Mittwoch, 18. Januar 2017

ZEIT-RÄUME RUHR: Neue interaktive Online­plattform sucht die Erinnerungsorte des Ruhr­gebiets

Das Ruhrgebiet ist eine Region im Wandel. Die anhaltende wirtschaftliche und soziale Veränderung stellt seine Bewohner vor die Frage: Wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Vor diesem Hintergrund will das vom Institut für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum und von der Stiftung Ruhr Museum im Auftrag des Regionalverbands Ruhr und des Landes Nordrhein-Westfalen durchgeführte Projekt ZEIT-RÄUME RUHR einen öffentlichen Dialog über die Ruhrgebiets-Erinnerungen realisieren. Was sind unsere zentralen Erinnerungen und wie verändern sie sich im Laufe der Zeit?

Plakat ZEIT-RÄUME RUHR
© ZEIT-RÄUME RUHR; Gestaltung: FREIWILD Kommunikation

Die Ruhrgebietsbevölkerung ist aufgerufen, auf der neuen interaktiven Onlineplattform www.zeit-raeume.ruhr ihre Erinnerungsorte hochzuladen, mit anderen zu diskutieren und somit aktiv an der Gestaltung der Ruhrgebiets-Erinnerung und der möglichen Zukunft der Region mitzuwirken. Was sind die wichtigsten Erinnerungsorte des Ruhrgebiets? Auf welchen Teil der Ruhrgebietsgeschichte, auf welche Phänomene und Ereignisse beziehen sie sich und wie verändern sie sich? Ob zu Hause oder von unterwegs – bis zum 31. Dezember 2017 kann jeder online den Dialog zu den ZEIT-RÄUMEN RUHR verfolgen, lenken und mitgestalten. Für dieses Projekt werden außerdem eigene Facebook-, Twitter- und Instagram-Seiten eingerichtet, um so im crossmedialen Zusammenspiel mit Plakaten und Flyern rund um die neue Onlineplattform eine breit angelegte Kommunikation und Diskussion über die Erinnerungsorte des Ruhrgebiets zu erreichen.

Bei der Suche nach den Erinnerungsorten des Ruhrgebiets werden natürlich die industrielle Vergangenheit sowie die Standorte der Industriekultur der Region eine zentrale Rolle einnehmen, allerdings wird explizit auch nach verborgenen oder vergessenen Erinnerungsorten vor und nach der Industrialisierung gesucht.


Von Erinnerungsorten und ZEIT-RÄUMEN

Da Erinnerungsorte niemals gleich bleiben, sondern im Wandel der Zeit fortwährend in Bewegung sind, ständig um- und neukonstruiert werden, ist der Begriff der Zeit von entscheidender Bedeutung. Wie ein Text, der von vielen verschiedenen Personen und Gruppen zu verschiedenen Zeiten aus unterschiedlichsten Beweggründen über- oder neu beschrieben wird, sind Erinnerungsorte niemals starre Gebilde. Vielmehr werden sie ununterbrochen mit anderen Bedeutungen belegt und von den Umständen der jeweiligen Gegenwart bestimmt. Nehmen wir zum Beispiel die Essener Zeche Zollverein: Als Erinnerungs­ort der vielen Bergmänner und ihrer Familien steht sie für harte Arbeit – „Maloche“ – und das tägliche Brot. Zugleich ist die ehemals größte Steinkohlenzeche der Welt heute als Weltkulturerbe ein kollektiver Erinnerungsort für ganze Generationen der Ruhrgebietsbevölkerung, die sich dem industriellen Erbe ihrer Region verbunden fühlen. Damit hat sie im Zuge ihrer industriekulturellen und dienstleistungs-bezogenen Wiedererschließung und Umnutzung einen Bedeutungswandel erfahren, der wiederum neue Erinnerungen an kulturelle Ereignisse und Begegnungen produziert.

