Menge von Rohöl oder Mineralölprodukte freigesetzt wurden.

„The Black Sea Files“ von Ursula Biemann, 11-Kanal-Videoinstallation, Wandkarte, 2004-2005

Ursula Biemann (* 1955 in Zürich) beschäftigt sich mit dem Mikrokosmos der Menschen, die durch ihre billige Arbeitskraft den stetigen Fluss des Öls sicherstellen. In ihrer Arbeit „The Black Sea Files“ dokumentiert sie mit Hilfe von investigativen Recherchen die Lebenswelt der Menschen entlang der 2006 eingeweihten Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, die Rohöl aus Aserbaidschan und Kasachstan am Kaspischen Meer nach Ceyhan an der türkischen Mittelmeerküste transportiert.

„DOTOILDOT – Be Soft!“ von UBERMORGEN.COM, Poster in Leuchtkästen, 84,1 × 118,9 cm, 2010

„DOTOILDOT – Be Soft!“ ist eine Werbekampagne für den Rohstoff Öl, sie ist die Antwort des schweizerisch-österreichischen Künstlerduos UBERMORGEN.COM (Lizvlx und Hans Bernhard) auf die „Be Stupid“-Werbekampagne des Kleidungsherstellers Diesel aus dem Jahr 2010.

„DOTOILDOT – U-Oil“ von UBERMORGEN.COM, Installation, Rohrsystem, 2011

Mit der Installation „DOTOILDOT – U-Oil“ von UBERMORGEN.COM werden neben den Räumen des HMKV auch bislang noch unbespielte Bereiche des Dortmunder U wie beispielsweise die Balkone in der Kunstvertikalen in die Ausstellung miteinbezogen.

„DOTOILDOT – U-Oil“ von UBERMORGEN.COM, Installation, Rohrsystem, 2011

Ein weiteres Highlight der Ausstellung ist George Osidis Fotoserie „Oil Rich Niger Delta“, die das alltägliche Überleben der Menschen in den Regionen Nigerias dokumentiert, die von rücksichtsloser Ausbeutung der dortigen Ölvorkommen gezeichnet sind. Der nigerianische Fotograf George Osidi (* 1974 in Lagos) portraitiert die Bewohner des Nigerdeltas als Menschen, die sich trotz der fortschreitenden Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen ihre Würde und ihr Streben nach Unabhängigkeit bewahren.

George Osodi, Photo aus „Oil Rich Niger Delta“, 2003-2007
© George Osodi


„The Oil Show“ zeigt Arbeiten von Ursula Biemann (CH), Christian von Borries (DE), Mark Boulos (US/NL), Heath Bunting (UK), Bureau d´Etudes (FR), The Center for Land Use Interpretation (US), Chto Delat? (RU), Carl Michael von Hausswolff & Thomas Nordanstad (SE), Werner Herzog (DE), Mark Lombardi (US), Michael Mandiberg (US), George Osodi (NG), Natascha Sadr Haghighian (IR/DE), UBERMORGEN.COM (AT/CH) und anderen. Begleitet wird die Ausstellung von einem Filmprogramm. Dokumentar- und Spielfilme, die sich mit dem Thema Öl auseinandersetzen, werden jeweils freitags ab 18. November 2011 um 20 Uhr in der Ausstellung gezeigt. Bei freiem Eintritt eröffnet der HMKV „The Oil Show“ am Freitag, 11. November 2011, in der dritten Etage des Dortmunder U (Sonderöffnungszeiten von 19.00 bis 01.00 Uhr).

1 Kommentar:

Detlef hat gesagt…

Aufgrund des großen Besuchererfolgs wird die Ausstellung „The Oil Show“ im Dortmunder U bis zum 18. März 2012 verlängert.