Dienstag, 16. Mai 2017

Vom verführerischen Nylon zur bequemen Socke

Sonderausstellung „Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“ im LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford lädt zur Zeitreise durch 200 Jahre deutsche Strumpfmode ein

Herrenhaus Cromford

Das weibliche Bein mit hauchzartem Strumpf gilt bis heute für viele als Inbegriff des sinnlich Begehrenswerten. Dabei rührt der erotische Reiz gerade aus dem Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Strumpf verführt, weil er andeutet, wo er aufhört. Vor allem die begehrten Nylons sind aus der Konsumgeschichte Deutschlands nicht wegzudenken. In den konsumhungrigen Jahren der Nachkriegsjahre versprachen die feinen Damenstrümpfe Mode, Eleganz und einen Hauch von Celebrity. Die Ausstellung „Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“ zeigt vom 21. Mai bis 22. Dezember 2017 in den oberen Etagen der „Hohen Fabrik“ der Textilfabrik Cromford, wie sich die Strumpfmode in den letzten 200 Jahren verändert hat: vom handgestrickten Strumpf des 18. Jahrhunderts über die verführerischen „Nylons“ bis zur bequemen Socke. Sie erzählt die Geschichte des Strumpfes nicht nur aus mode- und kulturhistorischer Perspektive, sondern nimmt auch berühmte Hersteller in den Blick. Mitmachstationen laden ein, so manches Geheimnis rund um den Strumpf aufzudecken. Besucherinnen und Besucher erfahren zum Beispiel, wie viele Kilometer eine Socke zurücklegt und wohin die Strümpfe in der Waschmaschine verschwinden.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Kniestrümpfe, Ende 19. Jahrhundert, Baumwolle, und gestopfte Wollstrümpfe, 1. Hälfte 20. Jahrhundert

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Tournürenkleid aus roter Atlasseide mit eingewebtem blauen Rosenmuster, 1870er/80er-Jahre, schwarze, knöchelhohe Damenstiefellette mit Knöpfen, 1860er-Jahre, davor Strümpfe mit aufgestickten Tiermotiven

Die Unternehmer als Macher – Spielarten der Unternehmensführung
Die Ausstellung vermittelt die Faszination des so vielfältigen Produktes Strumpf auf über 500 Quadratmetern und verteilt über drei Etagen. Im Zentrum der vom Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg konzipierten Schau stehen die Macher: die Unternehmer, die mit technischer Innovationskraft, unternehmerischer Weitsicht und kreativem Marketing ihre Branche zum Erfolg führen. Waren früher Unternehmerdynastien wie die Esches, Bahners oder Kunerts tonangebend, so prägen heute die Falkes nicht nur in Deutschland das Bild der ganzen Branche. Jeder dieser prägenden Familien widmet die Ausstellung ein eigenes Kabinett. Den Anfang jedoch macht Johann Gottfried Brügelmann, der nicht nur 1784 die erste mechanische Baumwollspinnerei Cromford in Ratingen gründete, sondern hier auch auf Wirkstühlen und in Heimarbeit Strümpfe produzieren ließ.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, ARWA Werbeaufsteller zur Schaufenstergestaltung, 1927 und 1928

Die Esches
Es ist heute kaum mehr bewusst, dass das sächsische Chemnitz um 1900 nicht nur das Zentrum der deutschen, sondern der weltweiten Strumpfindustrie bildete. Das Unternehmen „Moritz Samuel Esche“ gehörte zu den erfolgreichsten Industrieunternehmen der Stadt, das mit seinem Export schon bald global agierte. Herbert Eugen Esche (1874-1962) – auf der Suche nach neuen Formen gesellschaftlicher Repräsentation – ließ sich vom bekannten Jugendstil-Architekten und Designer Henry van de Velde in Chemnitz eine Villa errichten. Darüber hinaus ließ er sich und seine Familie von dem berühmten norwegischen Maler Edvard Munch porträtieren. In der Ausstellung ist das Munchsche Porträt Herbert Eugen Esches zu sehen.

