Donnerstag, 25. Mai 2017

Freilichtbühne Coesfeld; „Im weißen Rössl“

„Im weißen Rössl“ – nach dem Alt-Berliner Lustspiel „Im weißen Rößl“ von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg; Musik: Ralph Benatzky; Libretto: Hans Müller-Einigen, Erik Charell; Liedtexte: Robert Gilbert; Inszenierung: Harald Kratochwil; Choreografie: Kati Heidebrecht; Bühne: Harry Behlau; Kostüme: Martina Toeberg; Musikalischer Leiter: Oliver Haug. Darsteller: Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber), Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer), Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler), Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant), Lisa Schmohl (Ottilie, seine Tochter), Denys Kappel (Sigismund Sülzheimer, Sohn des Konkurrenten), Thomas Renners (Prof. Dr. Hinzelmann, Urlauber), Debbie Rave (Klärchen, seine Tochter), Phillip Brockhoff (Piccolo), Christoph Krappe (Kaiser Franz Joseph I./Bademeister), Annette Demmer (Reiseführerin/Kapitänin), Susanne Zühlke (Kathi, Briefträgerin), Andrea Stog (Oberförsterin Waltraud Vogel), Milena Schilasky (Zenzi, Ziegenhirtin), Mona Gensch (Braut), Denys Kappel (Bräutigam), Anna Hansen (Souvenierverkäuferin/Rettungsschwimmerin), Cynthia Achteresch, Sophia Baumgarten, Johanna Frenk, Eva Hallekamp, Julia Nolte, Lena Reuter, Barbara Schlichtmann, Leonie Wieling, Tabea Wies. Uraufführung: 8. November 1930, Großes Schauspielhaus, Berlin. Premiere: 27. Mai 2017, Freilichtbühne Coesfeld.



„Im weißen Rössl“


Probenbesuch beim diesjährigen Abendmusical auf der Freilichtbühne Coesfeld


Viele werden bei dem Singspiel „Im weißen Rössl“ sofort an die Verfilmung mit Peter Alexander, Gunther Philipp und Waltraut Haas aus dem Jahr 1960 denken, doch das Stück hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich: Mit zum Hotel verkleideter Fassade und dem Versprechen „Tritt ein und vergiss deine Sorgen“ lockte das Große Schauspielhaus zur Uraufführung des „Weißen Rößls“ am 8. November 1930 das Berliner Publikum auf eine Sehnsuchtsreise ins fiktive Salzkammergut. Fast genau ein Jahr, nachdem die Welt durch den Zusammenbruch der New Yorker Börse mit einem Schlag in eine globale Wirtschaftskrise gerissen wurde, spiegelten Ralph Benatzky (* 5. Juni 1884 in Mährisch-Budwitz, † 16. Oktober 1957 in Zürich) und sein Autor Robert Gilbert (Liedtexte) mit ihrem Auftragswerk für den welterfahrenen Revuekönig Erik Charell (* 8. April 1894 in Breslau, † 15. Juli 1974 in München, eigentlich Erich Karl Löwenberg) die überschäumende Lebenslust der Berliner Vergnügungskultur zwischen den Weltkriegen. Aus manch melodienseligem Ohrwurm lugte auch immer wieder ein Stück jazziger Broadway-Sound hervor. Die Nationalsozialisten diffamierten die jazzigen amerikanischen Tanzrhythmen als „entartete Negermusik“, die amerikanischen Musikeinflüsse wurden gestrichen und durch streichergetragene Walzermelodien ersetzt. An der „bereinigten Fassung“ wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg festgehalten, erst 1994 belebte die „Bar jeder Vernunft“ in Berlin den ursprünglichen Revuecharakter des Stückes neu. Schließlich fand der Verlag Felix Bloch Erben Anfang 2009 in Zagreb das längst verschollen geglaubte, vollständige historische Orchestermaterial, welches von Matthias Grimminger und Henning Hagedorn unter Mitarbeit von Winfried Fechner „bühnentechnisch eingerichtet“ wurde, am 19. Juni 2009 nach über 60 Jahren an der Staatsoperette Dresden zum ersten Mal wieder erklang und damit die erste Wiederaufführung der von Erik Charell 1930 als Revueoperette aufgeführten Urfassung des „Weißen Rößl“ ist. Für die so ganannte Rekonstruktionsfassung kann der Verlag Felix Bloch Erben keine Aufführungsrechte an Amateurtheater vergeben.

