Donnerstag, 29. September 2011

Mit einem Taxi Thalys nach Paris,

(nicht) nur für einen Tag

Die Hamburger Popgruppe Felix De Luxe wurde 1984 mit ihrem Hit „Taxi nach Paris“ („Mit einem Taxi nach Paris, nur für einen Tag“) bekannt. Dennoch käme wohl heute niemand auf die Idee, tatsächlich mit einem Taxi nach Paris zu fahren. Seit Montag, 29. August 2011 verkehrt der Hochgeschwindigkeitszug Thalys einmal täglich auf der Strecke Essen – Duisburg – Düsseldorf – Köln – Aachen – Lüttich – Brüssel – Paris als Direktverbindung, wobei es von Köln nach Paris Nord 5 Direktverbindungen täglich gibt. Von Essen nach Paris Nord benötigt der Thalys 4 Stunden 52 Minuten, wobei in Köln 25 Minuten Aufenthalt besteht und es von hier nach Paris Nord 3 Stunden 20 Minuten dauert. Die belgische Hauptstadt wird von Essen nach 3 Stunden 20 Minuten erreicht. Was man zunächst nicht für möglich hält, ein Vergleich mit Flügen zweier namhafter deutscher bzw. französicher Fluggesellschaften am frühen Vormittag von Düsseldorf International nach Paris-Charles de Gaulle und An- bzw. Abreise zum/vom Fluhafen mit dem Regional-Express bzw. RER B ergibt nur einen leichten Zeitgewinn für die Flugverbindung, bedeutet aber mehrfaches Umsteigen und ein Vielfaches an Kosten. Für den Thalys gibt es ein begrenztes Platzkontigent von Essen nach Paris zum Preis von 29 Euro in der zweiten Wagenklasse (Comfort 2). Damit ist die Zugverbindung sowohl für Geschäfts- als auch für Privatreisende von Interesse.

Thalys-PBKA-Triebzug 4321 in Essen bei der Abfahrt nach Paris Nord

Thalys ist ein Gemeinschaftsprodukt der französischen (Société nationale des chemins de fer français, SNCF) und belgischen Staatsbahnen (Société Nationale des Chemins de fer Belges, SNCB), der niederländischen Eisenbahnen (Nederlandse Spoorwegen, NS) sowie der Deutschen Bahn (DB). Zwischen Anfang 2009 und Ende Ende 2010 hat Thalys International seine Zugflotte komplett modernisiert. Das Außendesign der Züge in den Farben Rot und Silbergrau wurde bei der Modernisierung von Enthoven Associates Design Consultants aus Belgien überarbeitet, die typische rote Nase der Lokomotiven ist mit einem großen Thalys-Logo versehen, das in eine entlang des gesamten Zuges verlaufende chromfarbene Linie übergeht. Für die Modernisierung des Interieurs in Bordeaux-Rot und Lila, Fuchsie und Aubergine-Tönen zeichnet das Konsortium der Designbüros Enthoven Associates Design Consultants aus Belgien und Avant-Première Design Graphique aus Frankreich verantwortlich. Die Dienstkleidung des Thalys-Personals wurde von der Kölner Mode-Designerin Eva Gronbach (* 1971 in Köln) kreiert. Jeder Sitzplatz ist mit einem 220 Volt-Stromanschluss ausgestattet, der Breitband Internetzugang (Wi-Fi) ist in der ersten Wagenklasse (Comfort 1) kostenfrei, in der zweiten Wagenklasse (Comfort 2) kann ein Verbindungsvolumen von 60 Minuten für 6,50 € erworben werden, unbeschränkter Zugang während der gesamten Fahrt ist für 13,00 € erhältlich.

Zweite Wagenklasse (Comfort 2)

Auf der Strecke Essen – Paris kommen PBKA-Triebzüge zum Einsatz, wobei die vier Buchstaben PBKA für Paris, Brüssel, Köln und Amsterdam stehen. Die mit 8 Synchronmotoren ausgestatteten Triebzüge sind für Höchst­ge­schwin­dig­keiten von bis zu 320 km/h zugelassen, wobei die Geschwindigkeit von der Oberleitungsspannung abhängig ist und die Höchst­ge­schwin­dig­keit nur bei 25 kV, 50 Hz Wechselstrom erreicht wird. In Deutschland ist bei 15 kV, 16,7 Hz Wechselstrom eine Höchst­ge­schwin­dig­keit von 250 km/h möglich. Daneben sind die Züge auch für den Betrieb in Gleichstromnetzen mit 1,5 oder 3 kV (Belgien, Niederlande) ausgerüstet. Die „vierströmigen“ Züge verfügen über neun integrierte Signalsysteme, auch die ERTMS-Technologie (European Rail Traffic Management System) ist an Bord.

