Dienstag, 30. Mai 2017

„Triumph ohne Sieg“ – alternative Fakten vor 2.000 Jahren

Neue Ausstellung über Roms Ende in Germanien im LWL-Römermuseum in Haltern am See

Neun Jahre nach dem erfolgreichen Ausstellungsprojekt zur Varusschlacht „IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS – 2000 Jahre Varusschlacht“ wird das LWL-Römermuseum in Haltern am See wieder zum Schauplatz einer besonderen Ausstellung über die Römer im damaligen Germanien.

Eingangsbereich der Ausstellung „Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien“

Der spektakuläre Triumphzug des Germanicus vor genau 2.000 Jahren in Rom am 26. Mai 17 n. Chr. und das Ende der römischen Herrschaft in Germanien bilden den Ausgangspunkt für das Ausstellungsprojekt, das der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Römermuseum vom 2. Juni bis zum 5. November 2017 unter dem Titel „Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien“ präsentiert.

Stehend zieht der Triumphator auf dem Triumphwagen durch Rom, meist von vier Pferden gezogen. Dies zeigen auch die Statuengruppen auf Ehrenmonumenten überall im Imperium. Aus Herculaneum sind die bronzenen Figuren erhalten, die einst an der Außenseite des Triumphwagens auf dem dortigen Monument angebracht waren.
Datierung: 41 – 54 n. Chr., Leihgeber: Museo Archeologico Nazionale di Napoli

In zwei Jahren Vorbereitungszeit haben die Kuratoren mehr als 40 internationale und nationale Leihgeber für eine Zusammenarbeit gewonnen und ein faszinierendes Ausstellungskonzept erstellt. Über 250 wertvolle Kunstwerke und Artefakte aus Italien, Kroatien, der Schweiz, Slowenien, Ungarn und der Vatikanstadt sollen auf 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche für 156 Tage diesen Triumph ohne Sieg verständlich machen.

Bronzenes Siegeszeichen (tropaeum) mit Muskepanzer und Beinschienen im Miniaturformat
Datierung: 1. Jh. n. Chr., Leihgeber: Staatlichen Museen zu Berlin, Antikensammlung

„US-Präsident Trump hat wahrscheinlich noch nie von dem römischen Kaiser Tiberius gehört, aber gelernt hat auch er von ihm allemal“, sagte LWL-Direktor Matthias Löb am Montag 29. Mai 2017 bei der Vorstellung der Ausstellung in Haltern. „Unsere Ausstellung dreht sich um Fake news, um Niederlagen, die zu Siegen umgedeutet werden, um symbolische Politik durch Massenveranstaltungen und um alternative Wahrheit – nur eben vor 2.000 Jahren.“

Bronzestatuette der Victoria. In ihren Händen hält sie einen Kranz und einen Palmzweig, Auszeichnungen für triumphale Feldherren.
Datierung: 2. Jh. n. Chr., Leihgeber: LVR-Landesmuseum Bonn

Kaiser Tiberius kannte Germanien aus eigener Anschauung gut, er wusste, dass dieses Gebiet nicht reich an Bodenschätzen war und sah die erheblichen Verluste an Menschen und Material der vorhergegangenen Kriegsjahre. Auf geschickte Art hat er den dreijährigen, eigentlich nutzlosen und sieglosen Krieg seines Feldherrn Germanicus beendet und in einen Sieg umgewandelt, indem er Ende Mai 17 n. Chr. seinem Adoptivsohn einen grandiosen Triumphzug in Rom ausrichtet.

Dieser Marmorblöock gehört zu den wenigen Überresten, die von dem Bogen des Germanicus neben dem Marcellus-Theater erhalten sind.
Datierung: nach 19 n. Chr., Leihgeber: Area archeologica des Teatro di Marcello, Rom

„Diese Wende bestimmt für die nächsten Jahrhunderte maßgeblich die Entwicklung der Gebiete westlich und östlich des Rheins“, so LWL-Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp. „Im Westen hält römische Kultur weiter ihren Einzug, Städte werden gegründet an den Orten der ehemaligen Legionslager Xanten, Köln, Bonn, Mainz. Östlich des Rheins bleibt die germanische Bevölkerung in ihren überkommenen Stammesstrukturen gefangen, und es beginnen die sogenannten dunklen Jahrhunderte.“

Portrait aus Marmor des Nero Claudius Drusus (* 14. Januar 38 v. Chr. in Rom, † 14. September 9 v. Chr. in Germanien)
Datierung: 2. Viertel 1. Jh. n. Chr., Leihgeber: Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung
Portrait aus Marmor des Claudius Nero Tiberius (* 16. November 42 v. Chr. in Rom, † 16. März 37 n. Chr. in Misenum bei Neapel)
Datierung: 1. Viertel 1. Jh. n. Chr., Leihgeber: Musei Vaticani, Città del Vaticano

Vor diesem Hintergrund werden die Besucher im ersten Teil der Ausstellung zunächst zu Zuschauern des Triumphzuges für Germanicus in Rom. Der Triumph in Rom dient als spektakulärer Fixpunkt, um die damit verbundenen Ereignisse schlaglichtartig zu beleuchten.

Portrait aus Marmor des Nero Claudius Germanicus (* 24. Mai 15 v. Chr. in Rom, † 10. Oktober 19 n. Chr. in Antiochia am Orontes)
Datierung: 2. Viertel 1. Jh. n. Chr., Leihgeber: Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Schloss Erbach

Der zweite Teil lenkt den Blick auf die militärischen und politischen Entwicklungen in Germanien und die Zeit vor dem vermeintlichen Sieg des Germanicus. Funde aus den römischen Lagern entlang der Lippe wie etwa Haltern am See, Holsterhausen (beide Kreis Recklinghausen), Oberaden, Beckinghausen (beide Kreis Unna), Olfen (Kreis Coesfeld) und Anreppen (Kreis Paderborn) sowie zahlreiche Exponate von weiteren Fundplätzen in Germanien veranschaulichen die römischen Okkupationsbemühungen in Germanien.

Portrait aus Marmor des Nero Claudius Germanicus (* 24. Mai 15 v. Chr. in Rom, † 10. Oktober 19 n. Chr. in Antiochia am Orontes)
Datierung: 2. Viertel 1. Jh. n. Chr., Leihgeber: Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Schloss Erbach

Der dritte Teil der Ausstellung widmet sich ganz dem „Römischen Triumph“ und den Fragen, wer, wann und aus welchem Anlass im antiken Rom einen Triumphzug abhalten durfte - mit strengem Protokoll: Zuerst kamen im Zug Beute und Gefangene, dann der Triumphator mit Opfertieren und Behördenvertretern (Lictoren und Staatsbeamten) und schließlich die Armee. Es geht aber auch um die spätere Darstellung von Triumphzügen, zum Beispiel um die Darstellung der gefangenen Thusnelda, der Ehefrau des Varus-Bezwingers Arminius. Diese prominente Geisel im Triumphzug des Germanicus war in der Historienmalerei des 18. und 19. Jahrhunderts ein beliebtes Motiv.

Die Statue aus Bronze zeigt Claudius Nero Tiberius (* 16. November 42 v. Chr. in Rom, † 16. März 37 n. Chr. in Misenum bei Neapel) in der Toga und den traditionellen Schuhen römischer Senatoren.
Datierung: 2. Viertel 1. Jh. n. Chr., Leihgeber: Museo Archeologico Nazionale di Napoli, Neapel

Der letzte Teil bietet einen Blick in die Zukunft in Form der sogenannten kontrafaktischen Geschichtsschreibung - die Geschichtsdarstellung , die sich nicht mit dem befasst, was tatsächlich geschehen ist, sondern mit dem, was geschehen wäre, wenn sich die Ereignisse anders entwickelt hätten.