Die Bahners mit Elbeo
Ebenfalls aus Sachsen (Oberlungwitz) stammten die Bahners, die das später Elbeo genannte Unternehmen gegen Ende das 19. Jahrhunderts ins Leben riefen. Welche Faktoren prägten deren Unternehmensgeschichte? Dazu gehören das Streben nach höchster Produktqualität, der exklusive Umgang mit dem Fachhandel, der frühe Ansatz zur Markenbildung und die soziale Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter. Die auf den Zweiten Weltkrieg folgende Demontage und Enteignung hinderten die mitgliederreiche Familie Bahner nicht, in Westdeutschland einen wirtschaftlichen Neuanfang zu wagen. So fanden die Bahners in Augsburg, Mannheim, Lauingen und Kiel eine neue Heimat und „wirkten“ am deutschen Wirtschaftswunder mit. Der „Economist“ adelte Elbeo zum Rolls-Royce der Strumpfbranche. Im Zentrum des Ausstellungskabinetts steht die große Bewegung von Ost nach West, von Sachsen nach Bayern – eine enorme unternehmerische Leistung, die mit der Stunde Null beginnt.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Elbeo „supp-hose“, 1960er-Jahre

Die Kunerts: von Böhmen ins Allgäu
In Böhmen startete in der Zwischenkriegszeit die Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens Kunert, das bereits 1938 zum größten Strumpfhersteller Europas aufstieg. Kunert setzte konsequent auf Kunstseide als Alternative zur Naturseide. Im Produktsortiment beschränkte man sich auf nur wenige, dafür aber ausgereifte Artikel. Und der firmeneigene Vertrieb übersprang erfolgreich den Großhandel. Auch Kunert zog es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern: nämlich nach Immenstadt. Nach mühsamem Beginn gewann das Unternehmen bald die alte wirtschaftliche Stärke zurück. Mit der Übernahme des großen Konkurrenten Hudson 1978 stieg Kunert wieder zum größten europäischen Strumpfproduzenten auf. Von Anfang an legten die Kunerts besonderen Wert auf hochwertige Garne wie auf das selbst entwickelte Chinchillan. Denn, so Julius Kunert: „Das Garn ist die Seele des Strumpfes“.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Werbebilder der Firma „Kuhnert“, 1961

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, erste Werbe- und Verpackungslinie für „Chinchilla“ des Herstellers Kunert, 1966 – 1967

Die Falkes – auf dem globalen Markt zuhause
Existieren Kunert und Elbeo nicht mehr als Familienunternehmen, sondern nur noch als Marken, so ist bis heute das familiengeführte Strumpfunternehmen Falke ungemein erfolgreich. Ab 1957 fertigte Falke für das international bekannte Modeunternehmen Christian Dior Damenfeinstrümpfe – eine unternehmerische Strategie, die man später mit Karl Lagerfeld und Joop! fortsetzte. Als Designer für Herren-Oberbekleidung machte sich der anfangs noch unbekannte Giorgio Armani bei Falke erstmals einen Namen. Die Falkes begreifen sich bis heue nicht lediglich als Strumpfhersteller, sondern vielmehr als Mode-Unternehmen. Die internationalen Ansprüche an die eigene Marke spiegelt die Zusammenarbeit mit einer Reihe von international renommierten Modefotografen wie Franz Christian Gundlach, Helmut Newton, Albert Watson oder Ellen von Unwert wider.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Rennfahrer-Socke „BC 5“ und Läufer-Socke „RU 4“, Falke, ausgezeichnet mit dem Red Dot Award

