Donnerstag, 9. März 2017

„Tongyuanju – Eine Arbeitersiedlung in Chongqing, China“

Das LVR-Industriemuseum zeigt Fotografien von Bernard Langerock in der St. Antony-Hütte

Zwischen roten Backsteinhäusern herrscht geschäftiges Treiben, Einkäufer sind auf dem Weg zum Markt, Nachbarn treffen sich zum Plausch am „Büdchen“, Kinder spielen auf den Siedlungswegen. Solche Szenen könnten in einer der vielen Arbeitersiedlungen des Ruhrgebietes entstanden sein. Aufgenommen wurden sie jedoch rund 8.000 Kilometer entfernt in Tongyuanju im gleichnamigen Chongqinger Stadtteil in China.

„Tongyuanju – Eine Arbeitersiedlung in Chongqing, China“, Blick in die Ausstellung

Das LVR-Industriemuseum zeigt vom 10. März bis 15. Oktober 2017 in seiner St. Antony-Hütte in Oberhausen Fotografien des Düsseldorfer Fotografen Bernard Langerock (*1953 in Tielt, Belgien), die Leben und Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner der traditionellen Arbeitersiedlung Tongyuanju, einem Stadtteil der Riesenmetropole Chongqing am Jangtse, auf eindrucksvolle Weise dokumentieren.

„Tongyuanju – Eine Arbeitersiedlung in Chongqing, China“, Blick in die Ausstellung


Megacity contra Arbeitersiedlung

Chongqing liegt im Herzen Chinas an der Einmündung des Jialing in den Jangtsekiang in der Nähe des Drei-Schluchten-Staudamms. Wie viele chinesische Kommunen ist auch Chongqing durch den wirtschaftlichen Aufschwung seit den 1970er-Jahren geradezu explodiert und hat sich in eine der typischen Megacitys mit Hochhausskyline, Industriekomplexen und Massenverkehr verwandelt. Im gesamten Stadtbezirk, der mit einer Fläche von 82.403 Quadratkilometern annähernd die Größe Österreichs hat, lebten 2010 rund 32 Millionen Menschen, im Innenstadtbereich um die 10 Millionen Einwohner. Bauland ist für diese wachsende Stadt ein rares Gut. Daher wurde die traditionelle Arbeitersiedlung Tongyuanju mit ihren schlichten doppelstöckigen Häusern und der lockeren Bebauung, die dem aufstrebenden Chongqing im Weg stand, dem Abriss preisgegeben.

Hochhäuser überwuchern die alten Siedlungshäuser. Im Hintergrund die Caiyuanba-Brücke über den Jangtsekiang.
© Bernard Langerock

Hochstraßen und Autobahnen nehmen immer mehr Platz ein.
© Bernard Langerock

Das Leben spielt sich im Freien ab, auch die Mahlzeiten.
© Bernard Langerock

Das „Büdchen“ – Nachbarschaftstreffen und Nahversorgung.
© Bernard Langerock


Fotoserie und Installation

Der Fotograf Bernard Langerock hat im Rahmen eines Künstleraustausches zwischen den Partnerstädten Düsseldorf und Chongquing die Arbeitersiedlung Tongyuanju im Zeitraum zwischen Dezember 2013 und Juli 2015 – ein Großteil der Bebauung war zu dieser Zeit bereits abgerissen – besucht und eine Fotoserie von rund 200 Aufnahmen erstellt. Eine Auswahl von 40 Bildern widmet sich nun in der St. Antony-Hütte dem Verschwinden dieses Ortes. Dabei nimmt der Fotograf den Alltag und die verbliebenen Bewohner Tongyuanjus in den Blick, zeigt Innenansichten ihrer Wohnungen und architektonische Details wie Muster in Fensterscheiben und Bodenbeläge.

Blick auf die Installation „Cut Out Figures“, die die Form eines chinesischen Street Food-Standes aufgreift.
© Bernard Langerock

Im Rahmen seines Fotoprojektes hat Bernard Langerock überdies die Installation „Cut Out Figures“ für die Gruppenausstellung „Malaise dans l’esthétique“ im Rahmen der lokalen Kunstinitiative „T1 Project Room“ entworfen, die 2014 in den Räumen einer nicht mehr bewohnten Werkswohnung in Tongyuanju ausgestellt wurde. Aus ausgewählten Fotos hat Bernard Langerock die abgebildeten Personen herausgeschnitten, die so in ihrer Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes Leerstellen hinterlassen. Mit dieser Aktion möchte Bernard Langerock die Bedeutung des Wohnortes für die persönliche Identität des Individuums betonen und verdeutlichen, dass Menschen, die aus ihrem Kontext gerissen werden, zu einer Art Ware werden.

