Sonntag, 21. Mai 2017

„Das Molekül“

„Das Molekül“ – Musik, Songtexte und Buch: William Ward Murta; Deutsche Bearbeitung: William Ward Murta, Constanze Grohmann (Songtexte), Thomas Winter (Buch); Inszenierung: Thomas Winter; Choreografie: Frank Wöhrmann; Ausstattung: Ulv Jakobsen; Video: Konrad Kästner; Licht: Johann Kaiser; Sounddesign: Thomas Noack, Falko Heidemann; Dramaturgie: Jón Philipp von Linden; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: Roberta Valentini (Rosalind Franklin/Claire M. Fraser/Beatrice Bateson/Phoebe (Phoebus Levene)/Carol), Carolin Soyka (Odile Crick/Bernadine Healy/Emma Darwin/Florence Durham/Alice), Veit Schäfermeier (Francis Crick/Francis Sellers Collins/William Bateson/Sir William Lawrence Bragg), Carlos Horacio Rivas (James Dewey Watson/Charles Darwin/Carl Wilhelm von Nägeli/José Raul Rodriguez/Cecile), Alexander Franzen (Maurice Wilkins/Michael W. Hunkapiller/Gregor Mendel/Erwin Chargaff/Bob), Thomas Klotz (John Craig Venter/Linus Pauling). Uraufführung: 19. Mai 2017, Stadttheater Bielefeld.



„Das Molekül“


Musical-Uraufführung am Theater Bielefeld


Nach „Starry Messenger (Sternenbote)“ widmet sich William Ward Murta – seit 1984 Musicalkapellmeister am Theater Bielefeld – im neuesten Auftragswerk des Theaters Bielefeld erneut einem wissenschaftlichen Stoff, der Struktur der DNA (Desoxyribonukleinsäure kurz, DNS, englisch DNA für deoxyribonucleic acid) sowie der Genetik, oder allgemeiner der Frage: „Was ist Leben?“ Wer in der Schule aufgepasst hat, dem kommt natürlich sofort die Doppelhelixstruktur der DNA in den Sinn, und Genetik ist bekanntlich ein weites Feld, das sich mit der Weitergabe von Erbanlagen an die nächste Generation befasst, also auch gezielte Eingriffe in das Erbgut einschließt. Wer dagegen mit den Begriffen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin so gar nichts anzufangen weiß, der sollte zumindest damit rechnen, dass eben jene auch in der Handlung vorkommen, derweil die Reihenfolge der Basen die genetische Information des DNA-Moleküls bestimmt. Das Musical ist aber beileibe kein Nachhilfeunterricht in Biologie, Physik oder Geschichte, wobei es in Episoden den Zeitraum vom 19. Jahrhundert mit Gregor Mendel (* 20. Juli 1822 in Heinzendorf, Österreichisch-Schlesien, † 6. Januar 1884 in Brünn, Mähren), Charles Robert Darwin (* 12. Februar 1809 in Shrewsbury; † 19. April 1882 in Downe), William Bateson (* 8. August 1861 in Whitby, † 8. Februar 1926 in Merton), Carl Wilhelm von Nägeli (* 27. März 1817 in Kilchberg; † 10. Mai 1891 in München) und Sir William Lawrence Bragg (* 31. März 1890 in Adelaide, Australien, † 1. Juli 1971 in Waldringford) bis zur Jahrtausendwende und der Entschlüsselung des menschlichen Genoms abdeckt.


Historischer Hintergrund:

