Samstag, 1. April 2017

„Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“

Zeche Hannover öffnet nach der Winterpause mit Ausstellung zur Auswanderungsbewegung

Compound-Zwillingsdampffördermaschine von 1893, Hersteller Maschinenbau-Actien-Gesellschaft „UNION“, Essen

„Hier lebt man besser als in Deutschland“, berichtete 1830 der Amerika-Auswanderer Peter Horn aus Pennsylvania in einem Brief an seine Eltern. Wohlstand, Freiheit, Abenteuer - das waren die Hoffnungen, die über 300.000 Menschen aus Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert dazu bewegten, in den USA ein neues Leben zu beginnen. Die Ausstellung „Vom Streben nach Glück“, die der Landschaftsverband Westfalen vom 31. März bis 29. Oktober 2017 in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum präsentiert, veranschaulicht diese Auswanderungsbewegung. Das Begleitprogramm reicht von Vorträgen über einen genealogischen Workshop bis zur Wild West-Show mit Cowboys und Indianern zur ExtraSchicht.

Postkarte eines Auswandererschiffes im Hamburger Hafen.
Foto: Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

„Migration, Integration und Interkultur sind unsere Themenschwerpunkte auf der Zeche Hannover. Diesmal wechseln wir dabei die Perspektive und blicken aus Westfalen in die Welt und überrascht stellen wir fest, nicht nur Syrer oder Nordafrikaner, auch die Westfalen verließen ihre Heimat in der Hoffnung auf eine neue Welt“, erklärte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, am 29. März 2017 bei der Vorstellung der Wanderausstellung in Bochum. Die Schau des LWL-Industriemuseums beleuchtet die Ursachen, zeichnet Reisewege nach und schildert Biografien westfälischer Emigranten.

Modell eines Auswanderungsschiffes, undatiert, Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin
Das Modell der „Deutschland“ von 1850 zeigt die Unterkünfte der Auswanderer auf dem Weg nach Amerika im Zwischendeck. Das Schiff transportierte gleichzeitig Waren über den Atlantik.

Das Spektrum der über 100 Exponate reicht von Fotos und Postkarten über ein Schiffsmodell bis hin zu persönlichen Gegenstände der Auswanderer, darunter auch ein Silberlöffel, den der Bochumer Wilhelm Kabeisemann auf seiner Überfahrt 1853 in die neue Heimat bei sich trug. Wie viele Westfalen siedelte sich auch die Familie Kabeisemann im Mitteleren Westen an, in Winneshiek (Iowa). Fast eine Million deutsche fanden in den Staaten Wisconsin, Ohio und Iowa eine neue Heimat. Wilhelm Kabeisemann hatte vor seiner Ausreise in Bochum eine Brauerei betrieben. Jahrelang hatte er mit immer neuen Anträgen versucht, eine Ausschanklizenz für das gebraute Bier zu erhalten. Doch ohne Erfolg. Schließlich beschloss er 1853, sein Hab und Gut zu versteigern und mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn Friedrich Wilhelm nach Iowa auszuwandern. Dort erwarb Wilhelm ein Stück Land und erlangte 1858 die Einbürgerung der Familie in Amerika. Noch heute leben Nachfahren der Kabeisemanns sowohl in den USA als auch in Deutschland.

„Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“, Blick in die Ausstellung


Hintergrund

Nicht nur wirtschaftliche Not, die vor allem in den ländlich geprägten Regionen Westfalens der Hauptgrund für die Auswanderung war, trieb die Menschen in die Ferne. Auch politische Gründe bewegten die Menschen dazu, ihre Heimat in Deutschland zu verlassen. Das Streben nach politischer Freiheit brachte nach der Niederschlagung der demokratischen Revolution in Deutschland 1848/49 viele Aktivisten und Freidenker aus Westfalen in die USA. Die Vereinigten Staaten galten damals als das Vorzeigeland der Bürgerrechte, Freiheit und Gleichheit. Zu den Aktivisten, die nach dem Scheitern der Revolution nach Amerika emigrierten, gehörte etwa unter anderem die Bürgerrechtlerin Mathilde Franziska Anneke aus Hiddinghausen bei Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis) oder der Maler Carl Schlickum aus Hagen.

„Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“, Blick in die Ausstellung

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatten über acht Millionen Menschen in Nordamerika deutsche Vorfahren. Sie lebten als Farmer in den nördlichen Staaten des Mittleren Westens, waren aktiv in der Kultur, in der Politik und im Wirtschaftleben der Vereinigten Staaten. Vor allem der Bundestaat Indiana mit seiner Hauptstadt Indianapolis wurde zu einem Zentrum deutschen Wirkens. In Fort Wayne brauten und vertrieben die Dortmunder Berghoff-Brüder „Dortmunder Beer“. Clemens Vonnegut aus Münster brachte es mit einem Haushalts- und Eisenwarenhandel in kurzer Zeit zu Reichtum. Und William Edward Boeing, Sohn eines Einwanderers aus dem heutigen Hagen, gelang es gar, einen Weltkonzern aufzubauen.

Auswanderertruhe von Hermine Siekmann, um 1915. Hermine Siekmann kehrte 1915 auf einm holländischen Dampfer von New York über Rotterdam zurück.

Agenten vermittelten den Ausreisewilligen die Schiffsfahrkarten für die Überfahrt in die USA. Die Reise begann meist in den beiden großen deutschen Auswandererhäfen in Bremerhaven und Hamburg. Das Modell eines Auswandererschiffes aus dem Deutschen Technikmuseum in Berlin sowie Postkarten und Werbeplakate der Reedereien zeigen, wie diese Schiffe aussahen.

Kühlergrill-Emblem „Duesenberg Straight 8“, 1920er-Jahre (Nachbildung). Fred und Augie Duesenberg begannen 1921 mit der Produktion ersten Passagierautomobile, bezeichnet als „Duesenberg Model A“ oder „Straight 8“. Der Name „Straight 8“ bezieht sich darauf, dass dieses Automobil als Erstes überhaupt mit einem Reihen-Achtzylinder-Motor auwartete.

Neben Knowhow brachten die Deutschen auch das Vereinswesen mit in die neue Heimat: In den meisten Städten des Mittleren Westens gab es Männerchöre und Turnvereine, auch Karneval wurde gefeiert. Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg veränderte sich das Verhältnis zwischen Amerikanern und Deutschen. „Die hoch geachteten und von manchen auch beneideten deutschen Eliten gerieten in den USA stark unter Druck. Viele ließen ihre Familiennamen amerikanisieren. Deutsche Zeitungen, deutschsprachige Reklametafeln und deutsche Bräuche verschwanden binnen weniger Wochen aus der Öffentlichkeit. Das war ein entscheidender Einschnitt, von dem sich die deutsche Gemeinschaft kaum wieder erholen konnte“, verriet Kurator Dietmar Osses. Ein eigenes Kapitel widmet die Ausstellung dem Thema Vertreibung und Verfolgung nach 1933. So wanderten über 120.000 deutsche Intellektuelle und Juden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amerika aus.

Briefmarke aus der Serie „Classic Cars“, 1988. Der Name Duesenberg steht nicht nur für schnelle Rennwagen, sondern ist auch für Luxusautomobile bekannt. Ein Duesenberg ist das letzte Motiv einer amerikanischen Briefmarkenserie zu exquisiten Automobilen der 1920er- und 1930er-Jahre.

Auch Diskussionen über zeitgenössische Entwicklungen kann der Blick in die Geschichte der Amerika-Auswanderung anregen. „Die Parallelen zu aktuellen Fragen von Migration und Integration sind in dieser Ausstellung offensichtlich. Das LWL-Industriemuseum versteht sich dabei als Forum, in dem gesellschaftlich relevante Themen zur Diskussion gestellt werden“, erklärte Dirk Zache. Zwar seien die Deutschen damals nicht vor einem Bürgerkrieg geflohen, wohl aber aus einer hoffnungslosen Lebenssituation, die ihnen weder Auskommen noch berufliche Perspektive in ihrer Heimat bot.

Etikett des Berghoff-Biers „Dortmunder Style“, gebraut in Fort Wayne.
Foto: LWL

Übrigens, bei der Ausstellung „Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika“ handelt es sich nicht um einen Aprilscherz, auch wenn heute der 1. April ist, die war bereits vom 10. April bis 24. September 2016 im LWL-Industriemuseum Ziegeleimuseum Lage zu sehen. Der einzige Aprilscherz, der mir im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover begegnet ist, war eine Absperrung vor dem Zugang zur oberen Ebene des Malakowturms, auf der vom 2. bis 23. April 2017 eine winzige Ausstellung zur „Heimat Bochum“ gezeigt wird. Wer nun glaubt, ich führe morgen oder in den nächsten drei Wochen nochmals nach Bochum-Hordel, um mir die paar Exponate zur „Heimat Bochum“ anzuschauen, der hat sich getäuscht, schließlich ist Bochum gar nicht meine Heimat. Und als gescheite Kulisse für das Osterfeuer taugt der Malakowturm dieses Jahr auch nicht, der ist nämlich momentan noch eingerüstet.

Keine Kommentare: