Donnerstag, 9. März 2017

Die Spielzeit 2017/18 am Theater Bielefeld

Das Theater Bielefeld hinterfragt in der Spielzeit 2017/18 den Begriff der „Freiheit“

Freiheit ist ein lebenslanges Abenteuer: riskant und unendlich interessant. Freiheit muss immer wieder erarbeitet, von neuem verteidigt und geschützt werden. Freiheit ist anstrengend. Sie ist der permanente Konflikt einer Organisation sich widersprechender Meinungen. Freiheit ist wunderbar, denn sie gibt der Gemeinsamkeit einen Wert.

Die größte Leistung der westlichen Moderne besteht darin, es den Menschen ermöglicht zu haben, ihr Leben frei zu gestalten. Wir leben in einer großartigen Demokratie. Aber wenn wir sie nicht aktiv mitgestalten, wird unsere Freiheit von antidemokratischen Kräften verdrängt. Eine liberale Gesellschaft braucht einen respektvollen gegenseitigen Umgang und sie braucht eine gute Streitkultur. Streit ist ein notwendiges und belebendes Mittel. Wenn wir Konflikte ignorieren, verselbstständigen sie sich in Randbereichen und im Unausgesprochenen. Freiheit setzt permanente geistige und praktische Arbeit voraus und ist heute härter umkämpft denn je. Sie wächst ins Uferlose und sie wird eingegrenzt. Nie hatten so viele Menschen so leicht Zugang zu Informationen wie heute. Nie konnte man mit einem Mausklick weltweit Unterstützer finden. Nie war es technisch einfacher, autoritäre Regime zu etablieren, aber auch Widerstand gegen autoritäre Regime zu organisieren.

Was muss ein Staat tun, um seine Bürger zu schützen? Was darf er nicht tun, weil sonst die Freiheit der Sicherheit geopfert wird? Wie können wir verhindern, dass unsere Mehrheitsgesellschaft die Menschen verliert? Was ist die gemeinsame Sache? Wie wollen wir unsere Gesellschaft gestalten?

Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, heißt es bei Schiller. Kunst braucht Freiheit. Sie muss risikobereit sein und sich dem Offensichtlichen verweigern dürfen. Sie muss auch sperrig sein können, denn dann öffnet sie Raum für neue Gedanken.

Nach „wir sind viele“ und „Diesen Kuss der ganzen Welt!“ bleibt das Theater Bielefeld politisch. Die Zeiten, in denen wir leben, politisieren uns über das übliche Maß hinaus. Das Theater Bielefeld möchte sich einmischen und optimistisch bleiben.

Die Musiktheater-Saison eröffnet am 10. September 2017 mit „Avenue Q“: Das ausgesprochen junge und freche Musical wird zum großen Teil von Puppen à la Sesamstraße bevölkert, die politisch Unkorrektes lustvoll und in schmissigen Songs präsentieren. Und deren Alltagsprobleme so zeitlos wie nachfühlbar sind. Am 7. Oktober 2017 folgt mit Giuseppe Verdis Spätwerk „Otello“ ein Highlight des italienisch-romantischen Musikdramas. Jules Massenets „Werther“, zum Inbegriff des Lyrischen Dramas geworden, überträgt die bewegende Emotionalität von Goethes Briefroman kongenial auf die Opernbühne (Premiere 2. Dezember 2017). Die zweite Spielzeithälfte beginnt am 13. Januar 2018 mit „Benzin“ von Emil Nikolaus von Reznicek, eine komödiantische Referenz an das Schneller-Weiter-Höher der Goldenen Zwanzigerjahre, die musikalisch zwischen Richard Strauss, Paul Abraham und Jazzmusik oszilliert. Am 3. März 2018 kommt Richard Wagners „Rheingold“ auf die Stadttheaterbühne – bewusst isoliert, als in sich geschlossener Kosmos betrachtet. Mit „Orlando paladino“ hat Joseph Haydn eine unkonventionelle, romantische Fantasy-Oper geschrieben, die ab 27. April 2018 ein Feuerwerk an absurd-komischen Ideen und musikalischem Witz verspricht. Schließlich folgt am 18. Mai 2018 das Musical „Frühlings Erwachen (Spring Awakening)“ und am 9. Juni 2018 Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ – ein Meisterwerk, das sich seit seiner Uraufführung 1979 zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Opern des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Wiederaufgenommen werden Mozarts „Die Zauberflöte“ (Wiederaufnahme 28. Oktober 2017) und William Ward Murtas Musical-Uraufführung „Das Molekül“ (Wiederaufnahme 14. Dezember 2017).


„Avenue Q“ (Premiere: 10. September 2017, Stadttheater)

„Avenue Q“ – ein „Musical für Erwachsene“; Musik, Texte: Robert Lopez, Jeff Marx; Buch: Jeff Whitty; Deutsche Übersetzung: Dominik Flaschka (Dialoge) und Roman Riklin (Songtexte); Inszenierung: Christian Lugerth; Choreografie: Michaela Duhme; Puppen-Design: Rick Lyon; Puppentraining: Eike Schmidt; Ausstattung: Udo Herbster; Lichtdesign: N. N.; Ton: N. N.; Dramaturgie: Jón Philipp von Linden; Musikalischer Leiter: William Ward Murta. Darsteller: Thomas Klotz (Princeton/Rod), Stefanie Köhm (Kate Monster), Benedikt Ivo (Nicky), N. N. (Trekkie Monster), Michaela Duhme (Lucy die Schlampe), Katharina Schutza (Bullshit-Bär I), N. N. (Bullshit-Bär II), N. N. (Frau Semmelmöse), Norbert Kohler (Daniel Küblböck), Anna-Mari Takenaka (Christmas Eve), Martin Christoph Rönnebeck (Brian). Uraufführung: 19. März 2003, Vineyard Theatre, New York City. Broadway-Premiere: 31. Juli 2003, John Golden Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 26. Februar 2011, Theater St. Gallen. Deutsche Erstaufführung: 19. April 2012, Nationaltheater Mannheim. Premiere: 10. September 2017, Stadttheater Bielefeld.

Die Avenue Q ist keine gute Adresse: Hier wohnen Menschen, die ihre größten Erfolge entweder lange hinter sich haben oder noch brennend – wenn auch im Moment leider vergeblich – darauf hoffen. Sie träumen davon, ein Star zu sein, oder auch nur eine erfolgreiche Kindergärtnerin, und vor allem träumen sie von der Liebe. Die ist hier allerdings noch ein bisschen komplizierter als anderswo, denn die Bewohner der Avenue Q sind nur zum Teil Menschen. Überwiegend sind sie Puppen, und deren Ähnlichkeit mit den Stars der Sesamstraße ist keineswegs zufällig. Die Figuren des Kinderfernsehens zeigen in diesem preisgekrönten Broadway-Musical ihre erwachsenen Seiten: Toleranz gegenüber Homosexuellen wird ihnen ebenso zum Konfliktstoff wie Rassismus; Verrat ebenso zum Thema wie Treue und Solidarität. So schräg das Leben der Menschen und Puppen auf der Avenue Q aber auch mitunter sein mag, am Ende ist die Botschaft einfach und überzeugend: Wer zusammenhält, ist stärker und glücklicher.