London 1951, die junge Biochemikerin Rosalind Elsie Franklin (* 25. Juli 1920 in London, † 16. April 1958 in London), kehrt aus Paris an das Laboratorium des King’s College zurück, um beim renommierten Physiker Maurice Wilkins (* 15. Dezember 1916 in Pongaroa, Neuseeland, † 5. Oktober 2004 in London) zu forschen. Er betrachtet sie als seine Assistentin, sie sieht sich jedoch als Wissenschaftlerin auf Augenhöhe – ein Missverständnis, das tragische Konsequenzen haben sollte. Zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftlern am Cavendish-Laboratorium der Universität Cambridge (James Dewey Watson (* 6. April 1928 in Chicago, Illinois) und Francis Crick (* 8. Juni 1916 in Northampton, England, † 28. Juli 2004 in San Diego, USA)) machen sich die Kontrahenten fieberhaft daran, die Struktur der DNA zu entschlüsseln, eine Entdeckung, die seinerzeit gewissermaßen in der Luft lag. Kein Wunder, dass in den USA ein anderer großer Wissenschaftler (Linus Pauling (* 28. Februar 1901 in Portland, Oregon, † 19. August 1994 in Big Sur, Kalifornien) am California Institute of Technology) dasselbe Ziel verfolgt, allerdings mit dem Rückenwind luxuriöser staatlicher Förderung. Im Mai 1952 nahm Raymond Gosling (* 15. Juli 1926 in Wembley, † 18. Mai 2015 in London), Rosalind Franklins Doktorand, mit Hilfe von Röntgenbeugung das unter dem Spitznamen „Photo 51“ bekannte Laue-Diagramm einer DNA auf, welches eine entscheidende Rolle beim Beweis für die postulierte Doppelhelixstruktur der DNA spielte und das Maurice Wilkins im Januar 1953 ohne Rosalind Franklins Einwilligung oder Wissen James Watson zeigte. Tatsächlich erhielten Francis Crick, James Watson und Maurice Wilkins 1962 den Nobelpreis für Medizin. Rosalind Franklin, deren Röntgenbeugungsdiagramme wesentlich zur Entschlüsselung der DNA-Struktur beigetragen hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und konnte daher nicht mehr nominiert werden. Allerdings gilt die Forschungsgeschichte von James Dewey Watson und Francis Crick heutzutage als negatives Musterbeispiel für Gute Wissenschaftliche Praxis, da die Veröffentlichung in Nature am 25. April 1953 ohne die nicht autorisierte Übernahme unpublizierter Forschungsergebnisse anderer Forscher, vor allem Rosalind Franklins, niemals zustande gekommen wäre. Bezeichnenderweise erwähnten James Watson und Francis Crick in ihren Nobelpreisreden die nur vier Jahre zuvor verstorbene Rosalind Franklin und die Schlüsselrolle ihrer Daten bei der Aufklärung der DNA-Struktur mit keinem Wort.

1990 wurde in den USA das auf 15 Jahre ausgelegte Human Genome Project gegründet, um die Abfolge der Basenpaare der menschlichen DNA auf ihren einzelnen Chromosomen durch Sequenzieren zu identifizieren. Es wurde zunächst von James Dewey Watson geleitet, am 10. April 1992 verließ er das Projekt jedoch nach einem Streit mit der Direktorin des National Institutes of Health, Bernadine Patricia Healy (* 4. August 1944 in New York City, † 6. August 2011 in Gates Mills, Ohio, vom 9. April 1991 bis 30. Juni 1993 Direktorin des National Institutes of Health), weil er Healys Versuche ablehnte, Gensequenzen patentieren zu lassen. Sein Nachfolger wurde Francis Sellers Collins (* 14. April 1950 in Staunton, Virginia, ab 17. August 2009 Direktor des National Institutes of Health). Ebenfalls 1992 gründete John Craig Venter (* 14. Oktober 1946 in Salt Lake City, Utah) das Institute for Genomic Research, wo seine Frau Claire M. Fraser (* 5. November 1955 in Boston, Massachusetts, von 1981 bis 2005 mit John Craig Venter verheiratet) Vice President wurde. 1993 wurde Michael W. Hunkapiller (* 7. November 1948) mit der Übernahme von Applied Biosystems, Inc. durch Perkin-Elmer Senior Vice President von Perkin-Elmer. Im Mai 1998 wurde von der PE Corporation und Biochemiker John Craig Venter die Celera Genomics Corporation gegründet, um durch DNA-Sequenzierungen Informationen über Genome zu sammeln und diese zu kommerzialisieren, die für das staatlich geförderte Projekt zu einer äußert problematischen Konkurrenz wird. Der Wettbewerb darum, wer zuerst die vollen drei Milliarden Basenpaare des menschlichen Genoms entschlüsselt, wird öffentlich in den Medien ausgetragen. Am 26. Juni 2000 verkündete US-President Bill Clinton, das Ziel sei erreicht: „Today, we are learning the language in which God created life.“ („Heute lernen wir die Sprache, in der Gott das Leben erschaffen hat.“) Am 15. Februar 2001 publizierte das Human Genome Project Konsortium das erste menschliche Genom in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature (Eric S. Lander et al., „Initial sequencing and analysis of the human genome“, Nature, Volume 409, Issue 6822, pp. 860-921 (2001), nur einen Tag später folgte die Celera Publikation in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Science (J. C. Venter et al., „The Sequence of the Human Genome“, Science, Volume 291, Issue 5507, pp. 1304-1351 (2001)).