Die vielen verschiedenen Erinnerungsorte unserer Region machen als Ansammlung einzelner, unverbundener Orte aber nur wenig Sinn. Erst indem man sie in Beziehung zueinander setzt, ihre Vielfalt einfängt, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede offen legt und somit auch die sich an ihnen anlagernden Erinnerungen verschiedener Zeiten sichtbar macht, treten die ZEIT-RÄUME des Ruhrgebiets hervor, die wie eine Schatzkarte zur Spurensuche einladen.

Diese ZEIT-RÄUME mit und für eine breite Öffentlichkeit zu erfassen, sichtbar zu machen, zu lesen und kritisch zu diskutieren, hat sich das Projekt ZEIT-RÄUME RUHR zur Aufgabe gesetzt. Durch das Bündeln vieler diverser Erinnerungsorte seiner Bewohner lassen sich so verschiedenste, an einzelnen Orten überlagernde ZEIT-RÄUME des Ruhrgebiets erfassen, die es ermöglichen, sowohl unterschiedlichste, sich im Laufe der Zeit wandelnde Identitätsbezüge unserer Region als auch verschiedene Perspektiven und Entwürfe für ihre gegenwärtige und künftige Entwicklung auszumachen und gemeinsam zu diskutieren. Somit trägt das Projekt auf neuartige Weise zur Stabilisierung der Selbst- und Außenwahrnehmung des Ruhrgebiets bei.


Die Bausteine des Projekts

Insgesamt besteht das Projekt ZEIT-RÄUME RUHR aus drei Bausteinen, die jeweils eine andere Komponente im öffentlichen Dialog über die verschiedenen Ankerpunkte der Ruhrgebiets-Erinnerung beisteuern.

Neben der Onlineplattform wird im Rahmen des Projekts ein mehrtägiger interdisziplinärer und öffentlicher Konvent im Jahr 2018 auf dem Welterbe Zollverein realisiert sowie eine Publikation mit den zentralen Erinnerungsorten des Ruhrgebiets veröffentlicht.

Für die regionale wie für die internationale Öffentlichkeit soll auf diese Weise eine gedankliche Topografie bzw. ein strategisches Leitmuster der Region entstehen, das sich in die Zeit hinein entwirft, und somit explizit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft.


Stimmen zum Projekt

Prof. Heinrich Theodor Grütter, Dr. Dieter Nellen, Karola Geiß-Netthöfel und Prof. Dr. Stefan Berger auf dem Dach der Kohlenwäsche.
© Ruhr Museum; Foto: Rainer Rothenberg

„Was bewegt uns in der Zukunft? Wohin entwickelt sich die Metropole Ruhr mit ihren mehr als 5,1 Millionen Einwohnern? Was können wir aus der Vergangenheit lernen? Und was soll künftig die Region prägen? Fragen, auf die wir uns spannende Antworten erhoffen, mögen sie auch noch so unerwartet und facettenreich sein. Denn Zukunft braucht Geschichte, vor allem die eigene.“
Karola Geiß-Netthöfel, Regionalverband Ruhr

„Das Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, in dem unser Universitätsinstitut beheimatet ist, wurde gegründet, um die schriftliche Überlieferung zur Ruhrgebietsgeschichte zu sichern und für interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie für die Wissenschaft bereitzustellen. Daher sind uns die ZEIT-RÄUME RUHR natürlich ein ganz besonderes Anliegen und wir freuen uns darauf, die Region gemeinsam voranzubringen.“
Prof. Dr. Stefan Berger, Institut für soziale Bewegungen

„Als Gedächtnis der Region war es nie die Frage, ob wir dabei sind. Das Ruhr Museum sammelt die Hinterlassenschaften des Ruhrgebiets, demnach sind auch die Erinnerungsorte der Menschen der Region für uns und unsere Arbeit von allergrößter Bedeutung. Und schließlich sind wir ja selbst auf der Zeche Zollverein an einem Erinnerungsort, der sich in den letzten dreißig Jahren stark verändert hat.“
Prof. Heinrich Theodor Grütter, Ruhr Museum

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