„Das Molekül“ (Wiederaufnahme: 14. Dezember 2017, Stadttheater)

„Das Molekül“ – Musik, Songtexte und Buch: William Ward Murta; Deutsche Bearbeitung: William Ward Murta, Constanze Grohmann (Songtexte), Thomas Winter (Buch); Inszenierung: Thomas Winter; Choreografie: Frank Wöhrmann; Ausstattung: Ulv Jakobsen; Video: Konrad Kästner; Licht: Johann Kaiser; Sounddesign: Thomas Noack, Falko Heidemann; Dramaturgie: Jón Philipp von Linden; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: Roberta Valentini (Rosalind Franklin/Claire M. Fraser/Beatrice Bateson/Phoebe (Phoebus Levene)/Carol), Carolin Soyka (Odile Crick/Bernadine Healy/Emma Darwin/Florence Durham/Alice), Veit Schäfermeier (Francis Crick/Francis Sellers Collins/William Bateson/Sir William Lawrence Bragg), Carlos Horacio Rivas (James Dewey Watson/Charles Darwin/Carl Wilhelm von Nägeli/José Raul Rodriguez/Cecile), Alexander Franzen (Maurice Wilkins/Michael W. Hunkapiller/Gregor Mendel/Erwin Chargaff/Bob), Thomas Klotz (John Craig Venter/Linus Pauling). Uraufführung: 19. Mai 2017, Wiederaufnahme: 14. Dezember 2017, Stadttheater Bielefeld.

Ein prägnantes Kürzel beherrscht seit einigen Jahren nahezu alle TV-Serien, die sich mit menschlichen Abgründen befassen: DNA. Seit dieses Zauberwort in der Welt ist, haben Kriminalkommissare das Nachsehen, denn plötzlich sind die Gerichtsmediziner die eigentlichen Helden im Krimi.

London 1951. Eine junge Biochemikerin, Rosalind Franklin (* 25. Juli 1920 in London, † 16. April 1958 in London), kehrt aus Frankreich an das Laboratorium des King’s College zurück, um beim renommierten Physiker Maurice Wilkins (* 15. Dezember 1916 in Pongaroa, Neuseeland, † 5. Oktober 2004 in London) zu forschen. Er betrachtet sie als seine Assistentin, sie sieht sich jedoch als Wissenschaftlerin auf Augenhöhe – ein Missverständnis, das tragische Konsequenzen haben sollte. Zusammen mit zwei weiteren Wissenschaftlern (James Dewey Watson (* 6. April 1928 in Chicago, Illinois) und Francis Crick (* 8. Juni 1916 in Northampton, England, † 28. Juli 2004 in San Diego, USA)) machen sich die Kontrahenten fieberhaft daran, die Struktur der DNA zu entschlüsseln, eine Entdeckung, die seinerzeit gewissermaßen in der Luft lag. Kein Wunder, dass in den USA ein anderer großer Wissenschaftler (Linus Pauling (* 28. Februar 1901 in Portland, Oregon, † 19. August 1994 in Big Sur, Kalifornien) am California Institute of Technology) dasselbe Ziel verfolgt, allerdings mit dem Rückenwind luxuriöser staatlicher Förderung. Wer wird als erstes Team die richtige Theorie aufstellen und womöglich den begehrten Nobelpreis erhalten?

Tatsächlich erhielten Francis Crick, James Dewey Watson und Maurice Wilkins 1962 den Nobelpreis für Medizin. Rosalind Franklin, deren Röntgenbeugungsdiagramme wesentlich zur Entschlüsselung der DNA-Struktur beigetragen hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und konnte daher nicht mehr nominiert werden. Allerdings gilt die Forschungsgeschichte von James Dewey Watson und Francis Crick heutzutage als negatives Musterbeispiel für Gute Wissenschaftliche Praxis, da die Veröffentlichung in Nature am 25. April 1953 ohne die nicht autorisierte Übernahme unpublizierter Forschungsergebnisse anderer Forscher, vor allem Rosalind Franklins, niemals zustande gekommen wäre. Bezeichnenderweise erwähnten James Watson und Francis Crick in ihren Nobelpreisreden die nur vier Jahre zuvor verstorbene Rosalind Franklin und die Schlüsselrolle ihrer Daten bei der Aufklärung der DNA-Struktur mit keinem Wort.