William Ward Murta (Buch) und Folkwang-Alumnus Thomas Winter (Regie) erzählen die Geschichte um die Aufklärung der Doppelhelixstruktur der DNA und die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms nicht etwa chronologisch fortlaufend, sondern lassen John Craig Venter als Leiter des Instituts für Genomische Forschung in Maryland zu Beginn der Vorstellung die Türen des Auditoriums schließen, um die Zuschauer als eine Art Master of Ceremonies für einen Crashkurs in biologischer Vererbungslehre „gefangen“ zu nehmen. Nach der Vorstellung früherer Erkenntnisse von Gregor Mendel, William Bateson, Carl Wilhelm von Nägeli und Sir William Lawrence Bragg changiert die Handlung zwischen den Ereignissen am King’s College der University of London und dem Cavendish-Laboratorium der Universität Cambridge in den 1950er-Jahren und dem in den USA ausgetragenen Rennen um die Entschlüsselung des menschlichen Genoms in den späten 1990er-Jahren. Das macht es für den Zuschauer auf den ersten Blick nicht einfacher, dem womöglich ungewohnten Thema folgen zu können, zumal dieselben Darsteller in beiden Handlungssträngen auftreten. Auch in dieser Hinsicht sind profunde Fachkenntnisse durchaus hilfreich. Inwiefern James D. Watsons schlechtes Gewissen gegenüber Rosalind Franklin im zweiten Akt unmittelbar im Anschluss an die Nobelpreisverleihung den Tatsachen entspricht, entzieht sich schlicht meiner Kenntnis, in seinem 1968 veröffentlichten Buch „The Double Helix: A Personal Account of the Discovery of the Structure of DNA.“ hat er sich noch sexistisch über sie geäußert, was auch durch seine im Programmheft abgedruckten Äußerungen zu ihren wissenschaftlichen Leistungen nicht wettgemacht wird. Selbst in seiner 2007 erschienen Autobiografie „Avoid Boring People: Lessons From A Life in Science“ hegte er noch immer seinen Groll gegenüber Rosalind Franklin, und der britische Physiker Maurice Wilkins bekam von ihm weit mehr Anerkennung dafür, dass er ihm „Photo 51“ gezeigt hat, als Rosalind Franklin. Na klar, denn ohne Kenntnis dieses Laue-Diagramms wäre die Sache mit dem Nobelpreis womöglich ganz anders gelaufen… Die gesamte Thematik ist sicherlich keine leicht verdauliche Kost, und inwiefern hier schwere Kost leicht verdaulich serviert wird, dürfte IMHO doch stark von den Vorkenntnissen des jeweiligen Zuschauers abhängen. Am Ende bleibt die große Frage offen, was Wissenschaft kann und darf, und die beklemmende Gewissheit, dass alles, was wissenschaftlich möglich erscheint, irgendwann und irgendwo auch in die Tat umgesetzt wird: „Es ist pure Utopie zu glauben, dass man Wissenschaft aufhalten kann“, so Prof Dr. Olaf Kruse, Wissenschaftlicher Direktor des Zentrums Biotechnologie (CeBiTec) der Universität Bielefeld, im Gespräch mit Dramaturg Jón Philipp von Linden.

Ulv Jacobsen zeichnet für die Ausstattung verantwortlich, wobei er auf der Drehbühne eine Art Hörsaal sowie diverse Labore stilisiert hat, so dass der schnelle Wechsel zwischen den Handlungssträngen reibungslos funktioniert. Im Bühnenbild, das in vielen Bereichen von der bekannten, symbolhaften Darstellung der DNA inspiriert ist, sind auch historisch bedeutsame Bilder wie „Photo 51“ und die Zeichnung der Doppelhelixstruktur der DNA von Odile Crick (* 11. August 1920 in King’s Lynn, Norfolk, † 5. Juli 2007 in La Jolla, Kalifornien) wiederzufinden. In seinem Kostümdesign greift Ulv Jacobsen ein wenig die gängigen auf Wissenschaftler bezogenen Klischees auf, in jedem Fall sind die verschiedenen Rollen der einzelnen Darsteller klar und deutlich zu unterscheiden. Folkwang-Alumnus Frank Wöhrmann hat die Choreografie einstudiert, die vom Musical Staging bis hin zur bunten Tanznummer reicht, bei der sich die Damen des Opernchores zum Song „Der klügste Kopf“ als a-Helix – so steht es zumindest auf den Oberteilen – mit Pompons und schrillen Perücken auf den Köpfen um Thomas Klotz (Linus Pauling) als schillernder Star herum bewegen. Die Bielefelder Philharmoniker unter der Musikalischen Leitung von William Ward Murta bringen dessen von der Doppelhelixstruktur der DNA inspirierte Partitur mit seinem unverwechselbaren Broadway-Stil und viel Underscoring fulminant zu Gehör.

