Mittwoch, 12. April 2017

„Goethe! Auf Liebe und Tod“, die Zweite

„Goethe! Auf Liebe und Tod“ – nach dem Kinofilm „Goethe!“ von Philipp Stölzl (2010). Musik: Martin Lingnau; Liedtexte: Frank Ramond; Buch und Regie: Gil Mehmert; Choreographie: Simon Eichenberger; Ausstattung: Eva-Maria van Acker und Maria Wolgast; Lichtdesign: Michael Grundner; Sounddesign: Stephan Mauel; Illustrationen: Fufu Frauenwahl; Musikalische Leitung: Patricia M. Martin. Darsteller: Philipp Büttner/Merlin Fargel (Johann Wolfgang Goethe), Daniel Berger ([Johann Caspar Goethe], Goethes Vater/Professor/Angeklagter), Sabrina Weckerlin/Lina Gerlitz (Lotte Buff), Mark Weigel ([Heinrich Adam Buff], Lottes Vater/Professor/Verleger), Sarah Wilken (Anna Buff, Lottes Schwester), Marvin Schütt (Albert Kestner), Florian Minnerop (Karl Wilhelm Jerusalem, Gesandtschafts­sekretär am Reichs­kammer­gericht in Wetzlar), Anneke Brunekreeft (Margarethe), Tomas Stitilis (Assessor Schleyn/Karl Buff, Lottes Bruder/Pferd), Pascal Cremer (Assessor Borgmann/Administrator/Gustav Buff, Lottes Bruder/Pferd), Lina Gerlitz/Esther Conter (Ninon/Zigeunermädchen/Elisabeth Buff, Lottes Schwester), Tom Zahner (Mephisto/Gerichtspräsident Kammermeier/Professor/Herr auf der Straße/Postverwalter), Thom Koolen* (Student/Kutscher), Paul Wienk* (Student), Charlotte Katzer/Esther Conter/Lara Hofmann (Zigeunermädchen). *Studierende am Lucia Marthas Institute for Performing Arts in Amsterdam. Musiker: Studierende der Studiengänge Jazz und künstlerische Instrumentalausbildung, Johannes Still (Keyboard), Philipp Wisser (Gitarre), Leonard Küppers (Gitarre), Marcus Gulich (Bass), Ruth Lehmann/Robert Wheatley (Cello), Fabian Gsell/Christoph Helm (Percussion). Tryout Premiere: 4. April 2017, Folkwang Universität der Künste Essen, Neue Aula. Besuchte Vorstellung: 11. April 2017.



„Goethe! Auf Liebe und Tod“


Die diesjährige Musicalproduktion der Folkwang Universität der Künste in der „Folkwang Besetzung“


Das Biopicture „Goethe!“ von Regisseur Philipp Stölzl kam in Deutschland am 14. Oktober 2010 mit 250 Filmkopien in die Lichtspielhäuser. Der Film spielt im Sommer 1772, in dem sich Johann Wolfgang Goethe in Charlotte Buff verliebte. Johann Wolfgang Goethe verarbeitete diese Episode seines Lebens in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“. Im Film „Goethe!“ vermischen sich Fakten aus Goethes realem Leben mit dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ und reiner Fiktion, Philipp Stölzl hat Goethes Biografie und den literarischen Text quasi „übereinander kopiert“. Die Folkwang Universität der Künste bringt in Zusammenarbeit mit Stage Entertainment und Senator Film/Warner Bros. die Tryout Premiere des neuen Musicals „Goethe! Auf Liebe und Tod“ auf die Bühne. Für die Musik zeichnet Martin Lingnau verantwortlich, Frank Ramond für die Liedtexte, und das Buch hat Gil Mehmert geschrieben, der auch Regie führt. Simon Eichenberger hat die Choreografie erarbeitet.

Folkwang Universität der Künste Essen, ehemaliges Hauptgebäude der Reichsabtei Werden, seit 1946 Sitz der Folkwangschulen

Am 4. April 2017 wurde „Goethe! Auf Liebe und Tod“ erstmals als Tryout-Premiere in der Neuen Aula vor Publikum gezeigt, bei der Philipp Büttner und Sabrina Weckerlin die Rollen des jungen Johann Wolfgang Goethe und der noch jüngeren Lotte gespielt haben, in die sich Goethe bei einem Tanzvergnügen verliebt. Der geneigte Leser sei an dieser Stelle auf die Premierenbesprechung mit dem historischen Hintergrund, dem Inhalt des Stückes und der umfangreichen Fotostrecke verwiesen. Wie dort bereits erwähnt haben Philipp Büttner und Sabrina Weckerlin die Messlatte für ihre Alternates verdammt hoch gelegt, und so konnte man gespannt sein, wie Merlin Fargel und Lina Gerlitz ihren Part meistern. Szenenfotos mit den beiden gibt es an dieser Stelle natürlich keine zu sehen, nicht von ungefähr steht in fast allen Besprechungen die Erstbesetzung im Vordergrund, und auch Picturebooks – die es natürlich bei „Goethe! Auf Liebe und Tod“ nicht gibt – zeigen nahezu ausnahmslos Szenenfotos mit der Erstbesetzung. Anders als bei großen kommerziellen Produktionen wurde bei dieser Produktion im Vorfeld allerdings kommuniziert, wer welche Vorstellungen spielt, so dass man sich seine „Wunschbesetzung“ aussuchen konnte. Mit den Wunschplätzen in der Neuen Aula ist es da schon etwas schwieriger: Telefonisch zugesicherte Plätze werden gern einmal anderweitig verkauft, und auch doppelt verkaufte Plätze sind leider keine Seltenheit – wie bereits früher berichtet.