„Im weißen Rössl“

Die Freilichtbühne Coesfeld e. V. wurde bereits 1951 gegründet, und seit 1986 werden aufgrund des Publikumsinteresses nur noch Musicals gezeigt. Neben bekannten Stücken wie der „West Side Story“ von Leonard Bernstein (Musik) und Stephen Sondheim (Lyrics) oder „Der kleine Horrorladen“ von Alan Menken (Musik) und Howard Ashman (Lyrics, Buch) werden auch Uraufführungen wie „Studio 54“ oder „Vanity Fair“ vom Autor und Musicalkomponisten Claus Martin gezeigt, für „Vanity Fair“ wurde die Freilichtbühne Coesfeld 2010 mit dem Deutschen Amateurtheaterpreis „amarena“ als bestes Amateurtheater in der Kategorie „Freilichttheater“ ausgezeichnet. 2017 wird erstmals wieder das Singspiel „Im weißen Rössl“ aufgeführt, nach 1952, 1958 und 1970 zum vierten Mal seit der Gründung.

„Im weißen Rössl“, Annette Demmer (Reiseführerin), Ensemble

Auch 2016 war die Freilichtbühne Coesfeld für „The Addams Family“ für den Deutschen Amateurtheaterpreis „amarena“ in der Sparte „Musik-/Tanz- oder Bewegungstheater“ nominiert. (Der „amarena 2016“ ging für „Ich bin. Aber ich habe mich noch nicht.“ an die Juniorcompany der Älteren des Leipziger Tanztheaters.) Dies ist sicherlich auch ein Verdienst der Profis, die für die Einstudierung der Stücke engagiert werden. Auf der Bühne stehen aber ausschließlich Amateure, der Verein hat mehr als 200 Mitglieder, die auf und hinter der Bühne für den reibungslosen Ablauf sorgen. Als Kreativteam wurden für „Im weißen Rössl“ Harald Kratochwil (Regie), Kati Heidebrecht (Choreografie) und Oliver Haug als Musikalischer Leiter verpflichtet, alle drei haben bereits bei früheren Produktionen der Freilichtbühne Coesfeld bei der Einstudierung mitgewirkt.

„Im weißen Rössl“, Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer), Ensemble

Zum Inhalt:
Im Hotel „Zum weißen Rössl“ hat Zahlkellner Leopold Brandmeyer sein Herz an die handfeste Wirtin Josepha Vogelhuber verloren. Doch die will dieses Jahr endlich den alljährlichen Sommergast Dr. Erich Siedler für sich erobern, den sie noch heute erwartet und in den sie heimlich verliebt ist. Auch der Berliner Trikotagenfabrikant Wilhelm Giesecke, Erfinder der vorne geknöpften Hemdhose „Apollo“, mit seiner Tochter Ottilie zählen zu den neuen Hotelgästen. Erst kürzlich hat er einen Patent-Streit gegen seinen Konkurrenten Sülzheimer verloren, dieser hatte die Hemdhose „Attila“, hinten geknöpft, ebenfalls zum Patent angemeldet. Zu allem Übel ist Dr. Siedler Sülzheimers Anwalt. Ottilie erliegt jedoch schon bald den Avancen des Rechtsanwalts. Als weitere Gäste treffen Sigismund Sülzheimer, der Sohn von Gieseckes Konkurrenten und von allen nur „der schöne Sigismund“ genannt, sowie der verarmte Professor Hinzelmann mit seiner Tochter Klärchen ein. Sigismund soll Ottilie heiraten, um dem Konkurrenzkampf zwischen Giesecke und Sülzheimer ein Ende zu bereiten. Doch der hat seinerseits ein Auge auf das reizende Klärchen geworfen. Um dieses Intrigengewirr mitten in der Hochsaison zu lichten, bedarf es schon eines Auftritts von Kaiser Franz Joseph I. persönlich. Auf sein Anraten entlässt Josepha Zahlkellner Leopold mit dem überraschenden Zeugnis: „Entlassen als Zahlkellner, aber engagiert auf Lebensdauer als Ehemann“. Auch die beiden anderen Liebespaare finden sich, und am Ende wird sogar der Patent-Streit beigelegt.

„Im weißen Rössl“, Susanne Zühlke (Kathi, Briefträgerin), Andrea Stog (Oberförsterin Waltraut Vogel) und Milena Schilasky (Zenzi, Ziegenhirtin)

Da Theateraufführungen vor der Premiere nicht besprochen werden, bis zur Premiere kann man schließlich alles noch komplett „auf den Kopf stellen“, gibt es jetzt und hier lediglich einen kleinen „Appetizer“, der Lust machen soll, eine der Vorstellungen zu besuchen und sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

„Im weißen Rössl“, Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer) und Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber)

„Im weißen Rössl“, Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer) und Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber)

„Im weißen Rössl“, Phillip Brockhoff (Piccolo), Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer), Lisa Schmohl (Ottilie, Wilhelm Gieseckes Tochter) und Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant)

„Im weißen Rössl“, Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer) und Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant)

„Im weißen Rössl“, Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer) und Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler)

„Im weißen Rössl“, Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant)

„Im weißen Rössl“, Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer)

„Im weißen Rössl“, Lisa Schmohl (Ottilie, Wilhelm Gieseckes Tochter)

„Im weißen Rössl“, Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler) und Lisa Schmohl (Ottilie, Wilhelm Gieseckes Tochter), Ensemble

„Im weißen Rössl“, Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler), Anna Hansen (Souvenierverkäuferin) und Lisa Schmohl (Ottilie, Wilhelm Gieseckes Tochter)

„Im weißen Rössl“, Phillip Brockhoff (Piccolo) und Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer)

„Im weißen Rössl“, Annette Demmer (Kapitänin), Andrea Stog (Oberförsterin Waltraut Vogel), Susanne Zühlke (Kathi, Briefträgerin) und Milena Schilasky (Zenzi, Ziegenhirtin)

„Im weißen Rössl“, Ensemble

„Im weißen Rössl“, Denys Kappel (Sigismund Sülzheimer) und Debbie Rave (Klärchen, Prof. Dr. Hinzelmanns Tochter)

„Im weißen Rössl“, Anna Hansen (Souvenierverkäuferin)

„Im weißen Rössl“, Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant), Susanne Zühlke (Kathi, Briefträgerin) und Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler)

„Im weißen Rössl“, Susanne Zühlke (Kathi, Briefträgerin) und Annette Demmer (Kapitänin)

„Im weißen Rössl“, Ensemble

„Im weißen Rössl“, Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber) und Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer)

„Im weißen Rössl“, Christoph Krappe (Kaiser Franz Joseph I.) und Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer), Ensemble

„Im weißen Rössl“, Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler), Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber), Christoph Krappe (Kaiser Franz Joseph I.) und Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer), Ensemble

„Im weißen Rössl“, Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber) und Christoph Krappe (Kaiser Franz Joseph I.)

„Im weißen Rössl“, Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber)

„Im weißen Rössl“, Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant) und Thomas Renners (Prof. Dr. Hinzelmann, Urlauber), Ensemble

„Im weißen Rössl“, Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler) und Lisa Schmohl (Ottilie, Wilhelm Gieseckes Tochter), Ensemble

„Im weißen Rössl“, Denys Kappel (Sigismund Sülzheimer) und Debbie Rave (Klärchen, Prof. Dr. Hinzelmanns Tochter)

„Im weißen Rössl“, Christoph Meerkamp (Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler), Lisa Schmohl (Ottilie, Wilhelm Gieseckes Tochter), Sascha Kappel (Wilhelm Giesecke, Berliner Fabrikant), Heike Hansen (Wirtin Josepha Vogelhuber), Jörg Middendorf (Zahlkellner Leopold Brandmeyer), Thomas Renners (Prof. Dr. Hinzelmann, Urlauber), Denys Kappel (Sigismund Sülzheimer) und Debbie Rave (Klärchen, Prof. Dr. Hinzelmanns Tochter), Ensemble