Die Arbeitnehmer als Macher – Einblicke in die soziale Welt der Betriebe
Der Erfolg der Strumpfindustrie geht nicht allein auf die jeweiligen Unternehmer zurück. Immer braucht es auch die Arbeiterschaft, die in spezialisierten Berufen die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens bestimmt. Die Strumpfbranche war vorwiegend ein Arbeitsplatz für Frauen, die oft bis zu 70 Prozent der Belegschaft eines Betriebs ausmachten. Viele Beschäftigungen galten als Anlernberufe, auch wenn sie hohes Geschick erforderten. Beim Ketteln beispielsweise mussten, um die Spitze des fertig gestrickten Strumpfes zu schließen, von Hand Masche für Masche einzeln miteinander verbunden werden. In Westdeutschland stiegen die Beschäftigtenzahlen der Strumpfindustrie nach dem Krieg von etwa 10.000 auf etwa 37.000 Anfang der 1970er-Jahre. Einen nicht unwesentlichen Teil der Arbeitskräfte stellten ehemalige Beschäftigte, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Böhmen gearbeitet hatten. Später stießen so genannte „Gastarbeiter“ aus Italien, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Türkei dazu, die die Betriebe verstärkten. Die Gewerkschaften standen Seite an Seite mit der Arbeiterschaft vor allem seit den 1970er-Jahren, als die Beschäftigungszahlen in Deutschland kontinuierlich rückläufig waren.

Die Maschen – laufende Maschinen
Das Handstricken – also die Maschenbildung mit zwei Nadeln – ist eine Jahrtausende alte Technik. Deren Mechanisierung begann im Jahr 1589 mit der Erfindung des Kulierwirkstuhls und der Spitzennadel. Ein Wirkstuhl aus dem 18. Jahrhundert kann in der Ausstellung besichtigt werden. Außerdem erfahren die Besucherinnen und Besucher an Maschinen, welche Arbeitsschritte nötig sind, um einen Strumpf herzustellen – angefangen beim Garn bis zum fertig gefärbten und geformten Strumpf.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Wirkstuhl, 18. Jahrhundert

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Rundstrickmaschine

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Kleinrundstrickmaschine

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Sockenautomat

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Kettelmaschine

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Überwendlich-Maschine

Die Mode
Ebenso richtet sich der Blick auf die modischen Zeitumstände der jeweiligen Epochen der vergangenen 200 Jahre. Was als erotisch empfunden wird, liegt dabei nicht allein im Auge des Betrachters, sondern unterliegt vielfach den kulturellen Prägungen der jeweiligen Zeit. Hatte der Reifrock des 19. Jahrhunderts das weibliche Bein komplett verdeckt, trug es der Minirock der 1960er-Jahre in einem nie dagewesenen Maße zur Schau. Es ist die Mode, die das Konsumverhalten bestimmt und folglich der Strumpfindustrie ihre mehr oder weniger kurzlebigen Konjunkturen diktiert. Denn der Strumpf als Massenartikel will verkauft sein. Die Strumpfwerbung spielt bewusst mit einer sinnlichen Ästhetik, mit dem erotischen Reiz, mit moralischen Tabubrüchen; sie entwirft Idealbilder von Frauen. Zielte die Werbung in den 1950er Jahren ganz auf Eleganz, die Personen der High Society wie sie Marlene Dietrich oder die persische Kaiserin Soraya verkörperten, so zeigt die heutige Werbung viel nackte Haut, verführerisch in Strumpf verpackt. In einem originalen Strumpfladen aus den 1950er-Jahren können Besucherinnen und Besucher den Hauch der Wirtschaftswunderzeit verspüren.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Perlonstrümpfe, 1950er-Jahre

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Strumpfautomat, 1961

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, weiße Häkelstrumpfhose auf Beinen von Falke, 1960er-Jahre, pinkfarbenes Twiggy-Hängerchen mit weißen Ballerina, 1960er-Jahre

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, Pop-Art-Verpackungen, Hudson, 1969 – 1977

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“ war bereits vom 7. Mai bis 26. Oktober 2014 im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg zu sehen. Im Gegenzug zeigt das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg vom 13. Mai bis 22. Oktober 2017 die Ausstellung Glanz und Grauen – Mode im „Dritten Reich“ vom Landschaftsverband Rheinland, erweitert um zahlreiche Exponate aus ganz Bayern.

„Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“ im LVR-Industriemuseum Textilfabrik Cromford in Ratingen ist vom 21. Mai bis 22. Dezember 2017 dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt für Erwachsene 5,50 €, ermäßigt 4 €, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben im LVR-Industriemuseum freien Eintritt. Zur Sonderausstellung ist eine Begleitbroschüre erschienen, die für 5 € im Museumsshop erhältlich ist. Weitere Informationen unter www.maschen-mode-macher.lvr.de.

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