William Ward Murta, der nach „Starry Messenger“ und „The Birds of Alfred Hitchcock“ bereits das dritte große Musical für das Theater Bielefeld schreibt, verknüpft darin den wissenschaftlichen Wettlauf um das DNA-Geheimnis in den Fünfzigern mit einem der ganz heißen Eisen unserer Zeit: der Entwicklung der Gentechnologie. Was vordergründig wie eine vertonte Wikipedia-Seite klingt, entpuppt sich als ein brisantes Aufeinandertreffen außergewöhnlicher Menschen in zwei Generationen, die an der Schwelle zu je einer Jahrhundertentdeckung stehen: „Was ist Leben?“ heißt die zentrale Frage im Prolog. Sie setzt eine Handlung in Gang, die mit biografischen Schlaglichtern um das Molekül als Gravitationszentrum kreist – und nach bester Broadway-Manier in Musik gesetzt ist.


„Frühlings Erwachen (Spring Awakening)“ (Premiere: 18. Mai 2018, Stadttheater)

„Frühlings Erwachen (Spring Awakening)“ – nach dem Drama von Frank Wedekind; Musik: Duncan Sheik; Buch/Songtexte: Steven Sater; Deutsche Bearbeitung: Nina Schneider; Regie: N. N.; Choreografie: N. N.; Ausstattung: N. N.; Licht: N. N.; Dramaturgie: N. N.; Musikalische Leitung: William Ward Murta. Darsteller: N. N. (Melchior Gabor), N. N. (Wendla Bergmann), N. N. (Moritz Stiefel), N. N. (Ilse), N. N. (Hänschen Rilow), N. N. (Martha Bessel), N. N. (Ernst Röbel), N. N. (Erwachsene Frauen), N. N. (Erwachsene Männer), N. N. (Georg Zirschnitz), N. N. (Thea), N. N. (Anna), N. N. (Christa) und N. N. (Otto). Off-Broadway Premiere: 19. Mai 2006, Atlantic Theatre Company, New York City. Broadway-Premiere: 10. Dezember 2006, Eugene O´Neill Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 21. März 2009, Ronacher, Wien. Premiere: 18. Mai 2018, Stadttheater Bielefeld.

Als Frank Wedekind (* 24. Juli 1864 in Hannover, † 9. März 1918 in München) sein gesellschaftskritisch-satirisches Drama „Frühlings Erwachen – Eine Kindertragödie“ im Oktober 1891 auf eigene Kosten beim Verlag Jean Groß in Zürich veröffentlichte, kümmerte sich der Autor nicht um Aufführbarkeit oder Publikumserfolg, erst 15 Jahre später wurde es am 20. November 1906 an den Berliner Kammerspielen von Max Reinhardt (* 9. September 1873 in Baden bei Wien, † 31. Oktober 1943 in New York) uraufgeführt und sorgte mit seinem brisanten Inhalt in der Öffentlichkeit für Furore. Wedekinds Kritik an der Sexualmoral führte dazu, dass „Frühlings Erwachen“ wegen seiner angeblichen Obszönität verboten oder zensiert wurde. 1999 wandte sich der amerikanische Dramatiker Steven Sater an den Regisseur Michael Mayer (* 27. Juni 1960 in Washington, D.C.), um mit ihm und Songwriter Duncan Sheik (* 18. November 1969 in Montclair, New Jersey) an dem Stoff zu arbeiten. Nach diversen Workshops und Überarbeitungen erlebte das Rock-Musical „Spring Awakening“ am 19. Mai 2006 bei der Atlantic Theatre Company seine Off-Broadway Premiere, keine 7 Monate später folgte am 10. Dezember 2006 im Eugene O´Neill Theatre die Broadway Premiere. Nach nahezu einhellig positiven Kritiken wurde es 2007 für 11 Tony Awards nominiert, wovon es acht tatsächlich gewonnen hat, darunter Bestes Musical, Beste Musicalregie, Beste Choreographie, Bestes Musicallibretto, Beste Originalmusik und Bester Nebendarsteller.

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