Anzeigetafel am Bahnsteig 1, Essen Hbf

Um 5 Uhr steht der Hochgeschwindigkeitszug bereits an Gleis 1 im Essener Hauptbahnhof zur Abfahrt bereit. Nur wenige Reisende treten an diesem Dienstag ihre Reise mit dem Thalys nach Brüssel/Paris in Essen an, die sich in den insgesamt 8 Wagen des Zuges (3 Comfort 1-Wagen, 4 Comfort 2-Wagen und ein Catering-Wagen in der Zugmitte, der allen Fahrgästen offen steht) beinahe verlieren. Pünktlich um 5.12 Uhr fährt der Zug ab, draußen ist es noch stockfinster, die Fahrgeräusche sind recht leise und man bekommt kein richtiges Gefühl dafür, wie schnell (oder langsam) man unterwegs ist. Für die ersten 83 km von Essen nach Köln benötigt der Thalys eine Stunde und 7 Minuten, von Hochgeschwindigkeit kann man auf diesem Teilstück nicht unbedingt sprechen. Ein Regional-Express der Deutschen Bahn ist auf dieser Teilstrecke ähnlich lange unterwegs, dafür ist der Komfort im Thalys unschlagbar. Die luftgefederten Jakobs­dreh­gestelle, bei denen zwei Mittelwagen gemeinsam auf einem Drehgestell aufliegen, sorgen für besondere Laufruhe und besonderen Fahrkomfort. Der auf die Triebköpfe konzentrierte Antrieb trägt im Vergleich zu dem beim ICE 3 der Deutschen Bahn über den Zug verteilten Unterflurantrieb ebenfalls zur Laufruhe des Thalys bei.

Thalys-PBKA-Triebzug 4307 in Köln

Ab Köln befährt der Thalys die im Rahmen der Transeuropäischen Netze (TEN) realisierte Schnellfahrstrecke Köln – Brüssel – Paris, wobei der deutsche Abschnitt von Köln nach Aachen aufgrund des Streckenausbaus teilweise nur mit 160 km/h befahren werden kann. Nachdem der Aachener Buschtunnel an der Grenze zu Belgien durchfahren ist, geht es auf der HSL 3 (Hogesnelheidslijn 3) nach Lüttich, wo der Zug im nach Entwürfen des spanischen Architekten Santiago Calatrava (* 28. Juli 1951 in Benimàmet, Valencia) vollständig neu errichteten Bahnhof im Stadtteil Guillemins anhält.

Bahnhof Liege-Guillemins

In Lüttich füllen sich schließlich auch die letzten verbliebenen Sitzpätze in der zweiten Wagenklasse. Durch die Reservierungspflicht ist aber ausgeschlossen, dass Reisende in den Gängen stehen (müssen).

Bahnhof Liege-Guillemins

Weiter geht es auf der HSL 2 nach Brüssel, wo der Südbahnhof (Gare de Bruxelles-Midi) um 8.32 Uhr erreicht wird. Nach kurzem Halt fährt der Thalys auf der HSL 1 bis zur französischen Grenze bei Lille, und schließlich auf der LGV Nord (Ligne à grande vitesse Nord) nach Paris Nord (Paris Gare du Nord). Auf der Teilstrecke Brüssel – Paris Nord erreicht der Thalys eine Durchschnittsgeschwindigkeit (!) von 200 km/h, und auch bei dieser Geschwindigkeit ist der Fahrgeräuschpegel angenehm niedrig. Die gesamte Streckenlänge von Köln nach Paris Nord beträgt 509 km, womit der Thalys bei einer Fahrzeit von 3 Stunden 20 Minuten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gut 150 km/h unterwegs ist. Rechnet man die 83 km von Essen nach Köln hinzu, so reduziert sich die Durchschnittsgeschwindigkeit aufgrund des 25-minütigen Aufenthalts in Köln auf etwa 120 km/h.

Thalys-PBKA-Triebzug 4307 in Paris Nord

Kurz nach 10 Uhr ist die Basilika Sacré-Cœur auf dem Hügel von Montmartre in Paris in Fahrtrichtung rechts zu sehen, um 10.07 Uhr erreicht der Thalys an diesem Vormittag Paris Gare du Nord (Paris Nordbahnhof). Entspannt und ausgeruht erreicht man sein Ziel. Der Kopfbahnhof soll der am meisten frequentierte Bahnhof in Europa sein, hier kommen die Fernzüge aus Belgien, den Niederlanden und an dem integrierten Eurostar-Terminal aus dem Vereinigten Königreich an. Weiterhin wird der Bahnhof vom Regional- und Nahverkehr sowie der Métro genutzt.

Thalys-PBKA-Triebzug 4307 mit luftgefedertem Jakobsdrehgestell

Knapp 8 Stunden wären es bis zur Abfahrt des Thalys zurück nach Essen. Aber Paris hat viel zu bieten, nicht nur beinahe hochsommerliches Wetter im Herbst … glücklicherweise hatte ich mich entschieden, nicht nur für einen Tag in Paris zu bleiben. Einige meiner Highlights sind in einem separaten Blogeintrag zu finden.

Thalys-PBKA-Triebzug 4307 und Thalys-PBA-Triebzug 4535 in Paris Nord


Nordbahnhof


Nordbahnhof

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