Obwohl es sich bei der Produktion um eine Tryout-Premiere handelt, ist die Inszenierung bereits ausgesprochen rund geraten und auch die Ausstattung lässt keine Wünsche offen, zumal die Neue Aula womöglich nicht mit derartig umfangreicher Bühnentechnik ausgestattet ist wie moderne Theatergebäude. Man sieht dem Ergebnis auf der Bühne an, wie viel Arbeit in den Vorbereitungen steckt. Wer aufmerksam zuhört, wird neben den Zitaten aus Goethes „Werther“ auch unzählige Äußerungen aus „Faust. Eine Tragödie“ entdecken („Bin weder Fräulein, weder schön“ u. v. a.), nicht von ungefähr trägt der Rotschopf aus dem Biopicture hier den Namen Margarethe, und ausgerechnet ein abgewandeltes Zitat aus Faust I („Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß Zu sagen brauche, was ich nicht weiß; Daß ich erkenne, was die Welt Im Innersten zusammenhält“) empfiehlt der junge Goethe seinem Vorgesetzten für dessen Antrag an Lotte: „Es ist die Liebe, die im Innersten diese Welt zusammenhält.“ (Goethes erster Entwurf für sein späteres Theaterstück „Faust“ entstand parallel zu „Die Leiden des jungen Werthers“ 1772 bis 1175 in Frankfurt am Main.) Man braucht an dieser Stelle wohl nicht zu betonen, dass es bei dem nahezu vollständig durchkomponierten Stück auf eine entsprechend sorgfältige Tonabmischung ankommt, da solche Details andernfalls nicht wahrgenommen werden könnten.

Folkwang Alumnus Merlin Fargel (D’Artagnan in „Die drei Musketiere“) gibt den stürmischen Hitzkopf, der auch im wahren Leben in jungen Jahren jedem Rockzipfel hinterhergelaufen ist. Einfühlsam lotet der Darsteller die Höhen und Tiefen der Beziehung von Johann Wolfgang Goethe zu Lotte aus und weiß mit seinem sicher geführten Tenor auch gesanglich auf ganzer Linie zu beeindrucken. Nicht nur einmal fühlte ich mich an seinen jungen D’Artagnan bei den Gandersheimer Domfestspielen 2016 erinnert. Lina Gerlitz macht ihre Sache als Lotte ebenfalls sehr gut, zieht die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht ganz so stark auf die Figur der Lotte wie Sabrina Weckerlin, was ich persönlich als ausgesprochen angenehm empfunden habe, schließlich heißt das Stück „Goethe“ und nicht „Lotte“, aber da muss sich schon jeder seine eigene Meinung bilden. Ungeachtet dessen weiß auch sie sich mit ihren Soli und Duetten zu empfehlen, beispielsweise „Irgendwann“ zu Beginn des zweiten Akts oder „Die Leiden des jungen Werther“ im Duett mit Merlin Fargel. Um an dieser Stelle auf die hohe Messlatte zurückzukommen, die beiden Darsteller sind der Erstbesetzung in ihren Rollen dicht auf den Fersen.

Auch in dieser Konstellation hinterlässt die Produktion einen ausgesprochen positiven Gesamteindruck, wozu natürlich das gesamte Ensemble maßgeblich beiträgt. Es wäre wirklich schade gewesen, „Goethe! Auf Liebe und Tod“ nach dem Einstieg von CVC bei Stage Entertainment nicht aus der Warteschleife herauszuholen (vergleiche hierzu das Interview mit Buchautor Gil Mehmert). An dieser Stelle noch der Hinweis, dass mit Thom Koolen und Paul Wienk zwei Studierende am Lucia Marthas Institute for Performing Arts in Amsterdam an der Produktion beteiligt sind, „Folkwang ist…“ international.

„Goethe! Auf Liebe und Tod“ ist noch bis zum 20. April 2017 zu sehen, die Vorstellungen am 19. und 20. April 2017 spielen Philipp Büttner und Sabrina Weckerlin, die Vorstellungen am 12. und 18. April 2017 spielen Merlin Fargel und Lina Gerlitz.

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