Die 26 Rollen in dem Stück – wenn ich mich nicht verzählt habe – werden von lediglich sechs Darstellern verkörpert, John Craig Venter von Thomas Klotz, Alexander Franzen ist als Maurice Wilkins, Michael W. Hunkapiller u. a. zu sehen, Carolin Soyka als Odile Crick, Bernadine P. Healy u. a., Carlos Horacio Rivas als James D. Watson u. a., Veit Schäfermeier als Francis Crick, Francis S. Collins u. a., und schließlich Roberta Valentini als Rosalind Franklin, Claire M. Fraser u. a. Alle Darsteller sind dementsprechend auch noch in kleineren Nebenrollen zu sehen. Thomas Klotz gibt als Enfant terrible der Genforschung gleichzeitig eine Art Master of Ceremonies, strotzt als John Craig Venter vor Selbstbewusstsein und reagiert dementsprechend sauer, dass man nicht ihn, sondern James D. Watson zum Leiter des Human Genome Projects berufen hat. In der kleineren Nebenrolle von Linus Pauling sieht er sich selbst gern als „Der klügste Kopf“. Venters Gegenspieler James D. Watson wird von Carlos Haracio Rivas verkörpert, für mein Empfinden dürfte bei dieser Figur ein wenig mehr Überheblichkeit durchblitzen. Die übrigen Darsteller verkörpern sowohl bei den Ereignissen in den 1950er-Jahren als auch zur Jahrtausendwende jeweils verschiedene tragende Rollen. Im Mittelpunkt steht natürlich Roberta Valentini als Rosalind Franklin, die in einer doppelten Außenseiterrolle sowohl ihrer Familie als auch ihren männlichen Kollegen gegenüber entschieden hat, für die Wissenschaft zu leben und sich nicht anzupassen. Der Song „Foto 51“ markiert gesanglich ihren Höhepunkt auf dem Weg zur Aufklärung der DNA-Struktur. Als Claire M. Fraser steht sie ein wenig im Schatten von John Craig Venter, den sie als Assistant Professor an der State University of New York in Buffalo kennen gelernt und 1981 geheiratet hat. Alexander Franzen beweist als Rosalinds vermeintlicher Vorgesetzter Maurice Wilkins wie sie Unnachgiebigkeit, was zu einem extrem angespannten Verhältnis zwischen den beiden Wissenschaftlern führt. In der Rolle von Michael W. Hunkapiller zieht Alexander Franzen bereits durch sein Outfit als kalifornischer Beachboy in orangefarbenen Shorts die Aufmerksamkeit auf sich. Carolin Soyka entwickelt als Odile Crick gemeinsam mit ihrem Mann Francis Crick und James D. Watson Teamgeist und steuert die Zeichnungen zur Doppelhelixstruktur der DNA bei, während ihre Bemühungen in der Rolle von Bernadine Healey um eine Einigung zwischen den beiden Parteien nicht von Erfolg gekrönt sind. Als Letzter im Bunde darf natürlich auch Veit Schäfermeier als Francis Crick und Francis S. Collins nicht unerwähnt bleiben, den James D. Watson und Bernadine Healey anwerben, um das staatlich geförderte Human Genom Project zu übernehmen, und der darauf mit seinem Song „Ich sag ja“ für sich einzunehmen weiß.

Nach 2 Stunden und 50 Minuten Spieldauer wurden Darsteller und Kreative vom Premierenpublikum mit etwa fünfminütigem Stehapplaus für ihre überzeugenden Leistungen belohnt. „Das Molekül“ steht in der laufenden Spielzeit noch bis zum 8. Juli 2017 auf dem Spielplan und wird in der nächsten Saison am 14. Dezember 2017 wiederaufgenommen.

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