Porträt des Augustus (* 23. September 63 v. Chr. in Rom, † 19. August 14 n. Chr. in Nola bei Neapel)
Datierung: Ende 1. Jh. v. Chr., Leihgeber: Staatliche Antikensammlung und Glyptothek München
Porträt der Livia Drusilla (* 30. Januar 58 v. Chr., † 29 n. Chr. in Rom)
Livia Drusilla heiratete in zweiter Ehe Augustus. Gemeinsame Kinder blieben ihnen verwehrt. Ihre Ehe hielt 52 Jahre bis zu seinem Tod.
Datierung: Ende 1. Jh. v. Chr., Leihgeber: Akademisches Kunstmuseum der Universität Bonn

Hätte Rom gesiegt, wäre die Geschichte der römischen Stützpunkte an der Lippe sicher anders verlaufen. Dann hätte sich Aliso, das heutige Haltern am See, vermutlich zu einem Zentralort in der Region entwickelt. An vielen einstigen Legionsstandorten westlich des Rheins entstanden eigenständige zivile Siedlungen. Zunächst mit Häusern in Fachwerkbauweise errichtet, wurden sie später durch Steingebäude ersetzt und zum Teil monumental ausgebaut. Alles, was städtisches römisches Leben ausmachte, erblühte auf der anderen Seite des Rheins und wäre vermutlich auch in Haltern geschehen, wenn sich die Römer nicht aus dem heutigen Nord- und Westdeutschland zurückgezogen hätten.

Abschnitt „Opfer“ in der Ausstellung „Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien“

„Zwei Thesen halten wir mittlerweile für sehr wahrscheinlich“, so Dr. Rudolf Aßkamp. „Das antike Aliso ist mit dem heutigen Haltern am See identisch. Und der Fundort im Osnabrücker Land bei Kalkriese ist nicht der Ort der Varusschlacht, sondern geht auf die Ereignisse des Jahres 15 n. Chr. rund um Germanicus zurück.“

Eine Platte der Medinaceli-Reliefs (Kopie) mit tubicines und einem Opferstier im Hintergrund. In der rechten Bildhälfte steht eine Victoria mit großem Kranz.
Datierung des Originals: 41 – 54 n. Chr., Aufenthalt des Originals: Sammlung der Herzogin von Cardona, Córdoba, Spanien

Reliefblock eines Grabmals mit der Darstellung eines mit Weinfässern beladenen Leiterwagens mit Ochsengespann
Datierung: um 200 – 230 n. Chr., Leihgeber: Kunstsammlungen und Museen der Stadt Augsburg

Römische Mähmaschine
Datierung: Ende 1. – 2. Jh. n. Chr., Leihgeber: Rheinisches Landesmuseum Trier – Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz

„Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien“ im LWL-Römermuseum in Haltern am See ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet, donnerstags bis 19 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, für Kinder und Jugendliche von sechs bis 17 Jahren 3 Euro und für Familien 18 Euro. Weitere Informationen unter www.lwl-roemermuseum-haltern.de

Zweirädriger Wagen mit Wagenlenker
Datierung: 1. – 3. Jh. n. Chr., Leihgeber: Landesmuseum Mainz

Der Begleitband zur Ausstellung „Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien“ ist im Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt erschienen:

„Triumph ohne Sieg. Roms Ende in Germanien“
Herausgeber: Rudolf Aßkamp und Kai Jansen, LWL-Römermuseum, Haltern am See
Verlag Philip von Zabern, Darmstadt
168 Seiten, 120 Farb- und 8 Schwarzweißabbildungen
24 × 30 cm, gebunden
ISBN: 978-3-8053-5065-5
€ 29,95 (im Museumsshop)
€ 39,95 (D) / € 41,10 (A)

3D-Rekonstruktion einer römischen Kline – eines Speisesofas oder Bettes. Keine Fata Morgana, in der Archäologische Landesausstellung „REVOLUTION jungSTEINZEIT“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne ist ebenfalls eine 3D-Rekonstruktion einer römischen Kline ausgestellt.

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