„Im weißen Rössl“ hat am Samstag, 27. Mai 2017 um 20.30 Uhr auf der Freilichtbühne Coesfeld Premiere, Folgevorstellungen stehen bis 2. September 2017 auf dem Spielplan. Tickets und weitere Informationen unter www.freilichtbuehne-coesfeld.de. Als Familienmusical steht in Coesfeld in diesem Sommer „Peter Pan“ von Konstantin Wecker (Musik, Songtexte), Christian Berg und Melanie Herzig (Buch) auf dem Spielplan, Premiere ist am 10. Juni 2017 um 15 Uhr.

„Im weißen Rössl“


Samstag, 3. Juni 2017

Nach dem Besuch der ersten Folgevorstellung gibt es an dieser doch einiges anzumerken, auf das sich der interessierte Besucher einstellen sollte. Das Auditorium bekommt in diesem Jahr – womöglich auch in Anbetracht der Stückauswahl – die Anmutung von Picknick- und Bierzelt-Atmosphäre: Der Verzehr von Speisen und Getränken während der Vorstellung hat gegenüber den Vorjahren deutlich zugenommen, immerhin wird – noch – auf das Rauchen während der Vorstellung verzichtet. Alle Naselang poltern leere Bierflaschen über den Steinboden, und als ob das noch nicht genug Ablenkung für diejenigen wäre, die die Vorstellung auf der Bühne verfolgen möchten, scheint für einige Zuschauer das Beantworten von WhatsApp Nachrichten o. ä. während der Vorstellung so wichtig zu sein, dass es ihnen gar nichts ausmacht, dass sie ihre Sitznachbarn geradezu zwingen, an ihren Aktivitäten teilzuhaben, so offen halten sie das helle Display ihres Smartphones vor sich. Eindeutig der Stückauswahl geschuldet sind natürlich Mitklatsch- und Mitsing-Orgien, nicht nur im Salzkammergut kann man gut lustig sein…

Regisseur Harald Kratochwil hat bereits in verschiedenen „Im weißen Rössl“-Produktion die Choreografie erarbeitet, am Theater Kiel (Premiere 9. September 2012, Regie Thomas Enzinger, reduzierte Fassung aus der Bar jeder Vernunft), am Theater Regensburg (Premiere 8. Dezember 2015, Regie Thomas Enzinger) und am Staatstheater Mainz (Premiere 26. November 2016, Regie Peter Jordan und Leonhard Koppelmann, Rekonstruktionsfassung), bei seiner Inszenierung in Coesfeld kann oder will er sich jedoch nicht festlegen, in welcher Zeit denn nun seine Inszenierung spielen soll, legt doch der Streit zwischen dem Berliner Fabrikanten Wilhelm Giesecke und seinem Konkurrenten Sülzheimer um die Art und Weise, die Hemdhose für Herren zu knöpfen, und erst recht der Auftritt von Kaiser Franz Joseph I. nahe, dass das Stück zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, als es eben noch keine Inlineskates, Skateboards, Fitnesstrampoline oder Handys gab. Kati Heidebrechts Choreografien sind IMHO durchaus ansprechend ausgefallen, wenngleich man sich dann eben doch fragt, wie der Starlight Express an den Wolfgangsee kommt. Auf Rollen, ja nee, is klar… Harry Behlau zeichnet für das Bühnenbild verantwortlich, linker Hand der Schiffsanleger am Wolfgangsee, in der Mitte das Hotel „Im weissen Rössl“ mit dem aufgemalten drallen Dirndl und rechter Hand ein Bergpanorama. Martina Toeberg bleibt mit ihren Kostümentwürfen der von der Regie vorgegebenen Linie treu, von Badeanzügen aus den 1920er-Jahren bis zum provozierenden Outfit von Klärchen (Punk entstand Mitte der 1970er-Jahre) gibt es fast nichts, was am Coesfelder Wolfgangsee nicht getragen wird.

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