„Tongyuanju – Eine Arbeitersiedlung in Chongqing, China“, Installation „Cut Out Figures“

Fotograf Bernard Langerock vor seiner Installation „Cut Out Figures“

Installation „Cut Out Figures“, das Individuum wird zur Ware


Tongyuanju und Eisenheim

Über Länder- und Zeitgrenzen hinweg lassen sich erstaunliche Parallelen in Architektur und sozialem Lebensraum zwischen der Arbeitersiedlung Tongyuanju und Eisenheim, der ältesten Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet, erkennen. Eisenheim wurde ab 1846 als Wohnsiedlung für Arbeiter vom einstigen schwerindustriellen Industriekonzern Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen gegründet. Die staatlichen Betriebe der Metallindustrie in Chongqing stellten ihren Arbeitern Wohnraum in Tongyuanju zur Verfügung. Hier wie dort entwickelten sich ein besonderes soziales und wirtschaftliches Gefüge und eine ausgeprägte Form des Miteinanders der Bewohnerinnen und Bewohner. Hierzu trug auch die auf das gemeinsame Leben ausgerichtete Siedlungsarchitektur bei.

Blick in einen der Wohnhöfe.
© Bernard Langerock

Leerstellen bleiben, wo einst Menschen waren.
© Bernard Langerock

Seit 2000 war der Abriss der Werkswohnungen in Tongyuanju entschieden und die Neubebauung schritt stetig voran. Die Siedlung Eisenheim hingegen, die in den 1970er-Jahren ebenfalls neuesten städtebaulichen Entwicklungen weichen und Platz für Hochhäuser schaffen sollte, konnte durch den engagierten Protest ihrer Bewohnerinnen und Bewohner vor dem Abbruch gerettet werden. Die Siedlung blieb unangetastet, Mängel wurden beseitigt. Eisenheim wurde zu einem der ersten Meilensteine der Industriedenkmalpflege im Ruhrgebiet und darüber hinaus.

Das LVR-Industriemuseum St. Antony-Hütte hat Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, Karfreitag, 14. April, Ostermontag, 17. April und Pfingstmontag, 05. Mai 2017 bleibt das Museum geschlossen. Der Eintritt beträgt 5 €, ermäßigt 4 €, ab 10 Personen 4,50 € (inkl. St. Antony-Hütte & Industriearchäologischer Park), Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt.

Am 30. März 2017 findet um 19.30 Uhr ein Künstlergespräch unter dem Thema „Die ferne Nähe und die nahe Ferne in der Fotografie“ statt, bei dem Bernard Langerock über seine fotografische Arbeit berichten wird. Am 7. Juni 2017 hält Prof. Dr. Thomas Heberer, Seniorprofessor für Politik und Gesellschaft Chinas der Universität Duisburg-Essen, um 19 Uhr einen Vortrag zum Thema „Nachbarschaft und Nachbarschaftsviertel: Wie China seine Städte und seine Bewohner verwaltet“.


Katalog

Zur Ausstellung erscheint ein kommentierter Bildband. Dieser enthält zusätzlich einen Aufsatz von Prof. Dr. Thomas Heberer, Konfuzius-Institut Metropole Ruhr der Universität Duisburg-Essen, zum Thema „Neue Wege der Urbanisierung in China: Reorganisation der urbanen Wohnviertel“, der aufschlussreiche Einblicke in den drastischen Wandel der ehemals industriell geprägten chinesischen Städte liefert.

Bernard Langerock, „Tongyuanju. Leben und Arbeiten in einer Arbeitersiedlung in Chongqing, China“
mit Texten von Prof. Dr. Thomas Heberer, Kornelia Panek und Dr. Walter Hauser
Drachenhaus Verlag, Esslingen, März 2017
Hardcover, 144 Seiten, ca. 70 Schwarz-Weiß- und Farbfotografien
Format 21 × 21 cm
ISBN 978-3-943314-36-0

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